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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be- » r

zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei w|§jp|yßr Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. 7

für den Kreis Hersfeld

Willst

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Nr. 304

Mittwoch, den 1. September

1915

Amtlicher Teil

Hersfeld, den 28. August 1915.

Dem Vernehmen nach soll Scharlach und Diphthe­rie im Kreise epidemisch aufgetreten sein.

Ich nehme Veranlassung, den Hanshalungsvor- ständen die sofortige Anzeige der ansteckenden Krank­heiten bei der Ortspolizeibehörde nachdrücklichst zur besonderen Pflicht zu machen.

Wer die Anzeige unterläßt, wird gemäß § 35 des Gesetzes betreffend die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten vom 28. August 1905 mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder mit entsprechender Haft bestraft.

I. 10221.

Der Landrat.

Freiherr v. D 0 e r n b e r g, Reg.-Referendar.

Hersfeld, den 28. August 1915.

In den nächsten Tagen übersende ich den Herren Standesbeamten des Kreises eine Anzahl Merkblätter für die Ernährung und Pflege des Säuglings und Kleinkindes", die aus Kreismitteln beschafft worden sind.

Ich ersuche, bei der Beurkundung der Geburten je ein Exemplar des Merkblattes den Anzeigenden einzuhändigen. J. A. Nr. 8596.

Der Vorsitzende des Kreisausschuffes:

I. V. ;

Freiherr v. Doernberg, Reg.-Referendar.

Der Sedantag.

Zum zweitenmal begehen wir heute den Sedan­tag in einer großen, aber auch ernsten, schweren Zeit. Und wir wollen ihn begehen, so ernst auch die Zeit ist. Während im vorigen Jahre der Glanz des Sedan- tages gewissermaßen verblaßt war unter dem frischen, überwältigenden Eindruck des kurz vorher erst aus­gebrochenen Weltkrieges, wo wir, Feinde ringsum, wenn auch von Siegeszuversicht durchdrungen, doch einer ungewissen Zukunft entgegensahen, so haben wir in diesem Jahre allen Grund dazu, ihn zu be­gehen, wenn auch nicht in rauschenden Festen, aber mit innigem Dank gegen Gott und in treuem Ge­denken. Haben im Kriege gegen Frankreich unsere Heere Großes, ja Großartiges geleistet, so haben sie dies in diesem Kriege, wo wir gegen eine Welt von Feinden im Kampfe stehen, in fast übermenschlicher Weise getan. Und gewissermaßen die Vorschule dazu war der deutsch-französische Krieg und speziell der Tag von Sedan. Die ungeahnten großartigen Erfolge, die wir im gegenwärtigen Weltkrieg bisher errungen haben, haben gezeigt, daß wir auf unseren Lorbeeren von Sedan nicht ausgeruht haben und still stehen ge­blieben sind, sondern daß wir unablässig und zielbe­wußt weiter gearbeitet haben an dem Ausbau dLs Reiches und seiner unüberwindlichen Stärke.

Haben wir doch erst vor kurzem ein zweites Sedan erleben können. Unser großer Sieg bei Nowo- Georgiewsk läßt sich zwar nicht in allen Stücken mit Sedan vergleichen, aber doch in vielen. Sedan be­deutete für uns den Zusammenbruch der Kaiserlich französischen Armee, Nowo-Georgiewsk ist uns ein unerschütterlicher Beweis des Zusammenbruches der russischen Hauptarmee, deren rechter Flügel offenbar nicht mehr zu entkommen vermochte. Auch die Kriegsbeute hat große Aehnlichkeit. Bei Nowo- Georgiewsk machten wir über 85 000 Gefangene, bei Sedan waren es 83 000.

