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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger HersWer

für den Kreis Hersfeld

t»tAU Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im

lUll amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder-

holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Vuchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Nr. 231.

Sonnabend, den 2. Oktober

1915

* Bus der Heimat

* (Herbst stim m u n g.) Sonst in anderen Jahren brächte uns der Herbst in allen Zeitungen und Zeitschriften die üblichen Gedichte und Ab­handlungen, die aus einer wehmütigen Erinnerung heraus geschrieben waren und der verflossenen Sommerschönheit nachtrauerten. Und wenn man alle diese traurigen Ergüsse las, mußte man allmählich wirklich zu der Ueberzeugung gelangen, daß der be­vorstehende Herbst und Winter die traurigsten und trübsten Stunden bringen würde. Auch von dieser verträumten Trübseligkeit scheinen wir jetzt geheilt zu sein. Der harte, erbarmungslose Krieg, der in seinem Verlaufe schon so manche weichherzige Stimmungsduselei in uns vernichtet hat, hat auch in dieser Hinsicht reinigend gewirkt. Heute, wo das Vaterland Männer und nur Männer braucht, wo selbst unsere Frauen freudig zufassen, wenn es gilt, schwerste Mannesarbeit zu verrichten, heute ist für solche Stimmungen kein Raum mehr in unserer Brust. Wir sind Wirklichkeitsmenschen geworden, Kraftna­turen, die den Wert jeder Stunde und Minute zu er­messen vermögen und sich in der Riesenlast von zu bewältigender Arbeit durch keine Sentimentalitäten stören lassen. Heute wissen wir, die langen Herbst­und Winterabende sind die willkommensten Stunden für rastlose, tätige Arbeit. Arbeit für unsere Lieben draußen, die in ungeschwächtem Mute den Feind fern von unseren Grenzen halten und Entbehrungen und Leiden gering achten, der geliebten Heimat wegen. Arbeit auch für die Heimat selbst, damit sie in den kommenden Monaten allen Anforderungen gerecht werden kann, die das deutsche Volk, diese große, ge­einte Familie, an sie stellen wird. Solche Ziele lassen zu Träumereien keine Zeit. Ist einmal der Friede wieder da und auf lange Jahre hinaus gesichert, dann ist es für sentimentale Stimmungsmache immer noch früh genug wenn wir sie bis dahin nicht für immer verlernt haben sollten, Und das wäre kein Schaden für ein so kraftvolles Volk wie das unsrige!

* Die Annahmesperre für Feldpostpäckchen über 50 Gramm an die Truppen der Ostarmeen ist bis einschließlich 5. Oktober verlängert worden.

* Die Fahrpreise r^mfäjß i g u n g für die An­gehörigen verwundeter, erkrankten oder gestorbener Kriegsteilnehmer hat eine Erweiterung erfahren. Bis- herhattenEltern, Geschwister und Verlobte verwundeter erkrankter, gestorbener Kriegsteilnehmer Fahrpreis­ermäßigung zum Besuch, bzw. zur Teilnahme an der Beerdigung der Kriegsteilnehmer. Auf entsprechende polizeiliche Bescheinigung reisten sie in der 2. und 3. Wagenklasse zu halben Fahrpreisen. Jetzt erhalten auch Großeltern Enkelkinder, Schwieger- und Pflege­eltern, Adoptiveltern und Adoptivkinder diese Er­mäßigung, wenn sie die entsprechende formularmäßige polizeiliche Bescheinigung beibringen. Diese neue, sehr dankenswerte Bestimmung wird bald in Kraft treten.

):( Hersseld, 1. Oktober. Wir machen darauf auf­merksam, daß von heute ab die Schalter des Kaiser­lichen Postamts und die Königliche Güterabfertigung erst um acht Uhr für den Verkehr mit dem Publi­kum geöffnet werden.

§ Hersfeld, 1. Oktober. (Noch einigeVer­gessene" im Felde.) Beim Centralkomitee vom Roten Kreuz sind wiederum eine größere Zahl von Bitten bedürftiger alleinstehender Soldaten um Sen­dung von Liebesgaben eingegangen. Frauen und Jungfrauen, die sich an der Erfüllung dieser Wünsche beteiligen möchten, werden gebeten sich wegen Zu­sendung von Adressen an das Centralkomitee vom Roten Kreuz, Abteilung i, Berlin Herrenhaus, wenden zu wollen.

