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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

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für den Kreis Hersfeld

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Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im ; amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Nr. 234.

Mittwoch, den 6. Oktober

1915

Amtlicher Teil.

Auf Grund des Artikel 68 der Reichsverfassung in Verbindung mit § 4 des Preußischen Gesetzes über den Belagerungszustand vom 4. Juni 1851 wird für die Dauer des Kriegszustandes für den Bezirk des 11. Armeekorps folgende

Polizeiverordnung erlassen:

§ 1-

Jeder über 15 Jahre alte Ausländer hat sich binnen 24 Stunden nach seiner Ankunft am Aufenthaltsorte unter Vorlegung seines Passes oder des seine Stelle vertretenden behördlichen Ausweises (§ 1 Abs. 2 und § 2 Abs. 2 der Kaiserlichen Verordnung vom 16. Dez. 1914 (R. G. Bl. S. 251) bei der Ortspolizeibehörde sNeviervorstand) persönlich anzumelden.

Ueber Tag und Stunde der Anmeldung macht die Polizeibehörde auf dem Paß unter Beidrückung des Amtssiegels einen Vermerk.

§ 2.

Desgleichen hat jeder über 15 Jahre alte Aus­länder, der seinen Aufenthaltsort verläßt, sich binnen 24 Stunden vor der Abreise bei der Ortspolizeibehörde (Polizeirevier) nnter Vorzeigung seines Passes oder des seine Stelle vertretenden behördlichen Ausweises und unter Angabe des Reisezieles persönlich abzu- melden.

Der Tag der Abreise und das Reiseziel wird von der Ortspolizeibehörde wiederum auf dem Passe ver­merkt.

§ 3.

Jedermann, der einen über 15 Jahre alten Aus­länder in seiner Behausung oder in seinen gewerb­lichen und dergl. Räumen (Gasthäusern, Fremden­heimen usw.) aufnimmt, ist verpflichtet, sich über die Erfüllung der Vorschriften im § 1 innerhalb 24 Stunden nach der Aufnahme des Ausländers zu ver­gewissern und im Falle der Nichterfüllung der Orts­polizeibehörde sofort Mitteilung zu machen.

§ 4.

An- und Abmeldung gemäß § 1 und 2 kann mit einander verbunden werden, wenn der Aufenthalt des Ausländers an dem betreffenden Orte nicht länger als drei Tage dauert.

§ 5.

Die Ortspolizeibehörde (Reviervorstand) hat über die sich an- und abmeldenden Ausländer Listen zu

führen, die Namen, Alter, Nationalität, Paßnummer und Art des Passes, sowie Tag der Ankunft, Woh­nung und Tag der Abreise angeben. Zugänge, Ab­gänge und Veränderungen dieser Liste sind täglich in den Landkreisen dem Landrat, in den Stadtkreisen dem Polizeiverwalter (Polizeipräsident, Erster Bürger­meister), mitzuteilen.

§ 6.

Die über den Aufenthaltswechsel von Ausländern und ihre periodische Meldepflicht für die Dauer des Krieges erlassenen allgemeinen Bestimmungen bleiben unverändert bestehen.

§ 7.

Diese Verordnung tritt sofort in Kraft.

Die an diesem Tage ortsanwesenden Ausländer haben die polizeiliche Anmeldung (§ 1) sofort vorzu- nehmen. Die Vorschrift des § 3 findet dabei ent­sprechende Anwendung.

§ 8.

Wer den Bestimmungen, der §§ 1, 2, 3 und 7 zu­widerhandelt, wird mit Haft bis zu 6 Monaten oder Geldstrafe bis zu 150 Mark bestraft.

Der Stellv. Kommandierende General des 11. Armeekorps.

gez. von Haugwitz.

General der Infanterie.

* * * Hersfeld, den 2. Oktober 1915. Wird veröffentlicht.

l. 10502. Der Landrat.

V.:

Funke, Kreissekretär.

Hersfeld, den 1. Oktober 1915.

In Kaltensundheim, Bezirk Dermbach, ist in den Gehöften der Landwirte Armin Walter und Friedrich Walter die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt worden.

I. 11229. Der Landrat.

J. V.

Frhr. v. Doernberg,

Regterungs-Referendar.

(Fortsetzung auf der 4. Seite.)

