Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Duchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Wlbet
für den Kreis Hersfeld
Kreisblott
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Nr. SS.
Donnerstag. den 28. Januar
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.
I Wer Brotgetreide verfüttert, versündigt sich am Vaterlands u. macht sich strafbar.
Aus der Heimat.
* (Eine wirksame Maßnahme gegen die Zurückhaltung des Goldes.) Wir lesen in der „Wittemb. Allg. Ztg.": Wie verlautet, plant die Reichsbank, alle eingezogenen Goldstücke umzu- prägen und mit einem Lorbeerkranz zu versehen, um sie als Mikämpfer im Kriege kenntlich zu machen. Alle übrigen nach dem Kriege zum Vorschein kommenden Goldstücke sollen von den öffentlichen Kassen nur mit ganz erheblichen Kursverlust angenommen werden. Hierdurch wird es gelingen, diejenigen zu bestrafen, welche während des Krieges in übertriebener Aengst- lichkeit ihre Goldstücke zurückgehalten haben.
* (Z ur Frage der Volksernährung.) Minister v. Breitenbach hat einen Erlaß an sämtliche preußisch- hessische und die Reichsbahndirektionen gerichtet, wonach sofort alles im Besitz der Eisenbahnverwaltungen befindliche Land, das für eigene Zwecke oder für Lagerplatzzwecke nicht gebraucht wird und sich zur Feldoder Gartenbestellung eignet, dieser Nutzung zugeführt werden soll. Auch die sogenannten Waldschutzstreifen gehören hierzu. Alle diese Flächen sollen, soweit sie nicht bereits verpachtet sind, gegen geringfügige Pacht an Eisenbahner abgegeben werden. Auf die Pächter soll nachdrücklich eingewirkt werden, daß fie das Gelände in intensivster Weise zur Gewinnung von Ernährungsmitteln ausnützen.
* (Die Dienstbezüge unserer Postbe - amten inBelgien undRußland.) Ueber die Dienstbezüge der Beamten der deutschen Post und Te- legraphie in Belgien und Rußlund sind einheitliche Bestimmungen getroffen worden. Alle Beamten, Unterbeamten und Telegraphenarbeiter beziehen das heimische Einkommen fort. Daneben erhalten sie in Belgien Tagegelder oder Lohnzuschüsse, Ausrüstungsgeld und Fuhrkosten. Das Tagegeld beträgt bei höheren Beamten 40 M., Sekretären 24 M., Assistenten und Gehilfen 20 M., Unterbeamten und Vorarbeitern 12 M., Telegraphenarbeiter erhalten einen Lohnzuschuß von 10 Mk. täglich, auch Sonntags. Die Zuschüsse werden auch für die Reisetage im Ausland gewährt. Die Fuhrkosten sind die inländische. Das Ausrüstungsgeld beträgt für höhere Beamte 700, mittlere 500, Unterbeamte 200, feldgrau eingekleidete Arbeiter 200, nicht feldgrau eingekleidete 100 Mark. jDie Dienstbezüge fallen der Gouvernementskasse zur Last. In Rußland erhalten die höheren Beamten ebenfalls 40 Mk. Tagegeld. Vom Telegraphenbaupersonal erhält die Obersekretär- und Sekretärklasse 24, die Assistenten klaffe 18, Unterbeamte und Vorarbeiter 10, Telegraphenarbeiter 8 Mk. Lohnzuschuß täglich. Beim Betriebspersonal beträgt der Satz für Assistenten und Gehilfen 16 Mk. Der Post- und Telegraphendienst in Russisch-Polen ist der Ober-Postdirektion Posen unterstellt.
* Die Obsteinnahmen im Regierungsbezirk Cassel. Nunmehr liegt auch das Resultat der durch die Gemeinden in den 22 Kreisen des Regierungsbezirks Cassel erzielten Einnahmen an verkauftem Obst vor. Danach wurde im vergangenen Jahr ein Gesamtbetrag von 227170,06 Mark erzielt. Der Kreis Hofgeismar erzielte nach den Aufstellungen den Höchstbetrag mit einer Einnahme von über 40000 Mark. Die kleinste Einnahme hat der Kreis Gersfeld erzielt, der nur eine Einnahme von 188 Mark hatte. Der Landkreis Cassel steht an zweiter Stelle mit über 23 000 Mark.