Frankeuberg, 30. Sept. Mit Rücksicht auf die hohen Lederpreise und im Interesse der Heeresver­sorgung bezeichnet der Landrat es als wünschenswert, daß auch in unserm Kreise in größeren Mengen Holz­schuhe oder Schuhe mit Holzsohlen getragen würden.

Eschwege, 30. Sept. Die Stadt hat neuerdings zur Versorgung der Einwohnerschaft 20,000 Pfund Schmalz eingekauft, das den Käufern zu zwei Mark für das Pfund überlassen werden soll. An den Ver­kauf ist künftig nicht mehr die Bedingung des Mit- kauses anderer Waren geknüpft.

Marburg, 29. September. Ein tödlicher Unglücks- sall hat sich yier zugetragen. Der Bahnwärter a. D. August Eubach, ein Mitkämpfer von 1870 71 war mit dem Einbringen der Kartoffeln in den Keller be­schäftigt, als das Kartoffelgerüst zusammenstürzte und der alte Mann so unglücklich darunter zu liegen kam, daß er den Erstickungstod gefunden hatte, bevor Hilfe zur Stelle war.

Schmalkalden, 30. September. Nachdem seit einigen Tagen Verhandlungen wegen Unterbringung eines Landsturm-Bataillons in Schmalkalden zwischen Stadt- und Militärbehörde gepflogen worden waren, traf heute mittag vom Generalkommando die tele­graphische Meldung ein, daß Schmalkalden von An­

fang Oktober ab ein Bataillon für die Dauer des Krieges erhalten wird. Die Unterbringung der Sol­daten es handelt sich um rund 1400 Mann soll in der Hauptsache in Massenquartieren erfolgen, die die Stadt zu stellen und auszustatten hat.

Alsfeld, 28. September. Die 47jährige Witwe Maria Finkernagel in Ruppertenrod geriet beim Ab­steigen von einem Stuhl in einen Kübel kochenden Wassers. Sie verbrühte sich dabei derart, daß sie starb.

Weißenfels, 29. Sept. Ein hier in Garnison stehender Jäger, der am 25. September ins Feld kommen sollte ließ sich mit einem hier wohnhaften Mädchen am 24. 9. kriegstrauen. Am folgendem Tage kam von auswärts eine junge Frau zugereist, die sich als seine rechtmäßige Gattin auswies und ge­kommen war, sich von ihrem Mann zu verabschieden, da er doch ins Feld gehen mußte. Der Jäger wurde festgenommen.

Worbis, 30. September. Die Bäckerei der Witwe Loffing in Breitenworbis wurde auf behördliche An­ordnung geschlossen, da in dem Betriebe Brot ohne Brotkarte verabfolgt war.

Hanau, 30. September. Da in Langenselbold der Gerichtsdiener und der Hilfsgerichtsdiener zu den Fahnen einberufen wurden, so wurde mit der einst­weiligen Versetzung der Stelle Frl. Maria Wacker beauftragt und eidlich zu diesem Amte verpflichtet.

Frankfurt, 27. September. Einem Schreinerge- sellen aus Butzbach behagte die Arbeit auf der Hobel­bank nicht mehr. Er verschaffte sich eine bayerische Offiziersuniform, hängte sich etliche Kriegsvrden an die Brust, umgürtete sich mit Schwert und Feldbinde und trieb sich in dieser Aufmachung, von allen Sol­daten und manchem Zivilmenschen ehrfurchtsvoll be­grüßt in Butzbach und Umgebung herum. Doch bald führte ihn sein Tatendrang nach Frankfurt. Hier machte er schon auf dem Bahnhof eine derart klägliche Figur, daß er von der Bahyyvsswache ungehalten wurde. Auf der Kommandantur ward dann im Hand­umdrehen aus dem Leutnant wieder der Schreinerge­selle von Butzbach.

