Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
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für den Kreis Hersfeld
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Nr. 116.
Donnerstag, den 20. Mai
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag nahm Dienstag seine Beratungen wieder auf. Präsident Dr. Kaempf eröffnete die Sitzung mit kurzer Begrüßungsrede und hieß besonders den in der Karpathenschlacht verwundeten Abg. v. Graefe willkommen und wünschte ihm recht baldige Genesung. Nach Erledigung kleinerer geschäftlicher Angelegenheiten nahm Reichskanzler v. Bethmann Hollweg das Wort. Er wies auf die Zuspitzung der Beziehungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien, sowie auf die Ausführungen des ungarischen Ministerpräsidenten Grafen Tisza hin, der gewisse Zugeständnisse Oesterreichs an Italien bekanntgegeben hatte. Deshalb hielt er es für zweckmäßig, auch dem Hause Kenntnis von den Zugeständnissen zu geben. Oesterreich-Ungarn erklärte sich bereit zur Abtretung des sogenannten Trentino, sowie des westlichen Ufers des Jsonzo mit der Stadt Gradiska, Umwandlung Triests in eine freie Stadt mit einer den italienischen Charakter sichernden Verwaltung und Errichtung einer italienischen Universität,' Anerkennung der italienischen Souveränität über Valona und der Nichtinteressiertheit Oesterreichs anAlbanien,' besondere Berücksichligungderitalienischen Staatsangehörigen in Oesterreich. Ferner sollen nach Abschluß des Abkommens die aus den abgetretenen Gebieten stammenden Soldaten nicht mehr an den Kämpfen teilnehmen. Der Reichskanzler fügte hinzu, daß Deutschland Italien gegenüber die volle Garantie für die loyale Ausführung der Bedingungen ausdrücklich zugesichert habe. Italien stehe somit vor der Entscheidung, ob es sich in einen Krieg stürzen oder die Erfüllung alter nationaler Hoffnungen auf friedlichem Wege erreichen wolle, ob es gegen den Bundesgenossen von gestern und heute morgen das Schwert ziehen wolle. Er wolle die Hoffnung nicht ganz aufgeben,' Deutschland habe alles im Bereiche des Möglichen liegende getan. Werde aber der Bund von einem Partner zerrissen, so werde Deutschland in Gemeinschaft mit dem anderen auch neuen Gefahren zuversichtlich und festen Mutes zu begegnen wissen. — Den Worten des Kanzlers folgte minutenlanger, stürmischer Beifall, an dem sich auch die Tribünen beteiligten. Die Tagesordnung wurde nun rasch erledigt. Die Vorlage über die Mietszinsforderungen wurde einer Kommission überwiesen und der Präsident ermächtigt, Zeit und Tagesordnung der nächsten Sitzung festzusetzen. Nach genau 20 Minuten Dauer hatte die Sitzung ihr Ende erreicht.
Bus der Heimat.
