Herssel-er Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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für den Kreis Hersfeld
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Nr. 107.
Sonnabend, den 8. Mai
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.
Bus der Heimat
^ * Die Blitzableiter prüfen zu lassen, damit etwaige Beschädigungen festgestellt werden können, ist in Anbetracht dessen, daß in der Gegenwart alle wirtschaftlichen Werte dringenden Schutzes bedürfen, da sie Mitstreiter sind im Kriege, dringende Pflicht. Wie bekannt, verfehlt ein in schlechtem Zustande befindlicher Blitzableiter seinen Zweck, die Gebäude vor Blitzschlag zu bewahren, vollständig. Es kann sogar vorkommen, daß eine solche mangelhafte Anlage gerade das Gegenteil bewirkt und die mit Blitzableitern versehenen Häuser bei einem Gewitter größerer Gefahr aus- setzt, als wenn überhaupt kein Abieiter vorhanden wäre.
* (Keine unzulässigen Sendungen an Kriegsgefangene.) W. T. B. meldet amtlich aus Berlin: Es liegt im Interesse der deutschen Kriegsgefangenen im Auslande, daß die an diese gerichteten Postsendungen nichts enthalten, was nach den in den betreffenden Gefangenenlagern giltigen Bestimmungen unzulässig ist. Insbesondere sind zu unterlassen Mitteilungen über die politische und wirtschaftliche Lage in Deutschland, abfällige Bemerkungen über die feindlichen Länder, Nachrichtenübermittelung in geheimer oder unsichtbarer Schrift, Uebersendung von Zeitungsausschnitten, Einlagen im Briefpapier selber, in Paketsendungen und dergleichen mehr verbotswidrige Sendungen, was oft die für deutsche Kriegsgefangene unangenehme Folge hat, daß ihr Briefverkehr auf mehr oder weniger lange Zeit gesperrt wird oder daß ihnen sonstige Vergünstigungen entzogen werden.
* Die Bestellungsarbeiten sind infolge des günstigen Wetters beendet. Au«- die Kartoffeln sind mit wenig Ausnahmen eingelegt. Der Stand des Wintergetreides ist ein sehr guter. Die Obstbäume zeigen reiche Ansätze und wenn nicht Frost die Hoffnungen zerstört, dürfte die diesjährige Obsternte einen guten Ertrag bringen.
* (Eine Schreibunterrichts st elle für Linkshänder.) Aus Jena wird, wie von dort berichtet wird, für das 11. Armeekorps eine Schreibunterrichtsstelle für verwundete Krieger eingerichtet, die genötigt sind, mit der kinken Hand zu schreiben.
* PrivateSammlungen von Metallen, von Kupfer-, Nickel-,Zinn-Hausgerät und dergleichen, ferner von allen Stoffen, an denen im Laufe des Krieges Mangel eintreten könnte, sind bis auf weiteres nicht zulässig, da die Notwendigkeit solcher Sammlungen nicht besteht,- sollte sie, was nicht zu erwarten, bei längerer Ausdehnung des Krieges eintreten, so wird das Kriegsministerium das Erforderliche veranlassen.
