Einzelbild herunterladen
 

Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis viertckjährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckersi . Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Herzselder

für den Kreis Hersfeld

Wlott

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zelle 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Nr. 57.

Dienstag, den 9. März

1915

Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.

| Wer Brotgetreide verfüttert, versündigt I sich am Baterlande«. macht sich strafbar.

Bus der Heimat.

* (Dreigleisiger Ausbau der Strecke BebraGerstun gen.) Mit Rücksicht auf den starken Verkehr auf der Thüringer Hauptstrecke läßt jetzt die Eisenbahnverwaltung die Teilstrecke Bebra Gerstungen bis zum Hönebacher Tunnel dreigleisig ausbauen. Auf dieser Strecke ist die Steigung so er­heblich, daß die Züge fast sämtlich noch mit Schiebe- lokomotiven verkehren müssen. Diese sollen nun künftig auf dem dritten Gleise nach Bebra zurückbe- fördert werden, damit die nachfolgenden Züge nicht erst bis zur Rückkehr der Maschinen zu warten brauchen. Außerdem werden auf dem neuen Gleise auch Güterzüge zur Ueberholung durch Schnell- und Eilzüge in der Richtung EisenachGothaErfurt be­fördert. Auf diese Weise ermöglicht die Eisenbahn­verwaltung die dem wachsenden Verkehr entsprechend raschere Zugaufeinanderfolge im Verkehr nach Thü- ringen. Die Inbetriebnahme des neuen Gleises er­folgt wahrscheinlich am 1. Mai.

* (Heizung mit Papier.) Berliner Heim­arbeiterinnen machen jetzt Versuche mit einer An­weisung wie mit Papier zu heizen sei. Diese gewerb­liche Arbeiterinnen sind darauf angewiesen, auch die allerkleinsten Vorteile für ihren Hausbetrieb auszu- nutzen. Es wird nun, um einen wohlfeilen Heizstoff zu erhalten, Zeitungspapier 36 Stunden lang ins Wasser gelegt, in Kugelform gedrückt und dann ge­trocknet, bis es hart und fest wie Holz ist. Diese Papierkohlen brennen nicht sondern glimmen wie wirkliche Kohlen und sollen, besonders mit Briketts gemischt, eine recht gute Hitze erzeugen. Mit drei Papierkohlen und einer Preßkohle soll sich falls man's hat ein Pfund Fleisch kochen lassen. Die Anweisung könnte auch wetteren Kreisen zum Versuche empfohlen werden.

* Ueber die Versetzung der Schüler in der Kriegs zeit hat der preußische Kultusminister folgenden Erlaß herausgegeben:Wenn es auch durch die Bemühungen der Königl. Provinzialschul- kollegien gelungen ist, den Unterricht an den höheren Lehranstalten trotz der Kriegsverhältnisse im allge­meinen aufrecht zu erhalten und durchzuführen, so sind doch durch die notwendigen Vertretungen und Verschiebungen im Unterricht, durch häufigen Lehrer­wechsel und Ausfall von Stunden mancherlei Stör­ungen unvermeidlich gewesen. Die Lehraufgaben haben daher vielfach nicht in der Weise erledigt werden können, wie es in gewöhnlichen Zeiten ge­fordert werden mußte. Auch sind Lehrer und Lehrer­innen, wie Schüler und Schülerinnen durch die überwältigenden Eindrücke der großen Zeit, die wir durchleben, und vielfach auch durch schweres Unglück in den Familien in der regelmäßigen Arbeits­leistung beeinträchtigt worden. Das Königl. Provinzial- schulkollegium wolle darauf hinwirken, daß auf diese Hemmungen bei der bevorstehenden Versetzung bei aller Gewissenhaftigkeit in den Anforderungen ge­bührend Rücksicht genommen wird, besonders wo es sich um Schüler (Schülerinnen) handelt, die sonst den Anforderungen der Schule entsprochen haben. Die Versetzungsfähigkeit wird unter den jetzigen Verhält­nissen ganz besonders nach dem Gesichtspunkte zu be­urteilen sein, ob der Schüler (die Schülerin) imstande sein wird, mit Erfolg an dem Unterricht der nächst­jährigen Klasse teilzunehmen.

