leaenhett -er veröürL^teü Heere hat bereits das Ueber- aewicht erlangt, und es sprechen Anzeichen dafür, daß wir auch nun materiell besser stehen als der Feind. Der Begeisterung, dem Vertrauen und dem tollkühnen Wagemut unserer Truppen haben die Russen bestenfalls tapfer ergebenes Ausharren entgegenzusetzen. Aber schon mehren sich in steigender Zahl die Fälle, in denen der Feind kampflos die Waffen streckt. In Rußland herrscht Kriegsmüdigkeit vor, die selbst von Auflehnung gegen die gesetzliche Gewalt nicht zurückscheut. Unseren Informationen zufolge sollen die Kosaken ins Innere des Reiches zurückberufen worden sein. Man bedarf ihrer dort. Auch die Garde soll nach Petersburg abgegangen sein. Das Eingreifen der Türken hat die Russen gezwmrgen, eine Armee nach dem Kaukasus zu verlegen. Wir von der Armee Dankl, die wir zu Be- giin des Krieges einer gegen vier kämpften, sümpfen heute eins gegen eins. Auch materiell geht es sonst den Russen schlecht. Wir sind überzeugt, daß der Feind reif ist, die letzten entscheidenden Schläge zu empfangen.
Der Uebergang über die Bzura.
Der Kriegsberichterstatter der „National-Tidende" schildert in seinem Blatte den Uebergang der Deutschen über die Bzura. der seinerzeit während der Nacht auf einer Pontonbrücke bewerkstelligt wurde:
Es war ein dunkler nebliger Abend. Das Dorf M. auf dem linken Bzuraufer, das von den Deutschen besetzt war, lag in unruhigem Schlummer. Die russischen Truppen befanden sich auf dem andern Ufer des Flusses. Hier war alles still. Kein Biwakfeuer war zu sehen, kejn Schutz zu hören. Um 10 Uhr abends hörte man auf dem Wege, der durch M. führt, ein verdächtiges Geräusch. Ein Bauer lief hinaus, um nachzufehen, was los war. Hier und da wurde Licht angezündet. Schnell wußte man, was im Gange war und wie ein Lauffeuer ging es durch das Dorf: die Deutschen kommen. Es waren wirklich die deutschen Truppen, die einrückten, und das erste, was sie taten, war, daß sie alle Lichter im Dorfe auslöschen ließen. Ganz besonders achteten sie auch darauf, daß die Fenster, die nach dem Fluß hin- ausgingen, nicht erleuchtet waren. Der Train, der auch Pontons mit sich führte, fuhr langsam auf dem Wege durch das Dorf hin.
Man hatte die größten Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die Hufe aller Pferde waren mit Lappen umwickelt, um den Lärm beim Auftreten zu vermeiden. Eine Kompagnie Pioniere folgte. Die Bauern erhielten nun den Befehl, sich anzukleiden und zu folgen. Die Deutschen schlugen zuerst die Richtung nach dem Dorfe S. ein. Dann bogen sie aber vom Wege ab und kamen nach zwei Stunden zum Bzurafluß. Es war dies nicht wett vom Bauernhof Sch. entfernt, ungefähr 5 Werst von S. Die versumpfte Vzura ist an dieser Stelle sehr schmal, aber das Flußbett ist trocken und erhebt sich ein wenig über das Wasser. Die Bauern mußten im Wasser die Pontons zusammenbinden. Die Pioniere leiteten die Arbeit. Indes waren immer neue Truppenabtei- lungen mit Maschinengewehren und Geschützen, aber alle in größter Stille, angelangt. Noch war auf dem russischen Flußufer alles still: dann begann der Uebergang der Deutschen. Zuerst kamen die Abteilungen mit den Maschinengewehren, dann folgte die Infanterie.
Der Uebergang dauerte vier Stunden. Um 4 Uhr- morgens, als das Dunkel zu weichen begann, befanden sich bedeutende deutsche Abteilungen mit Maschinengewehren auf dem rechten Ufer der Bzura. Plötzlich dröhnte der erste Kanonenschuß durch die Stille des Morgens, -er zweite und dritte folgten, und nun begannen auch die Maschinengewehre zu knattern. Vom rechten Bzuraufer aus eröffneten jetzt die Russen ihr Feuer und bald war die Schlacht in vollem Gange.