* Die Pensionsbezüge der Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern der unteren militärischen Dienstgrade werden allgemein für unzureichend gehalten. Nach den gesetzlichen Bestimmungen erhält die Witwe eines im Kriege gefallenen Feldwebels eine Jahresrente von 600 Mark, die eines Unteroffiziers 500 Mark und die eines Gemeinen 400 Mark. Für jedes unversorgte vaterlose Kind wird außerdem ein Waisengeld von 168 Mark jährlich gezahlt. Besonders für die Hinterbliebenen von Angehörigen besser situierter Kreise ist es unter den heutigen Verhältnissen unmöglich, mit so kärglich bemessenen Bezügen aus- zukommen. Auch empfindet man es als eine Ungerechtigkeit, daß für die Höhe der Pensionsbezüge der Witwen und Waisen ausschließlich der militärische Dienstgrad des Verstorbenen bestimmt ist. Gründe der Billigkeit sprechen dafür, daß bei der notwendig gewordenen Neuregelung der Versorgung der Hinterbliebenen unserer Kriegsteilnehmer auch dre sozrale Stellung des verstorbenen berücksichtigt werde. Sie kommt bei allen denen, die im Erwerbsleben stehen, sei es in selbständiger Stellung als Unternehmer, sei es als Angestellte oder Arbeiter, in faßbarer Form zum Ausdruck in dem Einkommen, daß der Verstorbene in seiner bürgerlichen Stellung bezogen hat. Weil sein fundiertes Besitzeinkommen auf seine Hrnter- bliebenen übergeht, so kann als Maßstab für dre Festsetzung der Höhe der Witwen- und Waisenrente nur das zuletzt bezogene unfundierte Arbeitseinkommen herangezogen werden. In einer Eingabe an den Reichstag hat der Deutsche Privat-Beamten-Verern in Magdeburg diesem Gedanken Ausdruck gegeben rn- dem er die Erhöhung der jetzigen Bezüge durch die Gewährung von Zuschlagsrenten fordert, die unter Berücksichtigung des zuletzt bezogenen Arbettsern- kommens des verstorbenenKriegsteilnehmersm gleicher Weise zu berechnen sind wie die Pensionen unserer Beamten-Witwen und Waisen. Durch,die Anwendung dieses Grundsatzes würde nicht nur eure so auskömmliche Bemessung der Einkommensbezuge der ihres Ernährers beraubten Familien unserer Vaterlan-sver- teidiger erreicht werden, daß die bitterste Not vontihnen ferngehalten wird, sondern die.Festsetzung dcrRenter- Höhe würde auch nach Prinzipien erfolgen, die dem
allgemeinen Volksempfinden und den Forderungen der Gerechtigkeit entsprechen.
* Ein Flugjahr der Maikäfer wird aller Voraussicht nach das Jahr 1915 sein. Um dem in Flugjahren besonders starken Schaden durch Käferfraß vorzu- beugen, rufen die Landräte die Bevölkerung zur Bekämpfung der Schädlinge durch Abschütteln u. Absuchen der Bäume (am besten vor 8 Uhr morgens) auf- und empfehlen den Ortsvorständen, die Vernichtung der Maikäfer möglichst durch Aussetzung von Prämien zu fördern. —
§ Hersfeld, 7. Mai. Die Maul- und Klauenseuche ist unter dem Rindviehbestande auf Rittergut Mar- lungen, dem Gute Ramsborn und dem Vorwerk Ungerode ausgebrochen,'. e r l o s ch e n ist sie in Oberhaun.
Treysa, 6. Mai. Begünstigt durch das prächtige Wetter der letzten Tage, haben sich die Saaten außerordentlich ant entwickelt. Der Hafer steht gleichmäßig und auu, Wiesen sind gut im Stande, sodaß man für den Junianfang schon eine gute Heuernte erwarten darf. Hoffentlich sind Heu- und Grummeternte von gleichem -rtrag wie im Vorjahre.
Göttingen, 5. Mai. Die deutsche Gutmütigkeit ist nicht nur sprichwörtlich, sondern äußert sich selbst gegenüber denen, die es ganz gewiß nicht verdienen. Jugendliche Unreife und Gedankenlosigkeit des Tischlerlehrlings Johann Scharf in Hann.-Münden brachten ihn dazu, einem kriegsgefangenen Franzosen zwei Zigaretten zu schenken. Die unangebrachte Mitleidsäußerung brächte ihm zwei Tage Gefängnis ein, die er nicht zu verbüßen braucht, wenn eine gute Führung die bedingte Begnadigung rechtfertigt.
Eschwege, 5. Mai. Auf die ausgeschriebene Stelle eines Polizeikommissars sind, wie das „Eschw. Tgbl." hört, 63 Bewerbungen eingelaufen. Auf die Stelle eines juristischen Hilfsarbeiter« beim Magistrat haben sich bisher neun Bewerber gemeldet.
Eschwege, 6. Mai. Schwer verletzt wurde gestern nachmittag auf der Lokomotive der Heizer eines von Göttingen kommenden Personenzuges, als kurz vor dem Bahnhof Nieöerhone der Zug einem aus Bebra kommenden Personenzuge begegnete. Der Verletzte wurde in Niederhone ausgesetzt und mit dem nächsten Zuge in die Göttinger Klinik befördert. Wie das Unglück sich ereignet hat, ist noch nicht aufgeklärt.
