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Englands kriegsgrunv und Kriegsziel.

Eine englische Aeuberuna über Englan- wirkliches Kriegsziel teilt die in Santiago de Ehile erscheinende „Gaeeta miliiar" vom 30. Dezember v. ft. auf Grund eines ihr übersandten Briefes eines Engländers an einen Chilenen mit, in der» es nach der „Rundschau für Gemeindebeamte" u. a. heisst:

„ Was denkt man eigentlich bei Ihnen von unserm Kriege? Wir alle glauben, das; die Mehrheit Ihres sympathischen Landes auf unserer Seite sein wird. Die Herzogin von B . . . . las mir vor einigen Tagen einen Brief unseres Freundes M . . . vor, in welchem er sagte, das; ganz Ehile Großbritannien den Steg wünsche. Da­für sind wir ihm sehr dankbar.

Zweifeln Sie keinen Wunen blies, das; der Sieg unser sein wirb. Wir sind besser vorberettet, als man im all­gemeinen denkt, und der Feind weis? noch nicht, was ihn erwartet; denn wir heben ihm einige Ueberraschungen für die letzten Augenblicke auf.

Ich nehme an. daß Sie nicht zu benienigen gehören, welche glauben, Latz die Ursachen des gegenwärtigen Krieges solche Sachen sind, wie der Mord in Sarajewo, der deutsche Militarismus oder politische Beweggründe, öeuu Sie wissen sehr wohl, das; man heute das Leben und Geschick einer Nation nicht wegen sogenannter Ehren­sachen aufs Spiel setzt, und werden zugeben, baß es sich einfach darum handelt, eine Frage kommerzieller Jnter- essen zu entscheiden. Deutschland war ein tödliches Gift für den englischen Handel geworden. Das „Made in Germany" war schon ein unerträglicher Alpdruck. Wo auch immer ein Engländer ein Geschäft abschliesten wollte, da ging ein deutscher Konkurrent siegreich hervor, unb jedes in England hergestellte Fabrikat stieß auf seinem Wege auf ein gleichwertiges oder besseres, in Deutsch- lanb billiger fabriziertes.

Nicht England allein litt unter den Folgen der deutschen Billigkeit — diese war zur Universalplage ge­worden —. Frankreich, Belgien und Russtand mußten mitansehen, wie ihre Fabriken rapide zurückgingen, unb wurden von deutschem Fabrikat unter so alarmierenden Bedingungen überflutet, baß es himmelschreiend war.

Und es ist Tatsache, baß in diesen Ländern, beson­ders in Belgien, früher als in England der Gedanke ei­ner Koalition entstand, um Deutschland den Garaus zu machen. Bor dem Angriff auf Lüttich wußten die Deut­schen nicht, wie gut Belgien vorbereitet war, und bis heute glauben Sie an seine Unschuld.

Ich kann Sie versichern, baß kein Teil des Pro­gramms dieses Krieges für England elivas Unvvrher- zesehenes ist, und baß — wie auch das Los der Massen fallen möge — die Ergebnisse des Konfliktes uns Nutzen bringen und die Geschäfte hier wieder blühen werden wie nie zuvor.

Schon sind alle belgischen Fabriken verschwunden, die industriereichsten und blühendsten Gebiete Frank­reichs und Rußlands sind von den Armeen verwüstet. Deutschland und Oesterreich-Ungarn werden zugrunde gerichtet bleiben, folglich bleiben nur die englischen Fa­briken übrig, um die Welt zu versorgen, und wenn wir es erreichen würden, Spanien und Italien zu beredten, am Kampfe teilzunehmen, so wären diese Aussichten noch vollständiger.

Es ist sein Grund, sich über ben Ruin und die Verwüstung, welche der Krieg auf dem Kontingent her- vorruft, aufzuregen, denn je größer jene sind, um so größer und positiver werden die Vorteile für England.

Hierher kommen die Deutschen, noch sonst jemand, niemals. Wir werden unsere Kräfte und die unseres treuen Bundesgenossen Japan intakt bewahren, um sie im gegebenen Moment geltend zu machen. Dieser wird kommen, wenn die Nationen des Kontinents sich aufge­rieben haben, und die Welt voller Entsetzen den Frieden verlangt. Dann werden wir diejenigen, welche die Be­dingungen vorschreiben werden, gleichviel, wie unser Wassenglück aus dem Kontinent ausgefallen ist.

