Hersfelder Tageblatt
für den Kreis Hersfeld Willst
Amtlicher Anzeiger ^^;
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Nr. 127.
Donnerstag, den 3. Juni
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.
Bus der Heimat«
):( Hersfeld, 2. Juni. Auf die im Anzeigenteil der heutigen Nummer abgedruckte Bekanntmachung des Reichsbank-Direktoriums, betr. die Ausgabe der Stücke der zweiten Kriegsanleihe sei auch an dieser Stelle aufmerksam gemacht.
Gaffel, 1. Juni. (Vom Tode des Ertrinkens gerettet.) Der Landsturmmann L. von hier, welcher auf Wilhelmshöhe weilte, bemerkte am Freitag nachmittag, daß der 5 Jahre alte Sohn des Beamten R. in den Cascadenteich stürzte. L. sprang sofort in den Teich und es gelang ihm, den Jungen vom Tode des Ertrinkens zu retten. Der ohnmächtige Knabe wurde in eine nahe gelegene Wirtschaft getragen, wo er, sowie sein Retter, mit trockenen Kleidungsstücken versehen wurden.
Gaffel, 1. Juni. (Die Haftpflicht des Gastwirts.) Mehrere Gäste hatten in einer Wirtschaft an einem Tische in der Nähe des Billards Platz genommen um Skat zu spielen. Einige Zeit darauf spielten andere Gäste Billard. Hierbei erhielt einer der Skatspieler mit dem schweren Ende eines Billardstockes einen starken Stoß gegen den Hinterkopf, was eine teilweise Erwerbsuntätigkeit zur Folge hatte. Der Geschädigte verklagte den Gastwirt auf Schadenersatz. Dieser wurde auch zur Zahlung einer Rente verurteilt. Das Reichsgericht bestätigte das Urteil. Der Gastwirt habe die erforderliche Sorgfalt außer acht gelassen. Er habe den Tisch, an'dem die Skatspieler Platz genommen, dem ^Billard zu nahe aufstellen lassen. Ferner habe der Gastwirt das Billardspiel ohne eine Fürsorge gegenIeine etwaige Schädigung der Skatspieler zugelassen.
Naumburg UBez.UCassel), 28. Mai. Vor dem gestrigen Schöffengericht kamen 8 Fälle gegen wissentlich unrichtige Angaben von Getreidevorräten zur Verhandlung.. 1. Der Landwirt R. aus Altendorf hatte 50 Zentner Hafer und 12 Zentner Weizen in seinem Besitze nicht angegeben. Er wurde zu 360 Mark Geldstrafe verurteilt. 2. Die Witwe W. von Altenstädt hatte 15 Zentner zu wenig angegeben,' 50 Mark Geldstrafe. 3. Der Landwirt D. von hier hatte 14 Zentner Hafer nicht angegeben; 90 Mark Geldstrafe. 4. Landwirt I. G. I. hatte 21 Zentner Hafer zu wenig angegeben- 70 Mark Geldstrafe. 5. Landwirt A. I. hatte 19 Zentner Hafer zu wenig angegeben,' 100 Mark Geldstrafe. 6. Der Metzgermeister M. hatte 15 Zentner Roggen nicht angegeben. Hier wurde die Verhandlung vertagt, weil noch neue Zeugen vernommen werden sollen. 7. Der Landwirt V. hatte 20 Zentner Roggen nicht angegeben,' 240 Mark Geldstrafe. Im 8. Falle erkannte das Gericht auf Freisprechung.
Erfurt, 28. Mai. Ein Herr aus Saalfeld der in Gemeinschaft mit seiner Frau am Mittmch Abend von Frankfurt a. M. aus in Neudietendorf eintraf, stieg dort, anstatt in den Saalfelder Zug, in den nach (Nstha fahrenden. In Seebergen wurden die Beiden ihren Irrtum gewahr. Beim Aussteigen brach der Mann, der sich besonders aufgeregt hatte, auf dem Bahnsteig zusammen und verstarb infolge Herzschlages, auf der Stelle. Die Leiche wurde am anderen Tage nach Saalfeld gefahren.
