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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

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für den Kreis Hersfeld

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Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zelle 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Nr. 39.

Dienstag» den 16. Februar

1915

Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.

Bus der Heimat«

* (Was haben wir für Gelü i m H a u s!) So muß man unwillkürlich ausrufen, wenn man hört, wie in den letzten Wochen auf Grund der Meldung, der Kurswert der Goldstücke, die in privaten Händen geblieben wären, sollte später bedeutend herabgesetzt werden, das Gold nur so in die öffentlichen Kassen geströmt ist. So sind in einer Stadt von 4000 Ein­wohnern an einem Tag für 9000 Mark Gold bei der Post und anderen Kassen umgewechselt und in einer Stadt von 80 000 Bewohner in zwei Tagen 100 000 sage und schreibe hunderttausend Mark bei der be­treffenden Reichsbankstelle zum Umtausch gegen Pa­piergeld eingegeben worden. Wenn solche Barsummen unverzinst in den Schränken und Kommoden gelegen haben, dann kann es um unsere finanzielle Lage nicht schlecht stehen, was auch die starken Einlagen zur Sparkasse beweisen) die Kommunalverwaltungen brauchen sich wegen Kriegssteuern keine Gedanken zu machen, zumal bekanntlich Reichs- und Statszuschüsse zu erwarten sind.

§ Hersfeld, 15. Februar. Mehrfache Gesuche um Ausstellung von Geleitsscheinen zum Be­suche von Gräbern gefallener Angehörigen im Opera- tions- undEtappengebiet gebendem Kriegsministerium Veranlassung darauf hinzuweisen, daß derartigen Ge­suchen ohne weiteres nicht Folge gegeben werden darf, um unverwünscht zahlreichen Reisen von Zivilpersonen in das Etappengebiet vorzubeugen. Vor der Erteilung eines Geleitsscheines ist zunächst die Genehmigung des Herrn Generalquartiermeisters oder der zuständigen von letzterem dazu ermächtigten Etappen-Jnspektion einzuholen, auch muß durch einwandfreie Unterlagen der Ort des Grabes festgestellt sein und im übrigen die Notwendigkeit der Reise innerlich begründet er­scheinen. Vor Absendung etwaiger Gesuche an den Herrn Generalquartiermeister oder an die Etappen- Jnspektion sind die Gesuchssteller eingehend über die Schwierigkeiten solcher Reisen zu belehren, um sie vor Enttäuschungen zu bewahren. Reisen in das Operationsgebiei kommen überhaupt nicht in Betracht. Geleitsscheine für die Fahrten zum Besuche von Gräbern sind daher nnr auszustellen, wenn der Ge­suchsteller die Genehmigung des Generalquartier­meisters oder einer Etappen-Jnspektion zur Vorlage bringt.

):( Hattenbach, 15. Febr. Mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde Vizefeldw. Lehrer Fr. Mokowitz von hier.

Bebra, 18. Februar. Eine Anzahl Bahnarbeiter war gestern zwischen Ronshausen und Bebra be­schäftigt und in der Nähe des Dorfes Weiterode einem längeren Personenzuge ausgewichen, als von der anderen Seite her eine Vorspannmaschine angesaust kam. Der Bahnarbeiter Christian Brot wurde von der Lokomotive erfaßt und überfahren. Der Tod trat auf der Stelle ein.

Caffel, 15. Febr. Ein schweres Verbrechen wurde gestern vormittag im Stadtteil Wehlheiden auszu- führen versucht. Ein junges Mädchen, die Tochter achtbarer Bürgersleute, hatte insgeheim ein Kind geboren und war nach der Geburt in die Küche ge­eilt, wo es das Kind in das brennende Feuer des Küchenherdes zu schieben versuchte. Auf das Geschrei des Kindes eilte die'Mutter des Mädchens herbei und zog das Kind noch lebend wieder aus dem Küchen­herde heraus. Das Kind hatte leichte Brandwunden am Kopfe und schwere Brandverletzungen am Arm und Bein davongetragen. Es wurde sofort in ärzt­liche Behandlung gegeben. Der Gerichtsbehörde wurde Anzeige erstattet, die Mutter des Kindes wurde der Entbindungsanstalt in der städt. Kaserne zugeführt.

