Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hrrsfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Weite
für den Kreis Hersfeld
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Nr. 98.
Mittwoch, den 28. April
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.
Bus der Heimat.
* (Sammelt ausländisches Geld und ungestempelte Postwertzeichen des Auslandes für das R o t e Kreuz.) Die lange Dauer des Krieges rechtfertigt das Bestreben der Vereine vom Roten Kreuz, zu Gunsten der verwundeten und erkrankten Krieger die Sammeltätigkeit mit größtem Nachdruck zu betreiben und auf anscheinend ferner liegende Gebiete auszudehnen. An der Aufbringung der Kosten für die Pflege der verwundeten und erkrankten Krieger hat der preußische Landesverein vom Roten Kreuz einen besonders großen Anteil. Um sich die Möglichkeit zu sichern, ohne Unterbrechung den immer stärker an ihn herantretenden Anforderungen zu genügen, beabsichtigt er unter anderem die im Lande an zahlreichen Stellen ungenutzt daliegenden Vorräte an umlauffähigen Geldstücken (einschl. Papiergeld) und ungestempelten Postwertzeichen des gesamten, auch des uns befreundeten Auslandes nutzbar zu machen. Die genannten Gegenstände sind in kleineren Mengen so gut wie wertlos, während sie in größereu Beständen vereinigt zweckmäßig verwertet werden können, ohne daß eine Ein- schmelzung erforderlich ist. Wer solche Gegenstände besitzt, wird herzlich gebeten, sie dem Zentral-Komitee vom Roten Kreuz, Abteilung 6 für Sammet- und Werbewesen 2, Berlin S. W. 11, Abgeordnetenhaus, Tribünengeschoß, Zimmer Nr. 38, abzuliefern. Auch die kleinste Gabe ist willkommen. Schulen, Vereine, Stammtische usw. tun ein gutes Werk, wenn sie sich der Sammlung widmen. Wer Gegenstände der bezeichneten Art im Werte von wenigstens 25 Mark ein- sendet erhält fals Ehrenpreis eine künstlerische von Professor Gaul entworfene Denkmünze aus Eiseu, die unter Verwendung von Geschoßmaterial hergestellt ist.
* Reklamations-, Zurückstellungs- und Urlaubsgesuche für Mannschaften des Feld- und Besatzungsheeres auf Grund häuslicher und gewerblicher Verhältnisse gehen fortgesetzt beim Kriegsministerium und dem Reichs-Marineamt ein. Die Meinuug, daß solche Gesuche wirksamer und schneller ihr Ziel erreichen, wenn sie an das Kriegsministerium oder das Reichsmarineamt gerichtet sind, ist durchaus irrig, da diese Gesuche von dort erst an das zuständige Generalkommando weitergeleitet werden. Derartige Gesuche sind stets durch die zuständige Ersatzkommission an das stellvertr. Generalkommando zu richten. Hierbei wird bemerkt, daß Gesuche um Entlassungen nur ausnahmsweise im Falle eines dringenden Notstandes Aussicht auf Berücksichtigung haben und daß gänzliche Befreiungen unzulässig sind. Es kann sich nur um Zurückstellung für einen bestimmten Zeitpunkt handeln.