Vom Eichsfelde, 1. Juni. Trotz genügender Warnungen seitens der Ueberlandzentrale und der Schule bestieg in Neustadt (Kr. Worbis) em Schul- knabe einen Mast der elektrischen Fernleitung, blreb nach dem Berühren eines Drahtes kurze Zeit daran hängen und stürzte schließlich ab. Im Blercheroder Krankenhause mußte ihm die rechte Hand abgenommen werden.
Würzburg, 29. Mai. Eine entsetzliche Bluttat spielte sich in einem Hause der Ziegeleistraße ab. Der 16jährige Lehrling Spindler, ein arbeitsscheuer Bursche, kam mittags zum Essen und verlangte nachher von seinem Vater, einem Rangiermeister 4 Mark. Nachdem der Vater dies verweigerte, bedrohte er ihn. Schließlich zog er einen Revolver und gab einen Schuß auf seinen Vater ab. Die Kugel traf den Mann in das Herz. Spindler stürzte tot zu Boden. Der Sohn wurde von Hausbewohnern festgenommen und dann der Polizei übergeben.
Kriegsjugendwehr der deutschen Turnerschast in Serrseld.
Die Bedeutung der Turnvereine besteht in der Tatsache, daß sie unablässig an der Gesnndhiit lhrer Mitglieder durch das Turnen arbeiten. Unter Turnen versteht man den Betrieb der Leibesübungen zur körperlichen und sittlichen Ertücht>gung. Der Korper KÄÄ
werden. Aber auch zur sittlichen Ertüchtigung sollen die Leibesübungen führen, sie sollen Mut, Ausdauer und Kraft entwickeln, sie sollen jenes unbeugsame Wollen, jenes unvergleichliche Draufgängertum erzeugen, durch das sich unsere kämpfenden Truppen in so herlicher Weise ausgezeichnet haben. Sich ansge- zeichnet zu haben, dürfen die im Felde stehenden Turner mit Recht von sich behaupten. Schließt doch, um nur ein's hervorzuheben, der kommandierende General der 9. Armee, Exz. von Scheffer — Bopadel, ein am 29. Dezember v. Js. der Casseler Turngemeinde 1848 e. B. zugegangenes Antwortschreiben mit folgendem Satz:
„Wir haben festgestellt, daß diejenigen, öieTurnveretnenangehörthaben, am besten aus hielten."
Die Turner werden stets ihre volle Schuldigkeit tun. Diesen Gedanken brächte der Herr Generalfeldmarschall, Freiherr von Goltz in seinen Erinnerungen an das 12. Deutsche Turnerfest in Leipzig in folgenden Worten zum Ausdruck:
Der sachliche Ernst, der bei den Uebungen vorwaltete, üvertrug sich e r - s i ch t l i ch a u ch a u f d i e Z u s ch a u e r. D i e g r o ß e Mehrzahl i st sicherlich, wie i ch, m i t einem nachhaltigen Eindruck von Leipzig geschieden und hat die Zuversicht in die Heimat m i t g e n o m m e n, d a ß D e u t s ch l a n ds Größe, Einheit und Kraft auch auf den Schultern der jungen Genaration von heute fest und sicher ruhen wird.
Es ist gewiß sehr beklagenswert, daß noch ein großer Teil der Jugend den Bestrebungen der Deutschen Turnerschaft nur ein geringes oder überhaupt kein Verständnis entgegen bringt. Umsomehr ist der Erlaß der drei vereinigten Ministerien des Kultus, des Krieges und des Innern zu begrüßen. in dem die Erwartung ausgesprochen wird, daß auch diejenigen jungen Männer, die bis jetzt den Veranstaltungen für die sittliche und körperliche Kräftigung ferngeblieben sind, es nunmehr als eine Ehrenpflicht gegenüber, dem Vaterlande ansehen, sich freiwillig zu den angesetzten Uebungen einzufinden." Dieser Aufruf hat dann auch einen kräftigen Widerhall in vielen Städten u. Dörfern gefunden. Die Jugend hat sich zu Jugendkompagnien zusammengeschlossen, um sich für den Eintritt in das Heer vorbereiten zu lassen. Auch sind in einer großen Anzahl Turnvereinen selbständige Jugendwehren eingerichtet worden.
