Hersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
für den Kreis Hersfeld
^ Wlatt
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Nr. 75.
Dienstag, den 30. März
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.
Bus der Heimat.
* Der „Luftfahrerdan k" — die Zentralstelle der gesamten deutschen Luftfahrerfürsorge — der in den ersten Kriegsmonaten vergangenen Jahres zum Besten unserer heldenhaften, das geliebte Vaterland aus Wolkenhöhen schirmende Flieger und Luftschiffer, sowie deren Witwen und Waisen, Wohlfahrtsmarken zum Versand brächte, läßt hiermit auch an dieser Stellen allen Gebern für die vielen gütigen Spenden, die ihm von Arm und Reich zugingen, vielmals danken. Ein schöner Grundstock für die Fürsorgezwecke der Luftfahrer ist geschaffen, rastlos auf diesem Wege weiter zu arbeiten, ist die heilige Pflicht des „Luftfahrerdank". Sein Wunsch ist es, daß die jetzt wiederum zum Versand kommenden Wohlfahrtsmarken die gleiche wohlwollende Aufnahme finden mögen.
* (Entsprungene Kriegsgefangene.) Aus dem Gefangenenlager Niederzwehren bei Cassel sind zwei französische Kriegsgefangene entsprungen: Der Sergeant Leon Vourarnet vom 30. Jnf.-Regt. (Größe ungefähr 1,65, mittelkräftig, dunkelblondes Haar langer Schnurrbart, rote Hose, blauer Mantel mit goldener Litze auf linkem Arm, rote Mütze mit Regimentsabzeichen 30er, spricht deutsch) und der Gemeine Eugen Penet (Größe 1,70, hager und mager, blasses Gesicht, kleiner schwarzer Schnurrbart, dunkelblondes Haar, rote Hosen, blauer kurzer Kürassierrock mit rotem Kragen, darauf die Zahl 9, weißen Knöpfen, blaue Feldmütze.) Die Bevölkerung wird gebeten, die Behörden bei den Nachforschungen zu unterstützen.
* (KriegSfamilienunterstützung für Pflegekinder.) Die „Deutsche Parlaments-Korrespondenz" berichtet: Der Minister des Innern hat entschieden, daß nach den bestehenden Bestimmungen „Kriegs- familienunterstützungen für Pflegekinder zurzeit nicht gewährt werden können. Ob eine ensprechende Erweiterung der Bestimmungen für die Zukunft erfolgen kann, ist weiterer Erwägung vorbehalten.
* (Hilfe bei der Feldbestellung.) Mit dem Heranrücken des Frühlings beginnt die in diesem Jahre besonders ernste Frage der guten Feldbestellung dringlich zu werden. Die heimische Landwirtschaft braucht Hilfe an Arbeitskräften und Zugvieh. Den großen Gütern kann leicht durch Abkommandierung geeigneter Kriegsgefangener und Herleihung von Motorpflügen geholten werden. Aber die mittleren und kleineren Wirtschaftsbetriebe leiden Not. Die Gefangenenhilfe ist hier durch die Schwierigkeiten der Ueberwachung vieler vereinzelter Kriegsgefangener erschwert. Und die Motorpflüge können auf den kleinen Lanövarzellen nicht in Tätigkeit treten. Hier ist vor allem eine weitgehende Beurlaubung der Besitzer und Knechte aus der Front notwendig. Die Militärbehörden haben im Reichstage zugesagt, eingehende Reklamationsgesuche bereitwillig zu berücksichtigen, soweit das militärische Interesse das nur irgendwie zuläßt. Außerdem kommt die Heranziehung geeigneter Landsturmleute in Frage, deren Bataillone gegenwärtig nur zur Sicherung der Etappenstraßen und heimischen Eisenbahnen verwandt werden. Auch hier ist bereitwilliges Entgegenkommen zugesagt worden. Schließlich werden sich die kleinen Landwirte auch durch besonders weitgetriebenes gegenseitiges Aushelfen über die bestehenden Schwierigkeiten forthelfen müssen. Dazu ist die Gegenwart wie nie geeignet. So darf man hoffen, daß die herannahende Frühjahrsbestellung keine Not leidet und die neue Ernte so gut vorbereitet wird, wie dies im Interesse längerer KriegSdauer nur immer möglich ist.
