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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

HersWer

für den Kreis Hersfeld

Wlatt

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zelle 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Nr. 118.

Sonnabend, den 22. Mai

1915

Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.

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iis der Heimat.

* (Wiedereröffnung des Po st dien st es im be­setzten Belgien.) Die Wiedereröffnung des Postdienstes innerhalb des Gebietes des kaiserlich deutschen General­gouvernements inBelgienistnunmehrvollendet. Sämt­liche neugeschaffene Postnetz der deutschenPost- undTele- Orte und Bahnstationen in diesem Gebiet sind an das graphenverwaltung in Belgien angeschlossen, mit Aus­nahme des Kreises Tournai. Außerdem sind in das Gebiet einbezogen die französischen Landesteile von Givet und Fumay, nicht aber Maubeuge mit Um­gebung, das ebenso wie der Kreis Tournai und die Provinzen Ost- und Westflandern noch zum Bereiche der Feldpost der Westarmee gehört.

* (Zollerleichterungen für Erdbeeren und F r u ch t s ä f t e.) Zollerleichterungen hat der Bundes­rat vorübergehend zugelassen. Erdbeeren unter Ueber- wachung zerkleinert oder zur Herstellung von Nahrungs- und Genußmitteln verwendet sind zoll­frei. Säfte von Früchten, mit Ausnahme der Wein­trauben, und von Pflanzen, nicht äther- oder wein- geisthaltig, mit Zucker oder Sirup versetzt, oder mit Zusatz von Zucker oder Sirup eingekocht, einschließlich des Schachtelmuses, der Marmelade und.der pflanz­lichen Gallerten, Gelees, Himbeersaft,- alle diese Waren, auch in luftdicht verschlossenen Behältnissen zahlen für 1 Doppelzentner 10 Mark. Die Verord­nung gilt vom 12. Mai ab.

* (Wie kann man wollene Sachen vor M otten - schaden schützen 2) Zu dieser auf Veranlassung eines Kriegsbekleidungsamtes zur Erörterung gestellten Frage schreibt man demKonf." aus Fachkreisen: Die Bestände in wollenen und woll gemischten Unter­kleidern siüd im Verlaus des Som^.^s dreimal leicht durchzuklopfen, und zwar erstmals im Monat Mai, dann etwa Mitte Juli und Anfang September. Es ist ziemlich gleichbedeutend, ob Wollwaren (farblose) verpackt oder offen lagern, nur ist bei offener Lagerung der Zutritt von Staub zu vermeiden, auch ist es rat­sam, in die untersten Fächer nur verpackte Ware zu setzen. Beim Durchklopfen wird die Ware aus den Umhüllungen herausgenommen und nachher wieder zugepackt. Die Fachgestelle dürfen feucht ausgescheuert werden, müssen jedoch beim Einsetzen wieder trocken sein. Uebrigens können farblose Wollwaren eher etwas Feuchtigkeit als Trockenheit oder Hitze ertragen. Am gefährlichsten sind ganz trockene, dumpfe Räume, die nie gelüftet werden oder in denen die Sonne durch die Scheiben zur Ware dringt. Ebenso gefährlich ist es, Wollwaren in Kisten zu verpacken und den Sommer hindurch ruhig stehen zu lassen. Mottenpulver ein- zustreuen ist zwecklos und längst veraltet.

* (Vorsich t beim Blumenbegießen.) Nach § 366 Ziffer 8 des Reichsstrafgesetzbuches wird bestraft, wer nach einer öffentlichen Straße oder nach Orten hinaus, wo Menschen zu verkehren pflegen, Sachen auf eine Weise ausgießt oder auswirft, daß dadurch jemand beschädigt oder verunreinigt werden kann. Hierunter fällt auch das unvorsichtige Blumenbegießen auf Balkönen usw. Als Verunreinigung gilt bei- beispielsweise auch ein leicht zu beseitigender Fleck an der Kleidung. Zum Tatbestände bedarf es aber nicht einmal einer Verunreinigung im Einzelfalle, es genügt vielmehr schon ihre Möglichkeit. Die an­scheinend bei einem Teile der Bevölkerung noch herrschende Meinung, daß nach 10 Uhr abends das unvorsichtige Begießen der Blumen straflos sei, findet in den Bestimmungen nirgends eine Stütze.