* (Briefe, die man nicht s ch r e i b e n soll.) Zu der bekannten Tatsache, daß manche Leute ihren im Felde stehenden Angehörigen Dinge schreiben, die besser nicht geschrieben würden, äußert sich die „Köln. Ztg." folgendermaßen: Die Angehörigen machen oft, wenn sie gerade nicht in guter Stimmung sind, mit ihren vorübergehenden Sorgen dem Vaterlandsverteidiger das Herz schwer. Die englische Presse macht sich danu das Vergnügen, in langen Spalten die Auszüge aus Gefangenenbriefen abzudrucken, die der wohlbekannte „Augenzeuge" an der englischen Front zusammenstellt, und worin er die „Anzeichen der deutschen Verzweiflung" zu bemerken können glaubt. Da wird zwar gesagt, daß wir nicht ausgehungert werben können, und die zuversichtlilche Hoffnung ausgesprochen, daß England die gerechte Strafe erreicht. Des öftern werden aber auch Einzelheiten mitgeteilt, die, obwohl rein persönlicher Art, vom Feinde leicht verallgemeinert werden können und daher schädlich wirken. Gewiß sind die Lebensmittelpreise gestiegen, die Verteuerung ist aber allgemein und selbst in neutralen Ländern fühlbar. Daß in Briefen darüber geklagt wird, ist zwecklos und liefert dem Feinde nur Waffen in die Hand. Der Feind benutzt solche Aeußerungen, um uns als kriegsmüde hinzustellen und die eigene Volksstimmung zu stärken. Auch solche beiläufigen Aeußerungen, wie, daß es hoffentlich bald Friede gebe, haben dieselbe Wirkung. Unsere Feinde glauben daraus auf eine allgemeine Friedenssehusucht um jeden, oder besser gesagt, um gar keinen Preis schließen zu können. Das „Hütet eure Zungen" gilt heute nicht minder für den Briefverkehr. Der Brief ist ein Augenblickserzeugnis, das Briefschreiben war
vor dem Kriege aus der Mode gekommen, weil wir mit allen Fibern tätigen Menschen keine Zeit dazu fanden. Heute können wir keine Briefe mehr schreiben und begniigen uns mit abgerissenen Sätzen. Um so mehr sollten wir bedenken, ob wir nichts Unwesentliches und Ueberflüssiges mitteilen. Alle die siebten Sorgen und Nörgeleien sollten aus den Briefen verbannt werden, das wirklich große Leid aber muß jeder selbst zu tragen, und überwinden versuchen. Achtung vor dem Leid, Verachtung für die Nörgler und Miesmacher!
Cassel, 26. April. Im benachbarten Harleshausen spielte sich am Sonnabend ein tragischer Vorfall ab. Die Frau eines Fabrikarbeiters war nach Eassel gegangen und hatte ihre Kinder in der Wohnung eingeschloffen. Der 13jährige Sohn spielte mit seinen Geschwistern und wollte ihnen zeigen, wie man jemanden aushänge. Er legte sich einen Bindfaden um den Hals und forderte die Geschwister auf, ihn loszumachen, wenn er ihnen die Anweisung dazu gebe. Der Bindfaden schnitt aber sofort tief in den Hals ein, sodaß der Junge schnell das Bewußtsein verlor und seine Geschwister den Augenblick, wo der Junge noch zu retten war, versäumten. Als die auf das Geschrei der Kinder herbeieilenden Hausbewohner die Wohnung erbrochen hatten, war der Junge bereits eine Leiche.
* (Ein Erntebittgottesdienst in Deutschland.) Der Evangelische Oberkirchenrat der Preußischen Landeskirche hat folgende Verfügung an die Konsistorien erlassen: „In dem gegenwärtigen uns aufgedrungenen Kriege geht neben dem Kampf mit den Waffen ein wirtschaftlicher Kampf nebenher, wie ihn die Weltgeschichte bisher noch nicht kennt. Bei längerer Dauer des Krieges wird es für seinen Ausgang von ausschlaggebender Bedeutung sein, daß die deutsche Volkswirtschaft sich weiter wie seit Beginn des Krieges unabhängig vom Ausland zu behaupten vermag. Der Ausfall der Ernte dieses Jahres ist deshalb weit mehr als in Friedensjahren für unser Volk von der allergrößten Bedeutung. Darum hat der Deutsche Evangelische Kirchenausschuß bei den evangelischen Kirchenregierungen angeregt, daß die Kirchengemeinden des evangelischen Deutschlands an einem bestimmten Sonntage sich zum Gebet um den göttlichen Segen für einen gedeihlichen Ausfall der diesjährigen Ernte vereinigen möchten. Als geeigneter Tag für diese gemeinsame Bitte ist der Sonntag Rogate (9. Mai) in Vorschlag gebracht worden. Für unsere Landeskirche ordnen wir an, daß am Sonntag Rogate in Predigt und Gebet der großen Bedeutung gedacht wird, die es in diesen Kriegsläusten für unser Vaterland hat, daß die diesjährige Saat auf unseren Feldern von Gott in Gnaden behütet wird und zu einer ausgiebigen Ernte gelangt. Zugleich geben wir es dem Ermessen der Geistlichen anheim, eine besondere Bitte für die Ernte dieses Jahres von da an sonntäglich zu wiederholen."