):( Hersfeld, 8. März. (Wichtig für Land­wirte!) Die Stadt Cassel beabsichtigt im Interesse der Lebensmittelversorgung seiner Bevölkerung in möglichst großem Umfange mit Landwirten des 9te= gierungsbezirks Verträge auf Anbau von Früh­kartoffeln abzuschließen. Die Stadt Cassel zahlt für den Ctr. Frühkartoffeln, die in marktfähigem Zustand geliefert werden, in der Zeit vom Beginn der Früh- kartoffelernte bis 20. Juli 10 Mark, vom 21. Juli bis 5. August 9 Mark, vom 6. bis 15. August 8 Mark und vom 16. August bis 1. September 7 Mark. Be­kanntlich hat der Bundesrat zugelassen, Höchstpreise für Frühkartoffeln auf höchstens 10 Mark festzusetzen. Ob aber dieser Höchstpreis von Landwirte im freien Verkehr wirklich erzielt werden wird, erscheint höchst zweifelhaft, zumal ungewiß in, ob nicht zum Sommer der Krieg beendet oder wenigstens die englische Sperre entweder infolge der Intervention Amerikas von England aufgehoben oder durch Deutschland gebrochen sein wird. Denjenigen Landwirten, die keine Pflanz- kartoffeln besitzen, werden diese von der Stadt Goffel zum Preise von 6 Mark pro Ctr. geliefert. Die

seitens der Stadt gestellten Bedingungen müssen als angemessen bezeichnet werden. Landwirten, die im Anbau von Frühkartoffeln Erfahrung haben und im Besitze geeigneter Ländereien sind, kann empfohlen werden, Verträge mit der Stadt Cassel abzuschließen. Interessenten ist in der am Sonnabend, den 13. d. Mts. nachmittags 2 Uhr im Hotel Stern in Hersfeld stattfindenden Sitzung des landwirtschaftlichen Kreis­vereins Gelegenheit geboten, sich über die Angelegen­heit genau zu informieren und eventl. den Vertrag zu unterzeichnen.

):( Hersfeld, 8. März. Zu der am 6 ö. M. abge­haltenen Monats-Versammlung des Be­amtenvereins hatten sich auf Einladung eine Anzahl Herrn vom hiesigen Bataillon eingefunden Nach kurzer Verhandlung überVereinsangelegenheiten hielt Herr Lohrmann seinen angekündigten Vortrag über ernste und heitere Bilder vorn Kriegsschauplatz. In der dem beliebten Redner angeborenen, schönen Vortragsweise erklärte er im ersten Abschnit,gesammelt aus Feldpostbriefen, die Schrecken und Gefahren des gegenwärtigen Krieges. Dagegen konnte er im zweiten Abschnitt zeigen, daß trotz allen Ernstes der Humor auch im Felde nicht verloren geht. Reicher Beifall lohnte den Redner seine nicht geringe Arbeit. Daß Gäste und Mitglieder über das Gehörte wohl befriedgt waren, zeigte sich weiter darin, daß man noch längere Zeit gemütlich beisammen blieb, wobei die im Felde stehenden Mitglieder mit Kartengrüße bedacht wurden.

Heimboldshausen, 6. März. Gestern trafen hier 150 russische Gefangene ein, die in Nippa untergebracht wurden. 100 sollen zur Ausführung von Grubenar­beiten auf den Gewerkschaften Heimboldshausen und Nippe, später zu Feldarbeiten in landwirtschaftlichen Betrieben der Umgegend, insbesonder bei Angehöriger der Belegschaften, wo der Mann, zum Heeresdienst eingezogen ist, herangezogen werden. Der Rest wird von Herrn Rittergutsbesitzer Hubertz mit der Umar­beitung von Waldbrachland in nutzbares Kartoffelland beschäftigt.