Was dann kommen wird, ist leicht zu erraten. Wir werben Herren des Welthandels fein, und zwar auf immer — dafür wird schon die glänzende Zerstörungs­tüchtigkeit der Heere, welche auf dem Kontinent Ehren­händel ventilieren, sorgen.

Diese Betrachtungen bezwecken, Ihnen zu zeigen, daß die von Ihnen bisher unternommenen Schritte zur Re­alisierung der wichtigen Geschäfte, welche uns in Be­ziehungen brachten, nicht nutzlos waren, und daß alles, was dazu nötig ist, em wenig Geduld ist, und die nächste Zukunft unvergleichlichen Gedeihens, welche über Groß­britannien kommen wird, abzuwarten.

Die „Gaeeta" bemerkt hierzu: „Der Empfänger des vorstehenden Briefes übergibt ihn der Oeffentlichkeit als Zeichen des Einspruches gegen die unmenschlichen An-

jtmren, welche er enthält, und wird schient Verfasser als einzige Antwort die Nummer der „Gaeeta" senden, in welcher er erscheint."

Hur ein Vierteljahr.

Aus dem Kriegspresseguartier berichtet die „Köln. Ztg." 6. August: Um die Kriegslage der ersten August- woche in ihrer vollen Bedeutung erfassen zu können, muß man die Front der Verbündeten, wie sie am Anfang des eben abgeschlossenen Vierteljahres war, der Front von heute gegenüberstellen. Die Front von heute hat hoch im Norden zum Stützpunkt die am Südufer des Narew stehenden, um das gestern besetzte Warschau gruppierten deutschen Streitkräfte Hindenburgs, während ihr Zeu- trum mit dem Kern Jwangorod auf das östliche Weichsel­ufer gestützt, der im vollen Rückzüge befindlichen rus- ischeu Front schon stark nördlich der Linie Lubliu— Eholm auf den Fersen folgt. Zur gleichen Zeit trügt deutsche und österreichisch-ungarische Kavallerie, indem ie durch Wladimir Wolynsk im Streiszug vordringt, die Fühler dieses Zentrums schon stark östlich des Bugs in eine Richluug vorwärts, in der die nächsten Verteidt- gungsabschuitte der russischen Front in gar nicht erreich­barer Ferne liegen. Anschließend an das eben besprochene Zentrum, reicht die südliche Flanke der Verbündeten entlang dem Dujestr unb feinen Nebenflüsse» bis tu das bessarabische Grenzgebiet hinüber auf russischen Boden. So stellt sich das Bild der Verbündeten-Front am 6. Au- guft dar, am Ende des mit der Maischlacht eingeleiteten Vierteljahres.

Man stelle diesem Bild als Gegenstück jene Front- linie zur Seite, die die Ausgangsstellungen der wunder­bar angelegten Maischlacht umfassten. Vor allem war da die spärlich besetzte Front in Russisch-Polen, die von der Bzura Her an der Pilitza und Ntda vorbeizog, dann im Anschluß entlang der Wislocka westlich Tarnow tief sich weiter gegen Südwesten im Raume des Duuajetz dehnte und dann in die Karpathen hinein reichte, südlich des Dukla-Passes, südlich des Lubkower Passes, überall auf ungarischem Gebiete, wo die Russen in Stellungen standen, die man für unerschütterlich halten mußte, bis die Front endlich über den Uszoker Paß nach Südostga- lizieu abschweukte, indem sie das Kronland der Buko­wina in österreichischem Besitz ließ. Dies waren die Ge­genstücke, einfach strategisch-geographisch dargestellt. Da­zu käme freilich noch der Gegensatz der militärischen Spannkrast der zwei feindlichen Fronten, und zwar ber jetzt skizzierten Berteidigungsfront der Bormaitage und der oben gezeichneten Angriffsfront seit der Durchvruchs- schlacht. Die eine war durch Monate auf oft verlustreiche Offensivkämpfe angewiesen, die andere ging vom 2. Mai angefangen mit einer in der Kriegsgeschtchte noch nie beobachteten Stoßkraft auf weitgehender Front unauf­haltsam vor und brächte das Aeutzerste zuwege an über­mächtiger Artillerieunterstützung, an Jnfanterieangrif- fen, die sich mit den größten Leistungen der Artillerie­arbeit anzuschmiegen wußten, an Rekordmärschen, die mit wunderbarer Berechnung durchgeführt waren und da­durch überraschende Flankierungsmanöver und Umfas- sungsaktionen erzielten. Das Ergebnis all dieser Arbeit und Tüchtigkeit war der alle Erwartungen übertreffende Raumgewinn, der bisher sieben der frühern acht Zehntel Galiziens den Siegern brächte.