Frankfurt a. M., 28. Sept. Im Frankfurter Wirt­schaftsgebiete soll den heimkehrenden Kriegern Ge­legenheit zur Seßhaftmachung in Eigenheimen oder besonderen Krieger-Heimstätten geboten werden. Zur Erreichung dieses Zieles hat sich ein Ausschuß gebil­det, der den NamenRhein-Mainischer Ausschuß für Krieger-Heimstätten" führt und in dem Rhein-Main- gebiete besonders wirken will.

Gießen, 30. Sept. Etwa 3200 Franzosen, die bei der Offensive im Westen in die Hände der deutschen Armee gerieten, kamen hier an und wurden dem Ge­fangenenlager zugeführt. Fast alle Gefangenen trugen bereits die neue schieferblaue Uniform und den so­eben eingeführten Stahlhelm.

Darmstadt, 28. September. Wie die Lebensmittel teuer werden, darüber teilt das Großh. Polizeiamt Darmstadt wie folgt mit: Eine hiesige Firma ver­kaufte vor einigen Wochen große Mengen Zervelat­wurst (Dauerware). Die aus Schweden stammende Wurst kostete den ersten deutschen Käufer 2,40 Mark für das Kilogramm. Drei weitere Käufer, darunter auch einer, der seinem Geschäfte nach für Wurstein­käufe nicht in Frage kommt, erwarben die Wurst für 2,60, 2,90 und 8,20 Mk. pro Kilogramm. Der letzte der Zwischenhändler verkaufte die Wurst an die ein­gangs erwähnte Firma zum Preise von 3,80 Mk. für das Kilogramm. Diese gab die Wurst schließlich zum Preise von 4,70 Mk. für das Kilogramm an die Konsumenten ab. Eine Anzeige wegen Verfehlung gegen die Verordnung des Bundesrats gegen über­mäßige Preissteigerung vom 23. Juli d. Js. wird erhoben werden.

Fettarme Küche

Fettarme Ernährung" erzwingt die Kriegszeit. Ein großer Teil des Fettes, das wrr in den letzten Jahren verzehrt haben, entstammte dem Auslande) sei es, daß es direkt als solches eingeführt wurde, oder daß wir unser fettlieferndes Vieh (Schweine, Milch­kühe) mit eingeführtem Futter ernähren mußten.

Der Anteil des Auslandes an dem reinen,

als

solches zur Verwendung kommenden Fett, also an Oelen, Butter und Schmalz, ist noch größer als der am Gesamtfett der Nahrung. Von diesen reinen Fetten dürften uns jetzt nicht mehr als 30-40 Gramm pro Kopf und Tag zur Verfügung stehen. Das reicht aber bei verständiger Wirtschaft aus, besonders wenn auch der Wohlhabende es sich zur Pflicht macht, seinen Fettverbrauch stark einzuschränken. - Die phsiologlsche Forschung hat gelehrt, day ein erheblicher Fettgehalt der Nahrung zwar eine große Annehmlichkeit, aber keine Notwendigkeit ist. Es gibt in Südeuropa schwer arbeitende Volksschichten, in deren Tagesnahrung nur 6 Gramm Fett enthalten sind. Voit, der Begründer unserer neueren Ernährungslehre, hat vor 50 Jahren auf Grund umfangreicher Erhebungen den Fettverzehr des kräftigen Arbeiters von 70 Klgr. Gewicht auf 56

