Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Zersselder
für den Kreis Hersfeld
MMI
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Nr. 134.
Sonntag, den 30. Mai
1915
Für Juni
nehmen alle Postanstalten sowie die Geschäftsstelle Bestellungen auf das t^diitr l^M
entgegen.
Hersfeld, den 29. Mai 1915.
Die in Hebel Kreis Homberg ausgebrochene Maul- und Klauenseuche ist erloschen.
I. I. Nr. 7103. Der Landrat.
I. V.:
v. Hedemann, Reg.-Assessor.
Unsere D Helden.
Mit dem „E i s e r n e n K r e u z1. K l a s s e" ausgezeichnet wurde aus Bebra Herr Lehrer Schuchardt, Leutnant d. R. und Kompagnieführer, nachdem er im November vorigen Jahres das Eiserne Kreuz 2. Klasse erhalten hatte.
Mit dem „Eisernen Kreuz" ausgezeichnet wurden: Gefreiter Otto Prediger, Art.-Regt. 241, Hersfeld. — Kriegsfreiwilliger Jacob Hebel, im 2. Hanseatischen Rgt. 76, Hersfeld. — Jäger Heinrich Bickhardt, Nes. Jäger Batt. Nr. 11, Niederaula. — Unteroffizier Ries, Res. Jnf. Rgt. Nr. 71, Hersfeld. — Krankenträger Gefreiter Johannes Schmidt, Res. Jnf. Rgt. 71, Obersuhl. -
Der Lippesche Tapferkeitsorden wurde verliehen: dem Unteroffizier H. Pfaff, Husaren Rgt. 14, Oberlengsfeld.
Auf dem Felde der Ehre fielen: Wehrmann Johs. Klett, Res. Jnf. Rgt. Nr. 32, Hersfeld. - Pionier Johs. Adam Henning, 1. Landw. Pionier Komp., Unterstoppel. — Pionier Peter Brand, Pionier- Rgt. 23, Tann.
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag nahm seine Arbeiten am Freitag wieder auf. Vor Eintritt in die Tagesordnung nahm Reichskanzler v. Bethmann Hollweg das Wort zum Eingreifen Italiens in den Krieg. Er führte aus, daß die Hoffnung auf ein neutrales Verhalten Italiens getrogen und die italienische Regierung selbst diesen Treubruch mit blutigen Lettern in das Buch der Weltgeschichte eingetragen habe. Ohne einen Tropfen italienischen Blutes konnte Italien eine lange Reihe von Zugeständnissen haben. Warum haben die Herren Salandra und Sonnino das nicht genommen 2 Wollten sie etwa auch das deutsche Tirol erobern? „Hände weg, meine Herren!" rief der Kanzler aus und das Haus begrüßte diese Worte mit stürmischem Beifall. Das italienische Grünbuch verberge ein schlechtes Gewissen hinter hohlen Phrasen. Die römischen Staatsmänner hatten kein Recht, an die Vertrauenswürdigkeit anderer Nationen ihren eigenen Maßstab anzu- legen. Wenn Deutschland bürgte, da war kein Mißtrauen. Wie gegen Deutschland, so habe die italienische Regierung gegen das eigene Volk gespielt, das nichts vom Kriege wissen wollte, wie auch das Parlament nicht. Aber die Vernunft kam nicht mehr zu Worte es herrschte allein die Straße und diese war bearbeitet vom Golde des Dreiverbandes. Das Volk werde aber später erkennen, wie es in diesen Krieg hrnerngehetzt wurde. Dem Fürsten Bülow danke das ganze deutsche Volk. Wir werden auch diesen Sturm aushalten. Am Geiste der Treue und Freundschaft und Tapferkeit werden auch neue Feinde zuschanden werden, (toturm. Beifall.) Die Türkei feiere in diesem Kriege eine glänzende Wiedergeburt, die das deutsche Volk mit Begeisterung verfolge. Gegen die lebendige Mauer im Westen seien die Feinde bisher vergeblich angestürmt, der Durchbruch sei ihnen nicht gelungen. Trotzdem wagt die englische Regierung ein Lugen- dokument über angebliche Grausamkeiten in Belgien zu verbreiten, dem nur ein verrücktes Gehirn Glauben schenken könne. Nicht mit Haß führe Deutschland den Krieg, aber mit heiligem Zorn. E mrlder uns^der Sturm durchtobt, um so fester munen wir das eigene Haus bauen. (Stürm. Beifall.) Der Kanzler schloß seine Rede mit dem Danke des Kaisers an den Reichstag ; im gegenseitigen Vertrauen darauf, daß wir eins
seien, werden wir siegen ! (Stürm. Beifall und Händeklatschen.) Abg. Graf Westarp (kons.) beantragte, sich zu vertagen. Das Haus stimmte dem zu und die Sitzung schloß nach halbstündiger Dauer. Sonnabend kommen die kleineren Vorlagen zur Verhandlung.
