Sersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be- ~ zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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für den Kreis Hersfeld
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Nr. 96.
Sonntag, den ÄS. April
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.
Bus der Heimat.
* (A u s n ah m e ta r i f für Schweine in Wagenladungen nach und von Waldweiden.) Ein Erlaß des Landwirschaftsminister sprach sich bekanntlich kürzlich für jede nur mögliche Förderung der Bestrebungen betreffend Nutzbarmachung der Waldweide für Schweine aus. In Uebereinstimmung damit ist ein Auftrag des Eisenbahnministers ergangen, den oben erwähnten Ausnahlnetarif einzuführen, unter folgenden Gesichtspunkten: Die Ermäßigung beträgt siebzig Prozent der normalen Wagenladungsfracht. Die Frachtermäßigung gilt für den Versand der Tiere nach einer bestimmt zu bezeichnenden Waldweide und zurück. Die Schweine müssen jedoch, um auch für den Rücktransport die Vergünstigung zu erhalten, nach dem ursprünglichen Versandorte geschickt werden.
* (D i e das Eiserne K r e u z n i ch t habe n.) Das Stellvertretende General-Kommando des 7. Armeekorps erläßt folgende Erklärung: Eine unbewußte Taktlosigkeit begehen manche an unseren braven Feldgrauen, indem sie die fehlende Dekorierung durch das Eiserne Kreuz im stillen auf einen Mangel an Tapferkeit zurückführen und diese Ansicht sogar offen aussprechen, zum mindesten aber irgendwie durchschimmern lassen. Wie viele tapfere Kämpfer sind schon seit Monaten draußen und haben das Kreuz nicht erworben! Sie sind deshalb weniger gute Soldaten? Alle können es nicht haben, das muß sich doch jeder vernünftige Mensch selbst sagen, wenn auch jeder von dem Wunsche beseelt ist, sich das eiserne Ehrenzeichen zu erringen. Aber die Gelegenheit, eine besondere Tat zn vollbringen — eine solche ist ja für die Verleihung des Eisernen Kreuzes erforderlich — bietet sich eben nicht einem jeden, und kann sich auch nicht allen bieten. Schon dieser Grund ist von großer Wichtigkeit für die Beurteilung der ganzen Frage. Wenn demgegenüber ein mit dem Kreuz Geschmückter ausruft: „Ohne Kreuz wäre ich nicht wiedergekommen," oder ein Vater seinem Sohn beim Abschied einprägt: „Daß Du mir nicht ohne Kreuz zurückkehrst", so sind das recht unbedachte Worte, die jedes tatsächlichen Wertes entbehren. Bedauerliche Worte sogar. Und häufig gar Schlimmeres, etwas, das nach krankhaftem Ehrgeiz schmeckt, nach Redseligkeit, nach falschem Stolz. Hat der einzelne etwa stets Gelegenheit, sich hervorzutun? Hat der eine nicht häufig weit mehr Gelegenheit dazu wie der andere? Manchen, der tapfer dem Feinde die Stirn bietet, streckt gleich die erste Kugel nieder. Hätte er nicht sonst vielleicht auch das Kreuz verdient? Hier soll unter keinen Umständen vielleicht gar von einer ungleichartigen Verteilung des Ehrenzeichens die Rede sein. Jeder, der das Kreuz trägt, hat es redlich verdient. Würde es für treue Pflichterfüllung schlechthin erteilt, so dürfte es jeder Feldsoldat tragen. Dann aber wäre die Auszeichnung wieder verallgemeinert, und ihr Wert würde herabgesetzt sein. Aber herabwürdigende Urteile über die, die das Kreuz nicht haben, sind grobe Taktlosigkeiten und zeugen von einer völligen Unkenntnis in derartigen Kreisen des Publikums über die Möglichkeiten zur Erwerbung und Bedeutung des Ehrenzeichens. — Man kann der Erklärung des General-Kommandos nur zustimmen.
) :( Hersfeld, 23. April. Gestern abend wurde bei Oberhaun die Leiche eines Mannes aus der Haune gezogen. Die Personalien konnten noch nicht festgestellt werden.
