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Augenzeugen über den Zeppelin-Angriff

DemBerl. Tagebl." wird aus Amsterdam ge­meldet: Die Londoner Blätter vom Donnerstagmorgen dringen bereits spaltenlange Berichte über das Bom­bardement der englischen Südostküste durch deutsche Zep- pelin-Luftschiffe. Eingehender werden dabei vorläufig nur die Vorgänge in Y a r m o u t h wiedergegeben: aber alle Berichte lassen deutlich die Bestürzung und den Schrecken erkennen, den das Erscheinen des Feindes über englischem Boden hervorgerufen hat. Aus dem von elf Uhr abends datierten Bericht derTimes" aus Aarmouth sei noch folgendes wiedergegeben:

In Yarmouth gab es heute abend ^9 Uhr einen Knall, als wenn eine große Kanone in der Hauptstraße der Stadt abgeschossen worden wäre. Gleich darauf wurde Geschrei in fünf oder sechs Gegenden der Stadt gehört. Es war klar, daß die Ursache ein Luftfahrzeug war. Von welcher Art, ließ sich zunächst nur vermuten, aber man nahm allgemein an, daß es ein Luftschiff war, denn es waren Scheinwerfer in großer Höhe gesehen worden. Der Angriff war nach zehn Minuten vorüber, und nach zwei weiteren Minuten waren auch die Am­bulanzen unterwegs. Die Feuerwehr trat in lebhafte Tätigkeit, aber bis jetzt ist Feuer nirgends ausgebrochen. Ein großer Teil der Hausbewohner befolgte die An­weisungen der Behörden und verbarg sich in Keller­räumen und anderen geeigneten sicheren Orten. Die Extraschutzmannschaft wurde aufgerufen und war zu­gleich zur Stelle."

Um Mitternacht berichtet derselbe Korrespondent, daß sich unter den Getroffenen ein Soldat mit einer schweren Brustwunde Befindet. Eine Dame erzählte: Ich ging gerade die Hauptstraße entlang, als ich um 8 Uhr 30 Minuten das bekannte Surren der Propeller hörte. Ich glaubte, es seien Aeroplane und blickte in die Höhe. In diesem Augenblick gab es einen schreck­lichen Knall, ein betäubender Lärm entstand und sogleich blitzte es am Himmel auf, wie von einem Scheinwerfer. Ich eilte in meine Wohnung und war glücklich, dort alles unversehrt zu finden." Ein anderer Berichterstat- er meldet, daß eine Bombe auf dem Südquai nieder- tel und eine der Grarzitplatten auf der Straße zer- plitterte. Er erzählt, daß er gerade hinzugekommen ei, und die Bombenstücke noch warm waren, als er sie angefaßt habe. Es sei ihm aber unmöglich gewesen, den Charakter und die Größe des Geschosses aus diesen Stücken festzustellen. Häuser waren dabei nicht beschä­digt worden. Dicht dabei stand eine Schildwache. Der Posten erzählte, eine Bombe ei auch bei ihm niederge- fallen, haben aber keinen Schaden angerichtet und nur die Straße getroffen. Er habe sofort auf das Luftschiff gefeuert. Alle Menschen, die in der Nähe waren, sahen eine große Flamme, und dann gab es einen schreck­lichen Knall. Wiederholt blitzten dann noch Lichtstrah­len am Himmel auf.

Der Zweck der Zeppelin-Angriffe.

DieKöln. Ztg." meldet aus Kopenhagen: Die Zei­tungPolitiken" schreibt in einem Leitartikel, der Zweck des letzten Zeppelin-Angriffes sei, Verwirrung zu ichaf- fen und das Selbstvertrauen des Feindes zu erschüttern: deshalb hätten nach deutscher Auffassung derartige An­griffe wenigstens indirekt militärische Bedeutung. Die Zeppelin-Angriffe müßten in England allen Glauben an seine unbedingte Isoliertheit und Unverletzlichkeit umstoßen. Zweifellos würden mehrere Zeppelin-An­griffe folgen, die Unruhe und Unsicherheit in England verbreiten sollen.