Cassel, 5. März. Französischen Kriegsgefangenen hatte die Gastwirtsfrau Auguste Sch. aus Nieder- zwehren am 24. Dezember v. J. Bier, Schnaps und Rauchwaren verkauft, was durch Befehl des General­kommandos des 11. Armeekorps verboten ist. Die Strafkammer verurteilte sie zu drei Tagen Gefängnis, da sie aus Eigennutz gegen den genügend bekannt gemachten Befehl der Militärbehörde gehandelt habe. Brotgetreide verfüttert hatten die Land­wirte Konrad Sch. aus dem benachbarte« Dorfe Sandershausen und Johannes W. aus Hertings- hausen. Die Strafkammer verurteilte beide gestern zu einer Geldstrafe von 50 Mark und zur Tragung der Kosten des Verfahrens. Bei der Begründung des Urteils wurde beiden eröffnet, daß im Wiederholungs­fälle eine erheblich schwerere Strafe über sie verhängt werden müsse, da es in gegenwärtiger schwerer Kriegs­lage geradezu gewissenlos sei, wahlfähiges Korn an das Vieh zu verfüttern.

Altengottern, 4. März. Als vorgestern nachmittag die Geschirre vom Rittergut Seebach von Großwels- bach nach Altengottern fuhren, kam ein mit Stroh beladener Wagen ohne Führer an. Ungefähr 100 Meter zurück auf der Landstraße lag der Geschirr­führer tot auf dem Wege. Das Rad war ihm über den Kopf gegangen. Vorher hatte er auf der Wagen­stange gesessen. Er hinterläßt Frau und vier Kinder.

Hanau, 5. März. Die Polizeidirektion hat das Geschäft des Mehl- und Landesproduktenhändlers Mayer Schiff geschlossen, da der Besitzer in mehreren Fällen entgegen den Vorschriften des Bun­desrates ohne Erlaubnisscheine M e h l an B ü ck e r a b g e g e b e n h a t. Die Lagerbestände sind der Stadtgemeinde überwiesen worden.

Feldpostbries.

Aus dem Kreise unserer Leser ging uns folgender Feldpostbrief mit der Bitte um Veröffentlichung zu:

Liebe Eltern!

Ich soll Euch jeden Tag schreiben, aber ich weiß nicht, was ich eigentlich schreiben soll. Augenblicklich sind wir wieder im Graben. Das Leben ist wirklich ganz schön. Wenn es nicht so lebensgefährlich wäre, dann ließ es sich schon aushalten. Die Toten die wir im Graben haben, tragen wir nachts nach P...... Da die Sache nicht ganz leicht und ungefährlich ist, heißt es:Freiwillige." Ich habe mich immer ge­meldet, denn wenn ich fallen sollte, dann hoffe ich doch, daß man mich auch dorthin bringt, dann finden die Angehörigen später das Grab wieder. Ein schönes Kreuz ziert das Grab und ein Helm blinkt darauf. Aber nicht ein einziger denkt an den grausigen Tot der thu treffen kann. Man denkt hier draußen anders über Leben und Sterben. Und der Tot ist ein Ding, an das man ohne Grauen denkt. Der Geist, der uns beseelt und der uns die Gewißheit unseres Sieges gibt, ist die Unterordnung des einzelnen unter den Gesamtwillen. Es sind wohl nur wenige unter

uns die nicht jederzeit, wenn es erforderlich ist, sich glatt in Kochstücke zerschlagen ließen, um irgend einen bestimmten Erfolg damit durchzusetzen. Diese Selbst­aufopferung, dieses fast bewußte Gehen in einen sicheren Tod, das ist der Geist, dem allein wir unsere Siege verdanken. Mit sehr wenigen Ausnahmen hat jeder diesen Geist in sich. Und darum soll man wegen deren, die die Kugel gesunden hat, nicht trauern, meine lieben Eltern und Geschwister, merkt es Euch wohl, sondern man soll sich ihrer freuen, soll daran denken, daß sie lachend und singend in den Tod ge­zogen sind, voll bewußt der großen, herrlichen Sache, für die sie sich opfern durften, das soll man allen in der Heimat sagen, die sich um uns hier draußen bangen. Man soll uns das Herz nicht schwer machen mit Klagen, man soll es uns wissen lassen, daß, wenn wir fürs Vaterland fallen, sie nicht traurig über uns, sondern stolz auf uns sind, daß sie sich mit uns freuen, das Leben mit einem erhabenen Ende ge­krönt zu haben. So soll man denken und das kann man den Zurückgebliebenen in der Heimat nicht oft genug sagen.

