hersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^-^^ für den Kreis Hersfeld
hersselder Kreisblatt
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder- ' holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags, i
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Nr. 120.
Mittwoch, den 26. Mai
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.
Für Juni
nehm.cn alle Postanstalten sowie die Geschäftsstelle Bestellungen auf das
Herssckn LMblktt
entgegen.
Bus der Heimat«
* (Sanitätsmannschaften.) Der Ausdruck „Sanitäter" für das Heeressanitätspersonal oder Angehörige der freiwilligen Krankenpflege soll nicht mehr angewendet werden. Es sind nur folgende Dienstbezeichnungen zulässig: Bei dem Unterpersonal im militärischen Sanitätsdienst heißt es „Sanitätsmannschaften" („Sanitätsfeldwebel", „Sanitätsunteroffizier" usw.) und bei den Angehörigen der freiwilligen Krankenpflege „freiwillige Krankenpfleger", „freiwillige Krankenträger" usw. Auch im persönlichen Verkehr soll die Anwendung des Ausdrucks „Sanitäter" fortan nicht mehr stattfinden.
* (Bringt die Heuernte frühzeitig ein!) In dieser schweren Zeit ist es unbedingt erforderlich, die Heuerilte nicht erst Ende Juni, sondern schon in der ersten Junihälfte vorzunehmen. Abgesehen davon, daß bei frühzeitiger Ernte das Futter besser, an Rohfaser ärmer nnd an Nährstoff reicher ist, wird in der ersten Hälfte des Juni das Erntewetter fast stets günstiger sein. Dann aber hat auch der zweite Schnitt mehr Zeit für das Wachstum und gibt bessere Erträge. Also dengelr die Sensen!
* (Aufgehobene Beschlagnahme.) Für den Befehlsbereich des 11. Armeekorps ist die Beschlagnahme von Terpentinöl, wie aus einem Erlaß des stellvertretenden Generalkommandos hervorgeht, allgemein aufgehoben worden.
* (Pake te f ü r die Armee L i n s i n g e n.) An die Truppen der unter dem Befehl des Generals v. Linsingen kämpfenden „Südarmee" können von jetzt ab Pakete im Gewicht bis zu 10 Kilogramm über das Militärpaketdepot Leipzig versandt werden. Der Privatpaketverkehr für die übrigen im Südosten (Galizien) kämpfenden Truppen hat noch nicht zuge- lassen werden können. Falls Zweifel darüber bestehen, welche Truppenteile zur Armee des Generals v. Linsingen gehören, wird empfohlen, vor der Ab- sendung bei dem nächsten Militärdepot mittels der grünen Doppelkarten anzufragen, die bei jeder Postanstalt zu haben sind und unentgeltlich befördert werden.
* (Der Po st verkehr mit den Bereinigten Staaten.) Wegen völliger Unterbrechung des Schiffsverkehrs zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika kommt für Briefe im Verkehr zwischen beiden Ländern bis auf weiteres die ermäßigte Brieftaxe nicht mehr zur Anwendung, die Sendungen sind vielmehr bis zur Wreder- aufnahme des regelmäßigen Dampferverkehrs allgemein den Portosätzen des Weltpostvereins unterworfen.
8 Hersfeld, 25. Mai. Sprengen vor dem F e g e n der Bürgersteige steht in der städtischen Polizeiverordnung vorgeschrieben, wird aber leider allzuoft nicht beachtet. Es ist nicht angenehm, die Staubwolken schlucken zu müssen, die bei Unterlassen des Sprengens mit jedem Beseustrich hochwirbeln und eigentlich dem das Fegegeschüft selbst Verrichtenden am allermeisten unangenehm fein müßten. Und da Waßer genug zur Verfügung steht und die mit dem Sprengen verbundene Arbeit mühelos in wenigen Minuten geleistet werden kann, ist es schon im gesundheitlichen Interesse durchaus in Ordnung, daß auf strenge Einhaltung der erwähnten Vorschrift gehalten wird.
