Aus den Kämpfen bei Aefluberl.
An den Kämpfen, die sich am 15. und 16. Mai bei Festubert abspielten, war das Walisische Füsilierbatail- lon stark und mit großen Verlusten beteiligt. Eine leb- bafte Schilderung seiner Leistungen findet sich in eitlem Reuterschen Bericht aus dem britischen Hauptquartier, den wir noch mit einem besonderen Nebengrunde hier wiedergeben.
Das Bataillon kam am Samstagabend (15. Mai) in dem ihm angewiesenen Schützengraben an, mit dem Auftrage, sobald die den Feind beschießende Artillerie ihr Feuer einstelle, einen Sturm zu beginnen. Als dieser Zeitpunkt kam, kletterte die führende Kompagnie die Leitern hinauf und bemächtigte sich in wenigen Minuten der gegenüberliegenden feindlichen Gräben. Sobald die erste Kompagnie aus dem Graben hinaus war, stürmte sie in vollem Laufe über die offene Fläche, während die zweite und dritte auf den Leitern folgte und den Vorgängern nacheilte. Die Deutschen ließen sich jedoch nicht überraschen. Kau merhob der erste Mann der Angreifer seinen Kopf über der Brustwehr, als eine furchtbare Be- schietzulig, mit Flintenfeuer in der Hauptrolle, auf die anstürmenden Kompagnien einsetzte, die sich überdies durch die dichten Rauchwolken durchzuschlagen hatten, welche das Platzen der eigenen Lodditgeschosse an den feindlichen Stellungen verursacht hatte. Es war ein schöner Anblick, so berichtete ein Offizier später, das tapfere Borstürmen unserer ersten Kompagnie über die von Granaten beschossene Fläche anzusehen. Jeder Mann brannte vor Begierde, zum Bajonettkampf zu kommen. Die Linie wurde zusehends dünner, aber die Begeisterung schwand nicht. Sie rückten vor, bis sie im Zwielicht die von unseren Geschossen gerissenen Breschen in der deutschen Stellung erkennen konnten, worauf sie mit Hurra unwiderstehlich eindrangen und die Besatzung niedermachten. Gleich darauf aber» wurden sie mit gewaltigen Schrapnellmengen Überschüttet. Trotzdem erreichte eine Kompagnie nach der andern den Schutz des feindlichen Grabens, und nach einigen Minuten der Ruhe rückte ein Teil der Leute weiter vor. Keine 300 Meter hatten diese zurückgelegt, als ein Wirbelsturm von Maschinengewehrfeuer schwere Lücken in ihre Reihen ritz. Halt wurde befohlen, und die Leute legten sich für etwa eine Stunde platt auf den Boden. Der kleine Trupp zählte 60 Köpfe: Späher wurden ausgesandt und stießen nach rechts hin auf Unterstützung. In diesem Augenblick wurde ein deutscher Offizier mit zwei Mann bemerkt, die ein Maschinengewehr nach einem Verbindungsgraben in der Nähe der Füsiliere trugen. Ehe sie aber ihre Tätigkeit beginnen konnten, erstürmten die Füsiliere den Graben, töteten die drei Deutschen und erbeuteten das Maschinengewehr. Darauf arbeiteten sich diese den Graben hinaus, der zu einem Baumgarten und einem Häuserblock führte, wo der Feind sich stark verschanzt hatte. Eine solche Stellung zu stürmen, waren sie zu schwach. Ein Häuschen, dessen Insassen sie durch Bomben verscheuchten, konnten sie jedoch besetzen. Die nächste deutsche Stellung war 30 Meter entfernt, und von dort aus erhielten die Walliser heftiges Feuer. Sre boten aber allen Anstrengungen des Feindes Trotz und hielten ihre Stellung bis 7^ Uhr am Sonntagabend, um welche Zeit der Rückzug angeordnet wurde und die tapfere Schar abrückte.
Dies ist die offenbar sehr eingehende Schilderung des schließlich doch fruchtlosen Angriffs der walisischen Füsiliere. Nun hat die Times aber noch einen großen allgemeinen Bericht über dieselbe „Schlacht von Festubert", worin diese Füsiliere auch ihren Anteil vom Lobe bekommen, und u. a. einem Feldwebel nachgerühmt wird, daß er an jenem Sonntag mit nur sieben Mann 400 bis 500 Meter deutscher Schützengräben erobert und dabei 102 Mann, darunter 3 ©frisiere, gefangengenommen habe. In dem ganz ausführlichen Sonderbericht steht kein Wort von einer solchen großartigen Tat, die dem Verfasser doch nicht hatte entgehen können. Sie ist also in den allgemeinen Bericht offen
bar zn besserer Nusschmückmtg hinein erfunden worden: wie es scheint, auf Grund des Zwischeufalles von dem eroberten Verbindungsgraben, in welchem ein deutscher Offizier und zwei Mann fielen, so daß in jener Zahl 102 die 1 und dann die 2 richtig wären.
