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Hersselder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be- zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. .t^ ... .............' ...... " ........ I I

für den Kreis Hersfeld

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Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zelle 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zelle 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Nr. 40.

Mittwoch, de« 17. Februar

1915

Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.

Wer Brotgetreide verfüttert, versündigt sich am Vaterlande u. macht sich strasbar. I

Bus der Heimat.

»(Das Gedenkblatt des Kaisers für die Kriegsgefallenen.) In einem Geburts­tagserlaß hat, wie erinnerlich, der Kaiser bekannt­gegeben, daß die Familien der Gefallenen als seine Widmung ein künstlerisches Gedenkblatt erhalten sollen. Jetzt hat der Kaiser für die Ausführung den Entwurf genehmigt, den Pros. Emil Doepler ö. I., der Berliner Maler und Graphiker, geschaffen hat. Der Entwurf wird in Vierfarbendruck vervielfältigt­er ist als Wandschmuck geeignet: Der Künstler schuf eine allgemeinverständliche poetische Darstellung. Ein großgeflügelter blonder Engel in lichtem Gewände beugt sich zu dem Sterbenden herab, der am Boden ruht, und reicht ihm einen Lorbeerzweig. Auf dem Gelb des Himmels bilden das leichte Blau der Flügel, Gelb und Weiß des Gewandes, das Feldgrau des Kriegers die Hauptfarben der Darstellung. Den oberen Abschluß gibt in kräftigen Lettern der vom Kaiser gewählte Bibelspruch: Wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. 1. Joh. 3, 16." Unten wird in eine Lorbeerumrahmung der Name des Kriegers, der Tag und Art seines Todes eingefügt: Zum Gedächtnis an ... Er starb fürs Vaterland." Dazu kommt der Namenszug des Kaisers als Stifter des Blattes. Das Eiserne Kreuz bildet den Abschluß nach unten.

8 Hersfeld, 16. Febr. (Neues F e r n s p r e ch'- Teilnehmerverzeichnis.) Das Verzeichnis der Teilnehmer an den Fernsprechnetzen im Ober- Postdirektionsbezirk Cassel soll neu herausgegeben werden. Wünsche der Teilnehmer auf Aenderung der Namen oder Firmenbezeichnung usw. werden bis zum 1. März bei den Ortspostanstalten entgegenge­nommen, denen die Fernsprechnetze zugewiesen sind. Soll ein Anschluß im Verzeichnis noch an einer zweiten Stelle oder noch öfter aufgeführt werden, so wird dafür eine besondere jährliche Gebühr von 5 Mk. für jede Druckzeile erhoben. Anschlüsse für Gasthöfe werden zweckmäßig unter der Bezeichnung des Gasthofes oder Hotels (statt unter dem Namen des Inhabers) aufgeführt. Auf Wunsch der Teilnehmer können auch Vermerke über die Sprech- oder Ge­schäftsstunden in das Verzeichnis ausgenommen werden.

Vacha, 15. Februar. Herr Baukommissar Stranz dahier hat sieben Söhne unter den Fahnen- der. letzte wurde vor einigen Tagen als Ersatz-Reservist eingezogen.

Breitenbach am Herzberg, 15. Febr. Im Januar fiel der Kanonier Heinrich Schnell aus Berfa fürs Vaterland. Er hinterließ eine Witwe mit vier kleinen unversorgten Kindern, der jetzt 518,50 Mk. zugingen, gesammelt von den Vorgesetzten und Kameraden des Gefallenen. Ein Beweis echter Kameradschaft.

Vebra, 15. Februar. Mit Rücksicht auf die enorme Steigerung des Verkehrs auf der Eisenbahnstrecke BebraEisenach, die namentlich durch die Einleitung der Eisenbahnstrecken aus den Kaligebieten des Werratales hervorgerufen wird, macht sich eine Ent­lastung der Rangierbahnhöfe Eisenach, Gerstungen und Bebra dringend nötig, da auf diesen Stationen oft kein Platz für die Aufstellung der Wagenzüge für das Kaligebtet vorhanden ist. Zur Beschleunigung des gesamten Verkehrs und zur Erreichung einer rascheren Zugauseinanderfolge, schließlich auch zur Entlastung der einzelnen Stationen sollen nun in diesem Jahre mit einem Kostenaufwand von 14 Million Mark bei der Station Wommen (Hessen) zwei lange Ueberholungsgleise angelegt werden. Die neuen Gleisanlagen werden auch die Beschleunigung des Verkehrs zwischen der Werrabahn und der Thüringer Eisenbahn zulassen. Die Arbeiten werden vielen beschäftigungslosen Leuten einen lohnenden Verdienst sichern.

