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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Vuchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

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für den Kreis Hersfeld

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Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder- holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Nr. 121

Donnerstag, den 27. Mai

1915

Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.

Für Juni

nehmen alle Postanstalten sowie die Geschäftsstelle

Bestellungen auf das

Wsckn lüücblatt

entgegen.

Bus der Heimat.

* Der Po st verkehr zwischen Deutschland und Italien ist gänzlich eingestellt und findet auch auf dem Wege über andere Länder nicht mehr statt. Es werden daher keinerlei Postsendungen nach Italien mehr angenommen, bereits vorliegende oder durch dieBriefkasten zurEinlieferung gelangende Sendungen werden den Absendern zurückgegeben. Der private Telegraphen- und Fernsprechverkehr zu und von Italien ist ebenfalls eingestellt.

* (Kein Taback für Jugendliche.) Das Zigarettenrauchen hat bei Jugendlichen und selbst Schulkindern in den letzten Jahren derartig zuge- nommen, daß sich schon öfter Schulverwaltungen ge- nvligt sahen, sich mit dieser Unsitte zu beschäftigen. Es drohen daraus ernste Gesahreu für die Volksge­sundheit. Auf den jugendlichen Körper wirkt das Rauchen ja ganz besonders schädlich. Neben den vor­übergehenden Erscheinungen wie Uebelkeit, Kopf­schmerz, Erbrechen, Herzklopfen und anderen mehr, wird auch eine wesentliche Schädigung dadurch her­vorgerufen, daß bei häufigerem Rauchen Verdauungs­störungen und Erregungen des Nervensystems die Folge sind. Diese führen zu Blutarmut und Nerven­schwäche, wodurch die körperliche Entwicklung gehemmt wird. Außer dem Schaden an Gesundheit hat das Rauchen aber die weitere Wirkung, daß die Jugend vorzeitig zu einer übermäßigen Wertschätzung äußerer Genüsse kommt, die auf Nervenreizung beruhen und nur mit Aufwand von Geld möglich sind. Zuträg­licher ist es, wenn sich die jungen Leute der natür­lichen .Lust und Freude an ausgiebiger Körperbe­wegung in freier Luft harmlos hingeben. Angesichts dieser Gefahren ist es die Pflicht aller, denen die Er­ziehung und Pflege der Jugend obliegt, mit allen Mitteln gegen dieses Uebel anzukämpfen. Vor allem aber muß die Jugend über diese Gefahren belehrt werden. In jetziger Zeit ist das um so mehr not­wendig, als es gilt, die Heranwachsende männliche Jugend gesund und kräftig zu erhalten. Nur so können die Verluste, die der Krieg unserer Volkskraft zufügt, möglichst schnell überwunden werden. Nicht nur die Schule und die Eltern, sondern auch die Verwaltungs­behörden können dem Uebel mit entgegentreten, ge­schieht das von allen Seiten mit dem gehörigen Nach­druck, dann wird der Erfolg nicht ausbleiben, was zum Segen der Jugend, zum Wohle unseres Vater­landes nicht dringend genug zu wünschen ist.

---(Weibliche Hilfskräfte im Eisen- bahndienst.) Ein soeben erschienener Erlaß des Eisenbahnministers gibt der Betätigung weiblicher Hilfskräfte im Eisenbahndienst den weitesten Spiel­raum. Grundsätzlich dürfen die Frauen nur mit leichten Arbeiten beschäftigt werden und nur an Orten, die keine Besorgnisse hinsichtlich der Verletzung der guten Sitten aufkommen lassen. Auch darf die Einstellung von Frauen niemals zur Verdrängung von Invaliden, alten Arbeitern und andern männlichen Arbeitern führen. Wenn nicht außergewöhnliche Verhältnisse vorliegen, darf über drei Viertel des Lohnes der sonst in der gleichen Tätigkeit beschäftigten männlichen Arbeiter nicht hinausgegangen werden.