* D i e R e i ch s - B e s i tz st e u e r wird, wie die Deutsche Parlament-Correspondenz" berichtet, am 1. April 1917 in Kraft treten. Die bereits ergangenen VeranlagungS- und Feststellungsbescheide für den ein­maligen Wehrbeitrag, dessen letzte Rate am 15. Februar 1916 fällig wird, sind deshalb von besonderem Wert, weil sie die für die Besitzsteuer maßgebende Vermögens­feststellung enthalten. Eine Ermäßigung des Wehr­beitrages kann nnr erfolgen, wenn zwischen der Er­hebung des ersten und des zweiten oder letzten Drittels des Wehrbeitrages sich das Einkommen des Steuer­pflichtigen um mindestens 40 v. H. vermindert hat: die Ermäßigung der späteren Beitragsteile entspricht ge­gebenenfalls dem verbliebenen Einkommen.

* Zur Einschränkung der Pfändbarkeit von Lohn und Gehalt hat ein Bundesratsbeschluß für die Dauer der Kriegsteuerung eine bedeutsame Neuord­nung getroffen. Bislang war die Grenze der Pfänd­barkett von Lohn und Gehalt anf 1500 Mk. festgesetzt. Mit Rücksicht auf die durch den Krieg hervorgerufene Verteuerung unserer wichtigsten Lebensmittel hat jetzt der Bundesrat einer als berechtigt anzusehenden Forde­rung Rechnung getragen und die Grenze der Unpfänd- barkeit auf 2000 Mark hinaufgesetzt. Diese Ordnung gilt aber nur für die Zeit des Krieges, die endgültige Neuordnung dieser Angelegenheit muß der Gesetz­

gebung vorbehalten bleiben. Damit die erstrebte Er­leichterung in vollem Umfang erreicht werde, ist der Verordnung insofern rückwirkende Kraft beigelegt worden, als eine vor dem Inkrafttreten vorgenommene Zwangsvollstreckung, Aufrechnung, Abtretung oder Verpfändung hinsichtlich später fällig werdender Be­züge ihre Wirksamkeit verliert, soweit sie bei An­wendung der Verordnung unzulässig sein würde.

* (Vom Spargel.) Das Kriegsjahr, das in mancher Hinsicht uns Entbehrungen auferlegt, ist für die Hausfrau doch nicht ohne Lichtblick. Die Vorsorge unserer Reichsbehörden, die uns einen genügenden Vorrat an nützlichen und billigen Gemüsekonserven sicherstellen wollen, hat dazu geführt, daß unser edelstes Frühgemüse, der Spargel, billiger wird, als sonst. Er wird nämlich in erheblich geringerem Maße konser­viert werden als in Friedenszeiten. Dazu kommt, daß wir eine ausgezeichnete Spargelernte haben, die nicht nur große Mengen uns bescheert, sondern einen Spargel von außergewöhnlich hohem Wohlgeschmack. Wenn der Spargel auch nicht als Nahrungsmittel im eigentlichen Sinne anzusprechen ist, so gehört er doch zu den bekömmlichsten und leicht verdaulichsten Ge­müsen, die wir haben. Daß er daneben einen Gaumenreiz von nicht gewöhnlicher Art darstellt, ist ein weiterer Vorzug. Da es in diesem Jahre infolge des billigeren Preises mehr Familien als sonst mög­lich sein wird, Spargel zu verzehren, mögen einige praktische Winke für seine Zubereitung angemessen er­scheinen. Hauptbedingung für den Wohlgeschmack ist ein sehr sorgfältiges Schälen. Nachdem alles Harte weggeschnitten ist. bindet man den Spargel im Bunde, die Köpfe alle nach einer Seite, dann legt man ihn in kochendes, gesalzenes Wasser, läßt ihn gar werden, nimmt ihn vorsichtig auf einen Durchschlag und richtet ihn sehr heiß an. Feinschmecker behaupten, daß der Wohlgeschmack erhöht wird, wenn man in das Wasser ein Stückchen Butter und eine Prise Zucker tut. Für den einfacheren Haushalt eignet sich das sogenannte Spargelgemüse, das heißt, Schnittspargel, mit einer seimigen Mehlschwitze der ein > ich Butter zugesetzt, und die womöglicy mit einem Ei abgezogen ist, besser als Stangenspargel, der durch die Zugabe von zerlassener Butter verteuert wird. Nicht unerwähnt mag bleiben, daß man bis vor nicht allzulanger Zeit den Spargel als Heilmittel verwandt hat. Man glaubte, daß er für gichtische Leiden be­sonders wirksam sei. Auch auf die Nerven soll der Spargel beruhigend und auf die Herztätigkeit be­sänftigend wirken. Diese Weisheit unserer Altvorderen mag nun zutreffen oder nicht: Spargel ist ein so wohlschmeckendes Gericht, daß er auch ohne ausge­sprochene Heilwirkung in diesem billigen und reichen Spargeljahr zu seinen alten Liebhabern sich viele neue erwerben wird.