Gaffel, 15. Febr. Ein hiesiger Angestellter N., der im Verdacht steht, große Mengen von Liebesgaben unterschlagen und verkauft zu haben, wurde von der Polizei verhaftet und ins Untersuchuttgsgefängnis abgeführt. #

Cassel, 15. Februar. (Austausch der kriegsun- brauchbaren Gefangenen.) Gestern vormittag wurden 175 französische Kriegsgefangene, die felddienstun- tauglich sind, aus den hiesigen Lazaretten und dem Gefangenenlager nach dem Oberstadtbahnhofe gebracht, um über die Schweiz nach Frankreich zurück zu reisen. Die meisten der Invaliden mußten auf Wagen nach dem Bahnhof gefahren werden.

§ Dornhagen Kr. Cassel, 16. Febr. Dem Wacht­meister August L u d o v i c i bei der 48. Kavallerie- Abteilung Sohn des Kgl. Hegemeisters Ludovici da­hier wurde dasEiserne Kreuz" verliehen.

Weidenhausen, 15. Februar. Hier hatte sich ein Einwohner eine Flasche Bier warmgestellt und suchte dieselbe später zu öffnen. Dabei explodierte die Flasche und mehrere Glasscherben trafen Gesicht und Auge des Mannes so unglücklich, daß dieser sich sofort in ärztliche Behandlung begeben mußte. Durch Operation in der Augenklinik zu Göttingen ist zwar das Auge gerettet worden, leider jedoch nicht dessen Sehkraft.

Eschwege, 15. Febr. Ein Telegraphenarbeiter als Held. Dem Telegraphenarbeiter Friedrich Stielke von hier ist, wie wir schon auf Grund einer nach hier gelangten Feldpostkarte mitteilen konnten, für eine hervorragende Heldentat das Eiserne Kreuz erster Klasse unter gleichzeitiger Beförderung zum Feld­webel verliehen worden. Stielke trat als Reservist in das Infanterie-Regiment Nr. 82 in Göttingen ein und wurde bei dem Telegraphen- und Fernsprech- leitungsbau verwendet, wo er größte Unerschrocken- heit und Kühnheit bei der Anlage von Feldtelegraphen­leitungen bei größtem feindlichem Feuer zeigte, sodass lediglich durch seinen Mut die Herstellung wichtiger Leitungen möglich wurde. Aus dem gleichen Anlaß wurde Stielke bereits im November v. Js. mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse unter Beförderung zum Unteroffizier ausgezeichnet.

Fulda, 15. Febr. Gelegentlich seines Aufenthaltes in Polen hat der Kaiser u. a. auch unser Feldar­tillerie-Regiment Nr. 47 besichtigt und die Offiziere, die mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet sind, vor allem den Kommandeur, Herrn Oberst Lan­dauer, ins Gespräch gezogen, sich nach ihren Helden­taten erkundigt und die Herren zu ihren und den Leistungen des Regiments beglückwünscht.

Fulda, 12. Februar. Die hiesige Strafkammer verurteilte heute den 17mal vorbestraften Arbeiter Kaspar Wettermann und den ebenfalls oft u. a. mit 5 Jahren Zuchthaus vorbestraften Schreinergesellen Aug. Freitag, beide zuletzt in Metz wohnhaft, wegen Diebstahls eines einem Metzgerlehrling gehörenden Ueberziehers, einer Hose und eines Rockes zu ganz empfindlichen Strafen. Wettermann erhielt eine Zuchthausstrafe von 2 Jahren und 5 Jahren Ehrver­lust. Freitag eine Gefängnisstrafe von 2 Jahren.

Kann Deutschland ausgehungert werden?

