Von den Kriegsschauplätzen im Westen und Osten
[ Aus dem großen Hauptquartier ,
Großes Hauptquartier, 9. Februar 1915. (Amtlich. WTB.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Es ist nichts Wesentliches zu berichten. OH
Oestlicher Kriegsschauplatz.
An der ostpreußischen Grenze wurden wiederum einige kleinere örtliche Erfolge erzielt. Sonst Lage unverändert.
___________________________Oberste Heeresleitung.
Vom österr.-ungar. Generalstab
Wien, 9. Februar. (WTB.) Amtlich wird verlaut- bart, mittags: In Polen und Westgalizien keine Veränderung; Geschützkampf.
Im Waldgebirge gelang es gestern nachmittag den verbündete« Truppen, einen von den Russen hartnäckig verteidigten Ort nördlich des Sattels von Bolovee «ach mehrtägigen Kämpfen zu nehmen. Zahlreiche Gefangene wurden gemacht, viel Munition und Kriegsmaterial er, deutet.
An der übrigen Karpathenfront heftige Kämpfe. Im westlichen Abschnitt scheiterte» mehrere russische Angriffe, wobei 840 Gefangene und drei Maschinengewehre in unsere Hände fielen.
Die Borrückung in der Bukowina schreitet fort. Mama wurde von uns besetzt.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: v. Hoefer, Feldmarschalleutnant.
Die Kriegslage in Polen.
Nach einer Meldung der „Frkf. Ztg." aus Paris stellen die Militärkritiker die Kriegslage in Polen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Die meisten glauben, daß Hindenburg Warschau erobern will, ein Plan, dessen Gelingen nach General Berteaux ernstlich den russischen Feldzugsplan gefährden würde. Nach der Pariser Auffassung ist gegenwärtig eine russische Offensive ausgeschlossen. Diese könne nur allmählich mit methodischer Langsamkeit erfolgen.
Heftige Kämpfe vor Warschau.
o-£ Mailand, 10. Februar. (WTB.) Der Berichterstatter des „Carriere della Sera" in Petersburg meldet nach der „Dtsch. Tgztg.": Der Kamps sei mit äntzer- ster Heftigkeit vor Warschau wieder ausgenommen. Der erste Angriff der Deutschen hielt sich südlicher, als im Dezember. Am 26. Januar hatten die Deutschen einen Angriff gegen Borziurow unternommen. Am 28. gelang es, russische Berschauzungen zu erobern. Da aber auch die Russen Verstärkungen erhielte«, wurden die Verschanzungen von be« Russen wieder genommen, bis es den Deutschen gelang, sie am 31. wieder in ihren Besitz z« bringen. Am 1. Februar wiederholten sich die Angriffe öfter vnd heftiger. Aus den Kämpfen von geringer Bedeutung entwickelte sich die größte Schlacht, die Polen je gesehen hat.
Trostlose Zustände in Warschan.
Die Wiener Korrespondenz „Rundschau" meldet aus Stockholm: In „Rutzkija Wjeüomosti" berichtet Proko- witsch, daß die Lage in Warschau sich verzweifelt gestalte. Die Arbeitslosigkeit treibe einer Katastrophe zu. Der Ausbruch verheerender Epidemien sei nicht mehr zu verhindern, der Hungertyphus heische schon jetzt viele Opfer. Es herrsche bitterste Not an Lebensmitteln, auch die Wohnungskrise wirke deprimierend. Die Hausherren jagen die Mieter, die keinen Zins bezahlen können, auf die Straße. Die Behörden seien machtlos, zumal es an Geld fehle. Die Wirte mußten sich schriftlich verpflichten, den Soldaten den Zutritt in ihre Lokale zu verwehren.
Rußland rekrutiert in Galizie«.
Wien, 9. Februar. (WTB.) Die „Neue Freie Se" veröffentlicht eine Meldung eines polnischen es über einen neuen eklatanten Völkerrechtsbruch, den die Russen sich zu schulden kommen ließen. Sie haben nämlich in dem von ihnen besetzten südöstlichen Teile Galiziens die systematische Rekrutierung durchgeführt. Der Korrespondent des „W. C." hatte eine Unterredung mit russischen Gefangenen und fand unter ihnen einen österreichischen Ruthenen aus Brody. Es stellte sich heraus, daß dieser schon zu Anfang der russischen In
Verstrickt.