Gieselwerder, 4. Mai. Eine empfindliche Strafe verhängte das Schöffengericht gegen einen hiesigen Mühlenbesitzer, der in mehreren Fällen sich gegen die über Brotgetreide erlassenen Kriegsgesetze vergangen hatte. Er hatte nicht nur Mehl in größeren Quantitäten, als zulässig, gegen Brotmarken abgegeben, sondern, auch Mehl in größeren Mengen nach auswärts ohne Brotmarken verkauft. Seine Entschuldigung, er habe damals die betreffenden Gesetze noch nicht gekannt, wurde verworfen — das Gesetz müsse ein Jeder kennen. 150 Mk. wurden als Strafe ausgesprochen. Der Amtsanwalt, der 350 Mk. Strafe beantragt hatte, will angeblich appellieren.
Fulda, 5. Mai. (Liebesgabensendung.) Daß die Auslandslügen von dem hungernden Deutschland Glauben fingen, beweist, daß ein hiesiger Herr von einem amerikanischen Geschäftsfreunde dieser Tage einen Brief erhielt, worin derselbe ihm mitteilt, daß er an seine Adresse ein Liebesgabenpaket mit Lebensrnitteln (10 Pfund Reis) in der von der amerikanischen Regierung zugelassenen Form an ihn abgesandt habe. Der freundliche Amerikaner wünscht seinem deutschen Freunde guten Empfang und teilte mit, daß er die Sendungen wiederholen werde, um auf diese Weise die Nahrungssorgen der hungernden Familie seines Geschäftsfreundes etwas zu lindern! —
Fulda, 4. Mai. Gestern abend starb im Alter von 56 Jahren nach längerem Leiden der Maurermeister und Architekt Ernst Krämer. In Stadt und Kreis Fulda bekleidete der Dahingeschiedene bis zu seiner Erkrankung verschiedene Ehrenämter.
Frankfurt a. M., 5. Mai. Ein anfregender Vorfall trug sich Montag nachmittag auf dem Hauptbahnhof zu. Nach Abfahrt des München-Frankfurt-Kölner D-Zuges öffnete eine Dame eine Wagentür und sprang heraus. Sie wurde vom Trittbrett des nächsten Wagens erfaßt und ins Gleis geschleudert. Der Zug wurde sofort durch die Notbremse gestellt und die anscheinend hochgradig nervöse Dame unter dem Zuge hervorgeholt. Halbtot vor Schreck kam sie wieder in den Zug. Es war ihr nicht das Geringste passiert. Nach Feststellungen ihrer Personalien wurde die Dame weiterbefördert.
Die inneren Zustände Rutzlauds.
Es hat manchen gegeben, der glaubte, die Kriegs- erklärnug Rußlands würde ohne Weiteres dort die Revolution entfesseln. So lauschte man begierig auf die Nachrichten von schweren Unruhen tu Odessa, die durch das Einschreiten der Flotte hätten unterdrückt werden müssen. Aber bald mußte man erkennen, daß
das müssige Gerüchte waren. Unverdächtige Zeugen bestätigen, daß auch das russische Volk durchaus einig sei, die revolutionären Organisationen hätten sich geduckt und warteten das Ende des Krieges ab, überzeugt, daß ihre aufreizende Kritik dann auf fruchtbaren Boden fallen würde. Nun sind neun Monate vergangen, etwa vier Millionen Russen und russische Untertanen anderer Nationalitäten sind dahingerafft, die Landwirtschaft kann mangels Transportmittel ihre Produkte nicht verkaufen, aus gleichem Grunde herrscht in den größeren Städten schon geradezu Hungersnot, dazu kommt der empfindliche Mangel an Kohlen. Und trotz aller Niederlagen denkt die unheilvolle Gruppe der Kriegstreiber noch an keinen Frieden.