Daß die Versuche der Russen, die Deutschen über die Bzura zurückzutreiben, mißlangen, ist bekannt.
Eine Wehrsteuer für Rußland.
Der Petersburger Berichterstatter des Pariser „Temps" meldet: Der russische Finanzminister unterbreitete im Ministerrate einen Antrag über eine Kriegs- stener, wonach alle vom Militärdienst Befreiten besteuert werden sollen. Diejenigen, die wegen eines körperlichen Gebrechens befreit werden, werden besteuert, wenn ihr Jahreseinkommen 1000 Rubel übersteigt. Alle anderen werden besteuert, gleichviel, welches Jahreseinkommen sie beziehen.
Der Türkenkrieg.
Englische Berteidignngsmatznahmen in Aegypten.
Wie der Korrespondent der Londoner „Morning Post" drahtet, werden am rechten Ufer des Suezkanals, in der syrischen Wüste, durch englische, indische uno afghanische Truppen Laufgräben in werter Ausdehnung angelegt. Die Laufgräben sind mit Truppen besetzt worden, die sich in ihnen häuslich eingerichtet haben. Sie schlafen in den Gräben, nehmen das Essen in ihnen ein und trainieren sich durch täglich lange Märsche auer durch den Wüstenfand. Man hofft, durch tägliche Arbeit die Mannschaft gesund zu erhalten. Auch für die Tragtiere seien mitten in der Wüste unterirdische Unterstände hergerichtet worden. Das ganze System von Laufgräben und Unterständen sei mit ausgezeichneten Signaleinrichtungen versehen und telegraphisch und telephonisch mit der Armeelettung verbunden.
, Nach dieser Darstellung, die sich mit ähnlichen Berichten des »Manchester Guardian" deckt, haben also die Engländer in Aegypten auf den Angriffskrieg gegen Kleinasien verzichtet und Verteidigungsstellungen eingenommen.
Der Balkan.
Eine gewichtige bulgarische Stimme für ein bulgarisch- türkisches Bündnis.
Der Bulgare Radew, der Führer der bulgarischen '^^Ä^^^upartei, spricht im Konstantinopeler Blatte „Tasfir" die Ueberzeugung aus, daß ein umfassendes türkisch-bulgarisches Schutzbündnis unerläßlich sei für beide Länder, die durch fchwere Prüfungen die Ueberzeugung erlangt haben von der engsten Interessengemeinschaft. Die Türkei müsse ein wachsames Auge auf me asiatische, Bulgarien auf die europäische Seite werfen. Ein russischer Durchzug durch Bulgarien nach Kou- stantinopel bedeute gleichzeitig das Ende Bulgariens und der Türkei, deren ernste Lage ein beschleunigtes Handeln erfordere.
Gegen die englische Lügen.
Der erfundene englische Sieg bei La Bassee.
Die Fälle mehren sich, wo auch die neutrale Presse me Lügenhaftigkeit der „Reuterschen" Berichte fest- üagelt und sich darüber entrüstet. Der „Nieuwe Rotter- oamsche Courant" schreibt: „Nachdem die „Times" be- rcus die in den letzten Tagen gemeldete angebliche Ein- naume La Bassees durch englische Truppen dementierten M ein Augenzeuge in den „Times" mitgeteilt hat, daß bei La Bassee überhaupt keine Gefechte stattgefunden yaven, möchten wir das von uns nicht aufgenommene L^Euter"-Telegramm, Las „Ein denkwürdiger Sieg der Engländer bei La Bassee" überschrieben war, veröffentlichen. Es lautet:
„Die letzten Berichte, die hier über den englischen Sieg bei La Basfee eingingen, geben den peinlichen Eindruck wieder, den einige hundert deutsche Gefangene, die in unsere Hände fielen, machten. Ihr elender Zustand erweckt, da sie ausgehungert, abgemattet und von Schlamm und Regen durchnäßt waren, allgemeines Mitleid. Sie klagten bitter über die Un- menschlichkeit ihrer Offiziere, die die Mannschaften nahezu eine Woche lang ohne Nahrung in den Laufgräben gelassen hatten. Ein englifchsprechender Deutscher sagte, daß, wenn er nochmals fechten müßte, er nicht gegen, sondern für die Engländer sümpfen würde."