* (Briefaufschriften auf Feldpostbriefen.) Die Königliche Regierung zu Cassel ersucht sämtliche Kreis- und Ortsschulinspektoren, Schulleiter, Lehrer und Lehrerinnen um nachdrückliche Mttwlrkung zur Besserung der vorhandeuenUebelständc bezüglich falscher Briefaufschriften auf Feldpostbriefen. ^Neben Förde­rung der Kriegsschreibstuben und freundlicher Mithilfe bei den Erwachsenen wird Uebung und Belehrung der Schüler der oberen Klassen und der Fortbildungs- schulen unter Benutzung der Merkblätter notwendig sein, aber auch in Versammlungen der Jugend litten darf eine solche Belehrung nicht fehlen.

* (Beförderungen bei den Ersatztruppe n.) Eine Kabinettsorder weist darauf hin, daß es den bestehenden Bestimmungen widerspricht, daß Unteroffiziere und Mannschaften des Ersatzes knrz vor der Ueberweisung an die Feldtruppe bei den Ersatztruppenteilen zu

höheren Dienstgraden befördert werden. Ferner wird in Erinnerung gebracht, daß in der Ausbildung be­griffene Rekruten nicht zu Gefreiten und Unteroffi­zieren ernannt und befördert werden dürfen. Die Ausbildung" dauert bei Rekruten bis zur Einstellung in die Feldtruppe, bei Nichteinstellung in diese bis zur Beendigung des ersten aktiven Dienstjahres.

§ Hersfeld, 25. Mai. (Rhabarbe r.) Da in der nächsten Zeit größere Mengen von ausländischem Gemüse, namentlich auch Rhabarber, auf den Markt kommen, ist es wünschenswert, daß zugleich eine stärkere Nachfrage einsetzt, um ein Verderben dieses wertvollen Gemüses zu verhindern. Leider ist dieses Gemüse noch immer viel zu wenig bei uns geschätzt. Zur Zeit sind Blattstiele bei uns zu einem sehr müßigen Preise zu kaufen, so daß man die Gelegen­heit möglichst ansnutzen sollte. Die Verwertung der Rhabarberstiele ist eine sehr mannigfaltige. Am ver- breitetsten ist die Verwendung als Kompott, zu welchem Zwecke die Stiele geschält, in kleine Stücke geschnitten und in siedendem Wasser abgewellt werden. Nachdem man das Wasser abgeschüttet hat, werden die Stücke in Zuckerwasser, dem man etwas Zitronenschale und ein Stückchen Zimt zugesetzt hat, weich gekocht. Schließlich wird das Zuckerwasser mit etwas Kar­toffelmehl seimig gemacht. Man rechnet auf ein Pfund Rhabarberstiele etwa ein halbes Pfund Zucker. Durch diesen Zuckerzusatz wird dieses Kompott noch ganz be­sonders nahrhaft. Verdünnt man dieses Kompott mit Wasser, so erhält man eine sehr wohlschmeckende Suppe. Kocht man das Kompott etwas dick ein, so kann es wie geschmorte Stachelbeeren auf Tortletts oder Kuchen gegeben werden. In Dänemark bereitet man aus Rhabarberstielen mit Perltapioka eine außer­ordentlich wohlschmeckende kalte Rhabarbergrütze, die mit Milch oder Sahne gegessen wird. Die Zubereitung ist ganz ähnlich wie die der Rhabarbersuppe, nur daß man schließlich in dieselbe Perltapioka bringt und diese weich kocht. Dadurch wird die Masse ziemlich steif, wird dann in eine Schüssel gegossen, kalt gestellt und auf eine flache Schare gestürzt.

Marburg, 25. Mai. Ein hiesiger Althändler stand vor der hiesigen Strafkammer unter der Anklage der Hehlerei. Der Beschuldigte hat von zwei jungen Leuten Stiefel und Metall angekauft, obwohl er nach dem Eröffnungsbeschluß gewußt hat, daß die Sachen gestohlen waren. Das Urteil lautete auf ein Jahr Zuchthaus.

Fulda, 25. Mai. Herr Major v. ü. Hardt vom 2. Kurhessischen Feldartillerie-Regiment Nr. 47 ist zum Kommandeur des Feldartillerie-Regiments Nr. 11 ernannt worden.