- n- Rotensee, 24. April. Vorgestern abend gegen 11 Uhr versuchte ein Langfinger Herrn K. M a n n ß einen Besuch abzustatten wo er jedoch von Herrn M. der noch einmal im Stall gewesen war, überrascht wurde. Er nahm Reißaus, verlor jedoch beim Ueberklettern des Staketenzauns einen Schuh. Der Nachtvogel dürfte infolgedessen ein schlechtes Geschäft gemacht haben, da er ohne Beute, auch sich noch neue Schuhe kaufen muß. Herr M. null ihm deshalb wegen den hohen Schuhpreisen entgegen kommen und den Schnallenschuh wieder zurückgeben, wenn er ihn sich bei ihm abholt.
Niederaula, 22. April. Durch Funkenflug aus der Lokomotive geriet in dem um 12.10 Uhr mittags hier aus Schlitz einlaufenden Personenzug zwischen Niederjossa und der hiesigen Station ein Wagen Flachs in Brand. Die wertvolle Ladung ist vollständig vernichtet.
Cassel, 28. April. (Ein interessanter Rechtsstreit.) Im August 1911 wurden in der Gemeinde Richelsdorf im Regierungsbezirk Cassel die Vorbereitungen zu einem Schulfest getroffen. Der Bolksschullehrer Karl Hesse forderte die Schüler, soweit sie Lust und Zeit dazu hätten, auf, im Wald Laub und Zweige zu sammeln. Dieser Aufforderung folgten auch eine Reihe von Knaben darunter der zwölfjährige Sohn des Ziegeleibesitzers Wagner. Sie begaben sich in Begleitung des Lehrers unter Mitnahme eines Wagens
in den Wald. Bei bet Rückkehr kam der beladene Wagen auf der abschüssigen Chaussee in schnelleren Lauf und die Deichsel verletzte den W. schwer am Arme. Sein Vater machte für den Unfall den Lehrer bzw. auf Grund des preußischen Gesetzes vom Jahre 1909 den preußischen Fiskus verantwortlich und verlangte im Klagewege Schadenersatz. Das Landgericht und das Oberlandesgericht Cassel erkannten den Anspruch des W. unter der Anahme mitwirkenden Verschuldens zur Hälfte an und wiesen jeden weiteren Anspruch ab. Die beim Reichsgericht eingelegte Revision des Fiskus stützte sich in der Hauptsache darauf, der Paragraph 1 des Gesetzes vom Jahre 1909 ergebe nach der bisherigen Rechtsprechung fauch der des Reichsgerichts) nicht die Haftpflicht des Staates für Amtsverletzungen der Bolksschullehrer. Wenn eine solche aus dem Gesetz vom 14. Mai 1914 hergeleitet werde so sei zu erwägen, daß'der Unfall sich im Jahre 1911 ereignet nnd daß das spätere Gesetz keine rückwirkende Kraft habe. Es käme häufig vor, daß der Lehrer sich an Vorbereitungen zu Gemeindefesten beteiligten, eine derartige Tätigkeit sei aber eine rein freiwillige und sei keine Ausübung eines öffentlichen Amtes. Er habe auch den Schülern völlig freigestellt, ob sie mit nach dem Walde gehen wollten oder nicht. Ein Verschulden treffe den Lehrer daher nicht. Wenn er sie gemahnt habe, sich ordnungsmäßig und vorsichtig zu verhalten, so habe er mehr getan als nötig war. Der dritte Zivilsenat des höchsten Gerichtshofes hob dann auch das Urteil der Vorinstanz, soweit zu Ungunsten des beklagten Fiskus erkannt war, auf und wies die Klage in vollem Umfange ab.
Münden, 23. April. Es ist gelungen, noch zwei weitere der flüchtigen gefangenen Offiziere zu ergreifen und zwar im Kreise Detmold. Es sind dies der russische Leutnant d. R. Tetschkowski und der englische Leutnant Templer. Es fehlen also nur noch zwei der Flüchtigen.
Marburg, 23. April. Das Landgericht verurteilte zwei jugendliche russisch-po ische Arbeiter, die vor einiger Zeit in Gtlsa ihren Gutsherrn mit einer Krauthacke so mißhandelt hatten, das dieser in Lebensgefahr schwebte, zu je 272 Jahren Gefängnis.
Marburg, 23. April. In der hiesigen Klinik starb ein 18jähriger Bursche namens Paul aus Emsdorf an den Folgen eines Pferdetrittes.
