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Hersselder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Zeksseldkk

für den Kreis Hersfeld

Kreisblatt

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Nr. 199.

Donnerstag, den 26. August

1915

Amtlicher Teil.

Hersfeld, den 20. August 1915.

Mit Bezug auf die Bekanntmachung im Kreis­blatt Nr. 185 oom 10. August ds. Js. betreffend die Beschlagnahme, Meldepflicht und Ablieferung von fertigen, gebrauchten und ungebrauchten Gegenständen aus Kupfer, Messing und Neinnickel wird zur allge­meinen Kenntnis gebracht, daß von der Sammelstelle keine Gegenstände anzunehmen sind/ welche bereits als Altmaterial an Händler, Handlungen usw. abge­geben waren und infolgedessen der Beschlagnahme nach der Bekanntmachung im Kreisblatt Nr. 101 vom 1. Mai ds. Js. betreffend Bestandsmeldung und Be­schlagnahme von Metalle unterliegen.

Bei dieser Gelegenheit mache ich auch darauf auf­merksam, daß die Bekanntmachung über die Fest­setzung von Höchstpreisen für die Erzeugnisse von Kupfer, Messing und Alluminium vom 28. Dezember 1914 Reichsgesetzblatt Seite 551 und die Bekannt­machung über die Höchstpreise für die Erzeugnisse aus Nickel vom 15. Juni ds. Js. Reichsgesetzblatt Seite 340 mit dem 18. August 1915 außer Kraft gesetzt sind.

Ich weise auch darauf hin, daß zu dem Ueber­nahmepreis tm § 9 der oben zu erst erwähnten Be­kanntmachung angenommen werden:

Teekannen, Kaffeekannen, Milchkannen, Kaffee­maschinen, Teemaschinen, Samoware, Zuckerdosen, Teeglashalter, Menagen, Messerbänke, Zahnstocherge- stelle, Tafelaufsätze aller Art, Tafelgeschirre, Ranch­service, Lampen, Leuchter, Kronen, Plätten, Nipp- sachen, Thermometer, Schreibtischgarnituren und Bettwärmer.

I. 9822. Der Landrat.

J. V.:

Frhr. v. D o e r n V e r g, Reg.-Referen dar.

Deutscher Reichstag.

Die Sitzung vom Dienstag wurde, nachdem sich das Haus mit dem Vertagungsantrag (bis zum 30. November) einverstanden erklärt hatte, von einer Rede des Unterstaatssekretärs Michaelis eingeleitet, der auf die Ausführungen des Zentrnmsabgeordneten Dr. Pfleger vom Montag antwortete. Dr. Pfleger hatte der Reichsgetreidestelle vorgeworfen, daß sie be­zahlte Lobartikel auf sich selbst veröffentlicht, bei der Auswahl des Personals die Juden bevorzugt und übermäßig viel Leute reklamiert habe. Der Unter­staatssekretär wies diese Vorwürfe zurück. Wenn auch das Personal anfangs etwas zusammengewürfelt gewesen sei, so sei es doch immer mehr gesiebt worden. Manche leisten für das Vaterland in der Getreide­stelle mehr als bei den Schippern. Am 4. August d. I. waren noch 311 Angestellte reklamiert, von denen die Kriegsverwendungsfähigen im Laufe der Zeit der Militärbehörde zur Verwendung gestellt werden. Alle Verdächtigungen müsse er (Redner) zurückweisen. Was die Anstellung von Juden anlange, so mnßte die Getreidestelle vor allem auf die Händlerkreise zu- rückgreifen. Wer frage im Felde danach, ob einer Jude oder Christ sei. Man habe sich auch nicht ent­blödet zu behaupten, daß die Leiter der KG. persön­licher Vorteile halber die westlichen Mühlen mehr berücksichtigt hätten als die östlichen. Dabei liege der ganze Geschäftsbetrieb offen vor aller Augen. Vor­würfe seien ja begreiflich einer Gesellschaft gegenüber, die so tief in die Verhältnisse eingegriffen habe. Das Ausland werde alle diese Vorwürfe mit Wonne auf­greifen. Seinen Beamten sei er es schuldig, die Un- gerechtfertigkeit der Anschuldigungen darzutun, damit die Getreidestelle auch weiterhin ihre Schuldigkeit tun könne. Abg. Dr. Spähn (Ztr.) führte aus, daß es wohl keine Behörde im Reiche gebe, wo eine der­artig große Zahl von Beamten reklamiert wurde. Unterstaatssekretär Michaelis erwiderte, daß die Aus­wahl der Dienstfähigen im Einverstandis mit dem Generalkommando erfolgt sei. Abg. Wamhoff (nl.) riet, diese Angriffe nicht zu tragisch zu nehmen und münzte im übrigen scharfes Vorgehen gegen den Wucher. Nunmehr nahm Staatssekretär Dr. Delbruck das Wort, um die so schwer angegriffenen Beamten der Getreide- stelle zu verteidigen. Wenn löte Kriegsgetrei-egesell- schaft vielleicht etwas zu weit gegangen sei m der Re­klamation, so habe sie das nur aus der Beforgms getan, ob sie auch ihre Aufgabe erfüllen könne, und da wage man es hier (mit der Faust auf den Tisch schlagend) den Vorwurf zu erheben, daß sie eine Versicherung gegen den Kriegsdienst wäre. Er üheue die Kritik nicht, aber er müsse gegen Vorwürfe Verwahrung em- legen, die in einem Augenblick erhoben werden,, wo der Kriegsminister eine Untersuchung eingeleitet habe. (Unruhe und Beifall.) Abg. Dr. Spahu (Ztr.) betonte demgegenüber, daß man alle diese Angaben heute zum ersten Male gehört habe. Ein Vertreter des Kriegs­ministers bestätigte, daß die Untersuchung des Kriegs­ministers unabhängig vom Vorgehen der Kmegs- getreidestelle war. Abg. Koch (Fortfchr.) bezeichnete die Ernte als gut und wünschte eine Erhöhung der Brotration. Der Fettverkauf sollte kontingentiert