Bus der Heimat

):( Hersfeld, 4. Oktober. Eine Nachtragsver­ordnung zu der Bekanntmachung betreffend Be­

standserhebung und Beschlagnahme von alten Baum- woll-Lumpeu uud neuen baumwollenen Stoffabfällen (W. II. 285 5. 15. KRA.) vom 1. Juni 1915 wird mit Giltgkeit vom 29. September 1915 von den Militär- befehlshabern erlassen. Hiernach ist die Meldepflicht dahingehend erweitert, daß die Bestandsmeldungen, die nach den Meldebestimmungen zum letzten Male am 1. Angust 1915 unter Einhaltung einer Ein- reichungsfrist bis zum 15. August zu erfolgen hatten nunmehr allmonatlich stattfinden; die Meldungen müssen nach dem Stande der Vorräte am 1. eines jeden Monats unter Einhaltung einer Etnretchnngs- frist bis zum 10. des betreffenden Monats erfolgen. Die für die Meldung zu benutzenden amtlichen Melde­scheine werden aufschriftliches Ersuchen von derAktien- gesellschaft zur Verwertung von Stoffabfällen, Berlin W. 85, Lützowstraße 33 36" postfrei versandt. Der Wortlaut der Bekanntmachung ist bei dem Kgl. Land­ratsamt und der Polizeiverwaltung hier einzusehen.

):( Hersfeld, 5. Oktober. Ein hiesiger Metzger- Meister schickte vor einigen Tagen seinen Knecht und seinen Lehrling mit einem Betrage von 500 Mk. nach einem Dorf bei Roteuburg, um Vieh zu holen. Knecht, wie Lehrling ist seitdem spurlos verschwunden. Hinter beiden wurde ein Steckbrief erlassen.

):( Rotensee, 5. Oktober. Die Familie unseres Herrn Lehrers I ck l e r wurde in den letzten Monaten von schwerem Unglück heimgesucht. Zwei Söhne mußten ihr Leben für das Vaterland lassen, und nun ist noch der dritte von einem schweren Unfall betroffen worden. Auf dem Bahnhof in Bebra kam er unter einen Eisenbahnwagen, so daß ihm ein Bein abge­fahren, das andere so schwer verletzt wurde, daß eS ihm abgenommen werden mußte.

Cassel, 2. Oktober. Mit dem Bau einer Krüppel- heil- und Lehranstalt im Stadtteil Bettenhausen wird jetzt begonnen. Für diesen in jeder Richtung gewal­tigen Bau hat die Landesversicherungsanstalt Hessen- Nassau 200 000 Mk., die Stadt Cassel, 60 000 Mk., der Bezirksverband für den Regierungsbezirk Cassel 20 000 Mk., der Verein zur Verhütung und Heilung von KMpelleidcn tn Cassel gleichfalls 20 000 Mk., und Fab­rikant Moritz Lieberg in Bettenhausen einen Bauplatz im Werte von 10 000 Mark zur Verfügung gestellt. Sollte für Kriegsbeschädigte später dieser Bau nicht benötigt werden, so beabsichtigt die Stadt Cassel ihü zu übernehmen und ihn zu einer großzügig geleiteten und gut eingerichteten Blindenanstalt für die Stadt und für die benachbarten Bezirke einzurichten.

Hoffnungen und Sorgen der Entente.

Alles ist nur ein Anfang das ist ungefähr der 2 on, auf den die Auslassungen der Pariser Presse über die französisch-englischen Durchbruchsversuche in der Cham­pagne und bei Loos gestimmt sind. DerTemps" redet nur vonmerklichen Schlägen", die dein Feinde versetzt seien, und dasJournal des Debats" spricht auch den Grund für die Zurückhaltung überschwänglicher Sieges- gefühle mit den Worten aus:Eine lange Erfahrung hat uns gelehrt, uns nicht zu schnell zu freuen". In der Tat haben ja auch schon die letzten Tage gezeigt, daß die ersten Erfolge der Durchbruchsoffensive auf den beiden Langseiten der bei Noyon weit vorspringenden Front der deutschen Heere eben im Anfang stecken geblieben sind.