Roman von A. von der Elbe.
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(Nachdruck verboten.)
Werner wollte sie jetzt nicht mit der Konsultation einer Autorität beunruhigen; versäumt wurde nichts, sie sollte sich an der Reise erfreuen, die sie sich wünschte, die ihr hoffentlich Erholung und Kräftigung bringen werde. Sie konnte beides gebrauchen, denn er war, ohne es ihr zu sagen — überzeugt, daß ste bei ihrer Rückkehr aus der Schweiz eine ernste Operation werde durchwachen müssen.
Vielleicht war dies ihre letzte Zeit freier Bewegung und eines fröhlichen Lebensgenusses, den sie so sehr liebte, wie Hätte er ihr der: verkümmern mögen? So suchte er ihr die Symptome ihres Leidens als nicht bedeutend hinzustellen und riet ihr, vergnügt und nach ihrem Geschmacke zu reifen. Im stillen beschäftigte er sich aber ernst und schwermütig viel mit dem Zustande seiner mütterlichen Freundin.
Waren die vier oder sechs Wochen ihres Aufenthaltes «m Genfersee auch eine kurze Spanne Zeit, so bestand v> tzas Menschenleben überhaupt nur aus rasch vorüberfllqgenden Abschnitten, von denen jeder Wert
Anhalt besaß, und kein Sterblicher wußte, wie bald Wer also sorglos erlaubte Freuden zu ^8 tun. Die guten Tage in Berlin, der lebhafte Verkehr von Tante und Nichte mit dem jungen Freunde, erreichten ihr Ende und eines Morgens befanden sich alle drei mit Elise auf dem Bahnhof, wo Werner Brüggen von den beiden Damen Abschied nahm, ihnen ein: „Auf Wiedersehens ^rufend
Und nun wußte Adele, daß sie wirklich dem heitzer' sehnten ' u entgegenfliege. Wie lebhaft hatte sie 1 diese i beiaewünscht. wie unermeßlich hatte sie I
vasion bei der von Rußland in Galizien ungeordneten Rekrutierung ausgemustert und ausgebildet und so- dann auf den galizischen Kampfplatz entsendet worden war.
Die Zustände im russischen Heere.
Der Korrespondent des „Pester Lloyd", Bela Landauer, veröffentlicht den Bericht eines Offiziers, der einen russischen Gefangenentransport beaufsichtigte. Der
zum Zwecke der Stimmungsmache sagen wir es, aber es ist allgemein bekannt, daß die russische Mannschaft, wo sie nur irgend kann, zu uns herüber desertiert. Kein Wunder! Denn abgesehen davon, daß sie unter der Witterung ebensoviel wie die unseren zu leiden haben, ist ihre Verpflegung und Behandlung durch die Offiziere ganz niederträchtig. Kürzlich geriet das Löhnungsbuch des einen Gefangenen in unsere Hände. Daraus ersah ich, daß der Mann am 1. November seinen letzten Sold erhielt. Aber es wird ihnen nicht leicht, her- überzukommen, denn es ist sozusagen die einzige Aufgabe der Kosaken, vor und hinter der Front Fluchtversuche zu vereiteln. Darum finden Desertionen meistens bei Patrouillengängen und Rekognoszierungen statt. Die gefangenen Offiziere fragen wir nicht aus, ihre Haltung ist nicht gleichartig, aber selten benehmen sie sich anders als kühl und trotzig. Bet einer Gelegenheit ordnete der Offizier unserer Gefangeneneskorte an, daß die russischen Gefangenen wenigstens abwechselnd die Tornister unserer Eskortemannschaft tragen sollten. Ein mitgefangener russischer Offizier protestierte dagegen in außerordentlich herausforderndem Tone. Die gefangenen Mannschaften haben wenig Geld bei sich, desto mehr aber die Kosaken. Die meisten der letzteren haben wenigstens 100 Rubel in der Tasche. Nebenbeigesagt, der reguläre russische Liniensoldat haßt den Kosaken stärker als den Feind. Sehr oft bitten uns die Gefangenen, die Kosaken unbedingt aufknüpfen zu lassen. Wenn wir Kosaken durchsuchen lassen, finden sich in ihren Taschen ganze Warenlager.