§ Hersfeld, 25. Mai. (St. U r b a n.) Der 25. Mai ist dem hl. Urban gewidmet, der benn Landmanne als verspäteter Nachzügler der drei „Eisheiligen hier und da noch etwas Respekt genießt. Erst nach diesem Tage soll jede Gefahr eines Nachtfrostes unwiderruflich vorüber sein. Nachdem es jedoch in diesem Jahre bereits die Eisheiligen selbst ziemlich gnädig mit uns gemeint und wenn auch gerade lerneHundstagshitze, so doch ganz annehmbare Maienwitterung gebracht haben, wird man auch an diesem letzten Tage keine Befürchtungen zu hegen brauchen.
):( Hersfeld, 25. Mai. In der Kaiserstraße stürzte gestern abend ein Junge mit einem
Fahrrade so heftig, daß er erhebliche Verletzungen da- vontrug. Er wurde in bewußtlosem Zustande nach Hause geschafft.
):( Hersfeld, 25. Mai. Infolge der stetig wachsenden Unkosten für unsern Nachrichtendienst ist es uns für die Folge nicht mehr möglich, Sonderblätter umsonst zu verteilen. Um einen kleinen Teil der Unkosten zu decken, werden wir daher für das Stück eine Gebühr von 5 P fg. berechnen. Bei regelmäßigem Bezüge beträgt der Preis für unsere Sonderblätter für den Monat 50 P f g. Die Ausgabe erfolgt möglichst sofort nach Eingang der Nachrichten, doch lassen sich Verzögerungen bei dem jetzt herrschenden Mangel an Arbeitskräften nicht vermeiden. Der Tagesbericht der obersten Heeresleitung wird ebenfalls von jetzt ab an jedem Werktag als Sonder-Ausgabe erscheinen.
Caffel, 25. Mai. Ein schwerer Unglücksfall hat sich am Pflugstsonnabend Nachmittag kurz nach 4Va Uhr anf dem Staatsbahnhofe zu Wilhelmshöhe ereignet. In einem Personenzuge hatte sich ein junger Mann zu weit aus dem Fenster gelehnt, während der Durchfahrt durch den Bahnhof verlor er das Gleichgewicht und stürzte aus dem Zuge. Mit den beiden Armen kam er unter die Räder zu liegen, so- daß ihm die linke Hand und der rechte Arm abgefahren wurden.
Frankenberg, 22. Mai. Nachdem der Landrat des hiesigen Kreises die Höchstpreise für Rindfleisch zum Kochen auf 90 Pfg., zum Braten auf 95 Pfg., für Schweinefleisch zum Kochen auf 95 Pfg. und zum Braten auf 1 Mk. für das Pfund festgesetzt hat, erklären jetzt sieben Metzgermeister aus Frankenberg, zwei aus Rosenthal und einer aus Frankenau, daß sie vom 25. dieses Monats ab ihre Betriebe einstellen. Sie weisen darauf hin, daß sie bei diesen Höchstpreisen die Kundschaft nicht bedienen könnten.
Göttingen, 24. Mai. Unter den Kriegsgefangenen im hiesigen Lager ist ein Franzose, dessen Vater, der Deutsche Heinrich Johann Wottersdorf, im Jahre 1843 in Göttingen geboren und später in Frankreich ansässig geworden ist. Nun hat es sein Geschick gefügt, daß er am Geburtsort feines Vaters über seine deutsche Herkunft nachdenken kann.
Werdohl (Sauerland), 24. Mai. In der Formerei von Stahlwerke Brüninghaus A. G. schlug infolge Kettenbruches an einem Kran ein Formkasten gegen einen Pfeiler. Das auf diesem ruhende Dach stürzte ein und begrub mehrere Arbeiter unter den Trümmern. Zwei von ihnen wurden schwer verletzt ins hiesige Krankenhaus eingeliefert. Mehrere andere kamen mit leichteren Verletzungen davon.