In derTribuna" berichtet Angelo Ragghianti über eine Unterredung, die er dieser Tage mit dem preußischen Landwirtschaftsminister Freiherrn v. Schorlemer über Englands Aushungerungsplan und Deutschlands Widerstandsfähigkeit hatte. Der Minister erklärte u. a. folgendes:

Man fagt im Ausland, daß Deutschland ausge­hungert werden würde und aus Hunger werde nach­geben müssen . . . Ich weiß sehr gut, daß England in aller Welt diese Lüge verbreitet hat. Ich bin seit fünf Jahren Landwirtschaftsminister, kenne mein Vaterland und das Leben unseres Volkes sehr genau und kann Ihnen die Versicherung geben, daß nur in der Lebensmittelzufuhr nicht vom Auslande abhängig sind. Zur Ernährung des Volkes braucht man Fleisch, Getreide und Kartoffeln. Unser Viehbestand ist ständig gewachsen, so daß wir unserm Volk Fleisch­nahrung zu normalen Preisen bieten können . . .

1913 hatten wir eine ausgezeichnete Ernte, 1914 eine sehr gute. England, das Deutschland aushungern zu können glaubt, vergißt ganz, daß seit dem Aus­bruch des Krieges hunderttausend Ausländer unser Land verlassen haben, und daß drei Millionen unserer Soldaten im Auslande mit den Mitteln der Länder, in welchen sie kämpfen, ernährt werden. Wir können infolgedessen auch für die Kriegsgefangenen, deren Zahl jetzt fast eine Million erreicht, aufs beste sorgen.

Was die einschränkenden Bestimmungen bezüglich der Herstellung von Weißbrot anlangt, so haben die andern kriegführenden Nationen noch weit energischere Verfügungen erlassen. Der Kartoffelzusatz bei der Brotfabrikation ist nichts als eine Vorsichtsmaßregel, damit dem Volke sein Brot unter allen Umständen gesichert bleibe, und ich kann schon heute, obwohl sich über die Ernte von 1915 noch nichts voraussagen läßt, versichern, daß es Deutschland nicht an Brot fehlen wird."

Betreffs der Arbeitskräfte, über welche Deutsch­land für die Landwirtschaft gegenwärtig verfügt, läßt sich nicht in Abrede stellen, daß der Krieg uns viele Arbeitskräfte nnd viele Ackerpferde genommen hat. Aber wir haben die Pferde durch Rinder und durch Dampfpflüge ersetzt. Die ausländischen Arbeiter, die aus neutralen Staaten stammen, sind fast alle in Deutschland geblieben, weil es ihnen bei uns gut geht,' außer diesen sind auch die russischen Feldarbeiter geblieben: sie wollen lieber in Deutschland als in russischen Schützengräben sein. Sollte der Krieg sehr lange dauern, so könnten auch die Kriegsgefangenen bei der Feldarbeit beschäftigt werden.

Wirtschaftliche Gründe werden Deutschland nicht zwingen, rasch Frieden zu schließen. Sie brauchen

nur um sich zu blicke«, um sich zu überzeugen, daß überall Ordnung und Ruhe herrschen, daß der Handel ungestört seinen Gang geht, die Arbeitslosigkeit ab­genommen hat und die Lebensmittelpreise selbst in diesen schwierigsten Monaten des Jahres normal ge­blieben sind. Ich bin der Ansicht, daß weder Ruß­land noch Frankreich in der Lage sein werden, den Krieg so lange auszuhalten wie Deutschland."

Klage des Adieu.

Von H. Schneider, Wollmirstedt Bezirk Magdeburg.

Nachdruck verboten.