Bus der Heimat.
* (Schulausflüge in der Kriegs zeit.) Es kommt jetzt die Zeit, in der sich die Schulen zu ihren Schulausflügen rüsten. Schon früher ist wiederholt die Frage behandelt worden, sollen die Schulausflüge ganz abgeschafft werden oder aber soll nur ihre gegenwärtige Form einer anderen weichen. Viele Lehrer werden, wie der „Ha. Kur." schreibt, das erste vorziehen, und wer einmal einen Blick hinter die Kulissen einer Vorbereitung dazn getan hat, kann diesen Wunsch vorstehen. Es ist keine Kleinigkeit, ein Rudel ausgelassener Kinder so im Zaume zu halten, daß auf der Eisenbahn und sonstwo nichts passiert und die ganze Gesellschaft nach vollbrachter Reise den Eltern wieder abzuliefern. In diesem Kriegsjahre, in dem die Lebenshaltung so sehr gestiegen ist, viele Väter sich im Felde befinden und die Mütter andere Sorgen haben, wird sich die Frage leicht lösen lassen. Es wird empfohlen, die Schulausflüge nicht in der Form stattfinden zu lassen, daß sie sich auf einen ganzen Tag erstrecken, sondern vielmehr nur auf einzelne Nachmittage in einer Weise, die den Eltern keine Kosten verursachen. Einfachheit und Sparsamkeit kann in dieser Zeit nicht stark genug betont werden. Die Wanderung sollte in ihrem ganzen Verlaufe zu Fuß geschehen. Es wird nirgends eingekehrt, die Schüler nehmen etwas Proviant mit
* Die Militärvorbereitungsanstalt in Jena, die zurzeit gegen 600 Jungfüsiliere im Alter von 15 bis 17 Jahren aus dem Bezirk des 11. Armeekorps aus- bildet, wird vermutlich um die Mitte des Jahres in eine Unteroffiziervorschule umgewandelt werden. Diese wird zwei Kompagnien stark sein. Wahrscheinlich werden vom 1. Juli ab noch zwei Kompagnien der Militärvorbereitungsanstalt bis auf weiteres daneben bestehen bleiben.
*(DiedeutschenSparkassen.) Die außerordentlich günstige Entwicklung der deutschen Sparkassen seit Beginn des Krieges hat auch im April angehalten. Aeußerlich ist das allerdings nicht ohne weiteres erkennbar, da auch in diesem Monat ebenso wie im März zahlreiche Sparkassen die für die Zeichnungen ihrer Sparer auf die Kriegsanleihe verwandten Spareinlagen als Rückzahlungen gebucht haben. Läßt man diese Posten außer Betracht, so ist nach den Untersuchungen des Amtsblattes des Deutschen Sparkassenverbandes, der „Sparkasse" für den April eine Zunahme der Spareinlagen um über 200 Millionen Mark gegen 80 Millionen Mark im April vorigen Jahres zu verzeichnen. Nunmehr hat seit Beginn des Jahres der Ueberschuß der Einzahlungen über die Abhebungen bei den deutschen Sparkassen — abgesehen von den Abhebungen für die Kriegsanleihe — den Riesenbetrag von einer Milliarde Mark überschritten. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die Entwicklung in gleichem Maße fortschreitet. Zu berücksichtigen ist auch noch, daß die Sparkassen am Jahresschluß ihren Sparern den Betrag von etwa 700 Millionen Mk. an kapitalisierten Zinsen gutschreiben werden, welche den Sparkassen im Laufe des Jahres in Gestalt von Hypothekenzinsen und sonstigen Erträgnissen ihrer Kapitalanlagen zufließen und in obigen Ziffern nicht enthalten sind. Bis jetzt haben in der „Sparkasse" 567 Sparkassen ihre Bilanzen für 1914 veröffentlicht. Ihr Einlagenbestand ist in 1914 von 6,04 auf 6,31 Milliarden Mark, also um 4,4 Prozent, gestiegen.