Und heute sind die Russen unter den Erschütterun­gen, die sie durch all diese Stöße erleiden mußten und die ihre Verbünde zerrütteten, auf der ganzen Linie auf dem Rückzüge. Auf der ganzen weiten Front ragt die Schlachtlinie der Verbündeten als eine eherne Mauer, in der auch die einzige Lücke, die in der Geographie un­serer neuen Fronlinie zu klaffen schien, nämlich die Lücke, die zwischen den Aktionen Hindenburgs und den Ereignissen auf den übrigen Frontabschnitten bestand, durch die Einnahme von Warschau, das heißt durch die Ausschaltung dieses Dammes, viel an militärischer Be­deutung verloren hat.

Rostige Kellen.

England und Rußland sind Bundesgenossen. Das hindert aber nicht, daß Lloyd George, aus seiner Angst und Besorgnis heraus, den Russen die unverblümtesten Wahrheiten ob ihrer Rückständigkeit sagt. Wie steht es doch in dem Büchlein geschrieben, aus dem unsere Feinde täglich die Verwünschungen gegen uns herleiern? Wir sind die Barbaren, die Rückständigen, die Unfreien, die Feinde der Kultur usw. Und was für eine Rolle gibt uns auf einmal der redefrohe, in den Bahnen ö'Annun- zios wandelnde englische Staatsmann? Zu Russenbe- ireiern stempelt er uns! In einer Rede zu Bangor sagte

nämlich Lioyo George ungefähr, er habe keine Angst wegen des endgültigen Ausganges des Kampfes. Die dunklen Wolken im Osten betrachte er mit Besorgnis, aber nicht mit Angst. Er sehe einen Strahl der Hoffnung am Horizonte: Die Wiedergeburt -es großen russischen Volkes. Die Feinde begreifen nicht, daß sie selbst helfen, die rostigen Ketten zu zertrümmern, die die Seele des Volkes gefangen gehalten haben. Sie tun für Rußland, was ihre Voreltern für Frankreich getan haben: Sie helfen das Schwert schmieden, das sie vertilgen wird."

Ganz abgesehen, baß diese Rede an Verworrenheit nicht viel zu wünschen übrig läßt, ist sie doch von In­teresse burch das Wort vom „Strahl der Hoffnung am Horizont." Worin besteht dieser Hoffnungsstrahl? Was hofft der Engländer? Das Abfallen der rostigen Ketten von -er Seele des russischen Volkes. Er gibt also zu, baß sich England, das freie England, mit einem Volke ver­bunden hat, dessen Seele in rostigen Ketten hängt. Ist den russischen Machthabern jemals ein donnernderes Wort in die Ohren geschrieen worben, als hier aus dem Mundes ihres Freundes und Buttdesgenossen?! Lloyd George, der poetische Staatsmann, hat aber mit diesen beiden Worten „rostige Ketten", wohl unbewußt genau das richtige für Rußland getroffen. Jedes Volk muß ein nach außen hin festgefügtes Ganze zeigen, jedes Vvlks- glied muß dem andern wie durch eine feste Kette ver- bunben sein, wenn es sich darum handelt. Bolkskraft gegen einen Feind zu zeigen. Auch wir Deutsche sprechen von der eisernen Disziplin in unserm Heere, von ber eisernen Pflicht, fürs Vaterland alles zu opfern. Wenn wir in den Kampf ziehen um Sein ober Nichsein unseres geliebten Vaterlandes, da stehen wir alle an der Front, jeder nach seiner Möglichkeit und gedenken unserer Vor­fahren, die sich zum schwersten Kampf in den Sturm- reihen aneinander ketteten. Auch wir sind auetnanber gekettet, alle Deutschen! Mit blitzenden Ketten aus Geistesstahl, mit den Stahlketten der Disziplin; mit Ketten, die wir uns selbst geschmiedet, an denen jeder von uns seinen stärkenden Hammerschlag freiwillig mit­getan hat. Das sind die Ketten, mit denen wir Deut­schen uns freiwillig aneilmnder ketten, auf Gedeih und Verderb. Hoch unb Niedrig, Alt und Jung, Bürger und Soldat, Fürst und Arbeiter. Das sind blitzende Ketten aus bestem, neuem funkelnden Stahl!