§ Hersfeld, 21. Mai. (Keine Erweiterung der L a n d st u r m p f l i ch t.) Obwohl erst unlängst amt­lich festgestellt wurde, daß eine Erweiterung der Landsturmpflicht nicht in Aussicht steht, treten doch wieder Gerüchte auf, daß eine solche Erweiterung ge­plant sei. Die Gerüchte sind so grundlos wie früher.

§ Hersfeld, 20. Mai. Kriegsberichte, die in Feldpostbriefen, Tagebüchern oder ähnlichem enthalten sind, bieten oft wichtige Anhaltspunkte für die augen­blickliche Beurteilung der Kriegslage wie für die spätere Geschichtsbeschreibung, gehn aber unbenutzt verloren, weil sie nicht den zuständigen Stellen übermittelt werden. Die für die Sammlung solcher Berichte zu­ständige Stelle, ist in unserer Provinz das Rektorat der Universität Marburg. Es wird gebeten, dorthin fort­laufend möglichst bald alle Briefe und sonstigen Schriftstücke, die ein allgemeineres Interesse haben, ein- zusenden, möglichst in der Urschrift, die auf Verlangen zurückgegeben wird, allenfalls auch in Abschrift. Ge­eignete Teile daraus sollen auch jetzt schon veröffent­licht werden: die Einsender mögen deshalb angeben was sie aus irgendwelchen Gründen nicht veröffent­licht haben wollen. Es ist zu hoffen, daß die Bewohner unserer Provinz dieser Aufforderung in weitem Um­fange nachkommen werden.

Cassel, 20. Mai. Ihren 70. Geburtstag beging gestern die in weiten Kreisen unserer Bürgerschaft bekannte Stiftsdame Amelie von Heeringen, Schwester des Armeeführers Generalobersten von Heeringen auf Wilhelmshöhe. Stiftsdame von Heeringen hatte über 25 Jahre in der Casseler Armen- und Waisen- pflege vorbildliche Werke der Nächstenliebe geleistet. Die Kaiserin sandte ein längeres Glückwunschtele­gramm und ließ durch die Hofgärtnerei einen pracht­vollen Blumenstrauß überreichen.

Cassel, 20. Mai. (Beileidskundgebung des Kaisers zum Tode des Professors Knackfuß.) Im Allerhöchsten Auftrage des Kaisers und Königs erschien der Re­gierung-Präsident Herr Graf von Bernstorff in der Wohnung des verstorbenen Historienmalers und Professors an der hiesigen Akademie, Hermann Knack- fuß, am gestrigen Nachmittage um die innige Teilnahme Sr. Majestät der Gattin und Kindern des Heimge- gaugenen auszusprechen.

Frankfurt a. M.^ 19. Mai. Ein verwegener Dieb­

stahl wurde in der Nacht zum Samstag in den Adler­werken ausgeführt. Auf Grund gefälschter Einlaß­karten verschafften sich mehrere Personen Zutritt zu einem Magazin und stahlen aus diesem einen Last- Kraftwagen und viele Automobilzubehörteile im Werte von rund 30 000 Mk. Die Diebe konnten bis­her nicht ermittelt werden.

Nicht jeder versteht die Sprache der Tatsachen.