Der Türkenkrieq.

Stillstand der russischen Angriffe.

Konstantinopel, 21. Januar. (WTB.) Der türkische große Generalstab teilt mit: Die Angriffe der Russen auf der Front im Kaukasus wurden auf der ganzen Linie zum Stillstand gebracht.

Der Krieg in den Kolonien.

Aufruhr tu Französtsch-Jndochina.

Bon der französischen Grenze meldet dieKöln. Ztg.": Wie das Kolonialministerium mitteilt, griffen chinesische Ränder und Opinmschmnggler an der Nord­grenze von Tonking wiederholt französische Posten an. Den Aufrührern schlössen sich aufrührerische Elemente der Ortsbevölkerung an. Die Franzosen mußten ihre Schützen mit Verlust zurückziehen. Ueber die ganze Gegend zwischen dem Schwarz-Flusse und dem oberen Mekong wurde der Belagerungszustand verhängt. Wie der Minister mitteilt, steht es kaum außer Zweifel, daß die Vorgänge die erste Rückwirkung der Nachrichten von dem Ausbruch des europäischen Weltkrieges in Fran- zösisch-Jndochina darstellen.

Der Balkan.

Ein bulgarisch-türkisches Bündnis?

Konstantinopel, 21. Januar. (WTB.)Tanin" be­spricht mit lebhafter Befriedigung einen Artikel des früheren Finanzministers Raöow, in dem die Notwen­digkeit eines militärischen und politischen Bündnisses zwischen der Türkei und Bulgarien öargelegt wird. Das Blatt stellt fest, daß Bulgarien endlich seine wahren In­teressen erkannt hat, trotz der Jahrhunderte alten Jiss trigen Rußlands, das die Balkanvölker durch Borganke- lung falscher Ideale getäuscht hat.Tanin" gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß der Krieg, in den die Tür­kei eingeriffen habe, auch zum Heile Bulgariens sein werde, und daß die beiden Völker, die so tapfer in Ma­zedonien gekämpft haben, zu einem Einverständnis ge­langen werden, das bereits in die Ueberzeugung aller »Volksschichten in Bulgarien einzuöringen beginne.

Rumänische Rüstungen.

»^ Cöln, 22. Januar. DieKöln. Ztg." meldet aus Zürich: In einer Privatkorrespondenz desCorriere oella Sera" wird auseinandergesetzt, daß Rumänien die militärischen Vorbereitungen mit allem Eifer betreibe. Der rumänische Oberst Rudeano, der bereits große An­käufe in Italien für den Heeresbedarf ausgeführt habe, werde abermals nach Italien reisen. Arsenale, Muni­tionslager, Kasernen usw. werden gegen Fliegerangriffe geschützt, das Lazarettwesen vervollständigt, ein Regle­ment über den Aufenthalt der Ausländer festgestellt und neue Verordnungen über die Einberufung der Reserven ' und die Bildung von Territorialkommandos erlassen. 1

Koustantinopel, 21. Januar. (WTB.) Dem germa- Nischen Nachrichtenbureau zufolge ist Tiflis wie Kars , völng von der Bevölkerung geräumt worden. Die großen Gebäude, Moscheen, Kirchen und die großen Privatgebäude sind in Lazarette verwandelt worden. Infolge des Steigens der Lebensmittelpreise herrscht großes Elend. Die Engländer versuchen jetzt, die ein­geborene indische Bevölkerung durch Gewährung grüße rer Freiheiten für sich zu gewinnen.

Rüstttugskredite i» Bulgarien.

** Mailand, 22. Januar. (T. U.)Unione" meldet nach derPost" aus Sofia: Für die Heeresvermehrung in Bulgarien werden 250 Millionen gefordert. Davon . sind über 120 Millionen bestimmt für schwere Artillerie | und die

Krleasallerlei.

