Hersfelder Tageblatt
für den Kreis Hersfeld
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be- zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Nr. 117.
Freitag, den 21. Mai
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.
Bus der Helmut«
* (Verkehrswesen.) Von zuständiger Seite werden wir im Hinblick auf die bevorstehende wärmere und daher auch gewitterreiche Jahreszeit darauf aufmerksam gemacht, daß während nahen und schweren Gewittern von der Fernsprechvermittelungsanstalt Gesprächverbindungen nicht ausgeführt werden. Sämtliche Fernsprechapparate sind zwar mit änßerst empfindlichen Blitzschutzvorrichtungen versehen, welche elektrische Entladungen atmosphärischer Elektrizität sicher auffangen und ableiten, indes wird immerhin empfohlen, bei nahen und schweren Gewittern die Fernsprechapparate und Leitungen nicht zu berühren. — Gleichzeitig darf nochmals darauf hingewiesen werden, daß das von manchen so beliebte Aushüngen des Hörers während des Gewitters gar keinen Wert hat und eher Schaden als Nutzen bringt.
* (Schu lferie n.) Der Unterrichtsminister hat angeordnet, daß für die Verteilung der Ferien auf die geeigneten Sommer- und Herbstzeiten und für die Festsetzung des Beginnes der einzelnen Ferien- gruppen die örtlichen Bedürfnisse, insbesondere die wirtschaftlichen Verhältnisse der Bevölkerung sorgsam zu berücksichtigen sind. Da auf dem Lande die wirtschaftlichen Bedürfnisse sich mit den landwirtschaftlichen Bedürfnissen decken und die Aufrechterhaltung aller landwirtschaftlichen Betriebe die Erzeugung einer möglichst großen Nahrungsmenge ein dringendes allgemeines Erfordernis ist, darf angenommen werden, daß die Schulferien in diesem Jahre vollständig dem Stande der landwirtschaftlichen Arbeiten und Bedürfnissen angepaßt werden.
* (Fußpflege.) Die warme Witterung bringt es mit sich, daß unsere im Felde stehenden Soldaten jetzt viel an Fußschweiß und Wundlaufen leiden. Salicylstreupulver und Salicyltalg helfen da am besten. Diese Mittel verkauft jede Drogerie und Apotheke für 10 bis 30 Pfg. und ist es nicht nötig, Präparate in Luxuspackung für hohes Geld zu kaufen und an die Front zu senden.
*(Der Pfingsturlaub des Militärs.) In diesem Jahre wird den Soldaten nur ein ganz kurzer Pfingsturlaub gewährt, der vom Freitag den 21. Mai mittags bis zum Pfingstdienstag dauert. Der Urlaub erfährt eine weitere Einschränkung insofern als unter keinen Umständen mehr als 25 Prozent der Unteroffiziere und Mannschaften Urlaub erhalten. Die Maßnahmen hängen mit dem zu erwartenden starken Reiseverkehr des Publikums während der Pfingsttage zusammen.
* (Ungeziefermittel.) Eine Menge neuer, teilweise wertloser Ungeziefermittel erscheinen jetzt im Handel, welche meist zu sehr hohen Preisen in Geschäften angeboten werden. Einige Polizeiorgane, z. B. in BreSlau sahen sich deshalb veranlaßt, die Ausstellung von Ungeziefermitteln in Schaufenstern zu verbieten. Das Publikum kann natürlich schwer beurteilen welche von den vielen Präparaten gut und welche schlecht und wertlos sind, deshalb empfiehlt es sich, vom Apotheker oder Drogisten nur von ärztlicher Seite empfohlene Mittel zu verlangen. Zu allererst wäre dies das bekannte Fenchelöl, welches von Anfang an mit gutem Erfolg gegen die Ungezieferplage angewandt und besonders vom Dr. Dreuv, Berlin und durch das Kaiserliche Gesundheitsamt (in Nr. 13 des Ministerialblattes für Medizinalangelegenheiten) empfohlen wurde. Auch soll der Geruch von Naphtalin oder Cresol die Fernhaltung von Läusen bewirken. Jedenfalls ist reines oder zur Hälfte mit Spiritus verdünntes Fenchelöl, welches man für einige Groschen in jeder Apotheke oder Drogerie erstehen kann, wirksamer und zuverlässiger, als die fertigen Cremes, Salben, Puder, Stifte welche viel Geld kosten und in den meisten Fällen das Fenchelöl als einzig wirksamen Bestandteil, nur in sehr verdünnter Form bringen.
