Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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für den Kreis Hersfeld
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Ju?l5Dlßll amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
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Nr. 19.
Sonnabend, den 23. Januar
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.
Bus der Heimat«
*EinstellunginUnteroffizierfchulen. Es wird darauf hingewiesen, daß Einstellungen von 17jährigen, noch nicht felddienstfähigen Freiwilligen in die bestehenden Unteroffizierschulen (Weißenfels und Treptow a. R.) ohne Jnnehaltung der im Frieden bestehenden Termine erfolgen. Freiwillige können sich jederzeit bei dem Bezirkskommando 1 in Cassel, Westendstraße, melden.
* Ermahnung zur Sparsamkeit. Die Eifenbahndirektionen haben jetzt die Beamten angewiesen, während des Krieges mit den Nahrungsmitteln größte Sparsamkeit zu üben. In allen Bahnhöfen sollen ferner Merkblätter über den sparsamen Verbrauch der Lebensmittel angebracht werden.
* KeineArbeiter i n B e l gien mehr n öttg. Es sei darauf aufmerksam gemacht, daß es für Beschäftigung suchende Arbeiter nutzlos ist, sich nach Belgien zu begeben. Der Arbeiterbedarf dort ist jetzt hinreichend gedeckt.
* Keine Glückwunschkarten an den Kaiser. Es werden gegenwärtig in großem Maße Postkarten mit dem Kaiserbildnis und vorgedrucktem Glückwunschtext vertrieben, die dem Kaiser am 27. Januar durch die Feldpost mit Namenunterschrift zugestellt werden sollen. Die Firma, die den Verkauf betreibt, gibt an, den Reinertrag dem Roten Kreuz zufließen lassen zu wollen. Die Bevölkerung wird dringend gewarnt, auf den wohl gutgemeinten Plan einzugehen, der in Widerspruch steht mit dem kaiserlichen Erlaß vom 15. Januar, in dem der Kaiser bittet, von Glückwünschen abzusehen, die zu Störungen des postalischen Dienstverkehrs im Felde führen können. Wer aus Anlaß des Geburtstages des Kaisers dem Roten Kreuz etwas zuwenden will, tue es unmittelbar. Die Verwendung der fraglichen Postkarten ist verwerflich.
* Die Beschlagnahme von Roggen und Weizen. Die Kriegsgetreide-Gesellschaft m. b. H. in Berlin teilt mit, daß sie und die Zentralstelle zur Beschaffung der Heeresverpflegung das Beschlagnahme- recht von Roggen und Weizen hat. Von Beschlagnahme und folgender Enteignug werden häufig Landwirte betroffen die das Getreide schon verkauft, aber noch nicht abgeliefert haben. Diese werden dadurch von früher eingegangenen Lieferungsverpflichtungen befreit. Eine unbillige Bereicherung des Verkäufers und Benachteiligung der Händler ist dadurch ausgeschlossen, weil der Landwirt gegen Zahlung des mit feinem ersten Käufer vereinbarten Kaufpreises den Anspruch auf Zahlung des Preises des Getreides gegen die Beschlagnahme der Organisation abtreten muß. Den Unterschied zwischen dem Kaufpreis des früheren Kaufgeschäfts und des Preises den die beschlagnahmende Organisation dem Landwirt zahlt, hat der erste Käufer und nicht der Landwirt zu beanspruchen.
* Wichtig für Lanösturmpflichtige! In Kriegszeiten erlischt nach erfolgtem Aufruf des Landsturms die Landsturmpfltcht, wie vielfach angenommen wird, nicht mit dem etwa seitdem zurückgelegten 45. Lebensjahr. § 20 der Wehrordnung besagt darüber: Nach Erlaß des Aufrufs bis zur Auflösung des Landsturms findet ein Uebertritt vom ersten zum zweiten Aufgebot, sowie ein Ausscheiden aus dem Landsturm nicht statt. Die Auflösung des Landsturms wird vom Kaiser angeordnet.
