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Amtlicher Anzeiger

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für den Kreis Hersfeld

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Nr. 59.

Donnerstag den 11. März

1915

Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.

Abgeordnetenhaus.

Das Preußische Abgeordnetenhaus fetzte am Montag die zweite Lesung des Staatshaushaltsplanes fort. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte Präs. Dr. Graf v. Schwerin-Löwitz des bei Lomza gefallenen Abge­ordneten v. Ditfurth (fonf.), der als Kommandeur bei der 34. gemischten Landwehrbrigade stand. Den Platz des gefallenen Abgeordneten schmückte ein Lorbeer­kranz. Zum Etat der Preußischen Zentral-Ge- nossenschaftskasse äußerte Abg. v. Hennigs-Techlin den Dank für das den Familien der Kriegsteilnehmer ge­zeigte Entgegenkommen bei Steuerveranlagungen. Dem Wunsche des Abg. v. Strombeck (Ztr.) beim Etat der Verwaltung der Zölle und indirekten Steuern nach Stempelfreiheit der Testamente vonKriegsteilnehmern sagte ein Regierungskommissar Erwägung zu. Ohne jede Besprechung wurden die Etats des Finanz­ministeriums der Seehandlung, der allgemeinen Fi­nanzverwaltung und kleinere Etats erledigt. Das Haus vertagte sich dann auf Dienstag 11 Uhr zur zweiten Lesung des Eisenbahnanleihegesetzes. Schluß 8 Uhr.

Am Dienstag gab nach Eröffnung der Sitzung Präsident Dr. Graf v. Schwerin-Löwitz dem Hause Mitteilung, daß der Abg. Kahle (kons.) an den Folgen einer Verwundung im Lazarett Johannisburg ge­storben ist. Abg. Kahle war als Kriegsfreiwilliger bei den hannoverschen 16. Dragonern eingetreten; er vertrat den Kreis Pr.-Holland-Mohrungen. Zu Ehren des Gefallenen hatten sich die Anwesenden von den Plätzen erhoben. Widerspruchslos nahm das Hans den Antrag der Staatsregierung an, den Landtag bis zum 27. Mai zu vertagen. Zur dritten Lesung des Etats gab der Abg. v. Trampezynski im Namen der Polen eine Erklärung ab, die sich gegen die Anschauung richtet, die Polen wären ein innerer Feind. Sie hätten sich stets gegen die Ausnahmegesetze gewehrt, trotz­dem aber die Mittel zur Kriegführung bewilligt. Aus den Schlachtfeldern sei viel polnisches Blut geflossen. Die Polen erwarten, daß die Regierung sich zu einer Aenderung der Polenpolitik entschlösse. Für den Etat könnten die Polen diesmal auchnoch nicht stimmen. Kurz u. klar war die Entgegnung des konservativen Führers, Abg. Dr. v. Heydebrand und der Läse: Der Vorredner habe die Gründe, nicht gewürdigt, die die Regierung und die rechten Parteien zu ihrer Politik veranlaßt haben. Immerhin würden nach dem Kriege die Ver­hältnisse einer Neuprüfung unterzogen werden müssen, bei der der preußische Staatsstandpunkt und das deutsch­nationale Interesse gewahrt werden würde, bindende Erklärungen heute abzugeben, sei verfrüht. Im gleichen Sinne sprach sich auch der Abg. Frhr. v Zedlitz (frt) aus. Nach dem Kriege sei zu erwägen, ob eine Aende­rung erfolgen könne. Demgegenüber hielt es Abg. Dr. Pachnicke (fortschr.) für unbedingt nötig, daß die bisherige Polenpolitik gründlich revidiert würde. Das Enteigunggesetz und sonstige Ausnahmemaßregeln dürften nicht aufrechterhalten bleiben, sofort nach Friedensschluß müßten die Kampfgesetze fallen. Abg. Riffen (Däne) gab eine Erklärnng ab, daß auch seine Freunde gegen den Etat stimmen würden, da die Ausnahmegesetze gegen die dänische Bevölkerung in Nordschleswig noch immer Anwendung fänden. Die Dänen hätten ihre Pflicht voll erfüllt und verlangten die Gleichberechtigung. Für das Zentrum gab Abg. Stull seiner Genugtuung über die entgegenkommenden Erklärungen der konservativen Parteien Ausdruck. Das Zentrum gäbe sich der sicheren Erwartung hin, daß nach dem Kriege der polnischen Bevölkerung ihr Recht werde. Abg. Dr. Friedberg (natl.) betonte, daß seine Freunde in der Polenpolitik nur die Erhaltung des Deutschtums im Auge gehabt hätten, daß sie aber ebenfalls später gern in eine Prüfung der Verhält­nisse eintreten wollten. Abg. Hirsch (Soz.) beklagte, daß die Regierung der Forderung der Sozialdemo- kraten nicht Gehör gegeben habe, alle Ausnahmege­setze zu beseitigen und ein neues Wahlrecht einzu- führen. Aus diesem Grunde lehnten sie den Etat ab. In der Einzelberatung wünschte Abh Dr. Flesch (forsche.) die Fürsorge für die Kriegsverletzten dem Reiche übertragen zu sehen. Beim Justizetat brächte Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) den Fall Rosa Luxemburg zur Sprache. Sie sei verhaftet worden ohne vorherige nochmalige Aufforderung zum Strafantritt. Das erinnere an zaristische Methoden. Justizminister Dr. Beseler wies darauf hin, daß Rosa Luxemburg ihren Strafantritt durch Angabe von Krankheit hinauszu- schieben versuchte, sie habe aber trotzdem öffentliche Versammlungen abgehalten. Wenn jemand,dannhabe Abg. Dr. Liebknecht durch seine Rede den Burgfrieden