werden. Abg. Weilnböck (kons.) dagegen konnte in die rosige Erntestimmung nicht einstimmen und wies Vor­würfe gegen die Landwirtschaft zurück, daß sie bei der Bestandsaufnahme ein leichtes Gewissen gehabt habe. Die Lebensmittelverteuerung beginne vielfach erst in der Stadt. Die Großmühlen haben riesige Dividende herauswirtschaften können. Darauf erwiderte Unter- staatssekretär Michaelis, daß diese Dividenden vor der Schaffung der Kriegsgetreidegesellschaft entstanden seien.

Bus der Heimat«

):( Hersfeld, 25.,August. Oberleutnant Funk, z. Zt. beim Ers.-Jnf.-Rgt. 32 in Gera, wurde zum'.Haupt- Mann befördert.

Bebra, 23. August. Die Eisenbahnverwaltung sucht den in die Heimat reisenden Urlaubern die lange Fahrt vom Kriegsschauplatze recht angenehm zu ge­stalten. Zur raschen Beförderung der Urlauber sind bereits eine ganze Anzahl Urlauber-D-Züge nach dem Innern des Reiches eingelegt worden. Jetzt sind auch diese Militär-D-Züge noch mit Speisewagen ausge­rüstet worden, damit unsere Feldgrauen Gelegenheit finden, ihren oft riesengroßen Hunger schon auf der Eisenbahnfahrt etwas stillen zu'können. Die Be­nutzung dieser Speisewagen ist daher auch sehr reich.

Eschwege, 23. August. In das' hiesige Amtsge­richtsgefängnis eingeliefert wurde heute mittag der vor acht Tagen von seiner Arbeitsstelle in Nieder- dünzebach entwichene russische Kriegsgefangene, der gestern morgen von dem Weißbinder Herrn Hesse aus Jestädt am Schambach (an der Straße von Jestädt nach Grebendorf) ergriffen worden war. Der Flücht­ling war bis auf die Haut durchnäßt und vom nächt­lichen Umherirren arg mitgenommen.

Zweiten, 20. August, DerMaurermeister'H. Schen- rer war im vergangenen Winter in einer Schlacht auf dem östlichen Kriegsschauplatz gefangen genommen und nach Sibirien in die Gefangenschaft gebracht worden, nachdem er schon längere Zeit nichts mehr von sich hören ließ, ahnte man nichts gutes. Dieser Tage kam sniln von einem Mitgefangenen, einem Lehrer aus Wabern, die traurige Nachricht, daß Scheu- rer im Gefangenenlager verstorben sei.