Der „Nieuwe Rotterdamsche Courant" bemerkt dazu, ein nüchterner holländischer Journalist rücke von derartig erfundenen Märchen sofort ab. Der militärische Mitaroeiter des „N. R. C." spricht gleichfalls von chronischen Wahnvorstellungen der englischen Kriegskorrespondenten in betreff ihrer Berichte über die angebliche Einnahme Lilles und La Bassees. Die Berichte über die englischen Siege bei La Bassee haben sich jetzt tatsächlich als nichts anderes herausgestellt als ein Bluff der englischen Berichterstattung, um den Eindruck der französischen Niederlage bei Soissons zn verwischen. Die Lüge war um so unverfrorener, da bei La Bassee nicht einmal ein Angriff versucht wurde. Das holländische Blatt spricht weiter von der Lügenhaftigkeit der ausländischen Pressebureaus und führt die Meldung des Pariser Korrespondenten der „Central News" über die Gefechte bei La Bafsee an, in der es heißt:
„Die Einnahme von La Bassee war ein Ereignis, das bestimmt ist, in der Geschichte des englischen Heeres ewig denkwürdig zu bleiben. Der Kampf war einer der wütendsten, die der Krieg jemals gesehen hat. Das Handgemenge und die Bajonettkämpfe dauerten gegen zwei Stunden, und obwohl die Deutschen in der Ueberzahl, schmolzen sie doch zum Schluß vor den englischen Bajonetten zusammen."
„Welch ein klägliches Eingeständnis," sagt der „Nieuwe Rotterdamsche Courant", ist nunmehr die halb- amtliche Meldung der „Times", daß bei La Bassee neuerdings gar kein Kampf stattgefunden hat." Das „Alge- meen Handelsblad" sagt: „Die Berichte der englischen und französischen Blätter über einen hier errungenen Sieg sind also einfach aus dem Daumen gesogen. Diese Berichte kamen aus Abbeville und Boulogne, also aus großem Abstand von der Front. Hier sitzen die Kriegs- korrespondenten, die fern von dem Schlachtgewühl ihre prächtigen Berichte über die verschiedenen Gefechte abfassen.
kclegsallerlei.
Der Lohn des barmherzigen Samariters.
Da gerade jetzt von der französischen Regierung eine Schmähschrift über die angeblichen Greueltaten der Deutschen verbreitet ist, wird die nachfolgende eidliche Aussage eines deutschen Soldaten geeignet sein, zur Beleuchtung der wahren Gesinnung bei unseren und den französischen Truppen berzutragen. „In dem Gefecht von Doptail war ich mit etwa sieben Mann von der Kompagnie angekommen. Ich hatte mich dem Infanterie-Regiment . . angeschlossen. Als das Gefecht, zu Ende ging und wir gegen die französischen Linien vor- gingen, kam ich an einem verwundeten Franzosen vorbei, der auf dem Rücken lag und ein Zeichen machte, daß er zu trinken haben wollte. Während ich die Feldflasche losmachte und zu ihm herniederknien wollte, stach er nach mir mit einem etwa 25 Zentimeter langen Dolch und traf mich am rechten Stiefelschaft. Der Stich ging durch das Leder und verletzte mit etwas an der Wade. Ich habe mich selber verbunden und die Wunde nicht weiter beachtet. Sie ist völlig verheilt. Den Franzosen habe ich nicht getötet, weil es uns verboten war, uns an Verwundeten zu vergreifen." In grellem Licht zeigt sich hier — wie so oft — die Gutmütigkeit der deutschen Soldaten.
Vermischtes.