Rostige Ketten halten die Seele des russischen Volkes gefangen, sagt Lloyd George. Er hat nur zu recht. An den Ketten, die das russische Volk umschlingen, hat kein Bürger und Bauer freiwillig einen stärkenden Hammer­schlag getan. Tyrannenhände haben sie geschmiedet und sie dem Volk um seine stumpfen riesigen Glieder gelegt, auf denen sie lasten seit Jahrhunderten. Kaum einmal sind sie unter der Not der Herrschenden erleichtert wor­den, sie liegen und lasten und werden rostig und drücken sich immer tiefer in den Schultern ein. Jetzt wieder in der Zeit der tiefsten Not wird dem russischen Volk durch die Eiuberufung der Duma ein Lockern der rostigen Ket­ten versprochen. Aber schon wissen wir aus Petersburg, daß einzelne Dumamitglieder unter Polizeiaufsicht ge­stellt sind. Den Polen wurde vom Zaren Autonomie ver­sprochen. Wie mögen alle jene polnischen Freiheits­kämpfer höhnisch darüber gelacht haben, die in Sibirien darüber Nachdenken durften, wie gefährlich es in Ruß­land ist, den Herrscher an ein Notwort zu erinnern, wenn die Zeiten der Not für den Tyrannen vorbei sind. Die Polen, in ihrer Mehrheit haben es längst aufgegeben, von Rußland auch nur noch das mindeste zu hoffen. Die Polen haben nicht die Schultern der russischen Bauern, die daran gewöhnt sind, rostige Ketten zu tragen. Mit dem Falle Warschaus sind für diese Russen allerdings die rostigen Ketten zertrümmert worden und wie Lloyd George richtig prophezeite — durch die deutschen Wäffem" Und das werden unsere Waffen auch weiterhin tun. Aber nur genau so weit, als es uns gut scheint.

Lloyd George sollte doch wirklich nicht in die kin­dischen Vergleiche verfallen, mit denen heute so viele Ge- schichtsöilettanten operieren. Wir Deutschen wissen, auch ohne Lloyd George und Genossen, was wir zu tun ha­ben. Wir werden weder, wie Napoleon, ohne die nötigen Vorbereitungen nach Moskau marschieren, noch uns um die inneren Verhältnisse Rußlands bekümmern, wie wir es vor hundert und ewigen Jahren Frankreich gegen­über getan haben. Um die rostigen Ketten der Russen werden wir uns ganz bestimmt nur soweit kümmern, wie um die Ketten ähnlicher Qualität, die England um Irland und Indien geschlungen hat. Wir sind nicht mehr die Deutschen von vor hundert Jahren, sondern die von 1914/15, die auf ihr Schwert gestützt einer Welt von Neid unö Haß die Spitze bieten und nur ein In­teresse kennen — das deutsche. Unsere Feinde haben ihn uns gelehrt, den heiligen Egoismus. Nur wenden wir ihn im deutschen Sinne an und nicht in italienisch-eng­lischem. N. K.

Aufforderung.

Alle diejenigen, die an den Nachlaß der verstorbenen Fräulein Minna Knabe, Hersfeld noch Ansprüche geltend zu machen haben, werden hiermit ausgefordert bei mir binnen 8 Tagen spezifizierte Rechnung ein- zureichen.

Hersfeld, d. 10. Aug. 1915.

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