Hersfelder Tageblatt
für den Kreis Hersfeld
Amtlicher Anzeiger
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zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Nr. 128.
Freitag, den 4. Juni
1915
Hersfeld, den 1. Juni 1915.
In Unshausen, Kreis Homberg ist die Maul- und Klauenseuche wieder erloschen.
I. 7206. Der Landrat.
I. V.:
v. H e d e m a n n, Reg.-Assessor.
Hersfeld, den 1. Juni 1915.
Unter den Schafen in Baumbach, Kreis Rotenburg a. F. ist die Räude ausgebrochen.
I. 7214. Der Landrat
I. V.:
v. Hedemann, Reg.-Assessor.
Abgeordnetenhaus.
Das Haus hielt am Mittwoch nur eine ganz kurze Sitzung ab, in der es zu keiner wesentlichen Erörterung kam. Zunächst stand der Entwurf eines Wohnungsgesetzes zur zweiten Beratung, der in Uebereinstimmung aller Parteien »an die Kommission zurückverwiesen werden sollte. Abg. v. Trampczynski (Pole) beantragte, diese Kommission von 21 Mitgliedern auf 28 zu verstärken, damit auch seine Fraktion darin vertreten sein könne. Abg. v. Pappenheim (fonf.) sah keinen Grund dafür, wogegen sich die Abgg. Dr. Pachnicke (fortschr.), Schröder-Cassel, Hirsch (Soz.), Porsch (Str.) und Frhr. v. Zedlitz (freit) für die Verstärkung aussprachen. Darauf zog Abg. v. Pappenheim seinen Widerspruch zurück und das Haus stimmte dem Borschkaae zu. Das vom Herrenhause abgeänderte Gesetz über die Furchrgeerziehung Minderjähriger wurde endgültig angenommen, die Verordnung über ein vereinfachtes Enteignungsverfahren zur Beschaffung von Arbeitsgelegenheit bis zum 30. September verlängert und die Ergänzungsanträge zum Knappschaftskriegsgesetz der Budgetkommission über- wiesen. Dasselbe geschieht mit den Anträgen Arendt (Rp.) und Strombeck (Ztr.) über die Besteuerung der Kriegsgewinne. Nachdem dem Präsidenten die Ermächtigung erteilt worden war, die nächste Sitzung nicht vor Donnerstag nächster Woche anzuberaumen, vertagte sich das Haus.
Hus der Heimat«
* (Zusammenlegung der Sommer- und Herbstferien.) Im Interesse der Einbringung der diesjährigen Ernte haben die Provinzialschul- kollegien im Einverständnis mit dem Kultusminister angeordnet, daß eine Zusammenlegung der Sommer- und Herbstferien stattünden soll. Die Kriegsferien beginnen in den ersten Tagen des August und endigen gegen den 30. September. Für Berlin soll die bisherige Ferienordnung bestehen bleiben.
* („Vermiß t!") Im Publikum besteht der berechtigte Wunsch, über das Schicksal der zahlreichen Vermißten unseres Heeres, soweit irgend möglich, Aufklärung zu erhalten. Diesen Verhältnißen Rechnung tragend, ist von dem Nachweisebüro des Kriegsministeriums in Verbindung mit dem Zentralkomitee der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz eine umfassende Einrichtung zur Ermittlung unserer Vermißten geplant.
* (F r e i e F a h r t f ü r S o l d a t e n.) Die Haushaltungskommission des Reichstages hat einstimmig einen Antrag angenommen, nach dem den beurlaubten Soldaten freie Fahrt zur Heimat und zurück gewährt werden foll. _ o ± r
--- (Rentenbez'üge der F e l ö z ug s t e r l - nehmeraus derJnvalidenver sicherung.) Die Ansprüche auf Renten und Hinterbliebenenbezuge aus der Reichsversicherungsordnung werden durch die militärischeJuvalidenfürsorgenicht berührt. Es haben die der Invalidenversicherung angehörenden Personen, die infolge des Feldzuges invalide werden, neben den auf Grund der militärischen Fursorgegesetze gewahrten Bezügen auch noch Anspruch auf die aus der Invalidenversicherung resultierende Invalidenrente. Dasselbe gilt für die Bezüge der Hinterbliebenen versichert gewesener Feldzugsteilnehmer.