»Gelegenheit für F e l ö^p a k e t-S e n - düngen. Das Paketdepot des Ersatz-Bataillons des Fußartillerie-Regiments Nr. 18 in Mainz teilt uns mit, daß von dort von Zeit zu Zeit Transporte nach dem Felde an die verschiedenen Formationen des Regiments abgehen. Bei dieser Gelegenheit können Pakete mitbefördert werden. Pakete nimmt das Depot jederzeit an. Sie müssen ohne vorherige Anfrage, mit genauer Adresse versehen, anfgeliefert werden und werden weiter befördert, sobald ein Ersatzmann- schaften-Transport abgeht. Die Pakete kommen auf diese Weise innerhalb einiger Tage direkt in den Besitz der Empfänger.
* W a s s o l l m an st r ick en? Der Kriegsausschuß für warme Unterkleidung gibt bekannt daß täglich an ihn zahlreiche Bitten um gestrickte Schals und um gestrickte Fingerhandschuhe gerichtet werden, die er aus Mangel an Material nicht erfüllen kann. Gewiß bedarf es nur dieses Hinweises, um die strickenden Frauen zur Herstellung dieser Liebesgaben zu veranlassen. Fingerhandschuhe zu stricken ist aller
dings nicht ganz leicht, es gehört Uebung im Stricken dazu. Dagegen sind Schals sehr einfach in Patentstrickerei herzustellen,- man soll aber nicht Strumpfwolle, sondern eine weichere Wolle dazu verwenden. Ferner sind von unseren Kriegern Handtücher sehr begehrt. Sie brauchen nicht sehr lang zu sein, mau kann sie also aus Resten herstellen oder aus altem Leinenzeug.
»Zahlungen für Kriegsbedarf. Die Heeresleitung hat Anordnung getroffen, daß Zahlungen für Lieferungen und Leistungen möglichst bald nach der Ablieferung der Waren bewirkt werden, damit die Lieferanten und Unternehmer ihre oft recht umfangreichen Verpflichtungen pünktlich erfüllen können, und damit Stockungen in der Erledigung der ihnen erteilten Aufträge vermieden werden. Die Bezahlung ^arf nur in solchen Fällen aufgeschoben werden, in denen das Interesse des Fiskus hierzu zwingt. Ebenso hat sie darauf hingewiesen, daß auch die Kleingewerbetreibenden nach Möglichkeit zu Lieferungen herangezogen werden sollen, d. z. Z. gerade die kleineren Betriebe vielfach in ihrem Bestehen gefährdet sind, wenn ihnen keine Gelegenheit zum Absatz ihrer Erzeugnisse geboten wird.
» Die militärische Vor bere i tung der Jugend. Die Ministeralerlasse vom 16. August 1914 über die militärische Vorbereitung der Jugend, welche zur Gründung zahlreicher Jugendkompagnien führten, die die Altersklassen von 16—20 Jahren soweit die Zurückgestellten umfassen, bestimmt, daß der Unterricht im Schießen ausgeschlossen sein sollte. In der Stadt Hannover gab es nun eine Reihe von Schützenvereinen, die schon längst auch Jugendlichen Gelegenheit zur Ausbildung boten. Diesen wurde vom Kriegsministerium die Fortsetzung des Unterrichts auch an Angehörige der Jugendkompagnien gestattet, nur sollten sie sich nicht als Kompagnien geschlossen beteiligen. Die Beteiligungen an diesen Uebungen ist sehr groß. Das Kriegsministerium hat nun bekannt gemacht, daß die den Schützenvereinen in Hannover bewährte Ermächtigung auch für alle übrigen Schützenvereine gelte. Es ist zu hoffen, daß recht viele sich diese Aufgabe angelegen sein lassen. Die neu eintretenden Mannschaften haben dann ein wichtiges Stück der militärischen Ausbildung schon hinter sich und können eher an den Feind. Der Positionskrieg in den 'Schützengräben stellt an die Schießfähigkeit die größten Anforderungen, unbbet unsern Gegnern, besonders bei den Engländern, sind derartige Vorbereitungskünste längst üblich. Ob nun zwar die jüngst angeworbenen Mannschaften auch sie genossen haben, muß dahingestellt bleiben. Schieß- unterricht wandte sich doch mehr an die besseren Stände, und deren Angehörige verschwinden in der englischen Armee gegenüber arbeitslosen Prolotariern und schlimmeren Elementen.