):( Hersfeld, 29. März. Das in Nr. 66 unseres blattes von Herrn Ober-Postschaffner Bauer veröffentlichte Gedicht „Die 14er Husaren von Hessen- Homburg im Felde" hat nicht nur hier in der Heimat großen Beifall gefunden, sondern auch naturgemäß besonders bei dem im Felde stehenden Regiment. Hiervon zeugen die beiden nachstehenden Schreiben die Herr Bauer kürzlich erhielt:
Hasselt, den 23. März 1915.
Herrn Max Bauer Ober-Postschaffner in Hersfeld.
Mit großer Freude habe ich Kenntnis genommen von dem Gedicht, das Sie in alter treuer Anhänglichkeit an das Regiment verfaßt haben. Für Bekanntgabe habe ich gesorgt und danke Ihnen im Namen des Regiments für die Freude, die Sie allen Angehörigen desselben damit gemacht haben.
Fürst zu Schaumburg-Lippe Oberstleutnant und Regiments-Kommandeur.
Achel (B*elgien), 20. März 1915. Sehr geehrter Herr Bauer!
Im Namen der Schwadron danke ich Ihnen herzlich für das so hübsche und von so warmer Anhänglichkeit an die Heffen-Homburger-Husaren zeugende Gedicht. Uns allen haben Sie damit eine wahre
Freude bereitet; insbesondere hat es auch Herrn Oberarzt Dr. Dausel gut gefallen.
Ihrem Sohn geht es noch gut und hoffe ich, daß es ihm auch in meiner Schwadron, der er ja erst seit Kriegsausbruch angehört, gut gefällt. Ich bin mit ihm sehr zufrieden. Er ist nicht nur im äußern und inneren Dienste sehr tüchtig, sondern hat sich besonders vor dem Feinde des öftren als schneidiger Husar gezeigt und seinem Vater sowie dem Regiment Ehre gemacht. Er ist bei Vorgesetzten, Kameraden und Untergebenen in gleichem hohem Maße beliebt; ich kann Ihnen zu einem solchen Sohn nur gratulieren. Ich wünsche Ihnen aufrichtig, daß er mit Gottes Hilfe demnächst gesund in die Heimat und zu seinen Angehörigen zurückkehren möge.
Mit Kameradschaftlichen Gruß im Namen des alten schönen Regiments verbleibe ich Ihr ergebener von Ulrich
Rittmeister und Eskadronchef.
):( Hersfeld, 29. März. Liebesgaben für deutsche Reichsangehörige des Zivilstandes, die aus Anlaß des Krieges im Feindesland gefangen gehalten werden, genießen auf den preuß.-hessischen Staatseifln- bahnen und den Reichseisenbahnen frachtfreie Beförderung. Frachtgebühren für bereits abaefertigte Sendungen werden auf Antrag erstattet. Ueber den etwaigen Beitritt weiterer Bahnen geben die Güler- abfertigungen Auskunft.
):( Hersfeld, 29. März. Zu Geschworenen wurden aus Hersfeld und Umgegend a u s g e l o st: Fabrikdirektor Sauer und Professor S t a m m-Hers- feld, Bürgermeister Rössing-Kerpenhausen, Hauptmann a. D. von Baumbach-Kirchheim (Kr. Hersfeld.)
):( Hersfeld, 29. März. Zum Leutnant d. R. befördert: Offizier-Aspirant Möller im Brig.-Ersatz- Bataillon 43. Zum Leutnant d. Landwehr, Trains 2. Aufgebots befördert: Der Offiziers-Aspirant R o s e n - st o ck.
Caffel, 28. März- Völlig entkräftet aufgefunden wurde gestern der 48jährige städtische Arbeiter Karl Sch. in seiner Wohnung in der Wildemannsgasse. Auf polizeiliche Anordnung wurde er durch die Sanitätskolonne der städtischen Kaserne zugeführt, wo er indessen bereits am Nachmittage verstarb. In seiner Tasche wurden noch 10 Mk. bares Geld vorgefunden.