* (Sicherung der Fel de r v o r F e u e r.) Zur Verhütung von Getreidebranden durch Funkenaus- wurf der Lokomotiven machen die Polizeiverwaltungen mit Rücksicht auf die größtmögliche Sicherung der Getreide-Ernte alle Besitzer, deren Grundstücke an Eisenbahnstrecken grenzen, darauf aufmerksam, daß es sich empfiehlt, namentlich bei windigem Wetter, die Felder zu begehen und zu besichtigen. Bei etwaigen Branden sind unverzüglich die OrtspoUzeibehorden, die Bahnstationen und die Feuerwehren zu benachrichtigen und alle Sicherheitsmaßregeln zu treffen.
* (Bauernregeln.) Der Juni und seine Witterung sind sehr wesentlich für das Gedeihen der Ernte auf unseren Feldern. Die Wünsche der Landwirte über die beste Wettergestaltung kommen deutlich in folgenden drei Bauernregeln zum Ausdruck: „Wenn kalt und naß der Juni war, verdarb er meist das ganze Jahr," „Juni dürr und trocken, vertreibt das Frohlocken" und „Wechselt Sonnenschein und Regen, dann gibts reichen Segen." Der Himmel wird hoffentlich ein Einsehen haben und die letzte der genannten Bauernregeln verwirklichen.
§ Hersfeld, 3. Juni. F r u ch t s a f t ins Feld zu schicken ist für jeden, der in seinem Garten Himbeeren oder Erdbeeren gewinnt, ein einfaches Mittel, der Getränkfrage unserer Soldaten einige Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Alkoholhaltige Getränke bekommen wegen ihrer Heizwirkung auf den Körper im Sommer nicht jedem. Fruchtsaft, der kühlend wirkt, erquikt dagegen jedermann, verbessert außerdem auch den Geschmack des Trinkwassers, das natürlich im Felde nicht immer aus mehrfach filtriertem Leitungs- wasser bestehen kann. Es versteht sich natürlich von selbst, daß die Verpackung so sorgfältig erfolgen muß, daß ein Zerbrechen der Flaschen oder ein Auslaufen vermieden wird. Am besten packt man sie in ein Gemisch von Holzwolle und Sägemehl so dick ein, daß sie auch etwas ein hartes Werfen und dergl. übersteuert; dann kann nach menschlichem Ermessen nichts passieren und man macht mit kleinen Mitteln seinen Lieben draußen eine große Freude.
):( Hersfeld, 2. Juni. Dem heutigen Viehmarkt waren 150 Stück Rindvieh zugetrieben. Der Handel ging gut. Gesucht waren hauptsächlich Schlachtvieh und Anspannochsen. Auf dem Schweinemarkt waren 235 Schweine aufgefahren. Der Handel ging bei hohen Preisen flott. Das Paar Ferkel kostete 40 bis 60 Mk., Läufer 100—120 Mk. Der nächste Viehmarkt findet am 30. Juni statt.
):( Hersfeld, 3. Juni, ^em Oberleutnant d. Res. Amtsrichter Funk wurde das Ritterkreuz 2. Klasse mit Schwertern des Großherzogl. Sächsischen Ordens vom weißen Falken verliehen.
):( Hersfeld, 3. Juni. Glockengeläut gab heute mittag den Bewohnern unserer Stadt Kunde von einem neuen Siege. Die heiß umstrittene Festung Przemysl, welche von den Russen mit aller Macht verteidigt wurde, ist seit heute früh wieder im Besitze der Oesterreicher. Die verbündeten deutschen und österreichischen Truppen haben auch diese neue herrliche Waffentat in brüderlicher Gemeinschaft erfochten, und ihren großartigen Erfolgen der vergangenen Wochen diesen für die künftigen Ereignisse besonders wichtigen Sieg hinzugefügt.
