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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

HersWer

für den Kreis Hersfeld

Kreirblatt

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder- holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags. '

Nr. 103.

Dienstag, den 4. Mai

1915

Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.

Bus der Heimat.

* (S a l v a r s a n g e g e nS ch a r 1 a ch.) Seit einiger Zeit sind Versuche ausgeführt worden, die gefährliche Scharlachkrankheit mit Salvarsan, dem bekannten Ehr- lich'schen Heilmittel, zu bekämpfen. Ueber die Ergeb­nisse dieser Versuche die von Dr. Bergmann vorge­nommen wurden, wird in derAerztlichen Rundschau" berichtet. Es handelt sich um 47 genau beobachtete Scharlachfälle. Von diesen starben, trotz der Salvarsan- Behandlung zwei. Die übrigen 45 konnten ohne die sonst vielfach auftretenden schädlichen Nachwirkungen geheilt werden. Doch kann man sich eine günstige Ein­wirkung nur versprechen, wenn der Kranke schon früh in Behandlung kommt. Es steht, fest daß der Fieberver­lauf des Scharlachs durch die Salvarsan-Behandlung abgekürzt wird. Es gelingt, die Fieberkurven treppen- förmig zu gestalten und bereits am 3. oder 4. Tag die Temperatnr unter 38 Grad herabzudrücken. Hand in Hand geht damit eine Besserung des Allgemein­befindens, sowie eine günstige Beeinflussng der Scharlachangina. Bis jetzt ist noch nicht erwiesen, ob das Salvarsan auf den Scharlacherreger selbst wirkt. Je schwerer das Krankheitsbild, desto kleinere An­fangsdosen müssen genommen werden, man wiederholt sie lieber rasch. Jeder Fieberanstieg ist mit einer neuen Einspritzung zu bekämpfen.

* (Der Mai.) Welcher Dichter hat nicht'den Frühling besungen, welcher nicht den Mai? Sie alle unterlagen dem Zauber dieser Zeit, sie alle und wir alle. Wenn auch draußen die Stürme toben, die Natur kümmert sich nicht um den Streit der Völker, sie ist immer friedvoll. Und auch in dieser Zeit wandert die Maienfreude durch die Welt und auch heute werden die Dichter des Frühlings-Maien ge­denken. Von den ältesten Zeiten an hat es das menschliche Herz am tiefsten gerührt, wenn die Natur, die bisher vor der rauhen Nachhut des Winters nur vorsichtig vereinzelte Vorboten aussandte, nun ent­schlossen ihr buntes Sommerkleid anlegte. Ueber dem wunderschönen Monat Mai dürfen wir aber den Reif in Frühlingsnacht nicht ganz vergessen. So lieblich der Wonnemonat im allgemeinen ist, so bringt er doch häufig in seiner Mitte einen wenn auch kurzen, so doch empfindlichen Kälterückfall. Diese Erfahrung hat sich bekanntlich zu dem Volksglauben an die drei Eis­heiligen Mamertus, Pankratius und Servatius, deren Tage der 12. 13. und 14. Mai sind, verdichtet. Von diesen Rückfällen abgesehen, darf man die Witterung des Mai jedenfalls zu den angenehmsten des Jahres zählen. Sie pflegt sich in mittleren Grenzen zu halten, mögen zwischendurch auch einige heiße Sommertage vorkommen. Die mittlere Tageswärme wächst im Laufe des Monats beträchtlich, um 6 Grad, und nähert sich dem Hochsommer gleichzeitig mit dem Sonnenstand, der Ende Mai nur noch l12 Grad von seinen Gipfelpunkten entfernt ist. Der Tag umfaßt um diese Zeit bereits 16 Stunden. Wir fürchten uns nicht vor Mamertus, Pankratius und Servatius, den drei Feinden im Monat Mai. Wir haben uns.nicht vor den sieben lebenden gefürchtet, warum sollten wir Sorge haben vor den toten Feinden? Uns fehlt nicht die Zuversicht und nicht der Glaube an uns selbst, wie uns nicht der Glaube fehlt an des Himmels Beistand.

):( Hersfeld, 3. Mai. Nach einer Bekanntmachung des Herrn Regierungs-Präsidenten im amtlichen Teil der heutigen Nummer können die Generalkommandos Gesuchen von Landwirten um leihweise U e b er­las s u n g von Dien stpferden zu Feldbe - stellungs arbeiten entsprechen. Auch können Mannschaften zur Führung der Gespanne zur Feld­bestellung beurlaubt werden. Die betreffenden Land­wirte müssen sich verpflichten Mannschaften und Pferde kostenfrei zu verpflegen und evtl. auch unterzuhringen.