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gr., wovon höchstens 52 gr. verdaulich sind, berechnet. In den letzten 50 Jahren hat sich im Gefolge des wachsenden Wohlstandes der Fettverbrauch mehr als verdoppelt. Schon hieraus ergibt sich, daß der Fett­verbrauch weitgehend eingeschränkt werden darf, ohne daß die Gesundheit und Leistungsfähigkeit unserer Bevölkerung dadurch herabgesetzt würde. Nvtweudtg für die Erhaltung des Körpergewichts und der Ar­beitsfähigkeit ist nur, daß an Stelle des Fettes eine entsprechende Menge anderer leicht verdaulicher Nähr­stoffe tritt. Als solche kommen nur die sogenannten Kohlenhydrate, der Zucker, die Stärke und damit ver­wandte Stoffe in Betracht. Diese Ersatzstoffe des Fettes finden sich reichlich in allen Obstarten, in Rüben und ähnlichen Wurzelgewächsen, in den Kar­toffeln, den Mehlen der Getreidearten. Wenn diese Ersatzstoffe des Fettes ihre Aufgabe ganz erfüllen sollen, müssen sie uns in leicht verdaulicher und wohl­schmeckender Zubereitung dargeboten werden. Hier­durch erwachsen den Hausfrauen neue und ungewohnte Aufgaben. Es gilt den Angehörigen die Einschränkung der Fettportion so wenig fühlbar als möglich zu machen. An die nicht mit Butter oder Schmalz be- strichene, aber in gewohnter Weise mit Wurst oder Käse belegte Brotschnitte wird man sich leicht gewöhnen. Den meisten wird auch der Ersatz des einfachen Butterbrotes beim ersten Frühstück durch Brot mit Honig und den billigen wohlschmeckenden Ersatzmitteln des Honigs, oder mit Obstmus, Rübenkraut und dergl. keine Entbehrung bedeuten; für die meisten Kinder wird dieser Ersatz sogar eine Erhöhung des Genusses darstellen. Am schwierigsten, aber auch am wichtigsten wird es sein, in der Küche den Fett- verbrauch einzuschränken, ohne daß die Verdaulichkeit und der Wohlgeschmack der Speisen darunter leidet. Wie bei der Bereitung der verschiedenen Gerichte große Ersparnisse an Fett ohne Beeinträchtigung des Geschmacks möglich sind, wird in der von Frau H. Heyl und Geh. Rat N. Zuntz verfaßten Flugschrift Nr. 9Die fettarme Küche" ausführlich behandelt, die durch Behörden, Franenvereine usw. auch in größeren Mengen kostenlos von der Verlagsabteilung der Zentral-Einkaufsgesellschaft, Berlin W 8, zu be­ziehen ist.

Geh. Reg.-Rat Pros. Dr. N. Zuntz.

Durch die Lupe.

Ein Stückchen Zeitgeschichte in Versen.

Während tief im Nussenlande noch die letzten Stützen krachen, scheint der Gegner jetzt im Westen wieder einmal Ernst zu machen, um mit neuen Offensiven unsre Westfront abzutasten und den Russen von dem Drucke unsrer Heere zu entlasten, was er wohl gefordert hat, weil ihm sonst die Sache satt. Möglich auch, daß Tobsuchtskrämpfe man in London und Paris dieser Tage hat be­kommen, als sich Sofia hören ließ, als der tapfere Bulgare, rings bewundert von der Welt, alle Vierverbandsvertreter endlich einmal kaltgestellt. Auf dem Balkan zweifelsohne hat der Vierver- band verspielt) wenn er auch im Griechenlande noch im letzten Feuer wühlt, neue Flammen anzu- fachen, wird ihm nicht mehr möglich sein, Grey und Äiviani stecken zähneknirschend alles ein; ja, sie müssen augenblicklich, wollen sie nicht ganz verkrachen, vorderhand noch gute Mienen - zu dem bösen Spiele machen, während rings im Aus­land man Schadenfreude spüren kann.---Und zugleich im Deutschen Reiche stellt man ein Bei­spiel auf, wie die Mittel aufzubringen für des fern'ren Krieges Lauf, runde zwölf Milliarden strömten wiederum dem Reiche zu und Herr Grey, als ers gelesen, kam um seine Mittagsruh. Warum nahm vor einem Jahre er den Mund schon allzuvoll, als er laut verkünden mußte, daß nur der gewinnen soll, der mitSilberkugeln" schieße, wär' der Krieg auch noch so lang!---Ach, nach einem einzigen Jahre wird fchon Englands Beutel schlank! Jetzt schon kann in stiller Klause Edward Grey sichs überlegen: Deutschland wäre selbst im Stande Kugeln sich aus Gold zu prägen, Deutschland kriegt im eignen Lande jede Summe prompt und glatt, während sich das stolze England schon soweit erniedrigt hat, in Amerika zu betteln, wo man kaum davon entzückt, und nur deshalb pumpen dürfte, weil man auch Gra- naten schickt und weil dies Geschäft am Ende sonst noch Schaden leiden könnte.

Walter-Walter.

Für das 4. Vierteljahr nehmen alle Postanstalten sowie die Geschäftsstelle Bestellungen auf das

Matt

entgegen.