gebrochen. (Lebh. Beifall.) Nach Annahme eines vom Abg. v. Pappenheim gestellten Schlußantrages be­schwerte sich Abg. Dr. Liebknecht über Mundtotmachung. Das sei der Siegel auf die Volksfeindlichkeit dieses Parlaments. (Stürm. Gelächter.) Ohne weitere Aus­sprache wurde dann der Etat gegen die Polen, Dänen nnd Sozialdemokraten angenommen. Ebenfalls ohne Besprechung fand endgültige AnnahMe das Knapp­schaftskriegsgesetz und das Eisenbahn-Anleihegesetz. Zwei kleine Verordnungen über Bodenverbesserungen von Moor-, Heide und ähnlichen Ländereien wurden schnell erledigt. Abg. Dr. Friedberg (natl.) wies da­rauf hin, daß durch Bismarck wieder Leben in diese Bestrebungen gekommen sei. Man sollte seinen 100. Geburtstag nicht vergessen und auch Schulfeiern an- beraumen. Landwirtschaftsminister Frhr.v. Schorlemer hob hervor, daß die Verordnungen bisher segensreich gewirkt hätten und empfahl ihre Annahme. Das Haus stimmte zu. Präsident Dr. Graf v. Schwerin-Löwitz schloß darauf die Sitzung mit dem Wunsche, daß wenn das Haus sich am 24. Mai wiedervereine, die gewaltige Niederringung unserer Feinde weiter fortgeschritten sein möchte. (Lebh. Beifall.) Schluß 1 Uhr.

Bus der Heimat.

* (Unzulässige F e l dp o st k a r t e n.) Im Feldpostverkehr werden teilweise im Privatwege her- gestellte Feldpostkarten benutzt, die von den amtlichen Feldpostkarten dadurch abweichen, daß der Vordruck für den Absendervermerk nicht auf dem linken Teile der Vorderseite, sondern oben an der Längsseite an­gebracht ist. Solche Karten entsprechen nicht den be­stehenden Vorschriften, nach denen die im Privatwege hergestellten Feldpostkarten mit den amtlichen im Vor­druck genau übereinstimmen müssen. Vor der Ver­wendung und Benutzung jener abweichenden Feld­postkarten wird namentlich auch deshalb gewarnt, weil sie den großen Nachteil haben, daßbeoso wichtige handschriftliche Absendervermerk durch den Aufgabe­stempel teilweise verdeckt und unleserlich gemacht wird.