* (Weiterbeschäftigung der im Kriege verstümmelten Postunterbeamten.) Das Reichspostamt hat die Nachgeordneten Dienststellen angewiesen, bei der Weiterbeschäftigung im Post- und Telegraphendienst der im Kriege verstümmelten Unterbeamten die größte Rücksicht zu üben. Eine Lösung des Dienstverhältnisses soll erst dann in Erwägung gezogen werden, wenn feststeht, daß der Verstümmelte für jeden Unterbeamtendienst durchaus ungeeignet ist.
* (Ergänzung der Offiziere des B e u r l a u b t e n - st a n d e s.) Offizieraspiranten und ehemalige Offrzier- aspirantett des Beurlaubtenstandes, die verwundet oder krank aus dem Felde zurückgekehrt und einem Ersatztruppenteil zugeteilt sind, können zur Beförderung zum Offizier in Vorschlag gebracht werden, wenn sie in absehbarer Zeit wieder kriegsverwendungs- fähig werden und der Kommandeur des mobilen Truppenteils mit dem Beförderungsvorschlag einverstanden ist.
) :( Hersfeld, 20. Mai. (Kirchliches.) Die Vorbereitung zum heil. Abendmahl für den 1. Pfingsttag geschieht in der evang. Stadtkirche — Freitag Abend nach der Kriegsbetstunde.
) :( Hersfeld, 20. Mai. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich, findet die Ausgabe der B r o t k a r t e n für die kommenden 4 Wochen schon morgen, Freitag den 21. d. M. in den Ausgabestellen statt.
§ Hersfeld, 20. Mai. (P f i n g st f e r i e n.) Die Pfingstferien beginnen nächsten Freitag.
Cassel, 19. Mai. Der Zigarrenarbeiter Heinrich W. aus Kleinalmerode war am 24. Februar d. J. vom Schöffengericht zu Witzenhausen zu fünf Tagen Gefängnis verurteilt worden, weil er seiner Firma eine Zigarrenform im Werte von 2 bis 3 Mark entwendet haben sollte. Der Beklagte legte Berufung ein. Die hiesige Strafkammer hatte sich deshalb mit der Angelegenheit gestern zweitinstanzlich zu beschäftigen. Bei dem Angeklagten war eine Form beschlagnahmt worden, die die Firma als ihr Eigentum bezeichnete. Der Stempel der Firma war mit einem scharfen Instrument beseitigt. Der Angeklagte behauptete, er habe die Form schon im Jahre 1908 gekauft oder sie sei irrtümlich in seinem Besitz zurückgeblieben. Das Gericht kam zu der Ueberzeugung, daß der Angeklagte sich die Sachen wiederrechtlich angeeignet habe. Es liege Unterschlagung vor, da aber nicht festzustellen sei, wann der Angeklagte sie begangen, möglicherweise schon 1908, oder noch früher, so sei das Verfahren wegen Verjährung einzustellen.
Marburg, 18. Mai. Ein am Sonnabend bei einem Gutsbesitzer in Friebertshausen bei Gladenbach als Verwalter eingetretener fremder Mann fuhr gestern mit dem Gespann seines Herrn nach Marburg, um angeblich seine an der Bahn angekommenen Sachen zu holen. In Wahrheit verkaufte er jedoch hier zunächst das Pferd für 1700 Mark unter Anzahlung eines Handgeldes von 2.0 Mk., und in Cölbe, wohin er sich dann begab, fand er einen weiteren Käufer- für das ganze Geschirr, der ihm 800 Mk. aushändigte. Mit 1000 Mk. in der Tasche verschwand der Schwindler und niemand weiß wohin. Der Mann steht in mittleren Jahren, tritt gewandt auf, hat blondes Haar und Schnurrbart und trägt Gummimantel, blauen Anzug, Filzhut und gelbe Gamaschen. Hier nannte er sich Wessels und Bröller.
