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' Beginnende Einsicht in Frankreich »nv Rtttzland.

Der französische Militärkritiker Oberst Rousset und andere französische Fachmänner erweisen nach demB. L.-A." in der Pariser Presse vom Montag dem Genie Hindenburgs, seiner unerschöpflichen Fülle kühnster Gedanken und dem raschen Erfassen unerwarteter Wen­dungen volle Anerkennung. Der Ton der Chauvinisten­presse ist auffallend gedämpft. Dem verbündeten Ruß­land widmet die Pariser Presse frostige T>ostartikel. Der Wiener KorrespondenzRundschau" zufolge geben die russischen Blätter betreffs der Lage in den Karpathen und der Bukowina zu, daß die Verbündeten Herren ein­zelner wichtiger Karpathenpässe seien.

Milliardenausfälle des französischen Handels.

DerTemps" schreibt: Der Aussall gegenüber dem Fahre 1913 betrug nach der amtlichen Statistik für die Einfuhr 2 072 123 000 Franken und für die Ausfuhr 2 055 703 000 Franken. Die Einlagen in die französischen Sparkassen betrugen vom 11. Februar bis 20. Februar 834 342 Franken, die Auszahlungen dagegen 10 357 815 Franken. Der Ueberschutz der Auszahlungen im Zeit­raume vom 1. Januar bis 20. Februar beträgt 20 047 628 Franken.

Zeppelinbomben auf CaLais.

Der Montag morgen 4 Uhr 15 über Calais erschie­nene Zeppelin war, wie dieCentral News" nach Blättermeldungen aus dem Haag aus Paris beruhten, von dem Wachtposten der Festung nicht gehört worden, da sich das Luftschiff offenbar mit abgestellten Motoren über der Festung treiben ließ. Von den abgeworfenen Bomben richteten zwei größere Zerstörungen an, als die ersten Meldungen erkennen ließen. Vierzehn Häuser sind ernstlich beschädigt worden, drei davon nahezu völlig zerstört. Die Verwüstungen des Eisenbahnkörpers verursachten eine Unterbrechung des Verkehrs zwischen Calais, Dünkirchen, Hazebrouck und Saint-Omer. Fünf Personen fanden ihren Tod und zwölf wurden ver­wundet. Das Luftschiff entkam trotz heftiger Beschie- tzung^im Nebel und nahm augenscheinlich Richtung nach

Kopenhagen, 24. Februar. (T. U.) Aus Paris liegen nach Meldung desB. L.-A." jetzt nähere Einzel­heiten über das Luftbombardement von Calais vor. Das Luftschiff war gegen 4 Uhr über dem Fontinettes- Bahnhof erschienen und ließ dort die erste Bombe fallen, die das Gleis nach Dünkirchen zerstörte. Gleich darauf stieg das Luftschiff wieder empor und ließ fünf Bomben auf einmal niederfallen, die großen Schaden aNrichteten. Die Explosion der fünf Bomben hatte die Wirkung eines Erdbebens. Nachdem die Bomben abgeworfen waren, entfernte sich der Zeppelin schnell nach dem Meere zu. Aus dem Dache eines Hauses wurde ein in eine deutsche Fahne gehüllter Brief gefunden, der vom Zeppelin ab- geworfen war. Das Schreiben wurde dem Stadtkom­mandanten übergeben. Der Zeppelin wurde andauernd beschossen, jedoch ohne Ergebnis. Der Hauptzweck des Besuches war anscheinend die Zerstörung der Eisenbahn nach Dünkirchen.

In der Bevölkerung rief das Erscheinen des Luft­schiffes ungeheure Panik hervor. Alles flüchtete in die Keller, als das Warnungszeichen, eine blaue und eine weiße Fahne aus den Türmen herausgesteckt wurden und die Glocken Stnrm läuteten.