Der Ring des Kriegsvermächtnisses. Die Straß- bürger „Bürgerzeitung" erzählt die in den Krieg verschlungene Geschichte eines Eherings: In Straßburg hielt sich dieser Tage ein junger bayrischer Soldat auf, der Kaufmann August Hagen aus Jngolstaöt. Er trug einen Goldreif am Finger, um den sich eine iranische Geschichte webt. Bei C. gerieten in den Frühstunden des 22. August die Vorposten der Bayern mit dem 21. französischen Infanterie-Regiment zusammen und es entspann sich in Kürze ein blutiges Gefecht, in dem die Franzosen endlich mit schweren Verlusten zurückgeworfen wurden. Der Leutnant-Colonell Faivre aus Langres war gleich zu Beginn des Scharmützels schwer am Unterleib verletzt zusammengebrochen. Nach dem Rückzug der Franzosen bemühte sich der junge Bayer, der Französisch versteht, in aufopfernder Weise um den feindlichen Offizier. Er holte Wasser herbei, suchte ihn fortzutragen, gab dies aber auf, als er fah, wie sehr der Verletzte litt. Als der Stabsarzt hinzukam, zeigte sich bald, daß hier keine Rettung mehr möglich war. Allenfalls waren nur die Schmerzen des Bedauernswerten zu lindern. Hagen hielt bei dem tödlich Verwundeten aus, der wohl fühlte, wie nahe sein Ende sei. Schließlich streifte der Leutnant-Colonel seinen Ehering ab, küßte ihn innig und übergab ihn dem bayrischen Soldaten mit der Bitte, er möge nach dem Krieg seine (des Sterbenden) Frau aufsuchen, ihr den Ring Übergeben und sie und feine Kinder herzlich grüßen. Kurz darauf starb der Franzose. Der brave Bayer aber hat den Ehering, weil er selbst nicht weiß, wie es ihm noch gehen kann, einem Bürger Straßburgs überlassen miö ihn gebeten, dem Wunsche des Verstorbenen zu willfahren. Es ist wie ein tragisches Schicksal, daß der Ehereif im Inneren das Datum des 22. August 1889 eingraviert trägt, daß also sein ehemaliger Besitzer an seinem silbernen Hochzeitstage sterben mußte.
Ueber die Erkrankung des Erbprinzei von Braun- schweig wird dem „B. T." folgendes mitgeteilt: Das herzogliche Residenzschloß wurde unmittelbar nach Ausbruch des Krieges zum Lazarett eingerichtet und sehr stark belegt. Die Herzogin Viktoria Luise hatte sich in aufopfernder Weise selbst um die verwundeten Krieger bemüht und alles getan, was in ihren Kräften stand. Trotz der umfassenden sanitären Maßregeln ist es nun doch nicht gelungen, ansteckende Krankheiten, unter anderen auch Influenza, aus den Schloßräumen zu bannen. Auch die Absperrung des Flügels, der zu den herzoglichen Gemächern führte, hinderte nicht, daß die Influenza sich auf Schlotzbewohner und dann auch auf den jungen Erbprinzen übertrug. Anfänglich schien die Influenza einen normalen Verlauf zu nehmen, bis durch die aichaltende, naßkalte Witterung ein Rückfall ein- trat, der sich in Gestalt einer Mittelohrentzündung geltend machte. Wenn auch selbstverständlich alles getan ist, was ärztliche Kunst vermag, so bestand noch immerhin eine erhebliche Gefahr, die nur durch einen schnellen operativen Eingriff, der, wie bereits berichtet, von Er
folg gekrönt war, beseitigt werden konnte. Um künftig weiteren Ansteckungsgefahren zu begegnen, ist nunmehr angeordnet worden, daß das herzogliche Residenzschloß als Lazarett aufgehoben wird. Die verwundeten Krieger werden in die Burg Dankwarderode überführt werden, die jetzt zum Lazarett eingerichtet wird.
Eine zeitgemäße Erinnerung. Der Erinnerungstag an eines der furchtbarsten politischen Verbrechen, das auf die Rechnung englischer Beamten und Offiziere zu setzen ist, und dessen Auffrischung gerade heute von besonderem Interesse sein dürfte, ist vor kurzem gewesen. Gegen Ende des Jahres 1837 hatte die politische Spannung zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika einen Höhepunkt erreicht, der fast einem Kriegszustand ähnelte. In den letzten Dezembertagen hatten sich die amerikanischen Patrioten in großer Anzahl auf Navy Island, der im oberen Nia- garaflutz oberhalb der großen Niagarafälle liegenden Insel, versammelt und erließen von hier aus Proklamationen, die die Spannung noch erhöhten. Der kana- duche Gouverneur, Sir Francis Hood, beantwortete die Aufrufe mit einem Truppenaufgebot. Bald waren etwa 2500 Mann unter Oberst Mac Nab am Fluß ver- fammelt. Die Nordamerikaner hatten sich auf dem an der Insel anlegenden amerikanischen Paisagierdampfer „Carolma" versammelt. Der Oberst ließ nun durch Freiwillige den voll besetzten Dampfer in der Nacht des 29. Dezember 1837 in Brand setzen, die Ankerkette des Schiffes zerstören und das Schiff der Strömung preis- geben. Mit Entsetzen sahen die Menschen an den Ufern das brennende Schiff schneller und schneller den Fällen zutrerben und hörten das Jammergeschrei der Todgeweihten durch Rauch und Flammen, bis der große Dampfer Oder die Fälle geschleudert wurde und tief unten zerschmettert und von der Tiefe verschlungen wurde. Mehrere Tage nach dieser grauenhaften Tat wurde zu Toronte eine öffentliche Versammlung abgehalten, in der Redner die Tapferkeit der Schurken verherrlichten, die das Schiff losgelöst und in Brand gesetzt hatten. Die Entrüstung in den Vereinigten Staaten wogte damals so hoch, daß es nur mit Mühe gelang, den Ausbrnch allgemeiner Feindseligkeiten zwischen den gereinigten Staaten und Kanada zu verhindern.