* (Di e Rekruten des Jahrgangs 1915.) Das stellvertretende Generalkommando des 11. Armeekorps teilt mit, daß die Einstellung der im Januar 1916 ausgehobenen Rekruten vorläufig nicht statt- findet. Ein Zeitpunkt, wann diese Rekruten zur (Einstellung gelangen, kann noch nicht angegeben werden; sie können aber vorläufig ruhig in ihren Stellungen verbleiben. Gleichzeitig- wird nochmals darauf hingewiesen, daß ausgehobenen Rekruten die Genehmigung zum Eintritt als Kriegsfreiwillige nicht erteilt werden kann.
' * (Ehrentafeln für Eisenbahner.) .ster Dr. v. Breitenbach legt in einem Erlasse darauf, daß die dem Eisenbahn-Verordnungsblatt und den Amtsblättern der Eisenbahnbehörden beigefügten Ehrentafeln der im Kriege mit dem Gisernen Kreuz ausgezeichneten und der gefallenen Elsenbahnbediensteten deren Angehörigen mit besonderem Anschretben mitgeteilt werden. Hierzu sei die Anregung gegeben, daß später, nach Beendigung
des Krieges, in den staatlichen und städtischen Dienstgebäuden bleibende „Ehrentafeln" angebracht werden, auf welchen die Namen der Beamten, die den Tod für das Vaterland erlitten haben, der Nachwelt übermittelt werden. Solche Ehrentafeln findet man vielfach in Kirchen. Im Vorraum des Berliner Polizeipräsidiums zum Beispiel hängt eine Marmortafel, welche dem Gedächtnis der als Opfer ihrer Dienstpflicht gestorbenen Polizeioffiziere und Schutzleute gewidmet ist.
):( Hersfeld, 22. Januar. Die von dem Verein Königl. Preußischer Förster veranstaltete Kriegsbei- Hülfensammlung betrug bis Ende 1914 10 000 Mk.; weitere Sammlungen sind bereits im Gange. Außerdem wurden aus der Kasse des Hauptvereins mehrere Tausend Mark an das rote Kreuz überwiesen.
§ Hersfeld, 22. Januar. (AnkunftderWeih- nachtspakete und Liebesgaben.) Hier und da sind Aeußerungen der Besorgnis laut geworden, ob auch die mit so viel Liebe und Opfermut unseren Soldaten ins Feld gesandten Weihnachtspakete und Liebesgaben ihr Ziel erreicht haben. Aus dem in den Zeitungen bekannt gegebenen Schreiben des Kommandierenden Herrn Generals des xi. Armeekorps hat die Bevölkerung bereits die Ankunft einer Liebes- gabenspende ersehen, und es seien dem einige Einzelheiten hinzugefügt. Am 13. Dezember gingen von Cassel 2 Güterzüge mit zusammen 30 Wagen, enthaltend 90000 Weihnachtspakete, nach dem Westen und nach dem Osten ab. Die nach dem Westen gesandten Gaben (10 Wagen sowie ein Nachtransport von weiteren 10 Wagen mit 30 000 Paketen) sind dort rechtzeitig zu Weihnachten zur Verteilung gelangt. Dagegen ließen im Osten die so viel ungünstigeren Verhältnisse — die Truppenverschiebungen, die zum Teil unbeschreiblich schlechten Verkehrs- und Wegeverhältnisse in Russisch-Polen, und die Notwendigkeit, in erster Linie unter allen Umständen den Nachschub von Verpflegung und Munition für die dämpfenden sicher zu stellen — ein gleiches leider nicht zu. Der Tatkraft der mit der Ueberführung betrauten Herren ist es jedoch gelungen, den aus Cassel abgesandten Zug als erster der sämtlichen Weihnachtszüge im Osten aus Ziel zu bringen. Der soeben zurückgekehrte Hauptmann Lingenberg, der persönlich den Zug bis Lods vorgeführt und von dort aus die Verteilung der Weihnachtspakete an die Truppen ins Werk gesetzt hat, berichtet von der übergroßen Freude, mit der die Soldaten die Gaben für sich und ihre Kameraden entgegengenommen haben. Aber nicht alle, denen sorgende Liebe einen Weihnachtsgruß zugedacht, konnten sich ihrer Gabe freuen. Noch harrt ein weiterer Zug mit etwa 40 000 Gaben, die bereits vom 16. — 22. Dezember in Cassel abgangsfertig waren, der Zuführung und Verteilung. Die Bevölkerung muß deshalb noch weiter Geduld haben in anbetracht der erwähnten großen Schwierigkeiten, und vertrauen, daß alles geschieht, um auch diese Gaben so schnell wie möglich unseren Tapferen zuzuführen. Geduld und Vertrauen sind Tugenden, die das Vaterland jetzt von allen fordern muß.