Duderstadt, 24. Mai. Von Einbeck aus wurde dieser Tage eine Meldung verbreitet, daß Nachtfröste dort und in ganz Südhannover großen Schaden angerichtet hätten. Viele Frühkartoffeln, junge Bohnen und Baumblüten seien erfroren. Es scheint sich hier um einen Eisbeutel zu handeln, denn die befragten Landwirte wissen von einem nennenswerten Schaden nicht zu berichten. Möglich, daß die gewaltigen Nachtfröste strichweise gewütet haben. Solche Nachrichten, die aus der Mücke einen Elefanten machen, sind nur geeignet, ohne Grund unsere Erntehoffnungen zu trüben.
Northeim, 22. Mai. Ein Brandunglück trug sich gestern in der Holzhäuser Straße sit. Tue dort wohnende, etwa 60 Jahre alte Witwe Kalfa war mit einem Spirituskocher beschäftigt uud hat wahrfchein- lick versucht noch ehe die Flamme erlo chen war, Spiritus nachMschütteu. A« bildet- die alle hoch aufflackernde Feuersaule und sank in Augenblicken verbrannt tot zu Boden. ' Achter erlitt bei
Brandwunden,
Frau eine
Die^ im Niebenzimmer befindliche Tochter erlitt bei ihrer Hilfeleistung ebenfalls fo schwere Brandwunden, daß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußte. An ifirem Aufkommen wird gezweifelt. Ein etwa b Wochen L erlitt im Gesicht und an den Händen Brandwunden.
Erkürt 23. Mai. Die Strafkammer verurteilte ^wei Arbeiter zu je einem Monat Gefängniß, ivt.il fi^KrieW Zigaretten besorgt hatten.
Lauaenselbold b. Hanau, 23. Mai. Bei dein Bäckermeister Max Lilienfeld in Rückingen wurde ein Vierpfund-Brot gefunden, das itn Mindergewicht von 110 Gramm aufzuweisen hatte, während die Bundesratsverordnung nur ein Mindergewicht von 25 Gramm gestattet. Da Lilienfeld schon wiederholt gegen die Bundesratsverordnung verstoßen hatte, wurde vorn hiesigen Schöffengericht gegen ihn auf die verhältnismäßig hohe strafe von 100 Mk. erkannt.
Langensalza, 24. Mai. Der im hiesigen Ge- fangenenlager im Laufe des Winters ausgebrochene cr-sp^tnubus ist icht so gut wie erloschen. Aus die Stadt ist die Krankheit dank der energischen Maßnahmen, die dagegen ergriffen wurden, nicht itbci- tragen worden.
Bodensee (Kreis Duderstadt), 22. Mai. Wegen absichtlichen Versteckens von 17 Zentner Hafer, den man mit Häcksel bedeckt bei der Haussuchung vorfand,
wurden der Landwirt I. von hier und sein Sohn zu 250 bezw. 200 Mark Geldstrafe verurteilt.
Corbach, 24. Mai. Der Talbrückenbau bei Willingen (Eisenbahnstrecke Brilon-Wald-Corbach), dessen Herstellung den erwünschten Bahnverkehr Willingen- Corbach ermöglicht,wird nunmehr unter Hinzuziehung von Arbeitskräften aus einem unserer reichhaltigen Gefangenlager mit Hochdruck betrieben.
Hanau, 23. Mai. Vor dem Schöffengericht hatten sich eine Anzahl Personen beider Geschlechter wegen Vergehens gegen die Bundesratsverordnungen zu verantworten. Zehn von ihnen erhielten Geldstrafen von 3 bis 15 Mk., weil sie zuviel Brotkarten erhoben hatten. Sechs Bäckermeister aus Hanau und Groß- auheim erhielten Geldstrafen von 5 bis 25 Mark, weil sie verbotswidrig bei der Zubereitung des Brotes gehandelt hatten.
And wenn die Welt voll Teufel war'.