Auch hier in Hersfeld wurde im Herbst vorigen Jahres eine Kriegsjugendwehr gebildet; die schulentlassene Jugend aus allen Kreisen war zum Eintritt in dieselbe unter Hinweis auf die große Bedeutung, die einer kräftigen gesunden Jugend gerade in der gegenwärtigen ernsten Zeit beizumessen sei, ersucht worden. Leider hat sich die Wehr wieder aufgelöst. Was die Auflösung herbeigeführt hat das zu untersuchen ist jetzt Nebensache. Hauptsache bleibt, die Jugend zur neuen Wehr zu sammeln. Wie lange der Krieg noch dauern wird, kann niemand voraussehen. Ob nicht unsere jungen Leute in den nächsten Zeiten auch noch zu den Waffen gerufen werden, vermag heute niemand mit Sicherheit zu behaupten. Es liegt alle Ursache vor, daß sich unsere Jugend so gut wie irgend möglich für den späteren Heeresdienst vorbereitet. Es leuchtet doch gewiß ein, daß diejenige kriegführende Macht die beste sein unb bleiben wird, die in möglichst kurzer Zeit recht viele und gut ausgebildete Ersatzmannschaften ins Feld schicken kann. Alles dies hat den Ausschuß der Deutschen Turnerschaft veranlaßt, erneut auf den großen Nutzen hinzuweisen, den die Teilnahme der Jugend an den Wehren im Gefolge haben kann und daran die dringende Mahnung an die Turner geknüpft, in die am Orte bestehenden Wehren einzntreten oder solche zu bilden.
Die Gauleitung des Oberfulda-Werra-Gaues erachtet es daher als ihre Pflicht, gestützt auf die Turnerschaft in Hersfeld den Versuch zu machen, eine Kriegsjugendwehr von neuem in's Leben zu rufen. Zum Eintritt in dieselbe haben sich bereits 69 Jünglinge durch Unterschrift verpflichtet. Die Verpflichtung besteht darin, an den. an jedem 2ten Sonntag zumeist an den Nachmittagen geplanten Uebungen regelmäßig teilzunehmen. Die Teilnahme soll sich aber keineswegs allein auf die Turner Hersfeld's erstrecken, sondern es wird seitens der Gauleitung die ebenso dringende wie herzliche Bitte an die übrige Jugend von Hersfeld gerichtet, durch ihren Eintritt in die Kriegsjugendwehr in dieser ernsten Zeit ein schönes Bild patriotischer Betätigung und Gesinnung zu zeigen: natürlich wird auch diesen jungen Leuten gern gestattet, an den wöchentlich am Dienstag und Freitag Abend statt- findenden Turn- und Spielstunden des Turnvereins Hersfeld e. V. oder an den gleichen auf die Mittwoch Abende gelegten Uebungsstunden des Turnvereins Iahn sich zu beteiligen, ohne, daß ein Zwang besteht, Mitglieder dieser beiden Turnvereine zu werden.
Die erste Uebung ist für nächsten Sonntag den 6 Juni vorgesehen und soll in einem Geländemarsch bestehen. Abmarsch pünktlich um 2 Uhr vom Markt- vlatz aus.
Die Gauleitung des Oberfulda-Werra-Gaues hat aus allen Kreisen von Hersfeld im Laufe der letzten
Jahre wiederholt Entgegenkommen und Unterstützung gefunden, sodaß sie auch diesmal hoffen darf, wesentliche F ö r d e r u n g ihrer B e st r e b u n g e n insbesondere von denjenigen Kreisen zu erhalten, die in der Lage sind, auf die schulentlassene Jugend ein- zuwirken. Will doch der Oberfulda-Werra-Gau und mit ihm die gesamte Turnerschaft nicht erlahmen in der vor über 100 Jahren begonnenen Arbeit des Turnvaters Iahn, die so überaus reichen Segen für Deutschland's Jugend gebracht hat.
Ein stolzes Gefühl der Wonne, des Vertrauens und der festen Zuversicht auf einen guten Ausgang der schweren Kämpfe muß uns umfassen, da wir sehen, wie ein einig Volk von Brüdern sich die Hände gereicht hat, um das zu schützen und zu verteidigen, was allen gemeinsam angehört, das geliebte Deutsche Vaterland, das heil'ge Land der Treu'"! Die herrliche Saat, die jetzt unter dem Waffengeklirr und Kanonendonner, unter dem dröhnenden Hurrarufen ihrer Ernte entgegenreift, sie mnß gepflanzt worden sein, und eine ihrer Hauptpflanz- und Pflegestätten war und ist die Deutsche Turnerschaft. Darum darf jetzt wiederum die Turnerschaft nicht zurückhalten mit dem Ruf und der Bitte an die Hersfelder Jugend:
Hinein in die Jugendwehr der Hersfelder Turnerschaft!