Offenbach, 25. Mai. Heute vormittag gerieten auf ihrer Arbeitsstelle in einer hiesigen Militäreffekten- fabrik der 65 Jahre alte Gerber Georg Gutberiet und der 60 Jahre alte Gerber Franz Stefanof in Streit. Stefanof hatte Gutberlet Borwürfe gemacht, weil dieser zu spät zur Arbeit eingetroffen war. Gutberlet versetzte diesem darauf mit seinem Zuschueidemesser 5 Stiche in Brust und Seite. Stefanof verstarb noch auf dem Transport zum Krankenhaus.

Berteilung des Kraftfutters durch die Be­zugsvereinigung der deutschen Landwirte.

Im Reichsamt des Innern trat am 8. Mai dieses Jahres der Beirat zusammen, der gemäß § 7 der Be­kanntmachung über den Verkehr mit Futtermitteln vom 31. März 1915 derBezugsvereinigung der deutschen Landwirte vom Reichskanzler betgegeben worden ist. Außer Reichs- und bundesstaatlichen Ressorts sind auch die in Betracht kommenden Berufsstände, sowie der deutsche Stüdtetag in diesem Beirat vertreten. In der Beratung wurden alle schwebenden Fragen, die sich aus der bisherigen Tätigkeit der Bezugsver­einigung ergeben haben, zur Sprache und zur Klärung O^Äch den heutigen Beschlüssen des Beirats soll der Berteilung der sogenannten Kraftfutterstoffe, auf die sich die oben erwähnte Bekanntmachung bezieht, der Schlüssel zu Gruude gelegt werden, der für die Ver­teilung der zuckerhaltigen Futterstoffe seinerzeit auf- gestellt worden ist. Da es stet) tut vorliegenden Falle um eine große Zahl von Futterstoffen handelt und nicht jede einzelne Futterart auf alle Kommunalver- bäude verteilt werden kann, weil sonst der einzelne Anteil zu klein werden würde, |oU seitens der Be­zugsvereinigung dafür gesorgt werden, daß die auf eden Verband entfallenden Mengen einen möglichst gleichmäßigen Anteil von Futterarten verschiedener Beschaffenheit euthaltcu. Bezüglich der geringwertigeren Futterstoffe, wie Reisspelzen nsw., oll dte Bezugs- vereiniaung durch Einforderung von Proben erst fest- stellen, ob die betreffenden Bestände überhaupt den Empfangsberechtigten augeboten werden sollen.

Auf Anregung von Vertretern der Bundes­regierungen soll bei den letzteren angefragt werden, ob dem betreffenden Bundesstaat das der Summe seiner Kommunalverbände entsprechende Gesamtquan- tum zur selbständigen Unterverteilung überwiesen

werden soll, oder ob, wie es in der Bekanntmachung vorgesehen ist, die Kommunalverbünde selbst der Be­zugsvereinigung gegenüber als Empfängern gelten sollen. Je nach der Entscheidung der Bundes­regierungen soll dann die Verteilung durchgeführt werden.

Feldpoftbriese

Anschaulich, aus unmittelbarem Empfinden und Erfahren, lassen die Feldpostbriefe Wesen und Eigen­art unsrer deutschen Krieger erkennen. In Briefen, zumal wenn sie an die dem Herzen Nächststehenden und Vertrautesten gerichtet sind, vor denen man nicht Falsch und Hehl kennt, gibt man sich, wie man wirk­lich ist, zeigt man sich in echter und rechter Natürlich­keit und Wahrhaftigkeit. Darum beanspruchen die Briefe unsrer grauen und blauen Jungen als Spiegel­bilder der großen Zeit sorgsam bewahrt zu werden. Wer dereinst die Geschichte des heutigen Krieges dar­stellen will, in vollem Umfange, der Breite wie der Tiefe nach, nicht nur nach seinem äußeren Verlaufe, sondern auch wie er innerlich erfaßt und erlebt worden ist, wie er auf Denken, Fühlen und Wollen der einzelnen mit Leib und Leben Beteiligten eingewirkt hat, der darf nicht an der fast unermeßlich reichen Welt der Feldpostbriefe vorübergehen. Denn aus ihnen quillt eine Lebensfülle, woraus geschöpft werden muß, um schildern zu können, was der Krieg für die Seele der Menschen, für das Volk bedeutet.