Die Tatsache dieses Luftbesuches und der Bombar­dierung, die ja auch in den französischen Tagesberichten erwähnt sind, dürfte den Verbündeten recht unange­nehm sein. Es ist bekannt, daß beträchtliche englische Truppentransporte in diesen Tagen gelandet und an die Front geschickt werden sollen. Ihre Fahrt dürfte durch die Zerstörungen, die durch die Zeppelinbomben angerichtet worden sind, immerhin gestört worden sein, selbst wenn es den Franzosen wirklich gelungen sein sollte, die Schäden auf den Bahnlinien rasch wieder aus- zubessern. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß für die Bombardierung ein äußerst günstiges Gebiet ausge­wählt worden ist. St. Omer ist ein außerordentlich wichtiger Knotenpunkt, über den unter anderen die Hauptverbindung von Calais und Dünkirchen nach Be- thune und den ganzen weiteren Kampfraum von Lille, sowie die Linie nach Hazebrouck und Armentidres führt. In dem dicht südöstlich von St. Omer gelegenen Bahn­hof von Les Fontinettes mündet auch die direkte Linie, die von Boulogne über St. Omer zur englischen Front läuft.

Frankreichs Friedensabsichten im September.

Was uns französische Staatsmänner gewähren wollten.

DerKöln. Ztg." wird aus Madrid berichtet: Schon am 28. Januar habe ich darauf bestanden, daß meine Mitteilung, Frankreich habe Anfang September durch den Diplomaten einer neutralen Macht Frieöens- vorschläge machen wollen, die durch Drohungen Lord Kttcheners vereitelt worden seien, in keiner Weise einer Berichtigung bedürfe. Inzwischen ist mir die Nummer des PariserTemps" vom 24. Januar zu Gesicht gekom­men, worin meine Darstellung als phantastische Ge­schichte bezeichnet wird, und die Wut und der Aerger des französischen amtlichen Blattes über die Enthüllung sich recht ungeschickt unter groben Scheltreden zu verber­gen sucht. Seitdem hat dieEpoca", das halbamtliche Blatt der spanischen Regierung, die demTemps" wohl schwerlich verdächtig fein dürfte, unterm 6. Februar fol­gendes geschrieben:

Die brasilianische Presse veröffentlicht einige Erklä­rungen eines früheren französischen Ministers. Dieser hat ansgeftthrt, daß bei dem Rückzug der Franzose» vor der Schlacht an der Marne eine Partei entstand, die bereit war, in die Aufgabe des Teiles von Französisch- Madagaskar, Marokko und anderer Kolonien etnzu- willigen. Dem widersetzte sich aber Poincaree, gestützt anf die Mehrheit der Minister und den Generalstab.

Der Korrespondent derKöln. Ztg." bemerkt hier­zu: Also Anfang September gab es in Frankreich eine Partei, die bereit war, französisches Gebiet abzutreten und Frieden zu schließen. Vereinzelne Anhänger dieser Partei saßen jedenfalls im Mintsterrat, denn es heißt ja, die Mehrheit sei dagegen gewesen. Vom Vorhanöen- sem einer solchen Partei bis zur Ausführung ihrer Ab­sicht ist aber nur ein Schritt. Nach meiner Darstellung war mit diesem Schritt als Staatsmann ein Diplomat einer neutralen Macht betraut, was doch wohl der natür­lichste Weg war. Daß der Diplomat ausplauschte und dadurch Lord Kitchener in seinen Drohungen eine Be­schießung der französischen Küste in Erscheinung brächte, kann ich natürlich vorläufig nur auf das bestimmteste versichern. Jedenfalls hat ein französischer Staatsmann den Kern meiner Darstellung bestätigt, und wir wissen jetzt noch etwas mehr, nämlich, was uns eine Partei französischer Politiker als Entschädigung abtreten wollte.

Der Balkan.

Bulgarische Beschwerde in Petersburg.

DieSüdslawische Korrespondenz" meldet aus Sofia: Die bulgarische Regierung erhob durch ihren Petersburger Gesandten bei der russischen Regierung wegen der Minenlegung in der Donau zwischen Widdin

und Ruftschuk Beschwerde und verlangte Aufklärung. Falls die Antwort unbefriedigt fei, werde, wie ver­lautet, Bulgarien Maßregeln ergreifen, die dem rus­sischen Transport nach Serbien ernste Schwierigkeiten bereiten werden.