Wie Rußland Diplomaten behandelt.

Wien, 21. Januar. (WTB.) Der hier eingetroffene türkische Generalkonsul in Odessa teilte einem Mit­arbeiter derNeuen Freien Presse" mit, daß er nach der Beschießung von Odessa durch die türkische Flotte An­fang November wegen Spionage von den Russen ins Gefängnis gebracht wurde, wo sich auch der österreichisch­ungarische Generalkonsul und Vizekonsul befanden. Auf Vermittelung des italienischen Botschafters in Peters­burg durfte er mit seiner Familie jetzt unter strengster Bewachung nach Petersburg reisen, von wo er infolge der weiteren Bemühungen des italienischen Botschafters nach fast einem Monat über Finland weiterreisen durfte.

Russische Grausamkeiten in Galizien.

Wien, 21. Januar. (WTB.) Aus dem Kriegs­pressequartier wird gemeldet, durch amtliche Erhebun­gen sei festgestellt, daß die Russen nach der Besetzung von Galizisch-Dolhopole einen Einwohner erschossen nnd einen andern gekreuzigt haben. Eine im Bett liegende Jüdin sei buchstäblich abgeschlachtet und ihr Mann nie­dergeschossen worden. In einem anderen Orte hätten die Russen zwei Kinder verbrannt.

Eine Friedensstimme aus England.

«^ Amsterdam, 22. Januar. (T. U.) Die Orts­gruppe Hampstead der unabhängigen Arbeiterpartei nahm eine Resolution an, die die Arbeiterschaft auffor- dert, ihren Einfluß für baldigen Frieden einznsetzen nnd einen Druck auf die Regierung auszuüben, die amerika­nische Vermittlung anzunehmen.

Fliegerzusammenstotz über Przemysl.

Ein österreichischer Flieger, der wiederholt einen Flug nach Przemysl unternommen hatte, wurde nach einer Meldung aus Krakau von dem russischen Flieger Hauptmann Andrewitsch verfolgt. Die beiden Gegner stießen in beträchtlicher Höhe zusammen und stürzten in die Tiefe. Beide wurden zerschmettert.

Wie die Franzosen in ihrem Landerequirieren".

Ein Gesuch um Uebersendung von Lebensmitteln, das 14 französische Komunen der Departements Aisne und Ardennes am 26. November 1914 unter Beidrückung ihres Gemeinöestempels an die Schweiz gerichtet hatten, enthält folgenden Passus:

Schon seit Monaten werden die Gemeinden in einer beunruhigenden Weise durch dieTruppen in Anspruch ge- nommen. Zunächst haben sich die französischen Truppen in unseren Gemeinden reichlichst verproviantiert und haben zusammengerafft,. was sie nur auf dem Lande gefunden haben. Sie haben die Keller und die Scheunen geleert, ja man ging so weit, den Wein, den man nicht wegschaffen konnte, zu verschütten. Man beließ den Einwohnern nur das Allernotwendigste, ja man plün­derte selbst die verlassenen Häuser."

Ein neues Stücklein desKronprinz Wilhelm".

«? London, 22. Januar. (T.-U.) Wie offiziell gemeldet wird, hat der deutsche HilfskreuzerKronprinz Wilhelm" eine neue Prise gemacht, und zwar den eng­lischen DampferBellevue". Die Mannschaft des DampfersBellevue" wurde von dem englifchen Damp­ferOranso" an Land gebracht. Mit der Mannschaft desOranso" zusammen befinden sich die Mannschaften mehrerer anderer vomKronprinz Wilhelm" gekaperten Schiffe.

DieDacia".

Aus Neuvork wird berichtet, daß dieDacia" gestern mit 11000 Ballen Baumwolle an Bord abgehen sollte. Die Bemannung hofft zuversichtlich, daß das Schiff unbehelligt Europa erreichen werde. Die Mann­schaftslöhne sind auf die Vierfache erhöht.

