MersfeWer Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
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für den Kreis Hersfeld
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Nr. 78.
Freitag, den 2. April
1915
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Die amtlichen Bekanntmachungen befinden . sich aus der letzten Seite.
Karfreitag.
In der stillen Karwoche, die dem frühlingsbelebten Osterfeste vorangeht, ist der Karfreitag der stillste und ernsteste Tag. Düstere, tragische Bilder aus dem Werdegang der christlichen Religion knüpfen sich an diesen Tag und verbannen weltliche Freuden und Frohsinn von seinem Antlitz. Das Bildnis des sterbenden Erlösers am Kreuze duldet im Christenherzen kein anderes neben sich. — — Schon in Friedenszeiten haben wir am Karfreitage uns der schwermutsvollen Stimmung dieses Tages nicht entziehen können. Mochten wir eifrig oder lau in unseren religiösen Empfindungen sein, der Karfreitag bewegte unser aller Herzen in gleichem Maße. Ein Stückchen Urempfinden, von keiner Erziehung und Philosophie beeinflußt, beberrschte an diesem Tage unser Gemüt, und wir nahmen willig und gern den Zwang dieser Stimmung auf uns. — Wieviel mehr muß am diesmaligen Karfreitag Schwermut und Verzagtheit das Christenherz umdüstern! Millionen und Abermillionen von Christen, Angehörige einund derselben Religion, denen seit Jahrtausenden das Evangelium die Lehren von Nächstenliebe und Brüderlichkeit predigt, zerfleischen sich gegenseitig in wildem, unversöhnlichen Rassenhaß, ohne daß man selbst jetzt, nach fast dreivierteln eines Jahres ein Ende absehen oder nur erhoffen könnte. Gewiß: das deutsche Volk und sein tapferer Bundesgenosse haben den Kampf nicht gewollt. Haben nur zur Verteidigung ihrer bedrohten Existenz zu den Waffen greifen müssen, und fühlen sich frei von dem Vorwurf, diesen furchtbaren Krieg angezettelt zu haben, für dessen Verantwortng menschliche Schultern zu schwach sein sollten. Daß es dennoch Männer gegeben, die es ertrugen, ihre Stirn mit dem Kainsdenkmal brandmarken zu lassen, daß sie dieses unendliche Weh aus niedriger Rachsucht oder um kleiner Vorteile willen heraufbeschworen — daß diesen Männern das von ihnen verblendete Volk noch heute zujubelt und sich an den leeren haltlosen Reden berauscht, mit denen jene.Henkerknechte der Hölle ihr schwankendes Schiff weiterzusteuern versuchten — diese Verblendung auf Seiten unserer Gegner ist vielleicht das Traurigste, was der christlichen Religion und Kultur in diesem Jahrtausend begegnen konnte.
Man kann lediglich hoffen, daß hier in ferner Zukunft sich eine Besserung gestalten möge, die der Gegenwart versagt zu sein scheint. Gegenwärtig heißt es kämpfen, heißt es einen Kreuzzug führen, nicht allein fürs Vaterland, nein, auch des Glaubens halber. Denn jene, die in blinder Rachsucht jetzt allen Regungen ihres ohnmächtigen Hasses die Zügel schießen lassen, jene von niedrigen Leidenschaften und verächtlicher Gesinnung vorwärtsgepeitschten Kreaturen — sie sind allesamt keine Christen. Und seien sie es zehnmal dem Namen nach — ihr heuchlerisches Wesen muß in Scham erröten vor der stillen, kraftbewußten und glaubensstarken Selbstverständlichkeit, mit der uyser anderer Bundesgenosse, der Mohammedaner, die Waffen für Vaterland und Glauben ergriff. Für seinen Glauben, der nicht der unsere ist, den wir aber tausendfach höher bewerten als das Scheinchristentum unserer Gegner!
Aus der Heimat.