Rommershausen bet Treysa, 20. Januar. In dem Schafstalle des Rittergutspächters Albersmann dahier brach heute morgen Feuer aus, dem reiche Heu- und Strohvorräte sowie etwa 70 Schafe zum Opfer fielen. Ungefähr 30 Tiere wurden von zwei zufällig im Orte anwesenden Treysaer Metzgern abgeschlachtet. Der Schafstall brannte zum größten Teil nieder; die angrenzenden Scheunen konnten gelöscht werden.
Waldkappel, 20. Januar. Frau Schreinermeister S. von hier fiel so unglücklich von einem Stuhl, daß ihr ein Oberarm aus dem Schultergelenk trat. Herr Dr. Wepler leistete ihr ärztliche Hilfe. — Im benachbarten Dorfe Friemen legte eine Mutter ihren 6jährigen Sohn ins Bett und ging aus, um Petroleum einzukaufen. Der Knabe erwachte und wollte Feuer anmachen. Als er sich dabei die Finger verbrannte, schleuderte er das Streichholz fort. Dies flog unglücklicherweise ins Bett, welches in kurzer Zeit in Flammen stand. Nachbarsleute bemerkten noch rechtzeitig die Gefahr, schlugen die Fensterscheiben ein und konnten nur unter großer Mühe den Knaben aus dem raucherfüllten Raum retten.
Gotha, 21. Januar. Ein Landwehrmann aus Tambach, der in Frankreich steht, erhielt dort die Anzeige von der Geburt einer Tochter. Da er bereits Vater von drei Knaben ist, war natürlich die Freude groß. Diese teilte er auch seinen Kameraden mit, von denen sich mehrere zum Paten anboten in der Erwartung, daß das Kind „Elsriede" genannt werde. Begründet wurde dieser Wunsch damit, daß sich elf Paten ergaben und diese einen siegreichen Frieden wünschten. Das Standesamt in Tambach, bei dem das Neugeborene bereits unter einem anderen Namen eingetragen worden war, machte nach Einholung der behördlichen Genehmigung gern den gewünschten Namenszusatz.
Sangerhansen, 21. Januar. Ein ergötzliches Vorkommnis trug sich vorgestern abend gegen 8 Uhr an der Gonnabrücke vor dem Wassertore zu. Unter der Straßenlaterne hatten sich mehrere Schulknaben mit ihren Heften eingefunden und machten ihre Schularbeiten, weil sie zuhause kein Petroleum haben.
Deutschland eine belagerte Festung-
Immer deutlicher wird die Hoffnung der Feinde. Sie stellen Armeen auf Armeen auf, aber sie glauben auch ohne sie das Ziel erreichen zu können. Es sei unmöglich, daß Deutschland über den Monat Mai hinaus mit Brotgetreide versorgt sei, dann sei es am Ende seiner Kräfte und müsse um Frieden betteln. Nun wissen wir, daß der Vorrat an Brotkorn tatsächlich beschränkt und geringer ist wie in normalen Zeiten und die bekannten Gesetze, die die Mehlvorräte durch Verwendung von Kartoffelmehl bedeutend vergrößern, haben gewiß einigen Eindruck gemacht. Aber eben nur einige. Viele glauben, daß gerade sie die Sache nichts anginge, andere verstehen den Zusammenhang nicht. Um den Verkauf von Weißbrot zum Frühstück einzuschränken, wurde das Nachtbackverbot erlassen. Aber die Berliner Bäcker schickten ihren Kunden die Schrippen schon Abends ins Haus nebst einer verständigen Anweisung, sie bis nächsten Morgen frisch zu halten. Der Zweck des Backverbots wird also gröblich verkannt. Aehnlich ists mit der Verwendung, von Kartoffelmehl. Wäre das ein billiges Surrogat, so würden es die Bäcker ohne Widerrede mit Roggenmehl vermischen. Aber es ist teuer, und nun finden sie allerlei Gründe, es doch nicht zu verwenden. Unter diesen Gründen steht an erster Stelle immer der, daß das Publikum dieses Brot ablehnt. Man hält sich für zu gut dazu. Aber für die Pflege der lieben Eitelkeit ist jetzt so wenig Zeit, wie für die alter Gewohnheiten.