Gespräch zwischen dem Bismarck-Denkmal in Hamburg und der Nelson-Säule in London.

Unter den hinterlassenen Versen des jungen Dich­ters Walther Heymann, der am 9. Januar bei Sotssons gefallen ist, findet sich nach demB. T." ein kurzes Ge­dicht, das so aussieht, als wenn es für den heutigen Tag geschrieben wäre. Hier ist einmal der Poet wirklich ein Prophet gewesen.

Nelson: Wer wird sein der Erde Herr? Bismarck: Ihr wart es, Sir!

Nelson: Immer gehören wird uns das Meer! Bismarck: Trafalgar ist lange, lange her Nelson: Englands Flotte, die größte der Welt, baut auf dem Wasser Turm an Turm. Bismarck: Soweit sie nicht durch Minen zerschellt, nehmen wir Mauern und Panzer

im Sturm.

Nelson: Und wärest du, Deutscher, Herr übers Land Uns ist das Meer keine trennende Kluft. Es fürchte den Walfisch der Elefant.

Bismarck: Und der Wal des Meeres den Wal der Lnft.

Und eh das Gespräch noch zu enden schien fuhr weiß in den Lüften ein Zeppelin.

Der neue Kriegsminister.

DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Der Kriegsminister und Chef des Generalstabes des Feldheeres Generalleutnant von F a l k e n h a y n ist unter Beförderung zum General der Infanterie auf sein Ersuchen von der Stellung als Kriegsminister ent­hoben worden. Die an den General von Falkenhayn ge­richtete Allerhöchste Kabinettsordre lautet:

Ihren für die Neubesetzung des Kriegsministe­riums mir vorgetragenen Gründen kann ich mich nicht verschließen und enthebe Sie daher Ihrem Wunsche ge­mäß von dem Amte als Staats- und Kriegsminister. Meiner warmen Anerkennung Ihrer auf diesem wich­tigen Posten geleisteten vortrefflichen Dienste will ich dadurch Ausdruck geben, daß ich Sie unter Belastung in der Stellung als Chef des Generalstabes des Feld­heeres hierdurch zum General der Infanterie befördere. Großes Hauptquartier, den 20. Januar 1915. gez. Wil­helm R.

Gleichzeitig wurde der Generalmajor Wild von Hohenborn unter Beförderung zum Generalleut­nant zum Staats- und Kriegsminister ernannt. Er ver­bleibt auf Allerhöchsten Befehl im Großen Haupt­quartier.

Die Leitung der Heeresverwaltung im Heimats- aebiet nimmt auch weiterhin Generalleutnant v. W a n - d e I wahr.

Als General v. Falkenhayn mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Chefs des Generalstabes des Feld­heeres an Stelle des erkrankten Generalobersten von Moltke betraut wurde, harrten noch wichtige, im Ver­laufe der ersten Kriegszeit aufgetauchte Fragen orga­nisatorischer und technischer Art der Klärung. Ein Wechsel in der Besetzung der Stelle des Kriegsministers im Großen Hauptquartier war daher damals noch nicht angängig. Ein solcher ist heute unbedenklich geworden. Es ist deshalb getrennte Besetzung der beiden Stellen erfolgt. i

Sein Nachfolger als Kriegsminister, Generalleut­nant Wild von Hohenborn, gehörte dem Kriegsministe- rtum als Direktor des allgemeinen Kriegsdepartements an. Im Felde befand er sich zuerst als Kommandeur der 30. Division und dann vom 27. November 1914 ab als Generalquartiermeister.

Der Chef des Generalstabes v. Falkenhayn erreichte bereits im 54. Lebensjahre den Rang eines Generals der Infanterie, nachdem er erst vor 2% Jahren bei Er­nennung zum Kriegsminister zum Generalleutnant (zu­nächst ohne Patent) befördert war. Der neue Krtegs- minister Wild von Hohenborn ist bekanntlich ein ge- borener Kurhesse.