* (An die klageseligen B r i e f s ch r e i b e r i n n e n.) Ludwig Ganghofer kommt in den neuesten seiner Feldzugsbriefe von der Front im Osten auch auf eine Albernheit zu sprechen, die schon oft, leider aber scheinbar ohne zureichenden Erfolg, gerügt worden ist: auf die törichte und gedankenlose Briefschreiberei mancher weiblichen Angehörigen von Kriegsteilnehmern. Nach der Durchbruchsschlacht am Dunajec kam Ganghofer in eroberte russische Schützengräben und fand da in einem deutschen Unterstand deutsche Postkarten und Briefe, die der Feind den Unsern, den Verwundeten, Gefallenen oder Gefangenen abgenommen hatte. Die Lektüre dieser Blätter machte ihm wenig Freude. „Nur selten", schreibt er, „lese ich da ein tapferes, hilfreiches, aufrichtendes Wort, fast immer nur Sorge und Klage und Jammer 1 Und unter vier von diesen Briefen steht gleichlautend in dreien, daß man daheim um teures Geld kein Mehl mehr bekäme, und daß man einer „schrecklichen Hungersnot" entgegenginge! Das ist doch nicht wahr! Ist dummes Zeug! Wie kann man nur solch unüberlegtes Gerede an unsere Soldaten im Felde schreiben! Wenn die Braven, die unter Gefahr und Feuer stehen, solch verzagtes Gewimmer von denen hören, die sie lieb haben — ist es da ein Wunder, wenn auch mancher unter ihnen verzagt? Und darf man dann schelten darüber, wenn die feindlichen Offiziere — wie gestern ein russischer Gefangener aussagte — ihren
Soldaten die Lüge predigen: „Nur ein paar Wochen müßt ihr noch aushalten! Bis in einem Monat sind Deutschland und Oesterreich und ihr Volk und Heer verhungert!" — Ihr daheim! Bevor ihr ein Recht habt, von unsern Soldaten zu verlangen, daß sie um Eures Lebens willen mutig sein und aufrecht bleiben sollen, müßt Ihr selber aufrecht sein und Mut in Euch selbst erziehen! Schiebt alles Kleine und Kleinliche beiseite, seid so groß, wie Ihr sein könnt, wenn Ihr Euch auf Euren eigenen Wert besinnt! Schreibt an die Soldaten im Felde von Eurer Zärtlichkeit und Liebe, aber schreibt nur aufrechte und helfende Worte, nur Worte des Mutes, Worte des Vertrauens, Worte des Glaubens an unsern Sieg! Die Brotkarte ist doch nur eine kluge Einrichtung, kein Schicksalsschlag! Und statt vor einer Hungersnot zu zittern, die gar nicht kommen wird, ist es doch wesentlich leichter, an einen Sieg zu glauben, der schon erfochten ist."
§ Hersfeld, 29. Mai. Es sei an dieser Stelle daraus aufmerksam gemacht, daß Gesuche erblindeter Kriegsteilnehmer aus der Stadt und dem Kreise Hersfeld ebenwohl Berücksichtigung bei der Verteilung der Zinsen der August und Agnes Gottlieb Blindenstiftung finden. Derartige Gesuche sind an den Magistrat (Armenverwaltung) der Stadt Hersfeld zu richten.