* (Wie hüten wir die F l e i s ch d a u e r w a r e n vor dem Verderben ?) In den letzten Monaten haben die meisten Haushalte, soweit es ihnen möglich war, sich Fleischdauerwaren angeschafft, um für die kommende fleischarme Zeit vorzusorgen. Viele haben dabei nicht in Betracht gezogen, daß zur Schmackhafterhaltung der Dauerware der Aufbewahrungsraum von sehr wesentlichem Einfluß ist. Unsere Stadtwohnungen haben zum Teil in der überwiegenden Mehlzahl keinen geeigneten Raum, um die Fleischdauerwaren vor dem Verderben zu schützen, und vielen wird daher eine Enttäuschung bereitet, wenn sie an die Verwertung, ihrer Einkäufe gehen. Durch die heiße Jahreszeit, durch Fliegen u. a. m. können große Schäden an den Wurst- und Fleischwaren hervorgebracht werden. Um nun diese möglichst zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Dauerwaren kühl und luftig aufzubewahren und vor den Einwirkungen der Sonne möglichst zu schützen. Schinken und Speck, an die sich leicht Maden setzen sönnen durch Mullbeutel vor diesen Treren bewahrt werden. Wer nun keine Gelegenheit hat, die Fleischwaren in dieser Weise aufzuheben, dem sei zur Haltbarmachung der Fleischwaren eine Umhüllung empfohlen, die seiner Zeit in Berlin bei den Volksernährungskursen vor geführt wurde und die geeignet ist, nicht nur Schädigungen abzuhalten, sondern auch die Gewichstverluste zu vermeiden, die durch allzu starkes Eintrocknen der Ware entstehen. Die haltbar zu machenden Dauerwaren werden in ine Jelamasse hineingetaucht. Dadurch bildet sich ein Ueberzug, der einen vollständig luftdichten Abschluß bewirkt. Derselbe hat keinerlei Einfluß auf den Geschmack des haltbar gemachten Fleisches und ist leicht beim Verbrauch zu entfernen. Die Kosten des Verfahrens werden dadurch reichlich aufgewogen, daß, wie oben erwähnt, kein Gewichtsverlust mehr stattfiudet und die Ware saftig und schön bleibt, wie es aus dem Gutachten von Männern der Wissenschaft und Praxis hervorgeht.
):( Hersfeld, 19. Mai. Die Gestellung der offenen Eisenbahnwagen vollzieht sich bereits seit längerer Zeit so regelmäßig, daß Verzögerungen in der Wagenstellung nur noch in sehr geringem Umfange und unter besonderen Umständen eintreten. Neuerdings hat sich die Gestellung der gedeckten Wagen
gebessert, nachdem der Frühjahrsdüngemittelversand im wesentlichen beendet ist. Es empfiehlt sich daher für die Verkehrtreibenden, die jetzige ruhigere Verkehrszeit zur Regelung ihrer Bezüge und zur Ergänzung und Ansammlung von Vorräten nach Möglichkeit auszunutzen. Hierdurch wird die voraussichtlich im Spätsommer wieder eintretende Zeit des stärkeren Verkehrs entlastet. Auch können durch das Anhäufen ausreichender Vorräte Verlegenheiten bei plötzlichen Verkehrsbehinderungen, mit deren Eintreten selbstverständlich nach wie vor gerechnet werden muß, sicher vermieden werden.
Hersfeld, 19, Mai. Wie uns seitens des Magistrats mitgeteilt wird, bezieht sich seine Bekanntmachung, daß kommenden Sonnabends die Geschäftsräume im Rathanse wegen Reinigung geschlossen sind, auch auf die Kassen. Die Auszahlung der Kriegsund Armenunterstützungen findet Donnerstag und Freitag dieser Woche statt.
):( Hersfeld, 19. Mai. Unserer heutigen Nummer liegt ein Sommerfahrplan, gültig vom 1. Mai ab, bei, worauf wir unsere Leser besonders aufmerksam machen.
):( Hersfeld, 19. Mai. Der freiwill. Krankenpfleger Hch. Kühn aus Sieglos wurde mit der roten Kreuzmedaille 3. Kl. ausgezeichnet. Die Zahl der ausgezeichneten Mitglieder der Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger im Kriege „Zweigverband Hersfeld" ist somit auf 7 gestiegen.
Rotenbnrg, 18. Mai. Der alte Unfug mit geladenen Waffen zu spielen, hätte beinahe einem fünfjährigen Kinde das Leben gekostet. Beim Spielen hantierte es mit einem Teschin, ohne natürlich zu ahnen, daß es geladen sei. Da entlud sich plötzlich die Waffe, der Schuß ging ihm in den Oberkiefer. Die Kugel konnte vom Arzte alsbald entfernt werden, glücklicherweise ohne lebensgefährlichen Schaden an- zurichten.