Zur Kriegsgeschichte gehören gewiß alle amtlichen Schriftstücke, wie sogenannte Rot-, Gelb-, Weiß- und Blaubücher, diplomatische und parlamentarische Kund­gebungen, Schlachtberichte und Aufzeichnungen der dazu berufenen und verantwortlichen Leiter der Kriegführung. Aber nicht minder gehören dazu die Feldpostb riefe, worin .die einzelnen Krieger in allen Rangstufen ihre mannigfachen Erlebnisse, Stimmungen und Eindrücke wiedergeben. Das find die wertvollsten Zeugnisse des Geistes, den das Volk in Waffen im Kriege offenbart.

In den Feldpostbriefen findet sich zumeist nichts Zurechtgemachtes, Geschminktes, Erkünsteltes, sondern überzeugungsvolle Naturwahrheit. Da wird frank und frei gesprochen, wie jedem zu Mute ist. Da enthüllt und bekundet sich der wahre Geist des deutschenMili­tarismus", der so gar nichts mit dem gleichbenannten Lügengebilde unsrer Feinde zu tun hat. Da kommt zu vollem, reichhaltigsten Ausdruck, wie viel Gemüt, wie viel Gutmütigkeit und Treuherzigkeit, wie viel hochgemute edle Gesinnung der deutsche Krieger hat und sich inmitten allen Grausens und aller erbarmungs­losen Grausamkeit des Krieges erhält, wie viel kamerad­schaftlicher Sinn in ihm wohnt und wie viel stilles geduldiges und ausdauerndes Heldentum, irrte, er schwärmt und sich begeistert, über wie viel Frohsinn und unverwüstlichen Humor er verfügt, der über die fürchterlichsten seelischen Spannungen und dieschwersten körperlichen Anstrengungen hinweghilft und den bittersten blutigsten Ernst ertragen läßt.

Das Größte, was des Menschen Herz bewegt, er­schüttert und erhebt, ist in den Feldpostbriefen nieder- gelegt, aber zugleich auch das Alltäglichste, alle Freude und alles Ungemach im Kleinen. Neben Regungen der Andacht, neben Bekenntnissen, die wie Gebet klingen, neben ergreifenden Geständnissen von Sehn­sucht und Schmerz, von Heldenhaftigkeit jeglicher Art, Berichte von Schwünken und Scherzen, Mitteilungen über die gewöhnlichen Ansprüche des Tages, über Essen, Trinken, Waschen oder Nichtwaschen und Schlafen. Hier der Tod dort frisches, frohes tapfres Leben und Kämpfen. .

Erst gesteht einer, daß er, wenn ihm im Frieden im Walde ein Ameisenhaufen den Weg verstellte, rund herumgegangen und nichts in der Welt ihn hätte bewegen können, wissentlich ein Leben, und wäre es das Geringste, zu zerstören. Und hinterher er­zählt er voll Stolz, wie er sich ein Ehrenzeichen^ er­worben habe, weil er der Feinde viele zur Strecke gebracht hätte. Hier berichtet ein Feldpostbrief von einem gefangenen Franzosen, der auf die Frage, wes­halb er sich denn gar nicht gewehrt, keinmal geschossen, sondern sofort seine Arme gen Himmel gestreckt habe, mit listigem Lächeln die Antwort gab:lieber fünf Minuten feige, als das ganze Leben tot. , und dann folgt als Gegenstück der Bericht eines in Ehren ge­fallenen fremden Hauptmanns:so begruben wir ihn. Die Leute hatten aus Gräsern und einigen Feld­blumen und dünnen Aestchen einen Kranz gewunden, und einer hat ihm sein Handtuch geopfert und es an den Enden ausgefranst. Das schlang er um den Kranz, so daß er beinahe aussah, als sei er in einem Stadtgeschäft gekauft. Und dann machten wir ein Kreuz aus dünnen Stämmen und steckten den Kranz darauf."

In einfachster Klarheit und Helle strahlt aus den Feldpostbriefen unsrer Helden zu Lande wie auf der See die sinnige und tapfre, die frank und freie, die treue und starke Art des deutschen Volkstums mit seiner Heimatliebe, seinem Gvttvertrauen, seiner Kampfesfreude und seinem Siegesbewußtsein.