Sedan! Es erinnert an die glorreichen Waffen- taten unserer Väter, die freilich im gegenwärtigen Kriege noch übertroffen worden sind, und predigt uns auch stets aufs neue, daß ohne jene Begeisterung, die den Menschen mit sich fortreist und ihn das Leben gering achten läßt, wenn es gilt, für die Ehre und Freiheit seines Volkes, seines Landes einzutreten, die übermenschlichen Leistungen und unvergleichlichen Heldentaten unseres tapferen Heeres im gegen­wärtigen Weltkriege eine Unmöglichkeit gewesen wären. Den Sedantag begehen wir aber nicht nur als Tag des Dankes und der stolzen Erinnerung, sondern auch zur Aufmunterung und Mahnung an die Heranwachsende Generation, die dereinst berufen ist, die Trägerin der Größe und Macht des deutschen Vaterlandes zu sein.

So sollen denn Vaterlandsliebe, Dankbarkeit und deutsche Treue, das wollen wir auch heute wieder aufs neue geloben, uns immerdar den Weg weisen, den wir zu gehen haben. Und vor allem soll am dies­jährigen Sedantag uns alle der eine heiße Wunsch erfüllen, daß Gott auch ferner unsere Waffen segnen und es uns gelingen möge, einen Frieden zu er­kämpfen, der uns gegen erneute Ueberfälle neidischer und mißgünstiger Feinde sicher stellt und der gern und freudig gebrachten Opfer wert ist, die dieser Welt­krieg von uns fordert.

Bus der Heimat

* (Sammelt die Kerne von Steinobst.) Bei dem Fehlen der Einfuhr ausländischer Fette und Oele, bei dem Mangel an Butter und der Herabsetzung der Schweineanzahl, ergibt sich die Notwendigkeit, alles Fett, das aus einheimischen Früchten zu gewinnen ist, sorgfältig zu sammeln. Dafür kommen gegen­wärtig auch die Kerne von Steinobst in Betracht, aus denen sich ein schönes, hellgelbes, fettes Oel gewinnen läßt, das ohne weiteres für technische Zwecke, Seifen usw., zu verwenden ist. Auch zu Speisezwecken wird sich das Oel brauchbar machen lassen. Zur Herstell­ung von Mandelmilchersatz wird ja das Oel schon länger verwendet. Es wird der Technik sicher ge­lingen, ein treffliches Speiseöl herzustellen. Selbst aus den Weinbeerenkernen, die ja beim Pressen des Weines in Massen zurückbleiben, aus Lindensamen, aus Liguster, aus Tabaksamen hat man früher schon Oel hergestellt. Die Schwierigkeit, die es zu ttber- winden gilt, ist das Sammeln der Kerne! Die in jedem Haushalt abfallenden Kerne sollten gewaschen und dann getrocknet werden, in welchem Falle sie sich leicht bis zu einem größeren Quantum Ansammeln lassen. Es müßten Sammelstellen errichtet werden, von wo die Mengen abgeholt werden. Die zurttck- bleibenden Splitter der Obststeine geben beim Ver­brennen eine vorzügliche Düngerasche. Die Rückstände beim Pressen oder Ausziehen des Oeles andererseits lassen sich als Viehfutter verwerten.

* (Ermächtigung von Lehranstalten zur Ausstellung von Zeugnissen über die Befähigung zum Ein­jährig-freiwilligen Militärdienst.) Den nichtstaatlichen jüdischen Lehrerseminaren in Hannover, Münster, Cassel nnd Cöln wird durch Verfügung des Herrn Reichskanzlers für die Dauer des Krieges ausnahms­weise die Berechtigung zur Ausstelluug von Zeug­nissen über die Befähigung für den einjährig-frei­willigen Militärdienst mit der Maßgabe verliehen, daß das Zeugnis denjenigen ihrer Abiturienten aus- zustellen ist, die die Seminarenentlassungsprüfung (1. Lehrerprüfung) während des Krieges abgelegt haben und in den Heeresdienst eingetreten sind. Auch bezüglich dieser Berechtigung findet der Allerhöchste Erlaß vom 22. Juni 1915 betreffend die Genehmigung von Ausnahmen von den Vorschriften des § 90 der Wehrordnung auf die bezeichneten vier Seminare Anwendung.