Stärker als der Gedanke, durch schmetternde Fan­faren vielleicht noch die diplomatische Niederlage der En­tente auf dem Balkan wieder gut zu machen, wirkte aus die Lenker der öffentlichen Meinung die Besorgnis, daß, je höher die Erwartungen auf einen wirklichen Steg ge­spannt würden, um so verhängnisvoller der Umschlag sein mußte, wenn es schließlich dieser zweiten großen Offensive doch so ergehe, wie der ersten im vergangenen Frühjahr. Damals hatten Joffre und French anfangs

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Frühjahr. Damals hatten Joffre und French c an mehreren Stellen örtliche Erfolge, ichließlr war trotz wochenlangen Anrennens unter i> Opfern, die kürzlich auf 85 000 Mann, wahrn noch zu niedrig, geschätzt wurden, nichts gegen den deut­schen Watt erreicht. Es hieß denn auch, daß Joffre genug davon habe, und sich künftig darauf legen werde, .tue Deutschen durch Ausdauer in der Verteidigung ier eige­nen Linien zu ermüden und zu erschöpfen

Mehr noch als die Rücksicht auf Rußland hat viel­leicht die Hoffnung, noch in letzter Stunde rur^ Bul­garien einzuwirken, bei oer Wahl des Zeitpunkte,- vut- gewirkt. Wie dem auch sei, militärische Aktionen, die nicht ausschließlich von militärischen Berechnungen be­stimmt werden, haben sich noch immer als imUtartzche Fehler erwiesen, und wir hoffen, daß es auch in diesem Falle so sein wird.

Wie hoch der Einfluß eines Vorgehens Bulgariens gegen Serbien auf den ganzen Krieg emgeichatzt wird, geht aus der Unterhausrede Sir Edwards Greys vom 28. September hervor. Der englische Minister griff ou dem verzweifelten Mittel, den Balkanvolkern den Po­panz ihrer Unterjochung durch Deutschland vorzumalen. Als Ziel der englischen Politik pries er ein ..rredliches Uebereinkommen unter den Balkanstaaten, ua» ihnen Selbständigkeit und Freiheit garantiere. England will logar so selbstlos sein, ohne Vorbehalt und Beölngml- gen, den Ententefreunden auf dem Balkan, o. h. zunächst Serbien, alle mögliche Hilfe zu gewähren, wenn das ver­blendete Bulgarien sich sein Recht gegen Serbien ,elbst nehmen werde. Wenn es eine Großmacht gibr, die fest ieher die Unabhängigkeit der Balkanstaaten nicht verletzt hat und kein eigenes Interesse gegen die Verwirklichung des Grundsatzes:Der Balkan den Balkanstaaten" be­

sitzt, so ist es nicht England, sondern das Deutsche Reich. Solche plumpen Anschwärzungen und Drohungen, wie die Greys, werden hoffentlich ebenso wirkungslos blei­ben, wie der Offensivsturm in Frankreich.

Das hevlige Warschau.

Aus der Polenhauptstadt schreibt unser Mitarbeiter:

Ist das noch dieselbe Stadt, die sie während des Krieges und der Belagerung war? Fast möchte man das mit aller Entschiedenheit verneinen, denn man halt es nicht für möglich, daß in dieser kurzen Spanne Zeit eine solche Umwälzung mit der Stadt Hütte vor sich gehen können. Tritt man aus dem Bahnhof, dann sieht man sich dem lebhaftesten Verkehr gegenüber, als ob man im tiefsten Frieden lebte. Aber nein, die zahllosen Feldgrauen erinnern einen daran, daß hier eine Um­wälzung vor sich gegangen ist, und schon auf dem wei­ten Platz vor dem Bahnhof steht man die deutschen Jäger zu Pferde, wie sie die Droschkenkutscher in Zucht halten, damit diese in ihrem Ungestüm und der Jagd nach dem Verdienst nicht die Reisenden unter die Räder ihres Wagens bringen. Die Aufforderung zum Mitfah­ren ist ebenso laut, dringend und rücksichtslos, wie in allen anderen Städten. Die Wagen, Einspänner auf Gummiräbern, sind sehr leicht und gefällig. Und steht der Angekommene auf dem Bahnhofsplatz und sieht sich nacheiner" Droschke um, dann ist er sofort von zehn bis zwanzig Wagen umringt, deren Führer auf ihn einre- den, und schreien, daß man glauben möchte, die Schlacht auf den polnischen Gefilden fände auf dem Bahnhofplatz in Warschau ihre Fortsetzung.