* Ueber die Abzeichen für Land st u r m - formationen wird im Armee-Verordnungsblatt u. a. mitgeteilt: Die Truppengattungen der Land- sturmformationen unterscheiden sich hauptsächlich durch die verschiedenfarbigen Gurtbandschulterklappen ohne Nummer am Waffenrock (Litewka). Sie sind bei der Infanterie blau, den Pionieren schwarz, der Feldartillerie ponceaurot, der Fußartillerie gelb. Solche aufgenähten Schulterklappen erhalten künftig auch die Mäntel. An diesen sowie an den Litewken fallen die Kragenplatten — einschließlich Litzen — fort. Die Abzeichen zur Kennzeichnung der Landsturmformationen bei den obengenannten Waffengattungen werden vorn am Kragen (beiderseits) des Waffenrocks (Litewka) und des Mantels angebracht. Sie bestehen in der Nummer des Armeekorps in römischer Zahl — beim Gardekorps G —, darunter die Nummer des Bataillons usw. in arabischer Zahl, innerhalb jedes Armeekorps von Nummer 1 ab — einschließlich Land- sturm-Ersatzformationen — durchlaufend. Die mobile Verwendung findenden Landsturm-Jusanterie-Bataill. führen am Helmüberzug unter dem Landwehrkreuz nur die Bataillonsnummer.
* (D e r N a ch w u ch s i m H a n d w e r k.) Der preußische Handelsminister hat einen Erlaß an die Regierungspräsidenten gerichtet, dem wir folgendes entnehmen: „Es ist die Befürchtung geäußert worden, daß unter dem Einfluß des Krieges die Ausbildung des Nachwuchses int Handwerk auf Schwierigkeiten stoßen könne, da infolge der Einziehung von Hanö- werksmeistern und Gesellen zum Heeresdienst und der Schließung von Werkstätten zahlreiche Lehrlinge aus der Lehre entlassen werden müßten und die jungen Leute, die bei ihrer Entlassung aus der Schule eine Lehrstelle suchten, eine solche häufig nicht würden finden können. Um diese Schwierigkeiten wenigstens zum Teil zu beseitigen, ist vorgeschlagen worden, daß den im letzten Lehrjahre befindlichen Lehrlingen, die infolge des Krieges ihre Lehrstelle verloren haben, Gelegenheit gegeben werde, in den Gewerbeförderungs- anstalten mit ihren Meisterkursen und in den mit Lehrwerkstätten ausgestatteten Fachschulen ihre praktische Ausbildung bei gleichzeitigem Besuche der Fort
bildungsschule zur Vorbereitung für die Ablegung der Gesellenprüfung fortzusetzen. Ferner ist vorgeschlagen worden, den jungen Leuten, die bei Beendigung der Schulpflicht eine Lehrstelle im Handwerke nicht finden könnten, einen weiteren einjährigen Schulbesuch zu ermöglichen. Man solle versuchen, diese jungen Leute in besonderen Tagesklassen zu vereinigen, die in Verbindung mit der Fortbildungsschule zu bringen und ihr anzugliedern seien, und in denen ihnen ein die Bedürfnisse des gewerblichen und kaufmännischen Lebens berücksichtigender Unterricht neben einem gleichzeitigen gehobenen Handfertigkeitsunterricht, für den ebenfalls vorzugsweise die obengenannten Gewerbeförderungsanstalten und Fachschulen in Frage kommen würden, zur besseren Vorbildung für die Lehre zu erteilen sei. Ich will mich damit einverstanden erklären, daß da, wo sich Einrichtungen der vorgeschlagenen Art treffen lassen, in dieser Richtung im Einvernehmen mit den Schul- vorständen, Kuratorien oder Direktionen sowie der zuständigen Handwerkskammer Versuche unternommen werden. Ich setzte voraus, daß von den Teilnehmern an den Kursen ein angemessenes Schulgeld entrichtet wirb; bedürftige Teilnehmer würden durch Gewährung von Stipendien unterstützt werden können."