Herleshausen (Werra), 18. Mai. Für die rechtzeitige Entdeckung von Schäden an den Bahnanlagen und die Verhütung von Eisenbahnunfällen hat die Eisenbahnverwaltuug den Hilfsbahnwärtern Hoff- mann in Heinigen und Langheld in Herleshausen und dem Rottenführer Pfeffer in Heringen und dem Bahnwärter Hahn in Geisa (Rhön) besondere Prämien als Anerkennung gewähren lassen.
Gelnhansen, 17. Mai. Wegen gefährlicher Körperverletzung hatte sich vor der Strafkammer Hanau der Taglöhner Johannes Rieser aus Schlierbach bei Gelnhausen zu verantworten. Er hatte seine Frau Jahre hindurch in schrecklicher Weise mißhandelt und zu den Mißhandlungen auch sein Kind angestiftet. Die an epileptischen Anfällen leidende Frau wurde von ihrem Manne auch dadurch gequält, daß er sie hungern ließ und ihr trockenes teils verschimmeltes Brot reichte. Infolge Entkrästung verstarb am 4. Februar dieses Jahres die Bedauernswerte. Der rohe Ehemann erhielt zwei Jahre Gefängnis.
Frankfurt a. M., 17. Mai. Die Landgräfin Anna von Hessen, geb. Prinzessin von Preußen, feierte heute in voller Frische des Geistes und des Körpers ihren 79. Geburtstag. Dem greisen Geburtstagskind gingen im Laufe des Tages viele Glückwünsche persönlich, schriftlich und telegraphisch von zahlreichen Fürstlichkeiten und ihr nahestehenden Persönlichkeiten und Körperschaften zu. An dem vom Landgrafen zu Ehren der hohen Frau gegebenen Festessen nahmen u. a. teil das Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen, die Groß- Herzogin-Mutter von Luxemburg, Freifrau von Vincke, geb. Prinzessin Sybille von Hessen, und die Erbprinzessin von Anhalt. Die Landgräfin ist das älteste Mitglied der preußischen Königsfamilie.
Volkswirtschaftliche Lehren des Krieges.
Der große Lehrmeister Krieg, der den Streit über Theorien und Auffassungen volkswirtschaftlicher Natur mit einem Schlage beendet hat und an ihre Stelle die gesunden Gesetze realer Praxis stellte, hat in dieser Wirkung und auf diesen Wegen in einer Weise bahnbrechend gewirkt, die nur dankbar anerkannt und beherzigt werden muß, die aber in Zukunft die Grundlage für alle volkswirtschaftlichen Richtlinien abgeben muß. Das deutsche Volk muß aus dem Kriege lernen und sich von den Schlacken falscher Empfindungen und Auffassungen befreien und den goldenen, blutig errungenen Lehren zum Siege verhelfen.
Die erste und beste Lehre, die der Krieg gebracht hat, ist die Lehre von der volkswirtschaftlichen
Existenzberechtigung der einzelnen Person. Niemand, keine Regierung und keine Partei wird gegen diesen programmatischen Satz etwas einzuwenden haben. Aber schon die zweite sich an diesen Satz knüpfende Frage, auf welchen Wegen die volkswirtschaftliche Existenzberechtigung des Einzelnen sicherzustellen ist, wird alle Leidenschaften entfesseln und die alten Kämpfe um Auffassungen und Theorien wieder her- vorrusen. Diese Kämpfe werden aber unnötig, wenn die Lehren des Krieges beherzigt werden. Niemand wird zu streiten wagen. Wenn der Satz aufgestellt wird, Schutz der erzeugenden Stände und Gewerbe, so lassen sich dafür eine Unmenge von unwiderlegbaren Beweisen erbringen, für die der Krieg das Material erbracht hat.