Heute haben wir auch wieder von einem großen Sieg über die Russen gehört. Ueber 100 000 Gefangene, 11 Generäle 33 Divisionäre, eine große Zahl Geschütze und etwa 200 Maschinengewehre. Wann wird man das Russenpack in Grund und Boden gehauen haben. Hoffentlich haben die die Stufe bald voll, damit wir hier noch mal kräftig an die Engländer gehen können, dann strafe Gott England.

Gruß Euer August.

Eine Himssrauensrage.

Was sollen wir zu essen geben! Welche Kost ist kriegsgemäß.' Auf diese Sausfrauenfrage ist manche sachkundige und beherzigenswerte Antwort gegeben worden. Zum Beispiel: von denjenigen Nahrungs­mitteln, die im Kriege besonders knapp sind, soll be­sonders sparsam gegessen werden, damit sie nicht vor­zeitig zu Ende gehn,- Mehl, Reis, Buchweizen, Hirse sollen möglichst spät gegessen werden, weil sie sich länger halten als zum Beispiel Kartoffeln, die darum zuerst gegessen werden sollen, wenn auch mit aller Sparsam­keit. Solche Ratschläge haben zum Zweck die richtige Einteilung der Vorräte. Aber noch wichtiger ist die Vermehrung der Vorräte, dadurch, daß man zur mensch­lichen Ernährung heranzieht, was sonst verfüttert wurde.

Durch die massenhafte Abschlachtung der Schweine wird jetzt viel Futter frei, außer Kartoffeln und Magermilch namentlich Rüben. Besonders die Kohl­rüben (man nennt sie Steckrüben, Erdrüben, Wrucken) waren aber schon immer nicht nur Viehfutter, sondern ein beliebtes und nahrhaftes Gericht auch auf dem städtischen Mittags- und Abendtische, mit Kartoffeln oder Fleisch zusammengekocht, auch nach Art der Teltower Rüben zubereitet. Zum Futter sind sie eigentlich auch zu schade. Sie sollten jetzt im Kriege viel mehr gegessen werden. Dafür können unsre Hausfrauen sorgen, aber auch die Landwirte, wenn sie die Rüben auf den Markt bringen. Was von diesen Rüben mehr als sonst verzehrt wird, spart andere Nahrungsmittel und hilft uns im Nahrungskrieg, den England gegen uns führt. Dieweißen Rüben" (Futterrüben) kommen ja gewöhnlich nicht auf den Markt, aber auch sie können im Kriegsjahr als billige Nahrung aushelfen; wer ein Rezept für eine schmack­hafte Zubereitung bekannt gibt, würde sich um das Vaterland verdient machen.

Nahrungsmittel sollen jetzt überhaupt so wenig als möglich verfüttert werden. Alles Verfüttern von Nahrungsmitteln -ist ein Verlust an Nährwerten. Denn das Tier gibt in Fleisch und Fett nur einen kleinen Teil der verfütterten Nährwerte zurück. ^a- rum soll man zum Beispiel bei der letzt lehr beliebten Kaninchenmästung in der .Kriegszeit so wenig als möglich Nahrungsmittel verfüttern, auch nicht in Form von zu reichlichen Küchenabfällen, die man wusi den kleinen Fressern gönnt, ganz dicken Kartoffelichalen, Brotresten, die noch verwendbar lind, und so weiter. Das Vieh soll überhaupt jetzt möglichst wenig men,ch- liäie Nahrungsmittel bekommen. Auch die Tiere Müssen sich, so gut wie der Mensch, mit Kriegskost begnügen. Immer muß man das große Ziel vor Augen haben: unser Volk muß durchhalten bis zur nächsten Ernte, und jeder muß dazu mitwirken, wo er kann: der Landwirt in seiner Wirtschaft, die Haus­frau in ihrem Haushalt, jeder Esser durch Verzicht auf das Entbehrliche.

Verschwendet kein Brot! Zeder spare, so gut er taun