Caffel, 18. Mai. Die Rote Kreuz-Medaille erhielten : Schwester Elisabeth v. Strauß und Torney, Ehefrau des Rittmeisters v. Strauß und Torney, zurzeit im Westen,' Schwester Constanze Heinzelmann, Cassel,' Schwester Elfe Biermann aus Marburg- Schwester Marie Otto (inzwischen gestorben.)
Caffel, 18. Mai. Einen schweren Unfall erlitt eine im Wesertorviertel wohnende Ehefrau. Sie steckte Gardinen auf und geriet hierbei mit dem Trauring in den Gardinenhaken. Im Begriff, sich heraus zu befreien, trat sie fehl und riß sich dabei den Finger aus dem Gelenk.
Eisenach, 18. Mai. Die Strafkammer des hiesigen Landgerichts verurteilte den Schulknaben Großmann und einige andere Schüler wegen schwerer Einbruchsdiebstähle zu Gefängnisstrafen von 3 bis 7 Monaten.
Apolda, 18. Mai. Der Wehrmann Friedrich Fischer ist auf der Fahrt ums Leben gekommen. Nach der Abfahrt von Weimar war F. auf das Vorderdeck des Wagens geklettert und hatte sich dort wahrscheinlich so niedergesetzt, daß er nach Westen sah. Er konnte daher auch nicht bemerken, daß sich der Zug bei Oßmannstedt einer Brücke näherte, gegen die sein Oberkörper mit solcher Wucht anprallte, daß der Halswirbel brach und der Unglückliche sterbend in Apolda vom Wagen genommen wurde. Die Leiche wurde dann nach der Leichenhalle geschaft.
Fulda, 18. Mai. Das Eiserne Kreuz erster Klasse erhielt der von Breitenbach gebürtige Vizewachtmeister Merle im Feldartillerie-Regiment Nr. 47, nachdem ihm vor einiger Zeit die gleiche Auszeichnung zweiter Klasse verliehen worden war.
Der Krieg und die deutsche Landwirtschaft.
Unter den vielen Lehren, die uns der gegenwärtige Krieg gebracht hat, ist zweifellos eine der wichtigsten die umfassende Aufklärung über dre außerordentliche Bedeutung der Landwirtschaft für dre Bevölkerung eines Staates, der in einen Krieg verwickelt wird. Früher gab es manche Kreise in Deutschland, die der Landwirtschaft und ihren berechtigten Ansprüchen wenig freundlich gegenüberstanden. Sie vertraten sogar die Meinung, daß das Heck des Vaterlandes nur in einer fortschreitenden Jndustrialifterung zu erblicken sei. Nur durch diese könnte für die stetig wachsende Bevölkerung ein Arbeitsfeld geschaffen werden, dessen Erträgnisse zugleich eine leichte Versorgung des Volkes mit Nahrungs- und GenußmUteln aus dem Auslande sicherstellen würde. Aber heute macht sich ein gründlicher Umschwung der Meinungen dahin geltend, daß ohne unsere hochentwickelte Landwirtschaft das deutsche Vaterland langst verloren gewesen wäre. Neben der alten, viel bestrittenen, aber doch stets wieder bestätigten Wahrheit, daß das Land und nicht die Städte die Hauptguelle für unsere Wehrkraft ist, hat sich in diesem Kriege gerade die Tatsache besonders deutlich kundgetan, daß die Ernährung unseres Volkes nur auf dem Wege der Versorgung
aus eigenen Kräften sichergestellt und durchgeführt werden kann.