):( Hersfeld, 30. März. Die gestern nachmittag 5 Uhr tm Rathaussaale abgehaltene Sitzung der Stadtverordneten Versammlung war von 14 Stadtverordneten besucht. Vom Magistrat waren anwesend die Herren Bürgermeister Strauß, Beigeordneter S ch i m m e l p f e n g und . Stadtrat Hirschberger. Um 5 Uhr eröffnete Herr Stadt- verordneten-Vorsteher Becker die Sitzung. — Bei der am 1. März d. J. stattgefundenen, durch das Ausscheiden des Herrn Lederfabrikanten Jean R e ch b e r g notwendig gewordenen Ersatzwahl zur Stadtver- ordneten-Versammlung war Herr Fabrikbesitzer Wilhelm W e v e r dahter, als Stadtverordneter gewählt worden. Der Herr Stadtverordneten-Vorsteher legte die Wahlakten zur Kenntnisnahme vor und beantragte die Gültigkeitserklärung der Wahl. Die Stadtverordneten-Versammlung beschloß demgemäß. Im Anschluß hieran wurde Herr W e v e r, der in der Sitzung anwesend war, durch die Herrn Stadtverordneten-Vorsteher in sein Amt eingeführt und durch Handschlag an Eidesstatt verpflichtet. — Die Jahresrechnung der städtischen Forstkasse für das Forstwirtschaftsjahr 1912/18 ist geprüft worden und hat zu besonderen Bermerkungen keine Veranlassung gegeben. Sie schließt in Einnahme und Ausgabe ab mit 53067 Mark 84 Pfg. Die Versammlung erteilte dem Rechnungsführer Entlastung. — Weiter lag die Jahresrechnung der städtischen Sparkasse vom Kalenderjahr 1913 zur Beschlußfassung vor. Dieselbe wurde, da bei hkr Prüfung etwas wesentliches nicht zu erinnern
gefunden worden war, in Einnahme auf 4633418 Mk. 46 Pfg., in Ausgabe auf 4489085 Mk. 22 Pfg., im Kassenvorrat aus 144333 Mk. 24 Pfg. festgestellt und dem Rechnungssteller wurde Entlastung erteilt. — In einer früheren Sitzung der Stadtverordneten-Ver- sammlung war die Herrichtung einer schattigen Allee auf dem Wege von der Haunbrücke nach dem Obersberg und im Anschluß hieran eine Bepflanzung der Wegestrecke von der Eisenbahnbrücke am Obersberg nach der Waldschenke' in Anregung gebracht worden, da der fragliche Weg zur Sommerzeit von den Spaziergängern sehr bevorzugt wird. Auf Grund dieser Anregung hat der Magistrat die nötigen Feststellungen vornehmen lassen und dabei die Ueberzeugung genommen, daß eine Vaumpflanzung dieser Wegestrecke nicht empfohlen werden kann, da sie bei eintretendem Hochwasser stellenweise überschwemmt wird und die Baumstämme beim Eisgang stark beschädigt werden würden. Wie die vorgenommenen Vermessungen und Höhenfeststellungen ergeben, ist Gefahr vorhanden, daß das Hochwasser der Haune den angrenzenden Weg an manchen Stellen bis zu 3 Meter Höhe überflutet und da das umliegende Gelände meistenteils flach ist, läßt sich schwer Abhilfe schaffen. Die Stadtverordneten nahmen Kenntnis hiervon und ersuchten den Magistrat, noch weiter in Erwägung zu ziehen, in welcher Weise dem vorhandenen Uebelstande am besten abgeholfen werden könne, vielleicht durch eine Verlegung des Weges auf höher gelegenes, nicht der Ueberschwemmung ausgesetztes Gelände. — Der folgende Punkt der Tagesordnung beschäftigte sich mit der Sicherung der Fleischversorgung der Stadt Hersfeld während der Dauer des Krieges. Die Stadtverordneten-Versammlung hat in einer früheren Sitzung, einem Anträge des Magistrats entsprechend, den Betrag von 25000 Mk. zum Ankauf von Fleisch-Dauerware bewilligt, weil beide städtischenKörperschaften der Ueberzeugung waren, daß dieser Betrag ausreichend sei, da die meisten hiesigen Familien durch Hausschlachtungen und Einkauf von Fleischwaren ihren Bedarf bis zum nächsten Herbst bereits gedeckt haben. Eine ministerielle Anordnung vom 8. Februar 1915, die sich auf einen Beschluß des Bundesrats gründet, bestimmt jedoch, daß in allen Städten über 5000 Einwohner ausnahmslos ein Betrag von 15 Mark auf den Kopf der Bevölkerung zum Ankauf von Fleisch-Dauerware verwendet werden soll