Aus dem Werratale, 12. Februar. In den Orten des Werratales erscheinen, wie derEis. Tgp." ge­schrieben wird, jetzt fortgesetzt Händler und sonstige Ankäufer aus den Großstädten, die von Haus zu Haus gehen, um kleinere und größere Quantitäten Wurst, Schinken, Speck und sonstiges Rauchfleisch den Landleuten abzukaufen. Wenn auch schon ansehnliche Mengen solcher Lebensmittel ausgeführt worden sind, so weigern sich doch die Landleute erfreulicher­weise immer mehr, die Vorräte zu veräußern, da diese in erster Linie für die Ernährung der Bevölke­rung der engeren Heimat in Betracht zu kommen haben.

Carlshafen, 12. Februar. Mehrere Schulkinder hatten sich mit Schlittschuhs« auf die nicht mehr völlig sichere Eisdecke derInsel" neben der Weser gewagt. Zwei von ihnen brachen, an einer trügerischen, mit

Schnee bedeckten Stelle ein. Es gelang den Kindern einen Kameraden zu retten, während der andere, der 10jährige Sohn des Herrn Uhrmachers Otto Seidler, seine Unvorsichtigkeit mit dem Tode büßen mußte. Bis die Kinder Hülfe aus der Stadt holten, war es zu spät, und Belebungsversuche erfolglos.

Eisfeld, 9. Februar. (Eine Weissagung vor 200 Jahren.) Uebersetzung eines im Hohenloheschen bei einem Gemüsehäudler aufgefundenen Schriftstücks, niedergeschriebenen im Jahre 1701, in Neudeutsch niedergeschrieben von Professor C.:Europa wird zu einer Zeit, wo der päpstliche Stuhl in Rom eine Zeit leer stehen wird, von furchtbarer Züchtigung heim­gesucht werden. Ein Volk wird wider das andere kämpfen, ein Königreich gegen das andere. Ein Monarch kommt von der Mitte, dieser ist der deutsche Kaiser. Gegen diesen Monarchen kommt ein Wall von Feinden von allen Seiten, die ihn durch Bosheit und GehäHigkeit verderben wollen. Wenn die Nieder­trächtigkeit der Feinde aber ihren Höhepunkt erreicht hat, legt sich die Allmacht Gottes ins Werk und wird diesen von Sieg zu Sieg führen. Der Wahlspruch des Kaisers heißt: Mit Gott voran! Er trügt ein Kreuz auf der Brust. Es ist ein Ringen vorgesehen vorn in Westfalen; sollte dieses stattfinden, so wird nur noch ein kleiner HaufsWDeutschlands übrig bleiben. Vor­aussichtlich findet dieses Morden nicht statt, denn das Volk wird beizeiten zur Buße und Religion zurück­kehren. Wohl wird der Niederrhein zittern, beben und heulen, aber er wird nicht untergehen und glänzend bestehen bleiben bis zum Ende der Zeiten. Es wird der Krieg der losbricht ein fürchterlicher Krieg heißen, und es gibt kein Erdreich, das nicht mehr oder weniger in Mitleidschaft gezogen wird. Aber der starke Monarch von der Mitte wird den Krieg geschickt zu führen wissen, daß keine Macht der Feinde ihm widerstehen kann. Mit großer Stärke wird er veraltete Mißbräuche, schmutzige Tänze und üppige Kleidertracht abschaffen,, überall hingegen die göttliche Ordnung in Staat, Kirche und Familie ein­setzen und den Völkern den Frieden bringen. In der Nähe eines Dorfes steht ein Kruzifix, dort wird der Kaiser vor der Entscheidungsschlacht mit ausge­breiteten Armen niederknien. Wehe Lemberg und Soldau am Bach, der von Osten nach Westen fließt. Der starke Feldherr wird mit den bärtigen Völkern des Siebengestirns siegreich aus dem Treffen hervor­gehen und vor der Kapelle Schaffhausen eine Anrede halten. Frankreich wird nur ein Bild der Verwüstung sein, England wird mit seinem Könige geschlagen werden und auf die tiefste Stufe des menschlichen Elends kommen. Eine überaus große Sterblichkeit wird dieser verheerende Krieg mit sich bringen, ein großes Land wird von Seuchen und Hungersnot heim­gesucht werden. Die Türken werden aber treue Brüder des starken Monarchen sein. Sobald England geschlagen ist, wird der Frieden ein kehren. Es wird eine unermeßliche Veränderung in den Staaten und eine Erneuerung in der Kirche vor sich gehen. Nach dem Kriege existieren nur noch drei Großmächte, der Papst, Oesterreich und Deutschland) dieses wird zu edlen Staaten heranwachsen. Ursache des Krieges ist ein Fürstenmord) diesem werden viel Mord und Metzeleien folgen) losbrechen wird er zur Zeit der Ernte, eine bessere Zeit wird kommen zur Zeit der Kirschenblüte."