Die gefangenen Russen wundern sich, so schließt der Bericht, sehr, daß wir nicht Hungers sterben, wie ihnen von ihren Offizieren immer gesagt wurde, und daß sie vielmehr auch bet uns noch reichlich verpflegt werden.
Auf echt russische Zustände
deutet auch folgende Meldung des B. L.-A." aus Kopenhagen hin: Ein Erlaß des russischen Kriegsministers droht den Soldaten die strengsten Strafen an für wiederholte Fälle von Ungehorsam und Zerstörung der Einrichtung von Kasernen. Der Erlaß besagt: Trotz mehrfacher früherer Erlasse mehren sich die Fälle von Ungehorsam und Zerstörungswut in den Kasernen. Oefen, Fenster, Türen, Betten, Schränke, Klofette werden zerschlagen, Wasserhähne geöffnet, so daß die Räume über- schwemmt werden, Gasleitungen verstopft, Zimmer mit Abfällen und Kot verunreinigt. Die Kasernen sind oft längere Zeit wegen der notwendigen Ausbesserung und Zerstörungen unbewohnbar. Alle Uebertretungen des Erlasses sollen zukünftig aufs strengste bestraft werden. Von den Vorgesetzten wird verlangt, daß fortan Disziplin und Reinlichkeit größere Aufmerksamkeit zugewandt werde, da Unreinlichkeit der Gesundheit nicht zuträglich sei!
Eine russische Anleihe in Amerika.
Die russische Regierung nahm nach Meldungen der „Morningpost" aus Washington in Amerika bei einem Konsortium von 15 Banken eine Anleihe von 50 Millionen Rubeln auf. An der Spitze des Konsortiums steht das Bankhaus P. Morgan. Der Zinsfuß ist sechs Prozent. Es ist dies die erste Anleihe Rußlands in Amerika.
Von der Westfront.
Das Artilleriednell vor Soissons.
„Daily Telegraph" meldet nach der „Voss. Ztg." vom Sonntag aus Boulogne: Die Beschießung Soissons durch die Deutschen bat aufgehört, doch dauern die Artillerieönelle auf den Höhen zwischen dem rechten Ufer und der Stadt, die bis auf einen Teil der Umgebung noch im Besitz der Verbündeten sind, an. Die Kommune Villeneuve-Saint-Germain, namentlich der Billeneuve- Distrikt, wird von deutscher Artillerie besonders getroffen.
Von der belgischen Küste.
N* Amsterdam, 10. Februar. (T. U.) Der „Tele- graaf" meldet aus Sluis: Sonntag und Montag wurde wieder heftiger Kanonendonner gehört, besonders am Montag vormittag, wo man einen Angriff von See her erwartet hatte. Es sei aber nichts dergleichen erfolgt. Auch an der Front bei Npern werde wieder heftig ge- kämpft, ohne daß Aenderungen in der Front eingetreten
sich ihre Freude gedacht, jetzt aber saß sie still in ihrer Ecke, und statt vorwärts zu sehen, blickte sie zurück.
Diese Tage in Berlin waren doch unvergleichlich schön gewesen! Jede Stunde rief sie sich ins Gedächtnis, jedes Wortes, das Brüggen gesagt hatte, suchte sie sich zu erinnern. Wie ernst und streng er dachte, und doch wie mitleidig er von Leidenden und Unglücklichen sprach. Er schien ihr so hoch über dem gewöhnlichen Treiben und Bestreben der Menschen zu stehen, daß nichts Kleines an ihn hereinreichte, daß man ihm kaum eine Freude bereiten konnte, weil alles für ihn zu geringfügig erschien. Wenn sie einen solchen Mann zum Bruder oder Freund gehabt hätte, wäre sie gewiß viel verständiger geworden. Sie glaubte, in der kurzen Zeit, während der sie ihn kannte und seine Ansichten gehört hatte, schon sehr verändert zu sein.