* tEinstellung in die Kaiserliche Marine.) Bei der 3. Abteilung I. Werft-Division in Ktel-Wik können vom Landsturmaufruf nicht berührte junge Kaufleute sofort zur Ableistung der gesetzlichen aktiven Dienstzeit mit der Aussicht auf Kapitulation oder für die Dauer des Krieges als Berwaltungsschreibergasten eingestellt werden. Felddienstfähigkeit ist erforderlich. Gesuche um Einstellung sind unter Beifügung eines selbstgeschriebenen Lebenslaufes, ausführlicher Schul- und Berufszeugnisse und einer Einwilligungser­klärung des Vaters oder des gesetzlichen Vormundes an das obige Kommando einzureichen. Ferner stellt die 5. Matrosen-Artillerie-Abteilung auf Helgoland Anfang Oktober wieder Dreijährigfreiwillige ein.

* (S e u ch e n n a ch r i ch t e n.) Die Maul- uud Klauenseuche ist ausgebrochen in Münder (Waldeck), Alhausen, Herstelle, Würgassen, erloschen in Winter­berg, Ottbergen, Edemissen, Steinheim, Erpentrup, Sandebeck, Schrecksbach. Wegen der Seuche ist der Auftrieb von Klauenvieh jeder Art zu dem am 1. September in Höxter anstehenden Viehmarkt verboten. In Brakel ist die Rotlaufseuche (Schweine) ausge­brochen.

):( Hersfeld, 31. August. Mit demEisernen Kreuz" 1. Klasse wurde ausgezeichnet Offizier-Stell­vertreter E r n st Stützel, Sohn des Schuhmacher­meisters Stütze! von hier.

Heinebach, 29. August. In den letzten fünf Wochen haben vier hiesige Krieger den Heldentod gefunden. Es sind dieses der Landsturmmann Heinrich Brehm und dessen Sohn, ferner der Reservist Ernst Momberg, und der Artillerist Ernst Horn, der in Frankreich seinen Tod fand. Für Heinrich Brehm und Ernst Momberg ist heute in der hiesigen Kirche eine Gedächtnisfeier abgehalten worden. Im ganzen hat der Krieg dahier 13 Opfer gefordert.

Arolsen, 30. August. In einem unbewachten Augen­blick stürzte sich die erwachsene Tochter einer hiesigen Familie aus dem Fenster. Infolge eines früher er­littenen körperlichen Blitzschadens hatten sich bei dem Mädchen, das den Folgen des Sturzes erlegen ist, schon seit längerer Zeit Spuren von Gerstesgestörtheit be­merkbar gemacht.

Wahmbeck, 30. August. Aus dem hiesigen Offiziers- gefangenen-Lager sind gestern abend gegen 9 Uhr drei Gefangene entwichen. Ihre Spur weist auf dieRich- tuna Wesergebirge-Reinhardswald. Es handelt pch um die französichen Leutnants Martin und Compyrot und den englischen Major Hall.

Fritzlar, 27. August. Bei den Wiederherstellungs­arbeiten im hiesigen Dom wo, wie wir berichten, auch

eine füu (hundertjährige Glocke gefunden wurde, stieß man in der Nähe des Sakramenthauses auf ein vor- mittelalterliches Trvggrab, aus einem Stein gear­beitet. Im Lichten ist es 2,31 Meter lang, 63 Zenti­meter breit und 35 Zentimeter tief. Für den Kopf ist der Boden eigens ausgehöhlt. Der Leichnam war mit dem Gesicht nach Osten gerichtet. An den vier Innenseiten sind vier 25 Zentimeter hohe Kreuze eingemeißelt. An der Kopfseite findet sich die In­schriftEgilmunt". Das Grab, das nur noch spär­liche Knochenreste barg, bürste aus dem Jahre 1000 stammen.