§ Hersfeld, 27. April. Der Kgl. RegierungsPräsident zu Cassel hat betr. Bildung von Schiedsgerichten zur Entscheidung über Beschwerden gegen die von den Behörden in dem Verfahren zur Ueber- eignung der Schweine festgesetzten Uebernahmepreise zum Stellvertreter des zweiten Beisitzers für die gebildeten Schiedsgerichte ernannt, in Hersfeld den Domänenpächter Eschstruth in Wilhelmshof.
):( Hersfeld, 27. April. Auf die im amtlichen Teil der heutigen Nummer abgedruckte Bekanntmachung, in der für den 30. April 1915 eine Vorratserhebung über Rindviehhäute (einschließlich der Kalbfelle) und gewisse Lederarten angeordnet worden ist, machen wir auch an dieser Stelle noch ganz besonders aufmerksam.
Harleshausen, 26. April. Einem Casseler Herrn, der hier einen Garten besitzt, sind kürzlich nachts eine Anzahl Hühner, junge Gänse und Kaninchen getötet worden. Wunderbar ist es, daß der Besitzer des Grundstücks, der mit seinem Hunde in der in der Nähe der Stallung befindlichen Hüte schlief, nichts gewahr wurde. Die Diebe haben das genannte Vieh auf ein Nachbargrundstück gebracht und dort ausgeschlachtet. In dieser Hütte sah es wie in einem Schlachthaus aus. Leider konnte der heute morgen geholte Polizeihund nur auf eine kurze Strecke die Spur verfolgen. Eine zurückgelassene Arbeitshose hilft vielleicht auf die Spur.
Kirchhaiu, 25. April. Im nahen Burgholz kochte ein Landwirt das Viehfutter mit Sägespänen. Der gewaltige Rauch drang in den angrenzenden Vtehstall. Drei wertvolle Tiere verendeten infolge Rauchvergiftung — Vorsicht!
Ohrdruf, 26. April. Eine Zeitung für Kriegsgefangene erscheint in Ohrdruf. Vom „Thüringer Waldboten" wird ein „Journal du Camp d'Ohrdruf" herausgegeben, das für das Gefangenenlager in Ohrdruf bestimmt ist. Gefangene französische Schriftsteller liefern den Text, französische Gefangene verrichten auch die Satzarbeiten, die Kommandantur des Lagers aber zeichnet für die Schriftleitung.
Sonneberg, 24. April. Gestern nachmittag ist der am hiesigen Guterbahnhof gelegene Lagerschuppen der bekannten Spielwaren-Exportfirma Kuno und Otto Dressel mit großen Spielwarenvorräten gänzlich niedergebrannt. Der Schaden ist sehr bedeutend. Das Feuer ist vermutlich durch spielende Kinder verursacht worden.
Fulda, 26. April. Der Schweinemarkt am Sonnabend wies einen Auftrieb von 282 Ferkel auf. Bezahlt wurden für Ferkel bis zu 6 Wochen 10 bis 13 Mark, 6 bis 8 Wochen 14 bis 16 Mark und von b bis 10 Wochen 18 bis 20 Mark pro Stück je nach Qualität. Der gesamte Auftrieb war um 9 Uhr schon gänzlich umgesetzt und die Nachfrage größer als das Angebot.
Fulda, 22. April. Eine Sammelbüchse des Rote n K r e u z e s g e st o h l e n zu haben, würbe der 45jährige Kaufmann und Agent F. Roll, gebürtig aus Hersfeld, wohnhaft in Fulda beschuldigt. Der Angeklagte ist Alkoholiker und, war bereits drei Monate in einer Trinkerheilanstalt. Das Schöffengericht kam zu der Ueberzeugung, daß N. bei Begehung des Diebstahls ganz klar war und erkannte in Berücksichtigung der Vorstrafen des Angeklagten und der Gemeinheit seiner Handlungsweise auf 4 Monate Gefängnis.
Heidesheim, 26. April. Vor den Augen des Vaters Überfuhr bei dem Uebergang Sandhof ein Schnellzug das vierjährige Kind des Bahnwärters Bieber. Das Kind wollte seiner Mutter ins Feld nachlaufen und war dabei durch die geschlossene Schranke geschlüpft. Ehe der Vater herbeispringen konnte, war das Unglück bereits geschehen.