Marburg, 23. April. Spielende Kinder fanden auf „Philippsruhe", in einer Blutlache liegend, einen armen Wanderer, der sich einen Schnitt am Handgelenk beigebracht hatte. Die Sanitätskolonne führte den Mann, einen 57jährigen Steindrucker Hugo Sundhausen aus Lauterberg in die Chirurgische Klinik.
Göttingen, 23. April. Professor Dr. Otto in Göttingen, Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Hildesheim 6, der einen Ruf an die Universität Bres- lau angenommen hat, hat sein Mandat niedergelegt, weil er es, wie die Blätter melden, als nach dem Gesetz erloschen betrachtet.
Göttingen, 23. April. Der bisherige Hilfs- bibliothekar an der Universitätsbibliothek in Münster i. W., Dr. phil. Wilhelm Vogt (geb. zu Gütersloh), wurde zum Bibliothekar an der Universitätsbibliothek in Göttingen ernannt.
Fulda, 22. April. Beim Spielen siel der sechsjährige Sohn des Malergehilfen Witzel in der Jobannisstraße in die Fulda. Auf die Hilferufe der Spielkameraden des Jungen eilte der Lokomotivführer- Herbert, der sich zufällig in der Nähe befand, herbei und rettete das Kind vor dem sicheren Tode des Ertrinkens.
Fulda, 23. April. Einen Zug weiblicher Größe und echt christlicher Verzeihlichkeit legte an den Tag die 'Witwe des auf der Wachtstube des hiesigen Kasernements erschossenen Unteroffiziers Hünemann aus Bad Liebenstein, indem sie in einem rührenden Brief au das Abteilungskommando bittet, den unabsichtlichen Täter, den Trompeter-Sergeanten Gehring, einen Gerichtsbeamten aus Thüringen und befreundeten Landsmann, wegen des unglücklichen Zufalls nicht bestrafen zu wollen. Gehring verfiel in Tobsucht und ist im Lazarett in einer Isolierzelle untergebracht. Die Leiche Hünemanns wurde unter militärischen Ehren in die Heimat übergeführt.
Geluhauseu, 23. April. Am 9. Januar ö. J. wurde in der R.'schen Gastwirschaft die 23 Jahre alte Tochter des Gastwirts von dem Militär-krankenwärter O. aus Frankfurt a. M. durch leichtfertiges Umgehen mit einem Revolver erschossen. Das Kriegsgericht hat O. zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt.____________________
Durch die Lupe.
Ein Stückchen Zeitgeschichte in Versen.)
Mit der großen Offensive, — welche Joffre uns verhieß, — war auch diesmal, wie noch immer, — es natürlich ziemlich mieß, — zwar die Zähne hat der Franzmann — wieder einmal uns gezeigt, — aber trotz der schweren Opfer — hat er wieder nichts erreicht. — Unverrückbar, fast wie Mauern, — halten unsre
Truppen Wacht, — und an ihrem tapfern Mute — bröckelt ab der Feinde Macht, — Wochen, Monde sind vergangen, — ohne daß dem Tatendrang — der Franzosen nur der kleinste — Fortschritt und Erfolg gelang. — Auch die Truppen, die der Brite — nach und nach in Land und Stadt — sich mit schwerem Gelde mühsam — für den Krieg gebettelt hat, — die er jetzt mit viel Reklame — endlich an die Front gebracht, — haben nutzlos sich erwiesen — gegen Deutschlands Eisenmacht. — Und mit Mätzchen aller Sorten — ist in London man bemüht, — jetzt das Volk zu überreden, — daß es nicht den Fehlschlag sieht. — Schnaps und Fußball, sagt man, haben — jetzt allein die Schuld daran, — daß der French mit seinem Heere — weiter nichts erreichen kann. — Ein Verbot von Ale und Whisky — nnd wie all' die Tränke heißen, — soll den arg verfahr'uen Karren — nunmehr aus dem Drecke reißen, — und mit Limonade bloß — züchtet man die Kriegswut groß. — Hätte England vor dem Kriege — sich zu diesem Schritt entschlossen, — und man hätte vor dem Kriege auch das richtige getroffen, — denn alsGreyanunssichwagte, — war er zweifellos besoffen!