China und Japan.

&& Tokio, 24. Februar. (T. U.) Die endgültige Antwort Chinas auf die letzte japanische Note, die be­kanntlich einem Ultimatum sehr nahe kam, steht noch aus. Man glaubt hier allgemein, daß Japan am 1. März die diplomatischen Beziehungen mit China durch Abberufung feines Geschäftsträgers in Peking abbrechen wird.

DieTimes" berichtet nach demB. L.-A." aus Washington: Die Beunruhigung Amerikas wächst über das Vorgehen Japans gegenüber China. Die Zeitungen besprechen entrüstet die Art und Weise, mit der Japan die gegenwärtige Lage für sich auszunutzen suche. Es bestehe eine große Gefahr für den Ausbruch eines neuen großen Unwillens gegen die Japaner im amerikanischen Volke.

DieLondon News" bringen nach demDeutschen Kurier" die zensierte Meldung, daß der britische Bot­schafter in Peking Japans erste Forderung nach Ueber- tragung aller deutschen Konzessionen in Schantung diplomatisch unterstützt habe, die neuen japanischen For­derungen nach einem Protektorat über ganz China aber nicht guthettzen könne. Die britische Regierung sei sich des Ernstes der Lage bewußt, die sich aus einem kriege­rischen Konflikt Japans gegen China ergebe, und habe Vorstellungen in Tokio erhoben. Nach einer Meldung des PetersburgerRjetsch" aus Tokio ist

die Mobilisierung des japanischen Heeres, die zuerst nur vier Reservejahrgänge umfaßte, auch auf die Landwehr ausgedehnt worden. Eine Verfügung des Kriegsministers beruft die letzten drei Landwehr- jahrgänge zu den Fahnen ein.

Die Verwüstungen in Ostpreußen.

Von maßgebender Stelle wird mitgeteilt: Bet dem zweiten Einfall der Russen in die Provinz Ostpreußen sind weitere gewaltige Zerstörungen an beweglichem und unbeweglichem Gut eingetreten. Die Russen sind überall konsequent gewesen in völliger Mißachtung des BegriffsEigentum".

Alles, was ihnen von Wert erschien auch wenn von militärischer Verwendbarkeit keine Rede war haben sie fortgenommen und teils an Händler verkauft, teils unmittelbar nach Rußland gesandt. Hausrat und Wirtschaftsgeräte, die sie nicht fortschaffen konnten, ha­ben sie bis zum geringsten Stück zertrümmert und ver­nichtet. In den meisten Orten ist in den Läden und Wohnungen fast buchstäblich nichts mehr vorhanden, als Schmutz und Unrat.

In der Behandlung der zurückgebliebenen Bevöl­kerung zeigt sich wie überhaupt bei den Russen eine nicht verständliche Ungleichmäßigkeit. So sind aus einem Orte viele Leute auch nicht Wehrpflichtige verschleppt worden, während die Nachbardörfer davon verschont geblieben sind. Hier sind schwere Grausam­keiten verübt worden, während dort die Bewohner menschlich behandelt wurden.

Die notdürftige Ernährung der zurückgebliebenen Bevölkerung wird nicht so große Schwierigkeiten ma­chen, wie anfänglich befürchtet werden mußte. Außer der Kartoffel, sind an vielen Orten noch einige Vor­räte von ungedroschenem Roggen vorhanden. An Vieh und Geflügel fehlt es dagegen überall gänzlich.

In baulicher Hinsicht scheint ein erheblicher Teil der von den Russen besetzten Gegenden zum Teil wohl infolge der überschnellen Räumung durch Brandstiftung nicht so gelitten zu haben, wie man befürchtet hatte. Immerhin sind stellenweise sehr schwere Beschädigungen festgestellt worden. So sind völlig zerstört: der östliche Teil des Kreises Lötzen, zahlreiche Ortschaften, z. B. Widminnen. Noch bei ihrem Rückzüge haben die Rus­sen in jener Gegend anscheinend aus Rache meh­rere große Güter niedergebrannt, z. B. Heybutten, Berghof und Ramten.