Aber sie würde ihn wiedersehen, sie wollte ihn noch vieles fragen und immer suchen, von ihm zu lernen, nnö dann würde sie auch nach und nach besser und klüger werden. Aber niemals durfte ihre Tändelei mit Denta ihm zu Ohren kommen, niemals! Dafür besaß ein Mann wie Brüggen kein entschuldigendes Verstehen, etwas so Verkehrtes tadelte er streng, und dann würde er sie gar nicht mehr ausstehen können, und das war das Schrecklichste, was sie sich vorzustellen vermochte.
Josefine fühlte sich angegriffen von den unruhigen Tagen in Berlin; sie lag viel im Halbschlaf und war froh, daß ihre lebhafte junge Gefährtin sie wenig mit ihrer Unterhaltung störte.
Die erfahrene Frau glaubte den Gedankengang Adelens und die Ursache ihres Jnsichtgekehrtseins zu missen. Das leichtherzige, temperamentvolle Ding wurde von Werners gehaltenem Wesen — etwas ganz neues für sie — bezaubert und fühlte nun zwei entgegen- sesetzte Lesensanschauungen in seiner Seele miteinander rmaen. Die Erinneruna an Denta trua natürlich dazu
sind. In vierzehn Wochen habe sich die Taktik gar nicht verändert. Bei Tage Artilleriegefechte und nachts Angriffe auf die Laufgräben mit Gewehrfeuer und Bajonett.
Joffres Auffassung der Lage.
Ei« Jugendfreund Joffres erzählt, einem Bericht aus Genf zufolge, wie der Generalissimus Ende Januar die Gesamtlage betrachtete. Joffre gestand die französische Schlappe bei Soissons mit der Bemerkung zu, das Barometer habe dort gegen Frankreich entschieden. Die französische Niederlage bei Charleroi führte zur Heimsenöuug einer Anzahl unfähiger französischer Korvschefs, was ein großes Glück bedeute. Den gleichen Optimismus bekundete Joffre auch bezüglich des Erfolges seines Geduldsystems; er wäre auch sofort bereit, dem Urheber eines besseren Planes die Heeresleitung zu überlassen.
Eine Rede zum englischen Heeresetat.
os* Amsterdam, 10. Februar. (T.-U.) Bei der Einbringung des Heeresetats im englischen Unterhause machte nach Meldung des „B. T." der Unterstaatssekretär des Krieges Mitteilung über einen neuen Entwurf für einen englischen Aeroplan, der zweimal länger fliegen könne, als die anderen Typs. Er erklärte weiter, daß das Heer frei sei von Krankheiten und wies auf den Wert der Kolonialtruppen hin. Die Werbetätigkeit nehme einen befriedigenden Verlauf. (?) Ferner äußerte sich der Redner, daß die Regierung keine Mitteilungen Über die Stärke und Verteilung der Streitkräfte machen könne, da solche Angaben dem Feinde zu Nutzen kämen. Er wolle nichts über die Dauer des Krieges Voraussagen, nur könne er versichern, daß niemand den Mut verliere und jedermann errUchlossen sei, den Sieg zu erkämpfen, nach welchem die Verbündeten die Friedensbedingungen vorschreiben würden.
s-^- Cöln, 10. Februar. Die „Köln. Ztg." meldet vom der holländischen Grenze: Das englische Parlamentsmitglied Barnes teilte in London in einer öffentlichen Rede mit, daß die Ruhegehälter für Militärs sowie die Zuwendung an deren Angehörige während der ersten sechs Monate des Krieges einen Betrag von 346 Mill. Pfund Sterling (6920 Mill. Mark) verschlungen hätten.
Der englische Flaggenmißbrauch und die
Neutralen.
Nach einer Meldung der „Frkf. Ztg." aus Athen erfährt das Blatt „Hestia" aus guter Quelle, daß die deutsche Note über die Blockade der englischen Küsten gegenwärtig Gegenstand besonderer Verhandlungen der Regierungen der neutralen Staaten bilde.