und die Königliche Regierung zu Cassel hat sich der Stadt Hersfeld gegenüber außer Stande erklärt, von dieser Bestimmung Abstand zu nehmen. Da unsere Stadt 10 000 Einwohner zählt, müssen demgemäß 150 000 Mk. zur Verfügung gestellt werden. Der Magistrat hat diesen Betrag bewilligt, zugleich aber den Herrn Bürgermeister ersucht, nach Berlin zu reisen und dort mit dem Vertreter der Zentral- Einkaufs-Gesellschaft m. b. H. (einer Reichsbehörde) wegen des Ankaufs und der Lieferung der Dauerware Rücksprache zu nehmen — das ist geschehen und es ist dem Herrn Bürgermeister gelungen, mit der Zentral-Einkaufsgxsellschaft ein Abkommen zu treffen, das die Interessen der Stadt Hersfeld nach Möglichkeit berücksichtigt. Die Stadt bestellt Fleisch- Dauerware (Konserven) für den Preis von 150 000 Mk. bezieht die Ware jedoch nach Maßgabe des jeweiligen Bedarfs auf besonderen Abruf. Für die nicht bezogene Ware braucht ein Kaufpreis nicht ge- zahltzu werden. Weiter hat sich die Zentral-Einkaufs- geseüschaft bereit erklärt, auch die bereis gelieferten aber etwa nicht abgesetzten Waren zurückzunehmen; in diesem Falle berechnet sie eine Rückkaufgebühr von 15 Prozent des Kaufpreises für Schweinefleisch in Brühe und von 7V2 Prozent des Kaufpreises für alle übrigen Fabrikate. Diese Art des Bezuges ist für die Stadt doppelt vorteilhaft. Denn tritt nach Friedensschlüsse ein Mangel an Fleischdauerware ein, was bei der ummssenden Abschlachtung der Schweine wohl zu befürchten ist, und hat dann die Stadt noch ein größeres Guthaben an Fleischware bei der Zentral-EinkaufS- gesellschaft, so hat sie ein vertragliches Recht auf Lieferung derselben und kann nicht in Verlegenheit kommen. Bei dieser Sachlage erklärten die Stadtverordneten einstimmig sich mit der Bewilligung des geforderten Betrages von 150 000 Mk. einverstanden. — Der etatsmäßige Verlag zu Naturalunterstützung für Armen in hiesiger Stadt ist vergriffen und der Magistrat hat einen Betrag in Höhe bis zu 600 Mk. nachbewilligt. Die Stadtverordneten billigten dies. — Ebenso stimmte die Versammlung der Bewilligung von 150 Mark Kosten zur Instandsetzung des städtischen Desinfektionsapparates zu. — Damit war die Tages- ordnung für die öffentliche Sitzung erschöpft. Außer der Tagesordnung stellte der Herr Stadtverord. Farberel- besitzer Daniel Stern den Antrag, gelegentlich der jetzigen Neupflasterung der unt. Frauenstr. das für die Ostseite der Straße am Rainchen vorgesehenen Trotmr zu verbreitern und dementsprechend den Straßenzug nach der Westseite hin zu verdrücken. Der Antrag fand genügende Unterstützung. Herr Stern begründete seine Forderung hauptsächlich damit, daß an einer vorspringenden Ecke am Rainchen das Trottoir nur eine Breite von 45 cm. erhalten habe und das sei bei der abschüssigen Lage der Straße im Interesse de» öffentlichen Verkehrs nicht ausreichend. Er bvantr««A
die Verbreiterung des TrottoirS an fraglicher Stelle auf 1 Meter; das Trottoir müsse in seiner Fortsetzung nach oben und unten in entsprechender Weise in die Trottoiranlage einmünden. Wenn auch demgegenüber in der nun folgenden längeren Debatte hervor- hoben wurde, daß der gegenwärtige Zustand nur vorübergehend sei, weil bei einem Neubau des in Betracht kommenden Hauses die Fluchtlinie eingehalten und der Bau um etwa 1 Meter zurückgerückt werden müsse, in welchem Falle dann das vorhandene Trottoir eine Breite von 2 Meter 50 cm. erhalten werde, so schloß sich die Versammlung doch den Ausführungen des Herrn Antragsteller an und beschloß, den Magistrat zu ersuchen, sich damit einverstanden zu erklären, daß das Trottoir an besagter Stelle eine Breite von 1 Meter erhält. — Um 8 Uhr schloß der Herr Stadtverordneten-Vorsteher die öffentliche Sitzung und die Versammlung trat in eine vertrauliche Beratung und Beschlußfaßung ein.