§ Hersfeld, 3. Mai. M a i g e w i t t e r zum Teil rkcht kräftiger Art entluden sich am gestrrgen Sonntag- nachmittag über unsere Stadt und vielen Orten Kur­hessens, des angrenzenden Westfalens, in Südhannover, im Eichsfelöe. Vereinzelt wird leichter Hagel ge­meldet. Empfindliche Störungen brachten dre Gewitter dem Fernsprechverkehr.

8 Schenklengsfeld, 3. Mai. In einer der letzten Verlustlisten war der Res.-Jäger Peter H ö f c r als tot gemeldet. Er wurde als vermißt gemeldet, war jedoch in ein Lazarett gekommen. Jetzt hat er Nach­richt an seine Angehörige» gegeben, daß er sich im Kriegslazarett in Rethel (Wordtrantretet» befindet.

Rotenburg, 1. Mai. Wie boshaft unsere feindliche Lügenpresse im Ausland arbeitet, ist ersichtlich aus einem Privatbriefe, den eine hiesige Familie von einer in Amerika wohnenden Tochter erhalten hat. Die letztere ist sehr unglücklich darüber, daß, wie sie in den dortigen Zeitungen täglich lese, hier in Deutsch- land eine so furchtbare Hungersnot herrschte, »te hätte daher vier Pakete mit je 10 Pfund Weizenmehl

und noch einige andere Lebensmittel abgeschickt, da­mit Eltern und Geschwister sich doch wenigstens wieder einmal richtig sättigen könnten! Kein Wunder daß man vor so armen Hungerleidern, wie wir sind, im Lande des Dollars keinen Respekt hat.

Rotenburg a. d. F., 3. Mai. Eine Bekanntmachung des Landratsamtes droht die Bestrafung derer an, die mit unverwahrtem Feuer oder Licht die Wälder be­treten, sich ihnen in gefahrbringender Weise nähern oder durch unvorsichtige Handhabung glimmender oder brennender Gegenstände, den Wald gefährdet, und ordnet Maßnahme zur schnellen Bekämpfung möglicher Waldbrände an.

Cassel, 1. Mai. Der Bezirkskonservator für den Regierungsbezirk Cassel, Universitätsprofessor Ge­heimer Regierungsrat Dr. Alfred von Drach ist gestern nachmittag hier kurz vor seinem 76. Geburtstage nach kurzer Krankheit, die ihn an das Bett fesselte, ge­storben. Leidend war Geheimrat von Drach schon seit längerer Zeit. Er gehörte eine Reihe von Jahren als ordentlicher Professor der Kunstgeschichte dem akademischen Lehrkörper der Landesuniversität zu Mar­burg an. Als der Bezirkskonservator Dr. Bickel in Marburg starb, wurde Universitätsprofessor a. D. Ge­heimer Regierungsrat Dr. von Drach einstimmig vom Kommunallandtage zum Bezirkskonservator für den Regierungsbezirk Cassel gewählt. Eine rastlose Ar­beit hatte Geheimrat von Drach in seiner der Haupt­sache nach ehrenamtlichen Stellung entfaltet. Der Tod dieses rüstigen Forschers hessischer Kunstge­schichte bedeutet für unsere engere Heimat einen schweren Verlust.

Cassel, 1. Mai. Wegen schwerer Körperverletzung hatte sich der Tagelöhner Ludwig M. aus Bebra vor der Strafkammer zu verantworten. Der Angeklagte hatte in einer Gastwirtschaft in Bebra allerhand Unfug getrieben, sodaß er schließlich vor die Tür gesetzt werden mußte. M. vermutete, daß hieran der Schlosser­geselle Sch. Schuld habe. Als dieser nach etwa einer Stunde die Wirtschaft verließ, übersiel ihn M. und brächte ihm mit einem Messer einen Stich in den Unterleib bei, der jedoch keine schwere Verletzung zur Folge hatte. Die Strafkammer verurteile M. zu neun Monaten Gefängnis.