Caffel, 26. März. In der gestern abend abgehaltenen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung berichtete Oberbürgermeister Koch, daß der preußische Militärfiskus mit der Stadt Cassel einen Vertrag abgeschlossen habe, wonach zum Zweck der Errichtung einer Munitionsfabrik nebst großem dazugehörigen Pulverschuppen der Militärfiskus von der Stadt Cassel 345 000 Quadratmeter Gelände auf dem städtischen Forstgrundstück zum Preise von 840 000 Mk. erwirbt. Um noch vor Fertigstellung dieser Munitionsfabrik hier in Cassel arbeiten zu können wurde dem Militärfiskus zunächst ein anderes Fabrikgrundstück auf Kosten der Stadt zur Verfügung gestellt. Mit dem Bau der neuen Munitionsfabrik wird alsbald begonnen werden; die Baukosten dafür stellen sich auf 10 Millionen Mark, während die Kosten der maschinellen Anlagen sich auf 8 Millionen Mark belaufen werden; der Militärfiskus hat sich vertraglich der Stadt gegenüber verpflichtet, sowohl bei den Bau- wie bei den Einrichtungsarbeiten nur Casseler Handwerker und Gewerbetreibende mit Arbeits und Lieferungsaufträgen zu betrauen. Nach Fertigstellung dieser Fabriksanlagen werden über 6000 Arbeiter und Arbeiterinnen in den Munitionswerkstütten dauernde Beschäftigung finden. Die Verträge zwischen der Stadt und dem Militärfiskus wurden sämtlich genehmigt.
Hannover, 28. März. Ein Familiendrama ereignete sich am Mittwoch vormittag in einem Hause der Hainhölzerstraße. Dort wurde die Ehefrau des Arbeiters Scheuer mit ihren beiden Kindern, zwei Knaben im Alter von zweiund fünf Jahren in ihrer Wohnung tot aufgefunden. Dre Frau hatte, als der Ehemann am Morgen die Wohnung verladen hatte, die Gashähne geöffnet. Wiederbelebungsversuche, die von der Feuerwehr mit dem Sauerstoffapparat vor- genommen wurden, waren erfolglos. Unglückliche Familienverhältnisse sollen die Ursache zu diesem Doppelmord und Selbstmord sein.
Gotha, 28. März. In einer von den Vorständen der Gauwirtsvereine des Herzogtums nach hier ein- berufenen allgemeinen Wirteversammlung wurde beschlossen, daß nur noch das Bier ausgeschenkt werden soll, das die Wirte zum alten Preise gekauft haben. Ku höherem Preise wird kein Bier gekauft und auch nicht verkauft Da das biertrinkende Publikum mit diesem Beschluß der Wirte voraussichtlich einverstanden ist, wird e8 vielleicht dahin kommen, daß in der nächsten Zeit im ganzen Herzogtum Gotha teru Bier getrunken wird. Die Brauereien hatten beschlossen, auf helles Bier einen Aufschlag von 3 Mark, auf dunkles einen solchen von 7 Mark für den Hektoliter zu erheben.
Gersfeld (Rhön), 28. März. Der Schornstemseger- meister Toni Halbleib von hier, der zum Militär, eingezogen war und sich auf dem Transport nach
Osten befand, stürzte hinter Berlin aus dem Zuge und wurde von einem vorbeifahrenden Zuge zermalmt.
Frankfurt a. M., 28. März. Vor 15 Monaten kam der Strafgefangene Bunstuck in das Zentral- gefängnis Freiendiez zur Verbüßung einer längeren Strafe. Während der ganzen Zeit seines dortigen Aufenthaltes hörte man nie ein Wort von ihm. Nur mit dem Kopfe nicken konnte er. Gestern wurde Bunstuck von Freiendiez nach dem Amtsgerichtsgefängnis Ems überführt. Wer aber beschreibt das Erstaunen seiner Umgebung, als der Gefangene gestern plötzlich sprechen konnte und unumwunden gestand, 15 Monate laug den Stummen markiert zu haben.
Offenbach a. M., 28. März. Von einem Straßenbahnwagen überfahren wurde heute vormittag in der Bieberstraße, Ecke Friedrichstraße ein dreijähriges Mädchen. Dem Kinde wurden beide Beine abgefahren, sodaß der Tod sofort eintrat. Die Eltern des Mädchens konnten bisher noch nicht ermittelt werden.
Die hvffmmgen unserer Feinde.