Auf dieser Tatsache fußend, hat sich denn auch die außerordentliche Plenarversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrates zu einer Kundgebung gestaltet, die selbst dem Fernstehendsten den Wert und die Bedeutung der deutschen Landwirtschaft recht eindringlich vor Augen führen muß. Mit berechtigtem Nachdruck betonte der verdienstvolle Vorsitzende, Graf von Schwerin-Löwitz, daß in dem Wirtschaftlichen Kriege, den wir jetzt auf Leben und Tod mit unseren Feinden auszufechten haben, die Landwirtschaft in der vordersten Front stehe. In der Tat, alle siegreichen Erfolge unserer herrlichen Truppen würden uns kaum etwas nützen, wenn die deutsche Landwirtschaft nicht imstande gewesen wäre, die für die Ernährung unseres Volkes notwendigsten Erzeugnisse in ausreichendem Maße zu liefern. Die Landwirtschaft war imstande, innerhalb der letzten drei Jahrzehnte ihre Produktion allein an Brotgetreide um über die Hälfte zu steigern und gleichzeitig die Viehzucht so zu erweitern, daß heute von einem Mangel an Fleischnahrung auch nicht im entferntesten gesprochen werden kann. Was von einsichtigen Volkswirten schon seit langem als notwendiges Ziel hingestellt wurde, ist heute erreicht: die selbständige Ernährung des deutschen Volkes auf eigener Scholle. Wäre die deutsche Landwirtschaft nicht so tatkräftig am Werke gewesen, ihre Produktion nach jeder Richtung hin zu vervollkommnen, so wäre Deutschland wohl schon nach den ersten sechs Monaten des Krieges durch Mangel an Nahrungsmitteln gezwungen gewesen, die Waffen zu strecken, und der englische Aushungerungsplan wäre gelungen. Richtig ist, daß die erfreuliche Entwickelung unserer Landwirtschaft auch von einer einsichtigen Gesetzgebung unterstützt worden ist. Aber welche Kämpfe hat es gekostet, diese Gesetzgebung herbeizuführen und aufrecht zu erhalten! Mit einer gewissen Beschämung werden alle die, welche bisher über den „agrarischen Zug" unserer Gesetzgebung klagten, auf die Gegnerschaft zurückblicken, die sie einst der Zollgesetzgebung entgegenbrachten. Die Wiederkehr derartiger Verhältnisse dürfen wir heute getrost für unmöglich erklären. Das ganze deutsche Volk schuldet unseren Landwirten und ihren bewährten Führern tiefen Dank dafür, daß sie in unablässiger, harter Arbeit erreicht haben, was heute Sieg und Zukunft des Vaterlandes sichert.
Darüber hinaus aber schärft uns der gegenwärtige Krieg auch eindringlich die Lehre ein, daß der einheimische Markt für alle schaffenden Kreise unseres Volkes als das wichtigste Absatzgebiet zu betrachten ist, dessen Erhaltung die vornehmste Sorge der Gesetzgebung und aller wirtschaftlichen Maßnahmen sein muß. Diese Lehre, die für die Industrie wie für die Landwirtschaft gleich bedeutsam ist, darf niemals wieder aus den Augen verloren werden.
Krieg und Frieden.
Weißt du wieviel Herzen glühen Für die Freiheit in der Welt? Weißt du wieviel Krieger ziehen Hin zum große« Kampfesseld? Tausend sind es und Millionen, Die da sümpfen für das Reich, Die ihr Leben nicht verschonen, Hält der Tod auch Ernte gleich.
Weißt du wieviel sich ergießen Tropfen Blutes auf die Erd"? Weißt du wieviel Tränen fließen Für den, der nicht wiederkehrt? Tausend sind es und Millionen, Die geflossen tief im Schmerz — Doch es gilt kein Pulver schonen, Bis gesiegt das deutsche Erz.
Weißt du wieviel Herzen beten Für den Vater, für den Sohn? Weißt du wieviel vor Gott treten Bittend für des Kaisers Thron? Tausend sind eö und Millionen, Die gebetet und gefleht,' Ja es wird sich einstens lohnen, Gott erhört ein ernst Gebet.
Weißt du wieviel Freudenzähren Tauchen aus den Augen auf? Weißt du wieviel glücklich waren Wenn vorbei der Kriegeslauf? Tausend sind es und Millionen, 'Ach sie schau'n mit frohem Blick, Wann verstummen die Kanonen Und die Helden kehr'n zurück.
Hersfeld. Max Bauer, Ober-Postschaffner.