In scharfem Trab bringen die Wägelchen den Ga,t in die Stadt, und bald ist deren Herz erreicht. Elegante Hotels reihen sich aitcinanber, und man möchte die Be­hauptung aufstellen, daß man diesen schon von außen ansieht, daß man in deren Innern zu leben weiß, Hier sind die ersten und schönsten Hämer, sie, in deren Salons zur Russenzeit die Nacht zum Tag gemacht wurde, wo die Tausendrubelscheine auf den Spieltischen hin- und verflogen und wo der Sekt in Strömen floß. Fast alle Theater haben ihre Pforten wieder geöffnet, und wer. sich einen Platz in einem solchen nicht leisten kann, verbringt den Abend in einemKientov" von denen ebenfalls die meisten wieder in Betrieb sind, mit dem llnterichied, da« man viele wahre nnd naturgemäße deutsche Schlachten- bilöer zu sehen bekommt, anstelle der früheren Verherr­lichungen des Zaren nnd der Großfürsten. Wenn die Bewohner Warschaus von dieiem sprechen, atmen sie auf und es ist ihnen, als ob sie in der ^at früher einmal mit diesen allerdings auf sehr großen Umwegen zu tun ge­habt hätten. Heute spürt man an alleil Ecken md Enden die deutsche Zucht und Organisch wn und der Naherschau- ende wird bald herausgefunden haben, daß sich in das lärmende Getriebener Stadt der kräftige Pulsschlag des deutschen Organismus) misch:.

Von den Brücken Warschaus können in allernächster Zeit drei dem Verkehr wieder übergeben werben, denn Die Deutschen haben sich sofort nach der Einnahme der

Stadt an tue Wiederherstellung dieser wichtigen Ver- kehrsverbinöungen gemacht. Das Stadtbild macht keinen persönlichen Eindruck, wie etwa Bremen, Nürnberg oder Hannover. Sie ist eine große Ansammlung von Häu­sern, die ihr Entstehen ganz der Laune des Zufalls oder der Notwendigkeit zu verdanken haben.

Eine glückliche Ausgrabung.

Die Lügen über die Greuel der deutschen Kriegs­führung wollen nicht mehr ziehen. Sie wirken abstump- fend in ihrer ewigen Widerholung von Diebstahl, Plün- deruug, Vergewaltigung, Mord, Niedermetzelung von Geiseln und Kindern, Beschießung von Kirchen und Lazaretten, Auspeitschung von Bürgermeistern und Standespersonen durch die Deutschen. Es glaubt nie­mand mehr dran. So versuchte denn Monsieur Paul Deschanel, der Präsident der französischen Kammer, mal eine Abwechslung in die Lügenlitauei zu brngen, in­dem er die alten Märchen ausgrub, die sich die Franzo­sen in den Jahren 70/71 über die deutschen Krieasgreuel erzählten. Da stellte sich heraus, daß die Märchen von 70/71 denen von 14/15 zum Verwechseln ähnlich lauteten.

Sie waren eben aus demselben Phantasietopf genommen, und so erreichte Herr Deschanel mit seiner Ausgrabung das Gegenteil von dem, was er beabsichtigte. Da er abe einmal ein halbes Jahrhundert zurückgegraben haue bekam er Geschmack an dieser Wühlarbeit und stach mit seinem Wühlspaten zweitausend Jahre zurück und fanb, daß die deutschen Greuel sich seit Christi Geburt gleich geblieben seien, und bildete den hochgrotesken Satz:. Seit Julius Cäsar hatten die Deutschen immer die gleiche Art der Kriegsführung." Wir werden aliv bald das Vergnügen haben, von den Greueln zu lesen, die vor zwei Jahrtausenden unsere Ahnen begangen haben sollen, und unsere Feldgrauen werden dafür die Vor- würfe von der Seine her einzustecken haben. Die Gallier aber und die Kelten waren schon vor zwei Jahrtausen­den dieselben Kulturlieblinge wie heute. Wenn wir uns allerdings dabei erinnern, was der Römer Tacitus über unsere Altvorderen sagt, denen er ein Loblied fang, das über Jahrtausende fortklingt, während er an den Galliern als .Haupteigenschaft nur ihre Neugierde und moralische Unbeständigkeit zu finden wußte, so wol­len wir es gern und freudig hinnehmen, wenn uns Herr Paul Deschanel heute daran erinnert, daß wir die Nachkommen derer sind, die die Legionen des Drusus im Teutoburger Walde vernichteten, unb ihre Sieges­zeichen auf den Trümmern des Römerreiches auipflanz- ten. Auch ohne Herrn Deschanel hättten wir es nicht vergessen, das beweisen die Schwerttaten unserer Feld­grauen. Herr Deschanel hat sogar recht. Seit Julius Cäsar haben die Deutschen immer die gleiche Art der Äriegssührung, b. h. sobald sie sich auf ihre wahrhaft deutsche Art besannen, sobald der suror teutonicus ent­facht wurde, waren sie der Schrecke« ihrer Feinde. Es war eine glückliche Ausgrabung, die sich Herr Deschanel da ae,^'siet hat.