Vermischtes*

Lawinen in Tirol. Vom Samjoch bei Landeck ging eine ungeheure Staublawine nieder, die den Walobe- stand im Umfange von mehr als 8000 Quadratmetern vollständig zerstörte, Baumstämme entwurzelte und ab- brach. Der Schaden ist noch nicht zu übersehen. Die Lawine blieb knapp vor der Ortschaft Schnann, die in großer Gefahr war, stehen. Im Paznauntale hat eine vom Totenmannkopf niedergegangene Staublawine die Straße auf 400 Meter Länge mit fünf bis zehn Meter hohen Schneemassen überschüttet und allen Verkehr unterbrochen. Die Flexenstratze ist infolge zahlreicher Lawinen, die die Telephonleitung zerstörten und be­deutenden Schaden anrichteten, unpassierbar.

Der Räuber des Jenaer Ingenieurs Richter ge­fangen. Aus Larissa wird derFrkf. Ztg." gemldet, daß die mazedonische Gendarmerie den Räuber Liolios, der vor einigen Jahren den deutschen Ingenieur Richter gefangen nahm, im vergangenen Monat bei Elassona verhaftet und dem Staatsanwalt in Larissa über­geben hat.______

Besuch im Erdbebengebiel.

Eine Nacht zwischen den Gräbern des verschwundenen Avezzano.

Wir sind am Ziel," schreibt einer der mit dem Hilfszug nach Avezzano gekommenen Berichterstatter in derTribuna".Der Bahnhof liegt verlassen. Wir sehen zwei oder drei Schatten an den Wagenfenstern vorbeihuschen, wir sehen im kalten Lichte der Sterne, die wie immer in der Höhe glitzern, das seitwärts über­hängende Stationsgebäude, das sich uns noch als ein wirrer Knauel von Eyenteiten und halten zu erkennen gibt, in dem eine in der freien Luft hängende, gähnende Zimmerdecke im ersten Stock wie eine Theaterkultsse winkt. Von den Häusern, die auf dem Platz vor dem Bahnhof standen, ist auch nicht mehr der Schatten einer Spur zu sehen. (,Um Gottes Barmherzigkeit willen," fleht ein laut weinender Mann die ersten dem Zuge Entsteigenden an.Meine Frau ist noch am Leben, helft mir sie retten. Ich habe bis jetzt mit meinen Hän­den, ihr seht, wie sie bluten, gescharrt, aber man braucht einen Spaten. Habt Mitleid!" Es ist der Betriebs­inspektor Padovant, der seit acht Wochen verheiratet ist und vor ein paar Tagen erst nach Avezzano versetzt wurde.