Geistesgegenwart
Ein kriegsfreiwilliger Musketier, der zurzeit verwundet in einer Breslauer Klinik liegt, sendet der „Schlesischen Zeitung" folgenden Bericht über ein dramatisches Erlebnis in Russisch-Polen: „Am Abend be- kamen wir Befehl, uns nach dem Dorfe A. zurückzuziehen und uns dort ins Quartier zu begeben. Wir hatten den ganzen Nachmittag in Reserve gelegen und waren von dem aufgeweichten Boden Russisch-Polens so überzogen, daß wir eher Behackklumpen als Menschen glichen. Aber dessen ungeachtet suchte sich jeder sein Schanzzeug usw. zufammen und schon ging's los. Als wir das erste Dorf erreicht hatten, wurde Rast gemacht und eine Patrouille ausgeschickt, deren Aufgabe es war, festzustellen, ob das nächste Dorf frei vom Feinde sei. Ich war der Patrouille zugeteilt, die aus einem Unteroffizier, zwei Mann und einem Radfahrer bestaub. „Am Eingänge des Dorfes liegt ein Gutshof, und die Chaussee biegt dort rechts um", das war unsere ganze Instruktion. Also machten wir uns aus. Als wir zum Gutshofe einbogen, wurden wir mit mächtigem Schnellfeuer überschüttet. Der Unteroffizier und ein Mann stürzten sofort getroffen hin. Der Radfahrer jagte mit seiner Maschine zurück zur Kompagnie, und ich war russischer Gefangener, ehe ich mich dessen versah oder nur daran dachte, mich zn wehren.
Ich hatte nun Gelegenheit, festzustellen, daß wir auf einen ungefähr zwanzig Mann starken, ziemlich weit vorgeschobenen Posten gestoßen waren. Als ich ins Wohnhaus geführt wurde, war ich nicht wenig erstaunt, im Obergeschoß eine ganze Reihe feindlicher Offiziere vor Karten und Fernfprechapparaten sitzen zu sehen. Ein deutschsprechender Offizier trat an mich ran, klopfte mir vertraulich auf die Schulter und versuchte mich aus- zuhorchen. Als ich ihm jedoch sagte, daß ich lieber sterben würde, als eme Stellung verraten, ließ man mich in Ruhe. Nach geraumer Zeit hörte ich ganz in der Nähe Gewehrschüsse und Hurrarufen, es waren meine Kameraden, die das Gehöft stürmten. Paff von dem plötzlichen Ueberfall, stürzten die Offiziere runter, um nach der Ursache zu sehen, bis auf einen, der ans Fenster trat, um auch was zu sehen. Seinen Revolver hatte er auf dem Tische liegen. Da erwachte in mir die Unternehmungslust, ich sah den Haufen russischer Karten und Papiere, die schönen in Betrieb befindlichen Fernsprech- apparate, und auch im Geiste, wie mich mein Kompagniechef lobte. Also ausspringen, den am Fenster stehenden Offizier mit seiner eigenen Waffe niederstrecken, war das Werk eines Augenblicks.
Nun galt es aber, die Papiere zu erbeuten. Ich verrammelte die Tür mit allen mir zur Hand stehenden Gegenständen und stemmte mich zu guter Letzt, mit dem Revolver bewassnet, selbst dagegen und wartete so der Dinge, die da wohl kommen würden. Wie ich be merkte, hatten sich die Rüsten auf das Haus zurückge zogen, doch auch hier drangen die Unsrigen ein. In des größten Not dachten die Offiziere daran, die Papiere zi vernichten. Sie polterten draußen an der Tür rinn schössen und hieben drauf ein. Schon war ich am Aru und Beinen verwundet, als ich durch die nachgebend Tür einen Stoß am Kopfe erhielt und kraftlos zusam menbrach. Sogleich stürzten die russischen Offiziere rein um zu retten was noch zu retten war. Doch ihnen an dem Fuße folgten die Unsrigen und überrumpelten sie ehe sie noch etwas hatten vernichten können. Die Pa Piere, Karten und Fernsprech-Apparate waren in unsere Hand. Wie ich später erfuhr, soll alles von großer Wich tigkeit gewesen sein. Die Auszeichnung ließ nicht lang', auf sich warten."
3n Den Solls von London.