Ich armes, verfolgtes Adieu, was soll ich anfangen ! Jeder verachtet mich, wirft mich weg wie Gift, jeder glaubt, sich schwer gegen sein Deutschtum vergangen zu haben, wenn er mich noch aus Versehen einmal als Gruß gebraucht hat. Erbarmungslos stehen die mir gegenüber, die an mir und mit mir groß und zu denkenden, tief empfindenden Menschen wurden. Oder war es nicht zuerst einAdj', Adj'" das aus dem Munde des kleinen Lieblings so traut den Eltern entgegenklang?Mama adj'," wenn die Mutter ging und den kleinen wackligen Kerl bei der Hand nehmen sollte,Papa adj'," wenn der Vater hinausmußte auf den Erwerb. Später verwandelte es sich in das schon vollständigere, kräftigereAttee", mit dem sich Häuschen, der mit dem Onkel ausgehen durfte, von den zurttck- bleibenden Eltern und Geschwistern verabschiedete. Und als Hänschen Heranwuchs und in die Schule ein« treten mußte, dachte er nicht daran, daß sein nunmehr tadellosesAdieu", mit dem er das Haus verließ, eigentlich ein französisches Wort sei. Mit dem kleinen Genossen hieß er singend den kalten Winter davon- eilen:Winter ade, Scheiden tut weh!" So hatte er mir, dem armen Adieu, mit dem Dichter den fran­zösischen Rock ausgezogen. Im deutschen Gewände gefiel ich ihm so wohl, daß er, die kleinen Beine tüchtig auswerfend, mit den Kameraden losmarfchierte unter Gesang vonNun ade, du mein lieb Heimat­land." Kein sonderbarer Sprachheiliger redete auf die kleinen Burschen ein:Kinder ihr fühlt ja nicht deutsch; wenn ihr Ade sagt, das ist eigentlich das französische Adieu." Wie hätte da eine Reihe erschrockener Münder offen gestanden. Hänschen, der nun ein nicht auf den Kopf gefallener Hans geworden, hätte dem Sprach- reiniger geantwortet:O, wir singen bei unserm Lehrer auchAde, du liebes Waldesgrün", und früher, als wir noch klein waren, lernten wirWas klappert am Dache, mein Kindlein horch, horch- Ade, lieber Bauer, so rufet der Storch". Du bist wohl auch ein Bauer, ein Sprachbauer?" Ab und zu wollte der Lehrer seinen braven Schülern eine Freude bereiten. Da mußte denn auch Fritz Renter mit seinem meck­lenburgischen Platt herhalten. Mein niederdeutsches Gewand belustigte die Knaben sehr. Bald hatten fie ausDe Wedd" die Verse weg:

Adjtts! Herr Swenn", seggt nu de Ein

Un mackt sick an de Dalers ranner

Un sick dünn fix upp sine Bein- Adjüs, Herr Swenn, seggt ok de Anner.

Den Knaben machte ich so offenbar Spaß. Sie verabschiedeten sich untereinander mitAdjüs", wo­rauf ihnen der Lehrer erzählte, ich mache noch andere Wandlungen durch. Au der Waterkante und in anderen Gegenden heiße ichAdjes". Fremde Völker kleideten mich ihrer Sprache gemäß um in Addio" u. s. f.

Und heute! Während draußen im Felde die Truppen tapfer kämpfen, führt man im Innern des Landes gegen mich einen Ausrottungskrieg. Ich soll durch und durch Fremdwort sein. AberInvasion", Quanten" undOffensive" spricht man weiter und druckt so viele Ausdrücke, die in der deutschen Sprache nie Bürgerrecht erwerben, ausIllusionen" kommt man nicht heraus. Dennoch weiß ich, wie mecnen Freunden, die mich nur gezwungen über tue Achjel ansehen, dasGuten Tag" als «cherdegruß sehr hart ankommt. Es erscheint ihnen knochentrocken, ja, eurer fand es sogar, als das Schluß-g nach f langgezogenem a" wiek" ausgesprochen wurde, foquatcg . Ane wütendsten Kämpfer gegen mich.Schutzloien sah ich neulich unter weiblichen Bediensteten.

einem scheidenden Kunden, der aus leicht begrenUchen Gründen im Ladengeschäft keinAuf Wiedersehen, oderLeben Sie wohl!" übers Herz bringen konnte und sich meiner wohlwollend erinnerte,Guten Tag, anten Tag!" nach. Das Vaterland war gerettet. Ach, und als ich sie mir näher ansah, ihre Kleidung be­trachtend! Waren die Heldinnen für deutsche Sprache auch solche für gute, deutsche Sitte? Aefften sie nicht französische Moden und zwar streng, das ist der Bor­zug, nach? Sind die Damen, die auf ihrer Seite stehen, nicht so festen Willens und erfindungsreich, sich von französischen Moden loszumachen und eine deutsche Kleidertracht zu ersinnen?

Doch ich plaudere zu viel. Ich wollte ja zum Schluß nur meine Freunde bitten:Laßt mir mein bescheiden Dasein! Den französischen Rock will ich gern in deutschen Landen missen. Seid nicht ferner undankbar! Und damitAde!"