Lyck hat durch die Beschießung Anfang November und durch die recht heftigen Kämpfe am Ende der vo­rigen Woche wiederum stark gelitten. Die Städte Gol- dap, Stallupönen und Pillkallen sind ebenfalls arg mit­genommen, die Wohnungen bis auf den Grund ausge­plündert und eine Reihe von Häusern niedergebrannt. Immerhin ist die Zahl der stehengebliebenen Häuser recht groß, so daß ein erheblicher Teil der Einwohner bei ihrer Heimkehr, wenn sie zugelassen wird, Obdach findet.

An die Daheimgebliebenen.

Die ganze Schwere unseres wirtschaftlichen Kam­pfes," sagt Se. Exzellenz der Herr Staatsmintster von Loebell,im jetzigen Kriege ist weiten Kreisen der Be­völkerung noch garnicht zum Bewußtsein gekommen. Abgeschnitten von jeglicher Zufuhr müssen wir beizeiten einfacher leben,- nur dann werden wir den Sieg er­ringen: Jeder Deutsche, vor allem jede deutsche Frau, sei Soldat,- was Todesmut und Tapferkeit vor dem Feinde ist, das ist Sparsanckett und Entsagung daheim. Heilige Pflicht ist es, hier in der Heimat durch Ein­schränkung zum siegreichen Durchhalten beizutragen. Wer nicht dazu mithilft, versündigt sich am Vater- lande wie ein Soldat, der nicht seine Pflicht bis zum letzten Atemzüge tun würde. Und ebenso, wie letzteres, stolz sagen wir es, ausgeschlossen ist, so seien wir da­heim bestrebt, mitzuhelfen zum endgültigen Sieg!"

Krleasallerlei.

Das Kaisertelegramm an General v. Below.

DerB. L.-A." meldet: Nach dem Siege über die Russen in der Winterschlacht in Masuren hat der Kaiser an den Führer der achten Armee, den General der In­fanterie Otto v. Below folgendes Telegramm gerichtet: ! In mehr als neuntägigen Gewaltmärschen über schnee- I verwehte und vereiste Wege ist es Ihren braven Trup- | pen Schulter an Schulter mit den im Norden vorgehen- ; den Kameraden unter ständigen Kämpfen gelungen, den i zähen Widerstand des Gegners zu brechen, ihn von deut­schem Boden zu verjagen, zu umstellen und vernichtend zu schlagen. Es ist damit unter Eurer Exzellenz alt­bewährter Führung ein Waffenerfolg errungen, wie er­glänzender nicht erhofft werden konnte. Ich spreche Eurer Exzellenz und den Ihnen unterstellten Truppen für diese herrliche Leistung meinen Kaiserlichen Dank und meine vollste Anerkennung aus und verleihe Ihnen - den Orden Pour le mörite."

Der brave Landsturmmann, der willig und gutgelaunt seinen gleichförmigen Wach­dienst tut, wird in Nr. 22 derKriegsflugblätter", des Beiblatts zur Liller Kriegszeitung, in neun Zeichnun­gen von Breest abaeschildert, die in den Unterschriften *

folgendes Selbstgespräch des Wackern wiedergeben: AlsH ick stehe mal erscht zwee Stunn', vastehste? (Von 1 bis 3) Dann bin ick feine heraus (von 3 bis 7), bis ick natir- lich wieder zwee Stunn' zu stehn hab (von 7 bis 9). Außerdem kannste hernach (von 9 bis 1) so wie so nich ville anfangen, weil es doch düster is. Nich wahr, da stehste lieber deine zwee Stunn' (von 1 bis 3). Schließ­lich schnarchen die anderen dermaßen (von 3 bis 7), bat an Schlaf jar nich zu denken is. Da biste froh, wenn du erscht wieder raus kannst (von 7 bis 9). Un uf der Bude (von 9 bis 1) biste nur im Wege. Jeder freut sich, wenn der andere draußen is. Also mann wieder die zwee Stunn' abjerissen (von 1 bis 3). Wat dat biß- ken Kaffeedrinken anbetrifft (von 3 bis 7), so is det bald jetan. Um sechse biste fix und fertig und kannste wieder antreten (von 7 bis 9). Uebrigeus, andere Leute wollen och schlafen (von 9 bis 1), und Platz is noch nicht ville. Da jehste jerne wieder raus (von 1 bis 3). Man immer sachteken, et nimmt alles mal'n Ende, och die frei Zeit (von 3 bis 7), und so bin ich wieder zwee Stunn' feste uff'f Posten (von 7 bis 9). So steh ick un steh ick nu enen Dag wie den andern un wie zufrieden und jlücklich ick dabei bin, det kann sich keen Mensch vorstellen.