Bad Homburg, 30. August. Ein Schwindler ist hier erwischt worden. Man sah hier tagtäglich mit dem größten Mitleid einen Soldaten, der ein schreck­liches nervöses Zucken an sich hatte, das er sich im Krieg geholt haben wollte, samt einer Kriegsaus- zeichnung, mit deren Band er sich geschmückt hatte. Jetzt wurde er als simulierender Schwindler, der gar nicht im Kriege war, festgestellt und verhaftet.

Fulda, 30. August. Auf dem letzten Schweinemarkt waren 169 Ferkel anfgetrieben. Bezahlt wurden für Ferkel je nach dem Alter 17, 23 und 38 M. pro Stiick Der Handel war äußerst schleppend, auch mangelte es an Käufern.

Warnung vor weiten Röcken.

Es ist erfreulich zu sehen, daß unsere Mode mit Erfolg bemüht ist, sich vom fränzösischen und englischen Gängelbande zu befreien und sicher und selbständig neue Wege einzuschlageu. Not macht erfinderisch und sparsam und so gelingt es uns, die Berechnung unse­rer Feinde zu Schanden zu machen und mit allem, was wir §um Leben und zum Krieg führen brauchen, durchzuhalten bis zum siegreichen Ende. Hat nnn auch die Mode ihre Neuschöpfungen diesem Gedanken der als höchstes Gesetz über all unserm Tun und Lassen heute stehen muß, untergeordnet? Es hat einige Zeit gedauert, ehe wir uns an die lächerlich beengenden Gewänder unserer Frauen und Mädchen gewöhnt hatten. Die Industrie hatte den Schaden davon. Jetzt aber, in demselben Augenblick, wo die Textil- Jndustriellen des ganzen Reiches mit den Behörden Rat nehmen, geeignete Methoden ausfindig zn machen, auch die Vorräte der Gewebe zu strecken, um den Be­dürfnissen des Heeres und der Bevölkerung auf mög­lichst lange Zeit dnrch eine weise Einschränkung gerecht werden zu können ich sage in diesem selben Augen­blick schickt sich die deutsche, ausgerechnet die neue deutsche Mode an, durch die üblichen Schaustellungen und Reklamen weite und faltige Röcke und Unter­kleider einzuführen, die denStoff geradezu verschwenden und einen Mehrbedarf von 60 bis 80 Prozent erfordern. Darf sie uns soweit tyrannisieren, daß, wenn sie in übermütiger Laune zum Extremen greift, auch wir gedankenlos genug sind, uns ihr in solcher Zeit zu unterwerfen? Noch ist es Zeit, dem Unheil zu steuern. Die Großkonfektion würde gut daran tun, namentlich soweit Baumwollgewebe in Betracht kommen, sich mit den maßgebenden Beratungsstellen der Regierung ins Einvernehmen zu setzen, bevor, diese sich gezwnngen sieht, durch eine geeignete Warnung, nötigenfalls durch empfindlichere Eingriffe, defür zu sorgen, daß die von ihr getroffenen Maßregeln nicht leichtfertig durchkreuzt werden.

Unsere Frauen und Mädchen aber werden sich nicht der Beschämung aussetzen wollen, sie werden auch nicht den Vorwurf verdienen wollen, den Anforderungen und dem Gebiete unserer ernsten Zeit sich nicht ange­paßt zu haben. Haben sie in guten Zeiten aus Laune den denkbar sparsamsten Gebrauch von den ihnen ge­botenen Bekleidungsstoffen gemacht, so mögen sie jetzt aus Einsicht und zum Wohl des Vaterlandes auch da­bei verbleiben.

die amtlichen Bekanntmachungen

Nicht nur an den Tagen, an denen man etwas wichtiges unter ihnen vermutet, sondern

Unter den amtlichen Bekanntmachungen werden fast Tag für Tag Bestimmungen wirtschaftlichen Inhalts verzeichnet, die man in dieser ernsten Zeit wissen und befolgen muß. Einmal im Interesse des allgemeinen Wohles und dann auch um sich vor Strafe zu schützen