Beiseförth Kr. Melsungen, 1. Mai. Der hiesige Gastwirt und Kaufmann Ellenberger wurde von dem Hauptmann seines Sohnes benachrichtigt, daß dieser gefallen sei. Die Familie traf hierauf Vorbereitungen, eine Trauerfeier abzuhalten. Am Tage, an dem diese stattfinden sollte, traf noch rechtzeitig ein Brief von dem vermeintlichen Toten ein, mit der Meldung, daß er sich frisch und gesund in französischer Gefangenschaft befinde.

Witzenhausen a. d. W., 3. Mai. Nun ist auch der altberühmte Witzenhüuser Blütensonntag verstrichen, mit Maienfreude, Vogelfang, gleißendem Sonnenschein und Gewitterschauern. Letztere setzten nach wunder­vollem Wetter um etwa 3 Uhr nachmittags ein. Im großen und ganzen aber sind die zahlreichen lenzes- frohen Pilger auch in diesem Jahre wieder auf ihre Rechnung gekommen, vor allem die Frühaufsteher, streiften doch schon um 5 Uhr früh, als Trommler und Pfeifer der Jugendwehr die Einwohnerschaft mit der tönenden Verkündigung, daßder Mai gekommen sei und die Bäume ausschlügen," aus den dumpfen Kammern in den lachenden Sonnenschein riefen, Be­sucher aus Cassel und näher gelegener Orten auf dem Johannisberg, in Leuzbach, Gertenbach umher und genossen die Pracht der Kirschblüten, die sich erst in den letzten zwei, drei Tagen, namentlich aber nach dem erfrischenden Regen der letzten Nacht erschlossen hatte. Die Bliite ist eine ganz vorzügliche, wenn sie auch in Anbetracht der in diesem Jahre besonders starken Laubentwickelung der Kirschbäume nicht so augenfällig in die Erscheinung tritt. Mit Bedauern hört man die vielfachen Klagen über das starke Auftreten der Raupen, doch bleibt zu hoffen, daß bei weiterer Be­kämpfung dieser Schädlinge die Erntefreude nicht zu sehr beeinträchtigt wird. Der Saatenstand in unserm Kreise ist überall gut. Auf einen Schädling unserer Felder sei hier besonders hingewiesen: Die Acker­schnecke. Das Aufsammeln der Tiere ist besonders in den frühen Morgenstunden leicht.

Witzenhausen, 1. Mai. Die Aufräumungsarbeiten an der Brandstelle der Staffelschen Papierfabrik werden unter Zuhilfenahme der wenigen nach den Einberufungen dem Betriebe verbliebenen männlichen Arbeitskräfte ausgeführt. Anstelle des vernichteten Teiles der Fabrik soll ein masiv-modernes Gebäude errichtet werden. Die Entstehungsursache des Brandes ist noch immer nicht aufgeklärt. Es wird hier als ein Glück bezeichnet, daß das Feuer vor Beginn der Arbeitszeit ausgekommen und so keine Verluste an Menschenleben zu beklagen sind.

Marburg, 1. Mai. Still, wie es dem Ernst der Zeit entspricht, hat das Sommersemester im blüten- umkränzten Marburg seinen Anfang genommen. Während sonst um diese Zeit, in der es in Marburg am schönsten ist, Marburgs Straßen und Gassen Scharen buntbemützter Musensöhne durchfluten und

von den studentischen Vereinshäusern fröhlicher Sang und Klang erschallte, erblickt man jetzt nur hier und da einzelne oder höchstens kleinere Trupps junger Leute, die zum Studium Marburg aufgesucht haben. Desto mehr scheinen sich aber weibliche Studierende eingefunden zu haben und noch täglich einzufinden. Die meisten Marburger Studenten, die im vorigen Jahre noch den eigenartigen Reiz einer Marburger studentischen Maifeier, die in diesem Jahre ausfällt, kennen lernten, stehen jetzt draußen in Feindesland, und bei manchem wird es vielleicht vor einem Jahr das letzte Mal gewesen sein, daß er den Einzug deS Wonnemonats begrüßen durfte.

Fulda, 1. Mai. Fräulein Elise Scharf, Vorsteherin des hiesigen privaten Lehrerinnenseminars, ist nach 84jähriger unermüdlicher, segensreicher Tätigkeit in den Ruhestand getreten.

Das Gerede vom Frieden.