Der Vater der Entente, Eduard der Siebente, würde seine Helle Freude haben, wenn er erleben könnte, wie die Einkreisung Deutschlands, soweit diplomatische Ränke und Schliche in Frage kommen, so gute Fortschritte macht. Wo er mit den feinsten Werkzeugen, die ihm als dem Meister der teuflischen Kunst zur Verfügung standen, in aller Stille vorgearbeitet hatte, da war es seinen Nachfahren nicht allzu schwer, mit gröberem Handwerkszeug weiter und tiefer zu minieren. Nun ist auch Italien zur Entente übergegangen. Der, den wir dreißig Jahre hindurch einen Freund geheißen haben, verriet uns als ein Feind. Nach echter Brigantenart fiel er aus dem Hinterhalte über seine Verbündeten her. Und als sie ihm gaben, was sie geben konnten, da verlangte er des einen Leben und des anderen unmännliches und untätiges Zuschauen; denn wenn der Kaiserstaat Oesterreich- Ungarn alles gab, was Italien verlangte, dann hätte er seinen eigenen Lebensnerv zerstört und mit der Abtretung der Länder an der Aöria politischen Selbstmord begangen,' und wenn Deutschland mit verschränkten Armen den Wegelagerer gewähren ließ, dann hätte es sich selbst um Ehre und Macht, Treue und Zukunft gebracht. Zwar stand der bessere und größere Teil des italienischen Volkes den Umtrieben der Dreiverbandsdiplomaten ebenso fern wie den Winkelzttgen und der Verräterei der eigenen Staatsmänner, aber er war zu zaghaft und zu lau, um den Schreiern auf den Gassen und den Schauspielern auf den Versammlungstribünen energischen Widerstand zu leisten.
Die Liebe und Treue der Friedensfreunde zum alten Dreibünde war eben Vernunftliebe und Geschäftstreue, drum fehlte ihnen die Glut der Aufrichtigkeit und der Mut des Gewissens. Wie es bei Revolutionen immer war — auch der Entschluß Italiens zum Kriege entspringt der Revolution, wenn auch Republikaner „es lebe der König!" riefen —, daß eine tatkräftigere und weniger zartbesaitete Minderheit die Oberhand gewinnt über die schlappe Mehrheit der Unschlüssigen und Saumseligen, der Bequemen und der Furchtsamen, so geschah es auch hier; die entschlossene und zu allem fähige kleine Schar der Schwärmer und Weltverbesserer, der irredentistischerr Befreier und der bezahlten Schrittmacher Englands und Frankreichs riß überredend oder einfchüchternd alles und alle mit sich fort. So triumphierten einst mittels der Straße die Jakobiner über die Girondisten; bleicher Schrecken ist nun einmal wirksamer als rosige Verzückung oder geschminkte Begeisterung und mächtiger als kaltes Rechnen und schlauer Geschäftssinn.
Italien marschiert gegen seine Bundesgenossen und unterwirft sich der englischen Oberführung, die die Zahl ihrer Hörigen um eine Großmacht vermehrt sieht. Und zum Nutzen und Frommen der englischen Markt und Handelsherrschaft werden Italiens Heer und Marine dort Verwendung finden, wo England sie für nötig hält. Man liebt den Verrat und verachtet den Verräter. Man kann für die manner- mordende Front Joffres und French in Frankreich und das Massengrab auf Gallipoli neue Opfer brauchen, wenn es auch nur Italiener find. Man wird auch vielleicht in Gnaden gestalten, daß ein Teil des italienischen Heeres mit den Waffen zu holen sucht, was Oesterreich-Ungarn freiwillig abtreten wollte Wir aber überlassen Italien und dein Dreiverband ihren Plänen und ihrem Schicksal. Der Krieg wird nun noch schwerer und blutiger werden. Aber nur verzagen nicht. Zum völligen Siege helfe uns Gott und deutscher Zorn! Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten, als Werkzeuge der Wahrheit und des Idealismus im Kampfe gegen die Lüge und Niedertracht, gegen die Selbstsucht und Bosheit, damit im größten aller Kriege Wirklichkeit werde, was Ernst Moritz Arndt prophetisch vor hundert Jahren sang:
Frischauf! und wäre Feindeszahl wie Sand, wie Sand am Meer!
Wer seine Sache Gott befahl, für den wird Gott ein Heer.
Wetteraussichten für Mittwoch, den 26. Mai. Heiter, trocken, warm, östliche Winde.