Die Lady und der Menschenfresser.

Folgendes Genrebildchen von Entente-Freunden unter sich entwirft der Londoner Korrespondent der New York World": Unter denen, die sich bereit erklä- ten, Leichtverwundete bei sich aufzunehmen, war die Frau eines hervorragenden Londoner Verlegers, der ein schönes Landhaus in Surrey besitzt. Sie hatte dort Vorbereitungen für die Verpflegung von 18 Patienten getroffen, wobei ihre Tochter als Oberschwester tätig ist. Sie erzählte mir folgendes von ihren Erfahrungen: Es war mir mitgeteilt worden, daß an einem bestimm­ten Tage 18 Verwundete ankommen sollten. Stellen Sie sich meine Bestürzung vor, als drei von den Leu­ten sich als schwere Fälle herausstellten, Leute, deren Wunden täglich zweimal verbunden werden mußten und die beständige ärztliche Wartung erforderten. Aber dies war nur eine Kleinigkeit. Einer der Männer war ein großer Kannibale vom belgischen Kongo ein Menschenfresser. Er war über sechs Fuß hoch und so schwarz wie Ebenholz. Er gab die allerwildesten Töne von sich, unter denen ich einige Worte fürchterliches Französisch unterscheiden konnte, und er gab seinen Be­merkungen Nachdruck, indem er sich mit der Hand tiber die Gurgel strich. Mit sich trug er einen Speer, der noch größer war als er selber, und ein mörderisch aus­sehendes Messer, und er bestand darauf, das letztere mit sich ins Bett zu nehmen. Als meine Tochter ins Zimmer trat, setzte er sich auf und stieß die furchtbarsten Laute aus, sodaß einem die kalten Schauer herunterrteselten. Meine Tochter ist jedoch eine Art Athletin, sie ging ganz ruhig zu ihm und drückte ihn auf das Bett zurück, worauf er ziemlich ruhig blieb. Wir fanden heraus, daß ihm nicht viel geschehen war. außer daß er Schmerzen im Magen hatte. Er wollte jedoch das Haus nicht ver­lassen. So schickten wir denn am nächsten Tage nach zwei Schutzleuten, die ihn zusammen mit zwei Sol- daten nach London zurückbrachten."

Ein Feldpostbrief.

Liebe Eltern und Geschwister! Kaisersgeburtstag! Jetzt im KriegS, wo jeder mit unerschütterlichem Ver­trauen auf seinen obersten Kriegsherrn blickt, auf ihn, von dem alles abhängt, und der freiwillig Die ganze Verant­wortung des deutschen Vaterlandes auf sich genommen hat, da mußte ein solcher Tag wirklich gefeiert (Derben. Und er wurde großartig gefeiert, besonders unter uns Soldaten, nicht viel mir Pomp und Ausstattung, sondern einfach, aber aus vollem Herzen. Ich glaube, wir Soldaten sind noch bei keiner Feier so warm enthufiasmiert gewesen, wie bei der am 27. 1. 1915 zur Ehre unseres geliebten Kaisers.