Das Regierungsblatt „Politiken" wendet sich nach einer Meldung aus Kopenhagen gegen den Gebrauch der neutralen Flaggen durch englische Handelsschiffe als Kriegslist und schreibt: Wenn die Engländer behaupten, das genannte Vorgehen sei in der Praxis als Kriegslist gestattet, so bleibt doch die Frage offen, ob diese Praxis nicht veraltet sei. Was im 17. und 18. Jahrhundert als Kriegslist galt und zu keinen bösartigen Folgen führte, kann im 20. Jahrhundert aber die verhängnisvollsten Folgen haben. Wenn auch die neutrale Flagge auf- hört, als Schutz zu dienen, dann gibt es bald keine Grenze mehr für die Unsicherheit und Zerstörung auf See.
Wie die „B. Z." aus Hamburg meldet, wird in holländischen Reeöerkreisen beabsichtigt, durch die holländische Regierung die englische Regierung zu ersuchen, nicht die holländische Flagge zu benutzen, damit die holländische Schiffahrt nicht gefährdet werde. Man bezeichnet das Zusammengehen mit den skandinavischen Ländern als empfehlenswert.
Die Verlustliste der englischen Schiffahrt.
Wie der „Tal. RdschI" gemeldet wird, veröffentlicht die Londoner „News" eine zweite Liste von 21 fränki
schen und englischen Handelsschiffen mit einem Ge'
tonnengehalt von 145 050, von denen jede Nachricht fehlt Man nimmt an, daß sie verloren sind. Die meisten dieser Schiffe waren auf dem Wege nach den Heimathäfen
Die „Basler Nachr." melden aus Mailand: 150 englische Schiffszerstörer und sogenannte Depotsschifsi suchen die gesamte englische Küste nach Schlupfwinkeln der deutschen Unterseeboote ab.
Die Furcht vor den deutsche» Unterseebooten.
&■>£ Paris, 10. Februar. (T. u.) Nach Berichten hiesiger Blätter aus Calais ist infolge der deutschen Ankündigung eines schonungslosen Handelskrieges gegen England eine große Stockung im Passagierverkehr eingetreten. Die Fahrtzeiten der Dampfer werden zwar noch innegehalten, die Schiffe fahren jedoch fast völlig leer. Die Reisenden bleiben in Calais und können sich nicht entschließen, selbst für die so kurze Ueberfahrtzeit
bei, den Konflikt zu verschärfe«. Indes, Josefine konnte diesen Handel, der hinter ihnen lag, nicht allzu schwer nehmen. Ohne innere Erlebnisse würde keine Seele reif.
Wie viel Nachdenken, Ernst und Unruhe hatte das bis dahin gedankenlose Backfischchen an das Abenteuer der hohlen Weide gewandt; sie war dadurch etwas mehr geworden, als das bekannte weiße Blatt. Mußte nicht jeder wachsen und werden durch das Leben, und aus einer Phase der Entwicklung in die andere gehen?
Nach dem ersten Nachtquartier in Frankfurt, als die Gegend von Heidelberg und die Bergstraße den Reisenden entgegenlachte, begann Adele ihrer Umgebung mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Auch die Aussicht, Mutter und Schwester bald wieder zu sehen, beschäftigte und beglückte sie. Am Nachmittag überschritten sie die Schweizer Grenze und kamen in Basel an, doch gings weiter, um Bern zu erreichen, wo einen Tag gerastet werden sollte.
Die frischen, grünen Fluren der Schweiz entzückten Adele, sie konnte nicht Worte genug finden, ihrer Bewunderung Ausdruck zu geben: „Und dort, sieh nur, Tante Jose, sind das Wolken, ganz weiße, klare, zackige, die von der Erde aufsteigen?"
„Nein, Kind, das sind Berge, das sind die weit ent- sernten Alpenberge."
„Berge." — Adele versank in Staunen und faltete, von Andacht ergriffen, die Hände. „Und werden wir sie in der Nähe sehen?"
„Wenn nicht diese, so doch andere."
Die Gegend bot immer genug Neues, genug an fremdartigem Reiz, um Adelens empfängliches Gemüt in steter Erregung zu erhalten.
„O, Mama und Susanne," rief sie öfter, „wir kvm- men, wir kommen!" Die Heimat lag hinter ihr. Alles Zurückhenken schien in diesen Stunden erloschen» (F. f.)