Buttlar, 2. Juni. Gestern Nachmittag gegen 4 Uhr wurde die hiesige Gemeinde durch einen großen Waldbrand Forstort Lindig, heimgesucht, innerhalb 2 Stunden wurden ca 20 Hektar jüngerer und älterer Bestand ein Raub des Feuers. Es war ein schauriger Anblick wie die Flammen begünstigt durch Nordwind, die jetzt in so schönem Grün stehenden hohen Birken, Kiefern und Fichten im Nu ihres Schmuckes beraubten und jetzt wie Gerippe noch dastehen. Der voraussichtliche Schaden wird über zehntausend Mark geschätzt. Die Schuld an dem Brande wird einem 20= jährigen Zigarettenraucher, welcher Heidestreu holte, und noch am Platze sich befand, zugeschrieben. Ob der Verdacht richtig ist, wird die eingeleitete Untersuchung ergeben. Einige andere, welche Streu holen wollten, mußten schnell Kehrt machen, um Wagen und Vieh
zu retten. _
Mühlhausen, 1. Juni. Das 14jährige Dienstmädchen Maria G. hat sich in der Nacht zum Sonntag in seinem Schlafzimmer bei seiner Dienstherrschaft mit zur Rattenvertilgung bestimmten Arsenik ver- gistet. Trotz ärztlicher Hilfe trat der Tod gegen Morgen ein. Die Ursache zu dem Selbstmord ist unbekannt. ,
Brückenau, 31. Mai. Em chahrlger Knabe aus Unterleichtersbach hatte sich beim Viehhüten das Seil um den Leib geschlungen. Plötzlich scheute das Tier und ging dem Knaben durch, ihn mit sich fortschleifend. Der Junge fand hierbei den Tod.
Fulda, 31. Mai. Am 10. Juni wird hier ein Viehmarkt stattfinden, dessen Besuch aber solchen Personen verboten ist, die aus Orten kommen, wo die Maul- und Klauenseuche herrscht.
Darmstadt, 1. Juni. Empfindlich aber gerecht wurde der Kolonialwarenhändler J. Göbel in Groß- Zimmern von der Darmstädter Strafkammer wegen Ueberschreitung der Höchstpreise, Betrug usw. bestraft. Er vertritt seit Beginn der Krieges seinen tm Feld stehenden Sohn und hat nun an zahlreiche Landwirte bei der Lieferung von schwefelsaurem Ammoniak, als Düngemittel durch Zusatz von Kamit und Superphosphat, den Stickstoffgehalt außerordentlich vermindert und ferner die festgesetzten Höchstpreise trotz der billigen Mischung um 2 brs 3 Mark den Zentner überschritten, sodaß ein beträchtlicher Gewinn erzielt wurde. Trotzdem er bisher unbestraft ist, wurde er zu drei Monaten Gefängnis und dreihundert Mark Geldstrafe verurteilt.
Bor Wer«.
Heute ist erster Pfingstfeiertag! Man liest dies vom Antlitz der Muttererde ab. Es jubelt das Grün der Wiesen und Weiden, das junge Blätterdach der Bäume. Es leuchtet der Schnee der blühenden Hecken. Die Vöglein frohlocken, die nestgeschäftigen. Der Himmel lacht. Die Erde gesättigt von reichlichem Regen des flanderischen Nachtgewitters saugt brünstig die Sonnenwärme ein. Es recken und dehnen sich Gras, Korn und Laub. Das Auge ruht auf einem Bilde von berückender Lieblichkeit. Es gleitet über Hecken, Baum-Reihen und Gruppen, leichte Hügelwellen und freundliche Gehöfte inmitten von Obstbäumen und heckenumrahmten Weiden. Die Spuren der Zerstörung sind gemildert durch Sonnenschein und freudiges Grün. In Geschoßtrichtern und alten Schützengräben sprießt Gras und Blume. Die Ruinen der Gebäude tauchen unter in den Laubdächern der Bäume, versöhnend neigt sich Gras und Blume über die Gräber der Gefallenen. Hier und da wird ein Flieger beschossen. Sonst steht der Kampf heute nahezu aus dem toten Punkt, doch der rastlose Grimm auf den Feind und die dauernde Gefechtsbereitschaft bezeugen den Ernst der Zeit. Jeder Augenblick tarnt die Schlacht von neuem entfesseln. Sie ist etwas längst gewohntes und schreckt nicht mehr.