Walter - Walter.
Unsere D Helden.
Mitdem Eisernen Kreuzausgezeichnet wurden: Pionier Hugo Liebold, Hersfeld Pionier-Batl. 11 Hann-Münden. — Res. Adam Goßmann, Friedlos Ins. Regt. Nr. 146. — Gefreiter Johann George Apel, Heringen Ins. Regt. Nr. 82. —
A u f dem Felde der Ehre fielen: Musketier Adam Walther, Völkershausen. — Musketier Johannes Göttlich, Ransbach. — Musketier Wilhelm Feist, Neukirchen. — Unteroffizier Franz Karl Kümmel, Großenbach. — Musketier Hans Walk, Hersfeld. — Füselier Heinrich 9tölfe, Sontra. — Musketier Johann George Karl Knieriem, Rocken- süß. — Res. Wilhelm Munk, Schwarzenborn. — Wehrm. Wilhelm Hoffmann,Rotenburg. — Res.DietrichSchwalm, Breitenbach am Herzberg. —
Die neuesten Zahlen über die Br- völkernngsbewegung Frankeichs.
Erst jetzt wagt die französische Regierung die Zahl der im ersten Halbjahr 1914 erfolgten Geburten und Todesfällen zu veröffentlichen. Da die von unseren Truppen besetzten Gebiete hier nicht berücksichtigt sind muß das Ergebnis unvollständig bleiben. Aber in dem anderen Teil Frankreichs sind in der oben erwähnten Zeit 20845 Personen mehr gestorben als in der entsprechenden Zeit des Vorjahres, während die Zahl der Geburten nur wenig gestiegen ist, so daß die Zahl »der Einwohner um 16874 zurückgegangen ist. Wären die Zahlen für ganz Frankreich bekannt, so wären sie vielleicht etwas günstiger, denn die Arbeiterbevölkerung der nördlichen Departements erfreut sich eines größeren Kindersegens als die Städter und Bauern des übrigen Frankreichs, wo man von dem Zweikindersystem nun schon mehr und mehr aus das Einkindersystem kommt.
Wir kennen die furchtbaren Menschenopfer des Krieges, aber ist ein solches langsames Hinsiechen eines ganzen großen Volkes nicht noch furchtbarer? Vor hundertlJahren war Frankreich wirklich noch die „große" Nation, anch an Bevölkerungszahl. Es gab wenn auch nicht allzuviel Franzosen mehr als Deutsche, jetzt ist das Verhältnis etwa 4 : 7. Und Frankreich fühlt den Untergang in seinen Adern. Wenn auch die Machthaber nur ihren persönlichen Gewinn im Auge haben, sie hätten keinen solchen Einfluß auf das Volk, wenn dort nicht die Ueberzeugung verbreitet wäre, daß jetzt die letzte Gelegenheit ist, mo Frankreich sich noch einmal als Großmacht zeigen kann. Daß es in diesem Ringen Millionen an Menschen opfert, darüber sieht es hinweg. Es fallen Hunderttausende von jungen Männern, die wohl im Stande gewesen wären, Familien zu gründen. Ob sie zwar mit dem Vorurteil gebrochen hätten? Wir wissen es nicht. Eins der lebten Werke des in Frankreich verschlungenen Zola schildert in blendenden Farben das Glück kinderreicher Familien, die auch das Mißgeschick des Einzelnen ganz anders ertragen können, als die modernen Einklnder- familien. — In vielen taufenden Familien beklagt man den Tod des einzigen Sohnes, hält man das Leben für zwecklos, überläßt sich düsterersVerzweiflung, in die die schrillen Hetzreden Vivianis nur von ferne hineintönen und die auch die kunstvoll redigierten Tagesberichte Joffres nur mit schwacher Hoffnung erfüllen. Wenn irgend eine Besserung möglich wäre, so könnte sie von dem jetzt mächtig auflebenden religiösen Sinn herkommen. In Deutschland hat man wenigstens gefunden, das katholische Landstriche Jid) von dem verhängnisvollen Rückgang der Geburten frei gehalten haben, aber es ist mehr als wahrscheinlich daß gegen die herrschende Abneigung vor zahlreicher Familie auch die Beredsamkeit des Klerus nicht aufkommen wird.