Was noch nie geschehen, so lauge London eine Geschichte hat, das hat die Riesenstadt jetzt erleben müssen: die Londoner Docks sind von deutschen Geschossen bombardiert worden. Die Londoner Docks: das ist eine eigene Welt, eine ungeheure, phantastische, schmutzige Millionen über Millionen bergende und spendende Welt, zu deren Schilderung sich die Anschaulichkeit eines Dichters, der Tatsachensinn eines Kaufmanns und die Fach- kenntnis eines alten Seefahrers vereinigen müßten.
Da, wo die grauen Mauermassen des Towers von ihrem Hügel drohend über die Themse blicken, breiteten sich früher meilenweit Dörfer aus, kleine Flecken mit Tausenden von Läufern und Zehntausenden von Einwohnern — hier begann zu den Zeiten des alten Lon- öons das flache Land. Dies ganze unabsehbare Gebiet von Dörfern, Gartenlandschaften und Feldern hat, wie Fritz Wernick in einer vortrefflichen Schilderung sagt, der Welthandel enteignet, erobert, verschlungen. Er hat es in die Docks verwandelt, deren Geschichte mit den London Docks vom Jahre 1805 anhebt. In diesem kleinen Worte „Docks" birgt sich nicht mehr und nicht weniger als die ganze weite Welt mit ihren Erzeugnissen, ihrer Arbeit, ihrem Handelsverkehr. Wo früher Straßen und Gärten lagen, da hat man künstliche Seen geschaffen, große tiefe Wasserbecken, die mit gewaltigen Steindämmen und mächtigen Schleusentoren an die Themse grenzen. Und um diese Binnenseen Ijerum erheben sich riesenhafte Warenburgen.
Wie jede andere Stadt gruppiert sich auch die der Docks in Straßen, Gassen und Plätze. Als die weite natürliche Hafenbucht der Themse bei London die Tausende der anlegenden Smifse. als die vorhandenen Lagerräume an ihren Ufern die Masse der Güter nicht mehr zu bergen imstande waren, da grub sich der Handel ins flache Land hinein und schuf sich diese künstlichen Hafenbuchten, um die sich die hohen Steingebäude mit den endlosen unterirdischen Gewölbegängen bildeten, in denen jetzt die Schätze aller Weltteile Unterkunft finden. Die ältesten dieser Docks, außer den London Docks die St. Katherine Docks, die unmittelbar östlich an den Tower grenzen, liegen noch, man kaun sagen, im Herzen der Stadt. Dann aber fraßen sich die Docks immer weiter östlich ins Land hinaus. Die durch die große südliche Ausbiegung der Themse gegenüber Greenwich gebildete Hundinsel wurde zu Docks ausgenutzt, wäh- rend zugleich auf beiden Ufern des Flusses östlich und westlich neue Anlagen entstanden und schließlich die modernste aller Dockanlagen, die Victoria and Albert Docks, wieder noch viel weiter flußabwärts bis Wool- wich hinausgeschoben werden mußten.
Der Reisende, der etwa bei der Nacht zu Schiff in London anlangt und morgens auf Deck kommt, glaubt, wenn er sich im Dock sieht, zu träumen. Er findet sein Schiff, wie Karl Hans Strobl einmal gesagt hat, auf dem Grunde eines verräucherten Schachtes, von schmutzigen Mauern umschlossen, neben einer Menge anderer Schiffe, an einen Steindamm gekettet, gleichsam erdrückt von der Wucht dieser schmierigen Mauern und den Gebirgen von Fässern, Säcke und Stiften, die sich längs des Steindamms hinziehen. Es scheint nnerklär- lich, wie das Schiff in diesen ringsumschlossenen Hof, auf den Grund dieses Schachtes der ins Herz der Riesenstadt hineingebohrt ist, gekommen sein kann. Es chwimmt da auf einr höchst merkwürdigen Flüssigkeit, die schwarzbraun mit braungrün schillernden Flecken, nit violett und rötlich opalisierenden Streifen ist und mit unzähligen Holzwähnen, Pavierfetzen, leeren Kon- ervenbüchsen und kleinen Tonnen „geziert" ist. ^Eiw räges, tückisches, drohendes,
-es und stinkendes Gewässer: das ist die Themse in den Docks von London.
In unserer Bekanntmachung vom 5. Mai muß es hinsichtlich der im Handelsregister B zu Nr. 3 eingetragenen Firma heißen:
Die Firma ist geändert in:
August Gottlieb, Jutespinnerei, Weberei uud Scilerwarenfabrik, Aktiengesellschaft in Hers- selb.'
Hersseld, den 8. Juni 1915.
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