Soweit angängig haben die Truppen keinen Dienst. Man ruht, raucht, plaudert. Und da der Tag voraussichtlich nichts weiter bringt, werden die Gedanken frei, die sich sonst um das Werk des Tages drehen. Man spricht von den Pfingstfeiertagen vergangener Jahre. Bilder steigen auf und Erinnerungen und leise kommt ein Heimweh: Könnt ich bei Euch, meinen Lieben, daheim sein. Könnt ich die heimatlichen pfingst- lichen Fluren grüßen. Wäre doch Frieden, jetzt, heute, bald! Ist es nicht ein Unding, der Krieg, die Vernichtung auf dieser prangenden Erde?
Das Heimweh besucht uns so selten. So selten haben die Erinnerungen Platz bei den wechselnden, drängenden Geschäften m? Eindrücken des Tages. Ich liebe diese seltenen Gäste und schon nehmen sie wieder Abschied.
Die Kameraden unterhalten sich über die Beteiligung Italiens am allgemeinen Kampfe gegen uns. Vielleicht kreuzen unsere Verbündeten schon heute die Klingen mit dem Verräter. Einer gelassenen grimmigen Ruhe begegnen diese Erwägungen. „Da werden keine Gefangenen gemacht, wenn die vor die Klinge kommen meint einer die anderen Pflichten bei". Man ist sich dessen gewiß, daß wir auch mit diesem Feinde noch fertig werden, der in die Lücken der anderen springt. Nur, daß der Krieg sich dadurch in die Länge ziehen wird, die Rückkehr in die Heimat in weitere Ferne rückt, das will Niemand gefallen. Daß er die Heimat nicht wiedersähe, das glaubt ja keiner, auch nicht der, der sich einer Aufgabe gegenübersieht, die fast sicheren Tod bedeutet.
So vergeht der Nachmittag. Eine muntere Lust läßt die kleinen Windmühlen sich fröhlich drehen, die in Mengen und in allerhand Formen von unseren Soldaten in Mußestunden angefertigt und auf den Dachfirsten befestigt sind. Der erste Pfingstfeiertag 1915 geht zur Neige. Wer weiß was der kommende Tag bringt. Das wissen wir sicher: der Feind kommt hier nicht durch, und wir harren aus, was auch kommen mag.
Du Wind, der du von Osten kommst, du küßtest des treuen Vaterlandes geheiligte Flur, vernahmst die Laute unserer Lieben, umkostets ihre Köpfe und bringst uns ihre Grüße. Komm, wir danken dir, nimm unseren Grimm mit, der du nach Westen gehst.
Der zweite Pfingstfeiertag. — Er. bringt um 3 Uhr früh die Schlacht. Unser gewaltiges Artilleriefeuer bereitete den Sturm vor, der jetzt im Gange ist.
Gott segne unsere Waffen!
F.
Der falsche Kamerad.
(Zu singen nach der Weise und im Anschluß an Uhlands „guten Kameraden".)
Ich hatt' einen Kameraden, Einen falschern findst Du nit!
Die Trommel schlug zum Streite,
Er schlich von meiner Seite :,: In Feindes Reih und Glied. :,:
Seine Kugel kam geflogen,
Sie nahm mein Herz zum Ziel
Doch heil sind meine Glieder, Mein Schwertstreich schlug ihn nieder,
:,: Dem Tode er verfiel. :,:
Will mir die Hand nun reichen,
Da sich sein Ende naht.
„Mag Dir die Hand nicht geben,
Bleibst auch im ew'gen Leben
:,: Verdammt für den Verrat!" :,:
Berlin. Oberst a. D. Cardinal von Widdern.
Wetteraussichten für Freitag den 4. Juni Wolkig, meist warm, westliche Winde.