Es bedarf keines Wortes, um zu versichern, daß jeder Deutsche den Wunsch hegt, es möchte wieder Frieden werden und der Krieg ein Ende haben, der nun schon neun Monate lang die Welt durchtobt und die Völker Europas zerfleischt. Keinem Volke wohnt die Liebe zum Frieden und zur friedlichen Arbeit tiefer im Herzen, als dem deutschen, keine Regierung hat so aufrichtig und bis zum Aeußersten sich bestrebt gezeigt, den Frieden zu erhalten, als die deutsche Regierung mit dem Kaiser an der Spitze. Tiefer wird das Grauen und Entsetzliche, das der Krieg mit sich bringt, von keiner Nation empfunden, als von der deutschen, gerade darum aber auch wird von unserem Volke der Frevel, der diesen Krieg heraufbe­schworen hat, auf das Schärfste verurteilt, und gerade darum sümpfen wir mit einer solchen Entschiedenheit und einer solchen Unerbittlichkeit, nm diesen Krieg durch einen Frieden zu beenden, der es nach mensch­lichem Ermessen für die Zukunft jedem unmöglich machen soll, uns in unserer friedlichen nationalen Entwickelung zu bedrohen und zu stören.

Von diesem Friedensbedürfnis, welches das deutsche Volk im Innersten seines Herzens hegt, ist aber jenes Gerede, das da aus allen möglichen Hintergedanken heraus Pläne erwägt, die auf eine vorzeitige Beendigung dieses Krieges unter Außeracht­lassung seines Hauptzieles durch Sonderverein- barungen mit diesem und jenem unserer Feinde hinauslaufen, himmelweit verschieden. Es war wirk­lich an der Zeit, daß diesem Gerede durch ein kräftiges Wort vonseiten unserer Regierung ein Ende gemacht wurde. Die bewußte Erklärung in derNorddeutschen Allgmeine Zeitung" wandte sich zwar in erster Linie gegen jene Gerüchte, welche von vorbereitenden Schritten zur Herbeiführung eines Sonderfriedens mit England auf der Grundlage gewisser englischer Wünsche und Forderungen wissen wollten, ließ aber doch keinen Zweifel daran, daß die Zurückweisung dieser Gerüchte auch für solche gilt, die sich auf Friedensverhandlungen mit Frankreich und Rußland beziehen.Kein Urteilsfähiger", hieß es in jener Bekanntmachung,kann daran denken, die für Deutsch­land günstige Kriegslage zugunsten eines vorzeitigen Friedensschlusses irgend einem seiner Feinde prets- zugeben." Das ist deutlich genug, wenn es auch aus gewissen Gründen bedeutsam bleibt, daß in der amt­lichen Auslassung in erster Linie auf England Bezug genommen wurde.

Wir haben erst jüngst dargetan, daß es in dem gegenwärtigen Kampfe einenHauptfeind" für uns nicht gibt. England, Frankreich und Rußland sind als Feinde für uns und unser gutes Schwert gleich­wertig, und wir haben nicht den geringsten Anlaß, auf den einen von ihnen mehr Rücksicht zu nehmen, als auf den anderen. Das hindert freilich nicht, daß wir die Verantwortung Englands für den Krieg als besonders groß und schwer empfinden und unsere Ge­fühle danach richten. Diesen Gefühlen wollte auch wohl die amtliche Bekanntmachung Rechnung tragen, die sich gegen das Friedensgerede kehrte. Notwendig war die Auslassung im Grunde genommen aber wohl weniger mit Rücksicht auf die Stimmung in Deutsch­land, als mit Rücksicht auf das Ausland. In Deutsch­land gibt es heute wohl kaum Einen, der ernstlich an einen Friedensschluß denkt, welcher nicht voll der ungeheueren Opfer wert ist, die wir an Gut und Blut gebracht haben, aber im Ausland, tm feindlichen wie im neutralen Auslande, könnte doch das törichte Gerede von vorzeitigen Friedensbestrebungen einen üblen Eindruck machen, indem es die Meinung er­weckt, Deutschland sei des Krieges müde und sorge sich um eine Möglichkeit, ihn um jeden Preis zu be­endigen. Wenn eine solche Täuschung schließlich auch nur zum Nachteil unserer Feinde ausschlagen könnte, so könnte sie doch geeignet sein, den Krieg unnötig zu verlängern. Darum schon liegt es im deutschen Interesse, eine Ende zu machen mit jenem Gerede. Deutschland will und wird nur dann Frieden schließen, wenn es sein Ziel erreicht hat, den Gegner so nieder- zuwerien, daß er es nicht mehr wagen wird, uns noch einmal anzugreifen. Dies immer von neuem zu be­tonen, ist eine vaterländische Pflicht.