* (WarmeSchuhe für unsere Soldaten!) Die Eigentümlichkeiten des Stellungskrieges in den Schützengräben stellen an die Mannschaften in der vordersten Linie die höchsten Anforderungen, vor allem haben die Füße viel zu leiden. Die Heimat hat ihre Anteilnahme an die Heimatgenossen in der Front durch eine Fülle von Liebesgaben bewiesen, wofür allen herzlicher Dank gewiß ist. Was aber sehr fehlt, sind warme Schuhe für die, welche vom Schützengraben in die Ruhequartiere kommen, ihre Füße alsdann besser pflegen können und es für eine große Wohltat empfinden, ihrer Stiefel sich zu entledigen und ihre Füße, wenn auch nur für kurze Zeit zu schonen und dadurch dem ganzen Körper ein angenehmes Behagen zu geben. Es wäre zu wünschen, wenn das Publikum bei Versendung von Liebesgaben sich dieses entsinnen würde und unsere braven Soldaten mit warmem Schuhzeug bedenken.
* (Landeskreditkasse.) In der letzten Sitzung des Landesausschusses ist auch der dem Kom- munallanötage zugehende Voranschlag der Einnahmen und Ausgaben der Landeskreditkasse und deren Reservefonds für das Jahr 1915 beraten und festgelegt worden. Der Voranschlag der Landeskreditkasse schließt in Einnahme und Ausgabe ab mit 8 555 500 Mark, mithin um 190 900 Mark höher als für 1914. Diese gegen die beiden Vorjahre wesentlich geringere Steigerung der Einnahmen und Ausgaben beruht nach den gegebenen Erläuterungen auf der durch die außerordentlichen Verhältnisse des Jahres 1914 bedingten Einschränkung des Betriebs, ein Zustand, mit dem aller Voraussicht nach, wenigstens zunächst noch, auch für das Jahr 1915 gerechnet werden muß. Der Voranschlag des Reservefonds schließt in Einnahme und Ausgabe mit 620 300 Mark ab, also um 26 500 Mark höher als im Vorjahre.
§ Hersfeld, 27. Januar. (Eß t Zucker!) Zucker- ist von sehr hohem Nährwert und zur Zeit eines der wenigen Nahrungsmittel, die nicht teurer, sondern eher eine Kleinigkeit billiger geworden sind, wenn letzteres auch im Kleinhandel wenig in Erscheinung tritt. In Friedenszeiten sind große Zuckermengen nad) England ausgeführt worden, die jetzt im Lande bleiben und der einheimischen Volkswohlfahrt zugute kommen. Möglichst viel davon zu verbrauchen, ist in jeder Hinsicht empfehlenswert. Nach den Forschungen der
Aerzte ist Zucker die Hauptquelle der Muskelkraft, und ein täglicher Genuß von 60—100 Gr. Zucker erhöht die Arbeitsfähigkeit, verhindert Erschöpfung und verleiht ein Gefühl von Kraft und Frische. Mit reichlichem Zuckerzusatz gibt selbst der allerhärteste alte Brotrest eine wohlschmeckende Speise. Man braucht zu diesem Zwecke nur Abends das trockene und möglichst klein gebrochene Brot mit heißem Kaffee übergießen, um am uächsten Morgen einen ausgeweichten Brei vorzu- finden, der mit reichlich Zucker versetzt durchaus nicht übel schmeckt und besonders von Kindern höher geschätzt werden wird, als das frühere Brötchen. Aber auch Erwachsenen ist solche „Einbrocke" durchaus zuträglich. Fm übrigen kann Zucker im Kaffee, in Milch- und Griessuppen, im Haferschleim usw. in größeren Mengen genossen werden. Man versuche es nur kurze Zeit, und man wird finden, daß sich neben körperlichen Wohlbehagen ein geringeres Bedürfnis nach Fleischnahrung einstellen wird.
§ Hersfeld, 27. Januar. In der hiesigen gewerblichen Fortbildungsschule wurde der Geburtstag unseres Kaisers in sämtlichen Klassen am Dienstag abend in feierlicher Weise begangen.