Die Verhütung der Erfrierungen im Felde.

Es kann nicht auffallen, daß Erfrierungen bei den im Felde stehenden, Durchnässungen und Kälte aus­gesetzten Kriegern keine Seltenheit sind. Glücklicher­weise aber ist ihre Zahl, wie die feldärztlichen Be­richte vom Kriegsschauplätze zeigen, wenigstens bei den deutschen Truppen nicht übermäßig groß, und nur selten kommen Erfrierungen zur Beobachtung, die ein operatives Vorgehen, eine Amputation des erfrorenen Gliedes, erfordern. Gemäß den Grund­sätzen der modernen Chirurgie, und speziell der Kriegs­chirurgie, hat die Behandlung immer konservativeren Charakter angenommen. Man kommt in vielen Fällen, auch dort, wo die Gliedmassen blau verfärbt sind und die Schmerzempfindlichkeit aufgehoben ist, mit abwartenden Maßnahmen aus. So empfieht Prof. Friedrich, der beratende Chirurg des 1. Armee­korps, in derFeldärztlichen Beilage der Münchener Medizinischen Wochenschrift" eine Hochlagerung der erkrankten Glieder, Abreiben mit Franzbranntwein, leichtes Massieren, Durchwärmungen, alles Maßregeln, um die Zirkulation in den erfrorenen Gliedern neu zu beleben. Auch Heftpflasterverbände haben häufig gute Dienste geleistet. Die wirksamste Bekämpfung der Krankheit liegt aber, wie so häufig, in der Prophylaxe. Das Wichtigste ist eine geordnete Fuß­pflege. Teils durch Not und Zwang, teils durch Un­wissenheit wird vieles versehen. Die Mannschaften bringen oft drei bis vier Wochen die Stiefel nicht von den Füßen, so daß sie nur durch Ausschneiden zu ent­fernen sind. Zum Schutz vor Kälte werden die Füße mit einer mehrfachen Schicht von Fußlappen und Strümpfen bekleidet, die nun dauernd liegen bleiben und durch Schweiß, Schmutz und Regenwaffer zu einer Kruste zusammenbacken. Bei dem Wechsel von

Feuchtigkeit und Trockenheit ziehen sich diese Fuß­hüllen zusammen und komprimieren die Blutgefäße. Damit ist die Vorbedingung für die Erfrierung ge­geben. Pros. Friedrich hat einen Fall beobachtet, bei dem solche mehrfach übereinandergezogenen Strümpfe infolge langen Liegens auf dem Fußrücken eine feste Leiste gebildet hatten. Durch den anhaltenden Druck dieser war ein tiefes Dekubitalgeschwür entstanden, das die Strecksehnen des Fußes bloßlegte. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß, je dicker die Umhüllung des Fußes ist, dieser um so eher vor dem Eindringen der Kälte geschützt ist. Die übereinanderliegenden, enganschließenden Wollschichten sind gute Wärmeleiter, d. h. sie leiten einerseits die Körperwärme nach außen ab und lassen anderseits die Kälte von außen hinein. Wie bei der gesamten Bekleidungsfrage handelt es sich auch hier darum, schlechte Wärmeleiter zu ver­wenden, die die Wärme zurückhalten. Dazu eignen sich am besten locker gewebte und locker sitzende Fuß­bekleidungen, in und zwischen denen sich reichlich Luftraum Luft ist ein schlechter Wärmeleiter befinden. Ferner ist es nötig, daß auch das Schuh­zeug weit und bequem ist. Je besser und peinlicher dann die Fußpflege ist, um so leichter lassen sich die Erfrierungen vermeiden. Wenn es auch bei der jetzigen Art der Kriegführung nicht immer möglich fein wird, ein tägliches Ausziehen der Stiefel und Strümpfe durchzuführen, so sollte doch Belehrung von Seiten der Truppenoffiziere und Truppenärzte es durchsetzen, daß dies längstens alle drei Tage geschieht. Wenn irgend angängig, sind dann auch die Füße zu säubern. Als ausgezeichnetes Vorbeugungsmittel, das aber nur für unbeschmutzte Füße zu verwenden ist, dient das Einreiben mit Fett und Del.