Wenn wir jetzt nach fast acht Monaten uns fragen, wie weit unsere Gegner anch nur das Mißliche ihrer Lage zugeben, so müssen wir eingestehen, daß ihre Zuversicht doch noch recht groß ist. Am größten sonderbarerweise bei dem Volke, auf dem, abgesehen von Belgien, der Krieg am meisten gelastet hat bei den Franzosen. Obgleich die Deutschen den industrie- reichsten Teil des Landes besetzt haben und alle Versuche, sie zurückzudrängen, trotz der Großsprecherei des großen Joffre zusammengevrochen sind und trotz der furchtbaren Verluste nicht nur durch die Waffen der Feinde, sondern fast noch mehr durch Krankheiten ist man in Paris vom endlichen Siege fest überzeugt. Joffre hat ja versprochen, wenn die Zeit gekommen sei, an jedem beliebigen Punkt durchzubrechen. Er hat allerdings noch dazugcsetzt, daß dieses Unternehmen allerdings 120000 Maon kosten würde, und man sollte meinen, daß vor dieser Zahl die französische Ruhmredigkeit — verstummen müßte. Aber in Frankreich hofft man wohl im Stillen, daß diese 120000 Mann keine Franzosen sein werden, sondern Farbige aller Art, Senegalneger, Inder oder auch echte Engländer, denn Kitcheners Millionenheer muß doch bald auf der Kampfesbühne auftreten. In der Tat haben die Engländer schon eine Kraftprobe abgelegt und machen von der Einnahme eines Dorfes großes Aufheben, nun aber müssen sie zugeben, daß der Tag ihnen 12000 Mann gekostet hat und daß die wirkliche Stärke unserer Streitkräfte durch diese Erfolge garnicht berührt wurden.
. Man wird sich vor leichtfertigen Unternehmungen dieser Art um so mehr hüten, als man ja auf unblutigem Wege das Ziel zu erreichen hofft. Man ist sicher, daß Deutschland durch Hungersnot bald zum Frieden gezwungen werden wird. Alan sucht nach Zeichen von deren Beginn und versteht rrnsere Vorsichtsmaßregeln, die Brotkarte usw. gründlich falsch. Man liest mit großem Behagen, wenn in den Zeitungen immer neue Surrogate angepriesen werden. Die deutsche Wissenschaft widmet sich den Untersuchungen über den Nährwert der verschiedensten Substanzen. Ein Professor entdeckt ein Verfahren, die Nährstoffe im Stroh besser auszunützen, ein anderer untersucht gar den Nährwert des Holzmehls, da ist man nun ganz sicher, daß man in Deutschland nur noch Strohbrot hat, wie man es 1870 71 in Paris verzehren mußte. Und so muß nach englischer Auffassung Deutschland bald am Ende seiner Kraft sein. Da ist der deutsche Unterseebootkrieg allerdings recht störend. Aber man tröstet sich, daß sie doch nicht imstande seien, den ganzen Handel lahmzulegen. Mißlich ist ja, daß Tag für Tag mindestens zwei Schiffe torpediert werden, aber zwei Unterseeboote hat man schon abgefangen. So tröstet man sich auch in England. Schwieriger ist es über die, Stimmung ln Rußland zu berichten. Der Krieg lastet auf dem tanbe fast noch mehr wie auf Frankreich, die Finanzen sind völlig zerrüttet, die Ernte, die iontf rns Ausland ging, kann nicht einmal im Julande verfrachtet werden, so daß hier das Getreide verfault und dort Hungersnot herrscht. Mit echt russischem Stumpfsinn läßt sich der Bauer in die Armee einreihen. Hoffentlich kommt bald die Gefangenschaft, dann hat man ein gutes Leben, aber andernfalls ist auch auf .Beute und Plünderung zu hoffen. Die selbstsüchtige kleine Partei, die allein die Schuld am Kriege tragt, ist so vor ernstlichem Widerspruch noch ziemlich sicher. Wenn in Rußland aber die Geduld erschöpft ist, so nimmt der Volkswitte ganz bestimmte Formen an, und dann ist auch der 'öchsig stellte seines Lebens nicht sicher. Mit der „Dampfwalze" oder „Dreschmaschine" dennoch auf Erfolge zu hoffen, ist eigentlich nur noch für die Verzweiflung möglich. Aber die größte Hoffnung der Verbündeten war doch die, noch viele andere Staaten gegen Deutschland und seine Bundesgenossen mobil zu machen. Eine stattliche Reihe: Italien, Rumänien, Griechenland, Portugal, ja selbst die Vereinigten Staaten. Sie alle haben es aber für besser gesunden, ihrer Neutralität treu zu bleiben. Die erkannten bte rücksichtslose Politik Englands. Das Verspiel des im Stich gelassenen Belgiens schreckt.