SappenangrU
Der Kriegsberichterstatter des „Berner Bundes" schildert in einem Artikel über Kriegsweihnachten in der deutschen Front einen Sappenangriff wie folgt:
Ueber dem Weiler im Talgrunde, zu dem wir von dem Waldquartier des Regimentskommandeurs Oberst V. heruntergestiegen waren, erhebt sich auf der anderen Seite eine 120 Meter hohe waldige Bergkuppe, die von den Deutschen in hartem Sappenangriff den Franzosen abgerungen worden ist. Wir besichtigen jetzt den Sappenangriff- In zweiwöchentlicher harter Arbeit wurde die Bergkuppe den Franzosen abgerungen. In dem dichten Unterholz lagen die französischen Schützen versteckt und beschossen jeden Mann, der sich zeigte. Ein Vortragen des Angriffs war nur mit der Sappe möglich. Im Schutze des nächtlichen Dunkels setzte sich zuerst eine deutsche Schützenlinie am Berghange fest. Jeder einzelne Schütze schürfte den steilen, steinigen, wurzelreichen Waldvoden des Hanges an und schaffte sich so eine Deckung, so gut es ging. In einer der folgenden Nächte schlich die Schützenkette zehn bis zwanzig Meter vor, schürfte wieder und suchte hinter der aufgeworfenen Erde Deckung. Deutlich sind diese stufenweise ausgehobenen Stellungen noch zu erkennen. So wurden die Franzosen Schritt für Schritt den Berg herauf zurück- gedrängt.
Die Wegnahme der oberen Hälfte des Berges aber gelang nur im planmäßigen Sappenangriff, den wir jetzt im Aufstieg genau verfolgen können. Da wurde zunächst ein erster Schützengraben hergestellt, von hier aus ein Annäherungsgraben schräg aufwärts vorgetrieben, ein zweiter Schützengraben ausgeführt und besetzt. Von hier aus wurde die Arbeit in gleicher Weise fortgesetzt, wieder zuerst mit einem Annäherungsgraben, der im Zickzack aufwärts führt und von dem aus nach beiden Seiten hin der dritte Schützengraben ausgehoben und besetzt wurde. Nun kam die Entscheidung um den Besitz des Berges. Als die Franzosen bemerkten, wie die Deutschen Stufe für Stufe in systematischer Sappenarbeit vorrückten und sich in den Gräben gedeckt einnisteten, begannen sie von der jenseitigen Seite des Berges ebenfalls Schützen- und Laufgräben vorzutreiben, um den Deutschen zuvorzukommen. In diesem Wettgraben kamen die harten deutschen Fäuste zuvor. Ihr Laus- grabeu erreichte die Bergspitze zuerst. Bis auf acht Nieter waren die Franzosen herangekommen, als die Deutschen oben erschienen und die mit einer Felsen- burg gekrönte Bergspitze in Besitz nahmen. Es ist eine ungeheure Arbeit, die hier unter dem feindlichen Feuer geleistet worden ist. Nicht mehr als zwei Mann konnten gleichzeitig im Annäherungsgraben arbeiten. Der eine pickelte, der andere schaufelte und warf die Erde rechts und links als Deckungswall aus. Daber mußte äußerste Vorsicht beobachtet werden. Mancher Pickel und mancher Spaten wurde mit einem französischen Geschoßeinschlag gestempelt, und wehe der Hand, die bei der Arbeit zu hoch gehoben wurde — flugs saß eine französische Kugel darin. Je naher dem Gipfel, desto schwieriger wurde der Boden, desto härter die Arbeit. Dicke Baumwurzeln mußten durchsägt oder durchschlagen werden. An einer Stelle, nahe am Gipfel, stieß der Annäherungsgraben auf einen Felsen. Sprengmaterial war nicht zur Verfügung. Man mußte die Stufe durch höheres Auswerfen des Walles sichern.
Sobald der etwas abgeplattete Berggipfel erreicht war, galt es sich festzusetzen und sestzubauen. Sogleich wurde vom letzten Annäherungsgraben aus hinter dem diesseitigen Rand der kleinen Hochflüsche ein Schützengraben gezogen und befestigt, seine Brustwehr mit Sandsäcken und eisernen „Schützenblenden" verstärkt. Diese in die Brustwehr eingebauten Schutzschilde sind mit einer Schießscharte versehen, eben groß genug, um den Feind, der auf 20 bis 30 Meter Entfernung eingegraben gegenüber liegt, beobachten und beschießen zu können.