Der Schutz der erzeugenden Stände und Gewerbe bedingt aber das Zurückdrängen kapitalistischer Einflüsse, von denen in erster Linie dem Zwischenhandel Grenzen gezogen werden müssen. Aber nicht nur darin darf dieser Schutz gesucht werden. Er muß erzwungen werden durch eine einheitliche und kraftvolle Zusammenfassung der gewerblichen und schaffenden Kreise selbst. Ihnen muß der Gedanke, Kraft aus der gemeinsamen Vertretung ihrer Interessen zu schöpfen, in Fleisch und Blut übergehen. Und in diesem Gedanken und in seiner Ausführung und Durchführung liegt schon allein die beste, stärkste und erfolgreichste Abwehrungsmaßregel gegen den bisher vorherrschenden Einfluß großkapitalistischer Strömungen. Eng mit diesen Fragen verknüpft ist die Frage des Kreditnehmens und -gebens. Aber auch in der Entscheidung und künftigen Beurteilung dieser wichtigen Betrachtungen brauchen nur die Erfahrungen des Krieges herangezogen werden, um die richtigen Wege und damit die treffende Entscheidung zu finden. Der Krieg hat das Kreditnehmen und das Kreditgeben stark eingeschränkt. Der Krieg hat zwar eine erhebliche Vermehrung der Umlaufsmittel gebracht, aber er hat auch gezeigt, daß die Letztere ohne Schädigung der Finanzlage des Reizes und der Zahlungsweise der Reichsbank möglich war, und daß die Durchführung der Einschränkungen ohne ungünstige Folgen für Gewerbe und Handel zu erreichen war. Und so muß denn an diesen folgenschweren, aber dankbar anzuer- kennenden Ergebnissen des Krieges festgehalten werden. Zu den früheren Verhältnissen hochgespannter Entwicklung mit ihren Verlusten und Verteuerungen und der immer größer werdenden Macht des Großkapitals und des Zwischenhandels darf man nicht zurückkehren. Man muß vielmehr festhalten an den Lehren des Krieges. Alle Theorien müssen abgelehnt und in den goldenen, aber blutig errungenen Lehren die Grundlagen gesucht werden, auf denen sich die Einheit, Kraft und Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes aufbauen muß.
Englische Sorgen.
Als der Krieg ausbrach, glaubten die Engländer, daß er ein glänzendes Geschäft sein würde. Denn anders als ein Geschäft ist der Krieg für keinen Engländer. Die englischen Friedensfreunde haben sich auch stets daraufbeschränkt, klarzulegen, wie unrentabel und unkaufmännisch ein Krieg zwischen Deutschland und England für beide Teile sei. Aber man glaubt ihnen nicht. Man wollte nicht einsehen, daß ein Krieg mit Deutschland doch etwas Anderes sei als der Krieg Sgen die Derwische im Sudan oder selbst gegen die uren, obgleich dieser vom englischen Wirtschaftsleben schon schwer genug empfunden wurde. Nun aber, nach mehr als neun Monaten, muß der Premierminister im Unterhause bekennen: „Unsere Organisation ist schlecht und nicht auf der Höhe der deutschen Organisation." Ganz dasselbe meinte Lloyd George, als er von dem „Kartoffelbrotgeist" der Deutschen sprach, der schwerer zu überwinden sei, als wie der Widerstand auf dem Schlachtfelde.
Man muß sich da immer wieder fragen, wie die leitenden Männer Englands Deutschland so wenig kennen konnten. Bei Grey ist das nicht anders zu erwarten, ein Minister des Aeußern in einem Lande mit Beziehungen nach allen Weltteilen, der fast nie England verlassen hat. Er Hütte auch jenen Ausspruch nie getan. Der Finanzminister Lloyd George hatte von der deutschen Organisationskraft einen Begriff bekommen, als er vor einigen Jahren unsere Altersund Invalidenversicherung hier studierte und daraufhin in Großbritannien ähnliches einführte. Allerdings gilt auch da der Satz, daß die englische Organisation nicht auf der Höhe der deutschen steht. Und zu derselben Auffassung scheint er gekommen zu sein, wenn er die finanzielle Lage beider Staaten vergleicht. Während die Hetzpresse alles tut, um den Eindruck, den unsere Kriegsanleihen machen müssen, abzu- schwächen, erkennt er doch schweren Herzen an, daß er es nicht so leicht hat als Finanzminister wie sein Kollege in Deutschland. Noch haben wir nicht den nötigen Abstand von den gewaltigen Ereignissen, um zu einem endgültigen Urteil zu kommen, aber schon ist es klar, daß Englands Zustände in mehr als einer Hinsicht eingerostet sind. Wie man im englischen Gesellschaftsleben für alles eine feste Regel bereit
(Fortsetzung auf der 4. Seite.)