Die Zeit ist ernst. Wir wollen und müssen siegen, dazu muß jeder an seinem Teil mitwirken. Auch die in der Heimat Zurückgebliebenen können das durch verständige Haushaltung mit den vorhandenen Vorräten. Aber die Regierung muß noch deutlicher werden. Sie braucht sich gar nicht zu scheuen, den Konsum so zu regulieren, wie es in belagerten Städten von jeher nötig war, sie kann sicher sein, daß eine solche Maßregel allgemeines Verständnis finden und daß der vereinzelte Widerstand sich nicht öffentlich zeigen wird. Die Kriegsgetreidegenossenschaft braucht nur ihre Aufgabe zu erweitern und sämtliche vorhandenen Getreidevorräte erwerben. Zunächst wären sie, wie schon öfters gefordert, amtlich festzustellen. Früher war in ähnlichen Lagen das erste, das „Brantweinbrennen" zu verbieten. Jetzt ist aber Spiritus auch ein wichtiges Brennmaterial. Da wären die Gründe für und wieder abzuwägen.
Durch die Lupe.
(Ein Stückchen Zeitgeschichte in Versen.)
Aus dem großen Zarenreiche — hörte man in letzter Zeit — mancherlei herüberklingen — schon von Kriegesmüdigkeit, — allzugroß sind die Verluste, — die in Rußland man beklagt, — so daß dort die Einsicht langsam, — aber unaufhaltsam tagt, — daß es besser, noch beizeiten — einzulenken, wenn es geht, — ehe Rußlands ganze Zukunft — dabei in die Brüche geht. — Ist auch noch mit Menschenmassen — Rußland überreich versehn, — scheint es mit dem Geld zum Kriege — dafür doppelt schlecht zu stehn, — auch Geschütze und Gewehre, — Proviant und Munition — werden knapp und immer knapper.--Rußlands Presse hat sich schon — zu der Ansicht durchgerungen, — daß man Englands Machtbeschluß, — Einzelfrieden nicht zu suchen, — höchstens dann befolgen muß, — wenn sich Englands Gegenleistung — dafür einstellt, klipp und klar, — und wenn England seine Freundschaft — nicht in Worten, sondern bar — und mit gutem, blauten Golde — zu beweisen sich bemüht, — — so daß man von Englands Freundschaft — mehr als gute Worte sieht.--War es nicht vorauszu- sehen, — daß sich Englands Niedertracht — so zu seinem eig'nen Schaden — rächen würde eines Tag's? — Wäre nur von gleichem Geiste — auch der Franzmann noch beseelt, — statt, daß er mit Pfauenmicne — noch von Ruhm und Sieg krakeelt, — würde auch von seiner Seite — jetzt die Rechnung vorgelegt, — ach, wie wäre man in London — schmerzlich dann und trüb' bewegt, — denn der Geldsack ganz allein nur — — ist des Briten Ideal, — alles könnte er verwinden, — nur das Blechen macht ihm Qual, — und es hieße würdig schließen — dieses Völkerkriegs Annalen, — müßte Englands Krämersippe — einst den ganzen Krieg bezahlen. Walter-Walter.
Jede warme Decke schützt einen I Soldaten vor Erkrankung! |