Mehr als die Worte des Mannes treibt sein Schluch­zen zu eiliger Hilsstätigkeit. Der mit uns gekommene Vertreter des Ministers des Innern ordnet sofort einen Trupp Arbeiter ab, die sich, mit Spaten und Fackeln ausgerüstet auf den Weg machen. Ich schließe mich dem Zuge an, an dessen Spitze der arme Padovant, in dessen zitternden Händen die Fackel tanzt, wie ein Trunkener eiihertorkelt. Aber auch er, den der Instinkt der Liebe leitet, sieht sich voreine unmögliche Aufgabe gestellt: er findet sich nicht mehr zurecht. Die Stadt Avezzano lag etwa einen halben Kilometer vom Bahnhof entfernt, heute kann niemand mehr sagen, wo sie begann. Die Häuser, die die Straße umsäumten, sind zusammenge- stürzt, zwischen die Chausseebäume oder weit weg auf die Felder geschleudert. Ein Omnibus, eines jener vor­sintflutlichen Vehikel, das den Verkehr zwischen der kleinen Kommune vermittelt, hat sich zum Wohnhause gewandelt. Einer der Bewohner gibt uns einen an- oentenden Fingerzeig für die Wegrichtung. Seine Hand­bewegung weist uns nach rechts. Sachte, sachte! Unter dem Grase liegen Verwundete.Haltet euch mehr seit­wärts," mahnt einer,hier liegt ein Toter." Sie liegen am Boden, wie sie aus der Höhe ihrer Wohnungen oder aus der behaglichen Wärme der Betten herausgeschleu- dert wurden. Lang ausgestreckt lagern die Toten im Steingeröll, als wenn sie noch schliefen, andere wieder zeigen sich in den gekrümmten Stellungen, wie wir sie an einzelnen der in der Lava konservierten Leichen in Pompeji sehen. Mitten auf der Straße liegt das blut­befleckte Körperchen eines Kindes. Ein Vorübergehen­der hat ihm pietätvoll ein Bettchen ans Heu bereitet, aber der Wind hat das armselige Bahrtuch auseinander­gerissen, und das kleine Wesen, das gestern noch eine Mutter in lachendem Glück liebkoste, ist heute ein grau­siges Zerrbild des Todes. An einer Wegkreuzung scheinen auf einer umgeworfenen Türschwelle drei Men­schen zu schlafen. Wir wollen die Schläfer wecken, aber mit Entsetzen fühlen wir, daß die Körper schon kalt sind.

Halt! Weint da nicht ein Mensch? Ja, es ist keine Tänschung. Ein schwaches Wimmern dringt an unser Ohr. Bei jedem Schritt, den wir machen, hören wir verhallendes Weinen von unten heraufklingen. Die Verschütteten rufen aus der Tiefe der Erde. Ein Mäd­chen versperrt uns den Weg und bettelt um Hilfe für vierzehn ihrer Lieben, die noch am Leben sein können. Wir horchen gespannt in die Nacht Hinaus, aber es bleibt stumm ringsum. Das Mädchen ruft die Verschütteten mit Namen. Keine Antwort. An der Stelle, wo die Hauptstraßen der Stadt zusammenliefen, hockt ein Dutzend Schwerverwuuöeter um ein Feuer, in das sie aus stumpfen Augen stieren. Ohne ihre Stellung zu verändern, denn sie sind unfähig, sich zu bewegen, fragen sie, ob wir Tragbahren mitbrüchten, aber sie haben die gleiche Frage schon so oft vergeblich gestellt, daß sich im hoffnungslosen Ton der Frage schon die erwartete ver­neinende Antwort ausdrückt. Und sie sinken itf ihr dumpfes Brüten wieder zurück, als wir, durch Padovant gellendes Geschrei aufgeschreckt, weitereilen. Ein Hund umkreist heulend eine Matratze, von der ihn eine noch immer achtunggebietende Stimme zu verscheuchen sucht. Ich neige mich zu Boden und erkenne in dem schmutz- vesudelten, mit geronnenem Blut bedeckten Gesicht den schönen, wie aus einem Bilde des Quatrocento heraus­geschnittenen Charakterkopf des Grafen Filippo Resta. Er ist verwundet, liegt im Fieber, und die Treue seines Hundes ist der einzige Liebesbeweis, der ihm gelassen ist. Neun Mitglieder und die beiden Diener seines Hauses sind tot. Er selbst wurde vor drei Stunden aus den Trümmern ausgegraben und ersehnt den Tod. Er ist nicht mehr der Graf Rrsta, sondern wie die anderen Verwundeten ein schmerzgepeinigter, armseliger Men­schenleib, der in den Schmutz der Straße gebettet liegt. Keiner hat daran gedacht, ihn wegzuschaffen, und wären wir nicht gekommen, so wäre er im Stratzenstaubc liegen geblieben, zusammen mit den anderen, die das Unglück zu seinesgleichen gemacht hatte, mit den anderen, die ihn duzten und an die er Worte hingehender Liebe richtete."