Am 26. abends 8 Uhr begann die Feier. Sie wurde eingeleiter durch einen Fackelzug. Unser Regiment liegt augenblicklich im Schützengraben. Wir kamen am 26. L abends 6 Uhr von der Front zurück, wo wir Lebensmittel bingekahren hatten, und «nachten uns sogleich fertig, um auch am Fackelzuge teilzunehmen. Um V28 Uhr marschierten die Regimenter auf mit Regimentskapellen, neben jeder Gruvve marschierten vier Fackelträger. Auch mir war es Vergönnt, als Fackelträger mit zu marschieren. Um 8 Uhr rückten wir von der Kaserne ab. Die Musik spielte Vater« landslieder, und wir sangen natürlich kräftig mit. So zogen wir durch die Stadt. Tausend und abertausend Belgier und Franzosen folgten uns. Es war auch ein herrlicher Anblick, den langen Zug mit den wunderbar leuchtende« Fackeln marschieren zu sehen. Nach einer Stunde Marschie« rens machten wir auf dem Marktplatz vor dem Rathaus Halt. Die Musikkapellen nahmen Aufstellung. Es sollte ei« Zapfenstreich ausgeführt werden. In der Mitte des Plabi zes exerzierte eine Kompagnie der .. er. Die Griffe klappte« tadellos. Ein General führte das Kommando. Es waren herrliche Augenblicke. Der Marktplatz war durch das Licht der etwa 2000 Fackeln schaurig schön erleuchtet. Ich kam mir beinahe vor, wie in der Unionsbrauerei zur Schlacht« musik. Zum Schlüsse spielten die KapellenIch bete an die Macht der Liebe", und der Kommandeur befahl:Seins ab zum Gebet!"

Es war ein ganz eigenartiges Bild. Als die rauhen Krieger im Lichte der Fackeln mit entblößtem Haupt im Gebet versunken dastehen zn sehen, dazwischen die wunder« vollen Klänge des schönen Kirchenliedes und der entfernte Kanonendonner. Aber wie auch bei der ernstesten Sache der Humor nie zu fehlen pflegt, so auch hier^ Gerade wie alles im Gebet versunken war, und lautlose Stille herrschte, be­gann plötzlich eine belgische Kinderstimme aus einem Hause zu singen Es war mir vergönnt, auch noch einer anderen Szene beizuwohnen. Es hatten sich auch einige Belgier- unter die Menge gemischt. Als nun der Befehl kamHelm ab!" und wir dabei das Lied sangen:Ich bete an die Macht der Liebe", behielten die Belgier ihre Mützen aus, da sie ja sicher nicht wußten, um was es sich handelte. Im Nu waren ihnen die Mützen von den Köpfen herunter­gerissen. Sie gingen brummend von bannen. Dann begann der Zapfenstreich, der tadellos klappte. Als auch dieser zu Ende war, gingen wir wieder zurück, die Musik wieber vo­ran. Die Truppen wurden dann zur Kaserne geführt, um von da aus in die Quartiere zurückzugehen. Auch wir kehrten wieder in unser Quartier zurück.

Wir waren förmlich berauscht von den Ereignissen die­ses Abends. Wir feierten dann noch bei Bier und Wein und verschiedenen außeretatsmäßigen Eßwaren. Dies war die sogenannte Vorfeier am 26. 1. und ich muß offen sagen, daß mir diese fast eigentlich besser gefallen hat, als wie die eigentliche Feier. Am Vormittag versorgten wir die Kompagnien im Schützengraben mit Rotwein und Bier. Am Abend hatten wir wieder Tafel, an der auch der Zahl­meister des II. Bataillons teilnahm. Es wurde auf das Wohl unseres lieben Kaisers getrunken. Was alle für schöne Reden gehalten wurden, kann ich leider nicht beschrei­ben. Jedenfalls waren es aliey Reden, welche auf das Wohl des Kaisers und des deutschen Vaterlastdes hinzielten

In dieser Weise haben wir Kaisers Geburtstag gefeiert. Ich muß sagen, baß ich noch bet keiner Feier mit solchem Enthusiasmus beteiligt gewesen bin, wie bei dieser. In der Hoffnung, daß wir übers Jahr Kaisers Geburtstag zu Hause feiern werden, verbleibe ich Euer Euch innigst liebender Sohn und Bruder.