* (Die Kriegsanleihe und die kleinen Sparer.) In den Kreisen der kleinen Sparer scheint man sich noch immer nicht klar zu sein, was bei der neuen öptozentigen Deutschen Reichsanleihe die Un- kündbarkeit bis 1924 bedeutet. Vielfach wird sie da­hin ausgelegt, daß man vor 1924 fein in neuer Reichs­anleihe angelegtes Kapital weder ganz noch teilweise würde benutzen können, wenn sich dazu Veranlassung böte, sondern daß man das Kapital bis 1924 un­widerruflich festlege. Dem ist aber ntcht so, denn die dem Sparer ausgehändigten Anleihescheine stehen zu seiner freien Verfügung. Braucht er nach einiger Zeit Geld, so kann er entweder auf diese Anleihescheine einen Vorschuß aufnehmen (z. B. bei der Darlehns- kasse) und zwar zu einem Zinssätze, der sich nur wenig über den Zinssatz der Anleihe von 5% erhebt; oder er kann den entsprechenden Teil seiner Anleihe­scheine verkaufen, wofür immer Gelegenheit war und sein wird. Welcher von diesen Wegen der vorteil­haftere ist, läßt sich natürlich nur nach Zeit und Um­ständen entscheiden. Handelt es sich nur um einen vorübergehenden Bedarf, so wird der Anleihebesitzer meistens den -ersten Weg wählen, es sei denn, daß der Preis für einen Verkauf gerade besonders günstig ist. Handelt es sich dagegen um eine dauernde Fest­legung von Geld, so wird man zum Verkauf des entsprechenden Betrages Reichsanleihe schreiten. Da auch für die neuen Schuldverschreibungen und Schatz­anweisungen das ganze Deutsche Reich mit seiner gesamten Finanzkraft haftet, so gibt es für den kleinen deutschen Sparer nicht minder als für den großen keine Anlage, die so günstig ist, wie die neue 5p ro« genüge Reichsanleihe. Das Reich kann seinerseits vor dem Jahre 1924 den 5proz. Zinsfuß nicht herab­setzen. Jede frühere Konvertierung oder Kündigung der Anleihe ist, wie ausdrücklich nochmals festgestellt sei, völlig ausgeschlossen. Wird im Jahre 1924 die Ermäßigung des Zinssußes für spruchreif gehalten, so muß dem Anleiheinhaber die freie Wahl zwischen Zinsfußherabsctznng und Rückzahlung des Anleihebe­trages seitens des Reichs zum vollen Nennwert ge­lassen werden.

§ Hersfeld, 10. März. (5% K r i e g s a n l e i h e.) Zum zweiten Male roenbet sich die Reichsregierung an daS deutsche Volk mit dem Aufruf, die unent­behrlichen Mittel zur Fortführung des uns aufge­drungenen Kampfes bereit zu stellen. Wie im vorigen Herbste werden mit 5% verzinsliche Reichsanleihe, un­kündbar bis 1924, und M uige Retchsschatzanweisungen, die durchschnittlich nach 6' 2 Jahren mit 100 zurückge­zahlt werden, zur Zeichnung aufgelegt. DerZerchnungs- preis beträgt OSi/Wo. Die Verzinsung der Anleihe stellt sich also auf 5,08% und ihr Erwerb bietet eine äußerst vorteilhafte Anlage für jeden Sparer. Das eigene Interesse, nicht minder aber die Pflicht, das Vaterland in dem noch unentschiedenen Ringen um seine Existenz zu unterstützen, gebietet jedenr, nach Kräften zu dem vollen Gelingen deS neuen Anleihe­plans beizutragen. Zeichnungen auf die Kriegsan- lethe nimmt in unserem Kreise, wie die heutige Be­

kanntmachung ergibt, auch die Landesrenterei ent­gegen.

Caffel, 9. März. Durch Beilhiebe schwer verletzt wurde am Sonnabend abend der Arbeiter Peter Kr. von einem anderen Arbeiter im Verlaufe eines Wort­wechsels in einem Hause der Bettenhäuser Straße.

Caffel, 9. März. Viel versprechende Früchtchen sind die Schulmädchen Elisabeth T. und Alma A., 14 und 15 Jahre alt, die sich gestern vor der hiesigen Strafkammer wegen Diebstahls und falscher An­schuldigung verantworten mußten. Sie hatten, wie die reumütig geständige A. unter Tränen bekannte, in einem hiesigen Warenhause verschiedene Gegen­stände im Werte von etwa 8 Mk. entwendet und eine völlig unbeteiligte Mitschülerin als Diebin bezeichnet. Die Strafkammer verurteilte die hartnäckig leugnende T. zu zwei Monaten, die A. zu einem Monat Ge­fängnis.

Ohr-ruf, 7. März. Im hiesigen Barackenlager hat eine der Hauptstraße die BezeichnungHindenburg- straße" erhalten.

Ein interessantes Geständnis.