Lich (Großh. Hessen), 22. August. Ein Landwirt aus Mühlsachsen hatte auf einem Hofe, der dicht an den Staatsforst grenzt, einen Fuchs gefangen und war deshalb wegen Jagdvergehens angezeigt, aber vom hiesigen Schöffengericht freigesprochen worden. Um aber eine grundsätzliche Regelung der für das hessische Jagdrecht interessanten Frage, warum ein Hofraum als Jagdgebiet gilt, herbetzuführen,^beschäftigte sich heute die Gießener Strafkammer mit der Angelegen­heit. Diese entschied, daß nach hessischem Recht der Eigentümer in seinem umschlossenen Hof Jagdrecht be­sitzt. Hierzu gehört auch die äußere Mauerkante, auf der der Fuchs erschlagen war, als er an der Kette des Fangeisens entweichen wollte. Dieses aber war auf dem Hofe befestigt, es bestand also durch die Kette, an der der Fuchs befestigt war, und dem Hofe, also dem Jagdgebiet" des Angeklagten noch eine Verbindung. Infolgedessen erfolgte abermals Freispruch.

Fulda, 24. August. Das Rhönturnfest, verbunden mit einer großen militärischen Uebung der Jugend­bataillone aus den Kreisen Fulda und Gersseld und Hanau Stadt nahm am Sonntag einen glänzenden Verlauf. Um 2 Uhr begannen nach voraufgegangenen Freiübungen der Dreikampf und die Spiele, an denen sich insgesamt 1700 Schüler aus Volks- und höheren Schulen beteiligten. Im Wettlauf wurde die höchste Geschwindigkeit in 12'/5 Sekunden errreicht: im Weit- fprung 5 Meter und im Kugelstoßen 10,36 Meter. Im Turnen wurden in Klasse 1 und 2 je 20 Preise verteilt.

Schlüchtern, 21. August. In Vollmerz hat die Unsitte, Petroleum zum Feuermachen zu verwenden, wieder ein Opfer gefordert. Es verbrannte eine Frau vollständig. Sie hinterläßt neun znm Teil noch un­mündige Kinder.

Kriegs-Jugendwehr der hersselder Turnerschast.

Wohl für lange Zeit wird der letztverflossene Sonntag in schöner Erinnerung der Kriegs-Jugend- wehr der Hersfelder Turner,chast bleiben; war doch dieser Taa so recht geeignet, Eindrücke von bleibendem Wert zu hinterlassen. Der Tag war der Besichtigung des herrlichen Städtchens Münden, insbesondere dem dort befindlichen Ersatz-Pionierbatarllon und seiner Anlagen gewidmetat ^ A^egs-Jugendwehr früh '

Uhr auf dem Marktplatz an. Fast keiner der Jugend- licken fehlte; nur einige wenige, die durchaus unab­kömmlich waren, mußten auf ^die Reise verzichten, ^n außerordentlich entgegenkommender Weise hatten auch dieses Mal viele Lehrherrn und Arbeitgeber ihren jungen Leuten die Beteiligung gestattet und damit gezeigt, wie auch sie die vaterländischen Be­

strebungen der Wehr schätzen. Mit klingendem Spiel, voran dieJahner", in der Mitte dieHerS- felder" gings nach dem Bahnhof. Zur Freude aller hatten sich hier, wie auch schon vorher aus dem Markt­platz eine Anzahl älterer Herren eingefunden, die in freundlicher Weise sich als Helfer zur Verfügung ge­stellt hatten. Das Verladen der Kompagnie erfolgte nach den gegebenen Anordnungen schnell und ruhig in den bereit gestellten besonderen Wagen, in denen, ohne daß ein Umsteigen nötig gewesen wäre, die Fahrt bis Cassel erfolgen konnte; von da fuhr man weiter bis Kragenhof.

Die Reise nach Münden sollte den Jungmann- schaften auch Gelegenheit zu einem Kriegsspiel bieten. In Kragenhof erhielt deshalb die Kompagnie den Befehl zum Aussteigen. Dem Führer der Slompagnie, Herrn Pilgram, war nämlich anf der Bahnfahrt folgende Mttteilnng zugegangen:

Feindliche Spione sind mit Automobilen in Göttingen angekommen. Hier haben dieselben Fahrkarten bis Wtlhelmshansen gelöst, um, wie verlautet, dort über die Fulda zu setzen. Die Fähre wird bewacht. Ein lleberfetzen ist seitens der Spione daher unmöglich. Der Weg nach Münden ist abgeschnitten, da sie von dort verfolgt werden. Ein Entkommen ist nur dann möglich, wenn sie links oder rechts der Eisenbahn die Waldivege nach Spcele benutzen.