Es mehren sich die Zeichen, daß der revolutionäre Geist, der während des japanischen Krieges Rußland erschütterte, wieder aufzuleben beginnt. Noch fehlen Mordtaten, wie damals, als Großfürst Sergius, eine dem Großfürsten Nikolaus innerlich verwandte Natur und der allmächtige Minister von Plehwe Opfer der Bombe wurden. Aber so wie damals regt fich der revolutionäre Geist in der Flotte. Trotz aller Vertuschungsversuche erfährt man von einer schweren Meuterei in Kronstadt, und man konnte in Petersburger Zeitungen lesen, daß fünfzehn Seeoffiziere der baltischen Flotte, unter ihnen ein Admiral, plötzlich gestorben sein. Und man hört von sehr ernsten Unruhen in Moskau, die nur zum Teil mit der Teuerung zusammenhingen, zum Teil aber auf andere Ursachen zurückgingen. Wenn wir auch nicht erfahren, was diese anderen Ursachen waren, so können wir sie uns doch recht gut vorstellen. Wenn die ruffische Regierung die sozialdemokratischen Abgeordneten der Duma samt und sonders ins Gefängnis warf, so wird sie wohl ihre Gründe gehabt haben, zumal sie wissen mußte, daß in Frankreich, wo einzelne Sozial- demokraten im Ministerium sitzen, dieser Schritt verstimmen müßte. Es war ein großes Verdienst der Gesetzgebung des ermordeten Ministers Stolypin, die Forderungen der Bauern zu befriedigen. In einem Lande mit vorwiegender Landwirtschaft ist eine Revolution ohne Beteiligung der Bauern aussichtslos, und es schien, daß der rnssische Bauer befriedigt und zufrieden sei. Aber das Werk war noch nicht vollendet, als der Krieg ausbrach. Nun hat die russische Regierung noch ein Mittel, sie schickt alle Unzufriedenen an die Front. Wir hören, daß sie Studenten zu Offizieren machte, diese Offiziere aber bis zum Tage des Ausmarsches in Haft nahm, damit sie nicht agitieren konnten! Es scheint, daß die jetzige Armee zum guten Teil aus solchen Zwangssoldaten besteht. Daraus erklärt sich ihre laue Haltung vor dem Feind, daraus erklärt sich auch die Gleichgültigkeit, mit der Hunderttausende geopfert werden. Denn die Machthaber zittern vor dem Gedanken, daß sie nach dem Frieden in die Heimat zurückkehren werden, und die fünf- bis sechshunderttausend Gefangenen in Deutschland werden kaum warm empfangen werden. Man droht schon, sie alle erst vor ein Kriegsgericht zu stellen. Aber wer weiß, ob es dazn kommt, ob nicht die Woge der Revolutionen schon vorher über dem jetzigen Rußland zusammengeschlagen ist.
Durch die Lupe.
Ein Stückchen Zeitgeschichte in Versen.)
Lenz nnd Frühling leiht der Erde — wieder neuen Lebenssaft — gab auch unserm tapfren Heere — neue, stolze Siegeskraft, — wenn im schweren Völkerringen — langsam auch der Sieg gedeiht, — deutsche Kraft wird ihn erzwingen — in nicht allzu ferner Zeit. — Eisenfest, in stolzem Mute, — steht des deutschen Heeres Wall — gegen jedes Feindes Mühen, — hingemauert überall — stehen Deutschlands, Oesterreichs Truppen — überall im fernen Land — zu der Heimat Wehr und Schutze, — fest verschränkt die Bruderhand. — Und ihm fernen Land der Sagen, — das man nur als Märchen kennt, — wo^üch dehnt in weite Fernen — glutöurchhancht der Orient, — hält mit gleicher Brudertreue — auch der Türke gleiche Wacht, — aufgeweckt zum stolzen Kampfe — durch des Glaubens hehre Macht — Deutsches Herz, verzage nimmer, — glorreich ging der Frühling auf, — reiche Spenden wird er bringen — tu der Zeitgeschichte Lauf, — Deutschlands Stärke, Oesterreichs Treue, - türkischer Befreiungsmut - schirmen Dich für alle Zeiten, — halten Dich tu sichrer Hut, — hat von Deinen Feinden allen — einer nur den gleichen Hort? — schreitet nicht bei Deinen Gegnern — die Vernichtung dauernd fort? — England, Frankreich, Rußland haben — all' die Freundessympathie — zu einander längst begraben, — nur das Unglück kittet sie, — und in unfruchtbarem Hader — klagen sie als rechte Toren — sich die Schuld an ihrem Fehlschlag — gegenseitig in die Ohren, — keiner mehr von allen Feinden — traut noch auf die eig'ne Kraft, — jeder hofft im Stillen höchstens, — daß es noch der and're schafft, - und im Osten wie im Westen, — wie im Reich der Dardanellen — wird in solchen falschen Hoffen - jedes Feindes Macht zerschellen.
Walter-Walter.