Englands innere Zustände.

Kurz vor Ausbruch des Krieges stand England in einer schweren Krisis. Den Jrländern sollte die längst erstrebte Selbstverwaltung (Home rule) be­willigt werden, aber dann wäre sie den irischen Katholiken ausgeliefert gewesen und die irischen Protestanten drohten mit Widerstand, ja, sie warben schon Truppen. Das Land schien vor einem Bürger­krieg zu stehen, als der Krieg mit Deutschland die Aufmerksamkeit ablenkte und die katholischen Jrländer um ihre Hoffnung betrog. Ihr Haß gegen England erwachte von neuem, er zeigte sich darin, daß die Jrländer noch weniger als die anderen Engländer der Werbetrommel Kitcheners folgen. Bekanntlich ist auch im eigentlichen England das Volk wenig kriegs­lustig. Noch sind es wie von jeher vorwiegend die verlorenen Söhne. Das Beispiel der höheren Stände, die sich mutig in die Front drängen und die die Ver­luste des Schlachtfeldes an erster Reihe tragen, hat auf die Masse nicht gewirkt. Seien wir gerecht, auch 1813 wäre ohne den allgemeinen Ruf zu den Waffen mancher zu Hause geblieben, der es dann als selbst­verständlich empfand, daß er dem Befehl seines Königs folgte. Auch in England hat man den Wert der all­gemeinen Wehrpflicht erkennen gelernt, aber allzu­lange hat man dem Engländer sie als eine Schmach für den freien Mann hingestellt. Es ist aussichtslos, ein derartiges Gesetz dem Parlament vorzulegen, und in der Verlegenheit tauchte sogar der Gedanke auf, sie ohne Gesetz einzuführen, da von Alters her der König das Recht gehabt hätte, sein Volk zur Ver­teidigung aufzubieten. Aber dieser Beweis hat natür­lich nur für den überzeugende Kraft, der auch jetzt schon bereit ist, die Waffen zu ergreifen.

Die großen Arbeiterorganisationen drohen gerade­zu mit Auswanderung nach Amerika oder in die Kolonien, wenn die allgemeine Wehrpflicht Gesetz werden sollte, und auch jetzt im Kriege sind sie vor­wiegend auf eigenen Vorteil bedacht. Vor dem Krieg litt England unter ihren Ausständen, als die Lon­doner Dockarbeiter streikten, drohte dem ganzen Lande eine Hungersnot, nicht minder störend war der Aus- stand der Eisenbahner. Diese allerdings müssen jetzt Ruhe bewahren, denn der Staat hat für die Dauer des Krieges die Verwaltung aller Bahnen selbst in die Hand genommen. Bekanntlich kennt England nur Privatbahnen. Aber wir hörten vom drohenden Streik der Bergarbeiter, der aber beigelegt sein soll. Ihre Forderung von Lohnerhöhung rechtfertigt sich durch das Steigen aller Preise, bedingt durch die außerordentlich gestiegenen Frachten. Außerdem klagen die Arbeiterorganisationen über die Konkurrenz bel­gischer Flüchtlinge, die für ein Spottgeld arbeiten. Alles in allem, es sind recht unerquickliche Zustände, weit unerquicklicher als die in England zur Zeit Napoleons, an die die englischen Staatsmänner zu gern erinnern. Damals war England noch das Lgnd einer hochentwickelten, den Bedarf fast deckenden Landwirtschaft und damals kannte man noch nicht die unheimlichen Unterseeboote. Nur stolze Fregatten und Korvetten stellte Frankreich ins Feld, und als die bei Trafalgar vernichtet waren, war England wirklich die Königin des Meeres. Wie sehnt sich England nach einem neuen Trafalgar, nach einer Entscheidung an einem Tag. Es wird, wie wir be­stimmt hoffen dürfen, auf die Erfüllung dieses Wunsches verzichten müssen.