Cassel, 26. Mai. Als Termin für den Beginn der dritten diesjährigen Schwurgerichtsperiode für den Landgerichtsbezirk Cassel ist Montag, der 14. Juni in Aussicht genommen. Ob der Termin innegehalten werden kann, hängt davon ab, ob bis dahin eine genügende Anzahl Anklagesachen spruchreif gemacht werden können.
Treysa, 27. Mai. Die hiesigen Schlächter haben wegen des Mangels an fettem Schlachtvieh den Verkaufspreis für alle Fleischsorten erhöht. Man bezahlt nunmehr für Schweinefleisch 1,20 Rindfleisch 1 und Kalbfleisch 0,90 Mk.
Treysa, 25. Mai. In dem benachbarten Orte G. wurde dem Landwirt B. eine unangenehme Ueber- raschung bereitet, als er seine Wertpapiere nachsah und ein größeres Stück von Mäusen benagt vorfand. Auch einige Hundertmarkscheine hatten in derselben Weise Schaden gelitten. Glücklicherweise waren die Nummern noch erkennbar und die Beschädigungen geringfügiger Art, so daß kein größerer Verlust verursacht worden war. Immerhin mahnt das Vorkommnis zur Vorsicht, Wertpapiere nur in geeigneten Behältern aufzubewahren.
Marburg, 28. Mai. Im Dorfe Niederklein sind heute die beiden elfjährigen Knaben Junghaus und Schäfer beim Baden ertrunken.
Marburg, 28. Mai. Hier wurden zwei Bürschchen im Alter von 14 und 16 Jahren festgehalten, die auf der Reise nach den Schützengräben in Frankreich von Spandau aus im Bremserhäuschen eines Militärzuges unbemerkt Platz gefunden hatten. Die Ausreißer kamen einstweilen ins städtische Arbeitshaus.
Fritzlar, 28. Mai. Bei der Einfahrt eines Per- sonenzuges in die hiesige Station geriet eine 12jährige Schülerin unter die Räder des Zuges, wurde ttber- fahren und auf der Stelle getötet.
Rauschenberg, 28. Mai. Wegen des Benzin- und Benzolmangels muß die Stadt, da das Wasserwerk, das gegenwärtig ruht, aus gesundheitlichen Gründen schnellstens wieder in Betrieb kommen muh, den Anschluß an das Elektrizitätswerk der Hemfurther Talsperre beschleunigen.
Dörnberg, 26. Nai. Ein verwegener Uebersall ereignete sich am 2. Pfingstfeiertage vormittags im Habichtswalde oberhalb des sog. Ziegenkopfes. Ein dort bedienstetes Mädchen, welches jeden Morgen Milch von der Sichelbach holt, wurde von zwei Wegelagern Überfällen. Sie versuchten das Mädchen zu mißbrauchen und es seiner Barschaft zu berauben. Auf die Hilferufe des Mädchens eilte ein in der Nähe hütender Schäfer herbei und befreite die Bedrängte worauf die Unholde im Dickicht verschwanden. Da schon mehrere Male Ueberfälle auf Passanten des Habrchtswaldes gemacht worden sind, so wäre es wünschenswert, wenn die Sicherheitsbehörde auf die Gesellen ein wachsames Auge hätte.
Vleichenbach (Oberhessen), 2£ Mai Hier verschied vor einigen Tagen der Lehrer Rudolf Diehl nach 48- jähriger Wirksamkeit. Die Familie Diehl übt bereits seit 200 Jahren die Lehrtätigkeit dahier aus.
Hagen, 27. Mai. Bei der Arbeit wurde der Eisenbahnhilfsarbeiter K. von einem Zuge überrascht, der dem Unglücklichen den Kopf vom Rumpfe trennte.
Sundwig, 28. Mai. Der aus dem Hessischen stammende Maurer Röll geriet auf dem hiesig. Messingwerk bei Umbauarbeiten unter einen Eisenträger, der ihm das rechte Bein zermalmte und den rechten Oberschenkel schwer verletzte, sodaß der Verunglückte alsbald den schweren Verletzungen erlag.
Wetteranssichten für Sonntag den 80. Mai.
Ziemlich wolkig, zeitweise Niederschläge, etwas kühler, nordwestliche Winde.