Abteilung A. erhält den Anftrag, das Gelände rechts des Bahndammes, Abteilung b. das Gelände links des Bahndammes zu dnrchsnchcn.

Das Kriegsspiel nahm einen recht interessanten Verlauf.

Nach Beendigung des Kriegs-Spiels setzte die Kompagnie bei Wilhelmshausen über die Fulda und traf in diesem Orte gegen/* 12 Uhr ein. Nach fast einstündigem Marsch war die Pionier-Kaserne erreicht. Ueber den langen Kasernenhof hinaus ging es zum großen Exerzier-Platz, woselbst sich der Herr Bataillons- Adjutant zur Abnahme der Parade eingefunden hatte. Die Paradeanfstellnng war schnell beendet, und nun marschierten die einzelnen Gruppen in tadelloser Haltung vorüber. Der Paradeabnehmer fand nach Schluß der Parade nur Worte der höchsten Aner­kennung. Und es gewährte in der Tat der von 235 Jugendlichen ausgeführte Parademarsch einen hüb­schen Anblick. Die Hersfelder Jungmannschaften haben gezeigt, daß die bisherige militärische Erziehung schon setzt gute Früchte zeigt.

Innerhalb und außerhalb der Kantinen-Räume wurde hierauf die fröhliche Schar gespeist. Das Essen war reichlich und gut. Nachdem sich alle durch die vorzüglich mundenden Speisen gesättigt hatten, war die Zeit zur Anhörung eines Marinevortrages in dem Exerzierhaus gekommen. Um Va8 Uhr wurden alsdann die Pionteranlagen besichtigt. Die Besichtig­ung gestaltete sich zu einer überaus wertvollen dnrch die gleichzeitig mit derselben erfolgenden Erläuter­ungen des Herrn Vizefeldwebels nnd Regierungs­baumeister Naumann, der insbesondere über die An­lage der Schützengräben während des gegenwärtigen Völkerringens fesselnd nnd belehrend sprach. Leider konnte die Besichtigung aller Werke nicht ganz durch­geführt werden, da inzwischen die Zeit zur Rückfahrt 52u Uhr immer näher heranrückte.

Etwas sollte die Jugendwehr wenigstens noch sehen, nämlich die Vereinigung der Fulda mit Werra. Dahin ging es jetzt. Auf dem langen Weg konnten die Spielleute beider Korps der Mündener Bevölker­ung zeigen, daß auch sie zu Hause fleißig geübt hatten. Nach flottem Marsch war das Ziel erreicht. Hier wo Fulda sich und Werra küssen, von den stolzen Höhen, beherrscht von der Tillu-Schanze, herrliche Eichen- und Buchenwaldungen grüßen, da leuchteten die Augen der Jungmannschaften heller; war vielen doch ein stiller Wunsch erfüllt, die Vereinigung ihres Heimat­flusses mit der Schwester Werra schauen zu können.

Die wohl verdiente Ruhepause war leider nur eine ganz kurze. Nach einem Aufenthalt von etwa 15 Minuten, der der ersten Abteilung im Gasthof znr Krone, der 2. in den Erfrischungshallen des Bahnhofes gewährt werden konnte, war die Zeit zur Abfahrt gekommen. Die Wagen vom Vormittag nahmen die Jugendlichen wieder auf und fort ging es aus dem freundlichen Städtchen über Cassel, Bebra in die Heimat zurück.

Daß die Veranstaltung unserer Jugendwehr, so­weit sie sich insbesondere auf den Besuch des Pionier- Bataillons erstreckte, für die Teilnehmer soviel An­regung und Belehrung bot, hatte sie den Bemühungen des Vertreters unseres Turnkreises, des Herrn Gymnasial-Direktors Professor von Hanrleden zu verdanken, der z. Zt. als Hauptmann die zweite Kom­pagnie des Pionier-Bataillons führt.

Möchte auch dieser schöne Tag die Jungmann­schaften zur weiteren treuen Pflichterfüllung gegen die Kriegsjugendwehr anspornen.

Wetteraussichten für Donnerstag den 26. August.

Ziemlich heiter, trocken, tags wärmer, nachts kühler, schwache nordöstliche Winde.