Als Italien zu Beginn des Krieges seine Neu­tralität erklärte, anstatt seinen beiden Verbündeten mit Herz und Hand zur Seite zu stehen, als der in­zwischen verstorbene Minister des Aeußeren Marchese von San Guiliano dem deutschen Botschafter in Rom, Herrn von Flotow, am 2. August 1914 zur Begründung dieser Haltung erklärt hatte, seine Regierung erachte sich nicht zur bewaffneten Hilfeleistung verpflichtet, da der Krieg offensiv sei, während der Dreibund als Defensivbündnis gedacht wäre, da ahnten die Ein­geweihten, daß Welsch-sein und Falsch-sein verwandte Begriffe sind und beobachteten fortan mit der Anteil­nahme des Menschenkenners, der hiuzulernen will, die allmähliche Verwandlung des Dreibundgliedes in einen Dreiverbandsfreund. Die Diplomaten aber, die zu den Füßen Eduard des Siebenten gesessen und von ihm die Mittel und Wege des Jntrigierens, Minierens und Ruinierens erlernt hatten, sahen mit Freuden, wie die stärkste Großmacht in derGemein­schaft der herzlichen Annäherung zur Vernichtung Deutschlands" die Lüge auf der Appeninhalbinsel einen fruchtbaren Boden für ihre Saat fand. Zwanzig Jahre lang hatte zuvor der französische Botschafter in Rom, Herr Barrere, das Ackerland der lateinischen Schwester mit großem Geschick bearbeitet, weil Stammesverwandtschaft und Seelenähnlichkeit ihm ständig den Boden bereiten halfen. Belgiens selbst­verschuldetes Los und die schamlos erdichteten Greuel­taten der deutschen Hunnen wurden in der rührigen Hand der gewissenlosen Pioniere des Dreiverbandes zu dem wirksamen Sprengvulver, mit dem mau die I Grundlagen der Dreibundspflichten Italiens er­schütterte.Lateinische Zivilisation gegen germanische Barbarei" wurde das Schlagwort, an dem man sich bis zur Raserei berauschte. Der althergebrachte Haß gegen Oesterreich und die Sehnsucht nach derBe­freiung" der Stammesgenossen in Tirol, Jstrien und angeblich auch in Dalmatien taten das Weitere, und die verstiegenen Reden des großen d' Annunzio schürten die Glut einer überheblichen Begeisterung bis zum vulkanischen Ausbruch. Nichts halfen bisher die Mahnungen einsichticher Männer: Vernunft ist stets nur bei wenigen gewesen, zumal bei Völkern, denen Gefühl alles, Besonnenheit nichts ist. Ilnge= hört blieb auch der Schlachtendvnner in Galizien, wo die Truppen der Zentralkaisermächte den glänzenden Sieg erfochten, den die Kriegsgeschichte kennt, und seine Ausnutzung in heldenmütigster und opferwilligster Weise betreiben.

Die Weisheit kann sich nicht rechtfertigen in den Gassen und Straßen; wilder Lärm übertönt sie. Die Wahrheit verhallt, weil Ohren und Herzen verstockt sind, verstockt bleiben wollen. O welche Verkehrung der Wirklichkeit, welchen entsetzlichen Betrug der ganzen Menschheit haben die zuwege gebracht, die aus elendem Krämersinn und schnöder Habgier die Völker zusammenhetzen und Treu und Glauben, Wahrheit und Recht mit Füßen treten. Was englische, fran­zösische Berichte den Deutschen nachsagen, in Preßar- tikeln und Tagesbefehlen, was den Deutschen Italien und Neutralien unter der Hypnose von Havas und Reuter zutrauen, hat ein russischer Armeeführer wirklich getan,- er hat alle Deutschen, die von feinen Leuten gefangen wurden, erschießen lassen. Der Brief des russischen Landsturminfanteristen M. Rejzin, der, jeüt durch die Presse geht, ist ein unumstößlicher Be­weis für diese russische Barbarei. Und Ostpreußens zweimalige Verheerung? Aber, die in Italien auf den Straßen Kriegstarantella tanzen, als ob der Krieg ein Karneval wäre, hören die Sprache der Tat­sachen nicht. Sie hören nicht, sie sehen nicht, sie glauben nicht, daß wir bei Ypern vorwärts dringen, daß zwischen Neuve-Chapelle und Neuvtlle wiederum die Angriffe der Briten und Franzosen unter schweren Verlusten zusammengebrochen sind, daß es aus ist mit deren Maioffensive. Sie glauben nicht, daß Hannoveraner und Oldenburger soeben jenseits des San gesiegt und 7000 Russen gefangen haben. Sie werden erst an unseren Sieg glauben, wenn Italiens Heer am Boden liegt.

Wetteranssichten für Sonnabend, den 22. Mai. Wolkig, trocken, mild, nordwestliche Winde.