Ein interessantes Geständnis hat ein Engländer, der sozialpolitische Schriftsteller E. Crawley, in einem nur als Manuskript vorhandenen Flugblatt abgelegt, das in den Kreisen der Gebildeten verbreitet wird. Der Verfasser sagt darin:Wir erleben eine der periodisch wiederkehrenden Orgien der Heuchelei. Das Recht (und natürlich auch Gott) kämpft mit seiner schwachen Kraft gegen die Gewalttätigkeit in Waffen, gegen Barbarei und Tyrannei. Die Verbündeten werfen ihre geringen Streitkräfte gegen die Hunnen­horden, Geistliche predigen von David und Goliath, Publizisten schildern uns als den kleinen Jakob, der den Riesen bezwingt. Immer sind die Kräfteverhält­nisse gegen uns: zehn zu eins. Glücklicherweise nimmt es der Engländer mit 18% Deutschen auf. Und die Statistik beweist es. Engländer, gebildete Engländer, sogar Engländer, die gereist sind, bringen es fertig, sich in den Glauben daran hineinzuhypnotisieren."

Dann sagt er mit aller nur zu wünschenden Deut­lichkeit, wie die Verhältnisse in Wahrheit liegen, in­dem er schreibt:In Wahrheit steht das kleine, tapfere Deutschland gegen eine Welt in Waffen. Gegen Deutschland und seinen einen Freund Oesterreich stehen Rußland, Frankreich, England, Serbien, Montenegro und Japan. Und jedes dieser Länder wirft sein ganzes diplomatisches Gewicht in die Wag- schale, um Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Italien, Holland, Dünemark und die Vereinigten Staaten von Amerika zum Milmachen zu bewegen. Jetzt sind wir sechs gegen einen und fühlen uns un­sicher."

Am interessantesten ist die folgende Stelle des Flugblattes:Meine eigene Ansicht ist einfacher. Wir haben lange darauf gewartet, über Deutschland Herzu- fallen, um es zu zerschmettern und ihm zu stehlen, was fein ist. Wir haben eine erstklassige Gelegenheit wahrgenommen." Das ist eine bittere Wahrheit, die er seinen Landsleuten sagt. Er schont sie auch weiter in keiner Weise und enthüllt unverblümt den wahren Charakter des echten Engländers.Engländer", sagt er,sind stets auf der Suche nach Greueln: bulgarischen Greueln, armenischenGreueln,tripolitanischen Greueln, Kongogreueln. Jetzt find es deutsche Greueltaten. Man sieht, die Schändlichkeit der Vorüber richtet sich danach, wer uns zur Zeit unangenehm ist. Das Gleichnis vom Splitter und Balken im Auge war ganz sicher für England gemacht. Wir danken Gott, daß wir nicht sind wie andere Leute. Durch kein schöngefärbtes Fenster kann man uns schön genug sehen. Unser Heiligenschein ist so groß, daß er schwer drückt." . . ,

Zum Schluß kommt er auf Belgien zu sprechen, dessen Neutralität England bekanntlich zu schützen vorgab, als es uns den Krieg erklärte. Er schreibt. Wir haben vergessen, daß der Belgier der g r a u - s a m st e, der gemein st e, der f e l g st e Hund Europas war, und daß wir es waren, die das predigten, bis alles ihn haßte als einen Mörder, Folterknecht, Verstummter und Kannibalen. ^au,end- fach haben wir gehört, wie seine schände möie Welt hinausposaunt wurde. Wir hörten von "ichis, als vonGummi" in Blut getaucht',rotem Gummi, von Niggern, denen Hände und <vuße und alles, was abzuhacken ging, abgehackt war, von Schändung, Raub, Mord, Menschenfresserei usw. usw. Und heute ist es dastapfere kleine Belgien" undlcs braves Beiges", und man hört so viel von Heiden und Martyrerer, daß einem vernünftigen Menschen ganz übel davon wird."

Schonungsloser kann wohl kaum den Engländern die heuchlerische Maske vom Gesicht gerissen werden, als wie es hier durch diesen Engländer geschieht. Schade nur, daß das Flugblatt nicht in die Massen des Volkes dringen kann, da es ängstlich behütet wird und wie ein Geheimnis nur den gebildeten Kreisen zugänglich ist. Die treffend wahren Worte ErawlcyS werden daher nur die Stimme eines Predigers in der Wüste sein.