):( Hersfeld, 1. April. Am heutigen Tage sind eJ fünfundzwanzig Jahre, daß das 3. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 32 nach Cassel in seine nene Garnison übersiedelte. Der Abschied war ein sehr schwerer sowohl bei den Soldaten als auch den Bürgern und wird sich ein Jeder, der ihn miterlebt hat, dessen noch gut erinnern. Um 9 Uhr trat das Bataillon auf dem Marktplatz an, woselbst bereits alle Staats- und Stadtbehörden, sowie ein überaus zahlreiches Publikum versammelt waren. Der Kommandeur Herr Major von Talmuth hielt eine Abschiedsrede, in der er den Gefühlen der Wehmut, die das Bataillon beim Scheiden von der ihr so sehr lieb gewordenen Garnison, beseelte, bereden Ausdruck gab und in der er besonders darauf hinwies, daß daS Zusammenleben der Bürgerschaft mit den Soldaten stets ein ungetrübter und herzlicher gewesen sei. Am Schluß fordert er das Bataillon auf den Gefühlen des Dankes durch Ausbringung eines Hoch's auf das Wohl und Gedeihen der gastsreundlichen Stadt und ihrer liebenswürdigen Bewohner Ausdruck zu geben, und donnernd erschallte ein dreifaches Hoch über den Marktplatz. Hierauf dankte der inzwischen verstorbene Bürgermeister Braun im Namen der Stadt in bewegten Worten, wünschte auch dem Bataillon ein ferneres Glück und Gedeihen und schloß mit einem vom Publikum begeistert aufgenommenen dreimaligen Hoch auf das Bataillon. Dann folgte der Parademarsch und hiermit der Abmarsch unter den Klängen der beliebten Bataillonskapelle — an deren Spitze ihr beliebter tüchtiger Kapellmeister Schäfer — durch die Stadt zum Bahnhof,woselbst sich ein zahlloses Publikum eingefunden hatte, um dem Bataillon das Geleite zu geben.
8 Hersfeld, 1. April. D i e P 0 st s ch a l t e r werden vom 1. April ab bereits um 7 Uhr geöffnet.
- n- Niederaula, 1. April. Mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde Herr Amtsgerichtsrat Heußner, Hauptmann d. L. und Kompagnieführer im Landsturm-Bataillon 44 Hersfeld.
- l- Gershausen, 1. April. Mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde der Res. W e t t l a u f e r Res.-Jnf.-Regt Nr. 71.
Unterm Kreuze.
Unterm Kreuze stehen Und den sterben sehen, Der für alle starb, Der mit bittern Schmerzen Um die kalten Herzen Aller seiner Brüder warb:
Das verleiht in Tagen, Wo auch Starke zagen, Wo ihr Mut erschlafft, Unserm Willen Stärke Zu dem schwersten Werke; Das gibt unsrer Seele Kraft.
Denn das eigne Leben Für die Brüder geben, Geht uns nur schwer ein; Willst du mit dir ringen Und es dir abzwingen, Spricht dein Herz doch immer nein.
Für die Brüder sterben Lernt nur, wer den herben Tod des Heilands sah; Wohl, so laßt uns gehen Und ihn sterben sehen An dem Kreuz auf Golgatha.
E. Fischer.