Alle, alle sind herzlich willkommen.
Die Gauleitung des zum 7. Deutschen Turnkreis gehörigen Oberfulda-Werra-Gaues.
Der Krieg und die italienische Freimaurerei.
Es kann heute keine Frage mehr sein, daß der beispiellose Treubruch Italiens, daß dieser schmählichste Verrat, den die Weltgeschichte bis heute kennt, zum größten Teil das Werk der italienischen Freimaurerei ist. Dafür sprechen tausend Gründe, nicht nur die Beteiligung der 400 Freimaurerbanner bei der Denkmalsweihe in Quarto und das Auftreten des ehemaligen Bürgermeisters von Rom, Ernesto Nathan, die Konspiration des Großorients von Italien mit der französischen Botschaft in Rom, die bekannten politischen Aufrufe der italienischen Logen und die Teilnahme des Großmeisters von Italien an Besprechungen in Paris mit einflußreichen Persönlichkeiten der französischen und der englischen Freimaurerei. Mit Recht bemerkt zu diesen Tatsachen die „Frankfurter Zeitung", vom 23. Mai 1915: „Später erst werden unwiderlegliche Dokumente den Anteil der Freimaurerei an diesem Kriege feststellen können. Aber es ist sicher, daß ihr Anteil groß ist und schon zu Beginn des Krieges zu einem vollständigen Bruch mit den Logen in den germanischen Ländern führte."
Diese Feststellung der „Frankfurter Ztg." entspricht, wenigstens soweit die d e u t s ch e Freimaurerei in Frage kommt, durchaus den Tatsachen! Das Vorgehen der romanischen Freimaurerei hat bei den deutschen Logen von vornherein die allerschärfste Mißbilligung gefunden, und man rückte sehr energisch von dem Treiben der „Entente-Freimaurerei" ab.
Im Gegensatz zu der romanischen Freimaurerei, der Iich neuerdings die Großloge von England verbündet hat, haben die deutschen Logen sich von jeher allem ferngehalten, was Politik heißt, getreu ihren Grundsätzen, nach denen „der Freimaurerbund ein sittlicher, aber kein politischer noch kirchlicher Verein ist." In Nr. 7 der „Allg. maurerischen Grundsätze", die in Deutschland unbestritten die Richtschnur für alle anerkannten Logen bilden, heißt es: „Der Frei- maurerbund beteiligt sich nicht an politischen oder kirchlichen Parteikämpfen und vermeidet alles, was zu konfessionellem oder politischem Streite führt. Die Loge ist ein neutraler und friedlicher Tempel, dessen Schwelle die Leidenschaft des profanen Lebens nicht überschreiten darf."
Diesen Grundsätzen allein verdankten die deutschen Logen die Gewogenheit Kaiser Wilhelms I. und Kaiser Friedrichs I1L; und wenn sich heute an diesem Charakter der deutschen Freimaurerei irgend etwas geändert hätte, dann wäre es wohl ganz und gar ausgeschloßen, daß der Schwager Kaiser Wilhelms IU Prinz Friedrich Leopold von Preußen, das Protektorat über die preußischen Großlogen führen könnte, oder daß der regierende Großherzog von Hessen, Ernst Ludwig, die Große Freimaurerloge „Zur Eintracht" in Darmstadt seines Protektorats würdigen würde.
An diese Tatsachen darf wohl heute erinnert werden, damit nicht, angesichts der politischen Quertreibereien der Logen in den Entente-Ländern, die deutschen Logen und ihre Auffassung des frei- maurerischen Gedankens in einen Topf geworfen werden mit den durch nichts zu rechtfertigenden Ver- irrungen der Freimaurer Italiens, Frankreichs und Englands. Die Gerechtigkeit verlangt, daß man hier eine strenge Scheidung vornimmt zwischen den deutschen Freimaurern und den Logen in Italien und Frankreich, zu deren Bundesgenossen die englische Großloge sich, unter Preisgabe ihrer bisher als maßgebend verkündeten Grundsätze, hergegeben hat.