vier Monate in Flandern.
, Einem Bericht, den der Kriegsberichterstatter Albert Lendres am 11. Januar an den Pariser „Matin" geschickt hat, entnimmt die „Voss. Ztg." folgende Schtl- öerungen:
„Wo wir im Oktober hingingen, wenn wir zur Front wollten, gehen wir noch jetzt im Januar hin. Wo sind die Schlachten, welche in einem einzigen Tage eine Ebene unsterblich machten? Man wird von der einen Schlacht in Flandern sprechen, nicht von den Schlachten bet Nieuport, Pervyse, Dixmuiden und Ypern. Immer noch dieselben Namen: Seit drei Monaten. Tag und Nacht schreien diese Städte ihre Namen mit Kanonengebrüll heraus.
Nieuport! Vor dieser Stadt kommen einem die ungeheuerlichen Anstrengungen zum Bewußtsein, die der machen muß, der Sieger bleibe» will. Als wir am 4. November zum ersten Mal in die Stadt einrückten, wurde sie bombardiert. Heute, nach mehr als zwei Monaten und trotz zweier gewonnener Schlachten, wird sie immer noch bombardiert. Und während dieser ganzen Zeit nicht eine Nacht, wo man Ruhe fand! Riesiges ist dort geleistet worden. Herkules selbst hat solche Arbeiten mcht einmal geahnt. — Ramskapelle! Als es hieß, Ramskapelle ist im Besitz der Alliierten, wußten die, welche ihre Kriegskarten mit Nadeln bestecken, nicht, ob sie ihre Nadeln verrücken durften . . . Jeden Augenblick stürzten Häuser ein, wurden Gliedmaßen abgeschossen, Angriffe nachts, Gewaltstreiche morgens und Kriegslisten abends. Einmal waren mehrere feindliche Kanonen zum Schweigen gebracht worden, einer aber war nicht beizukommen. Das Messer in den Zähnen, kriechen die Marokkaner platt auf dem Bauch hinüber, finden das Geschütz und spießen die Bedienungsmannschaft auf. Das Dorf ist erobert. Mit den Blicken nehmen sie davon Besitz. Wovon? Weit und breit ist nichts zu sehen als zwei Schweine, die Leichen beschnüffeln. Das war — man weiß schon nicht mehr, wann — im November. Heute bombardiert man noch immer die alte Stelle.
Ein paar Kilometer weiter auf dem Wege» Aber nur schnell. Das Pflaster ist heiß und gefährlich: Pervyse! Und wieder das alte Lieb. Nur dunkel erinnert man sich einer Sintflut — einer Sintflut, die Feuer spte. Es ist eine Ewigkeit her, seitdem wir seinen Kirchtum zusammenbrechen sahen. Wir erinnern uns, von Ofsi- zieren gesprochen zu haben, die eine Granate auf dem Platz zermalmt hatte. Ja, das liegt lang zurück. Heute stehen wir noch auf demselben Fleck. Und getötet wird immer noch, — eben erst hat's den Posten getroffen. Pervyse! Das gabs schon im Oktober. Und noch immer wird bombardiert. Augenblicklich gerade die Strecke zwischen der Kirche und der Eisenbahn. Das fährt einem denn doch in die Glieder.
Dixmuiden! Seit drei Monaten ist die Nadel auf der Karte bei Dixmuiden noch nicht aus ihrem Loch ge- kommen. Es ging nicht vor und nicht zurück. Und doch hat man sich dort ganze zehn Tage lang den Bauch aufgeschlitzt. Die Seesoldaten eroberten sich dort ihre Fahne und bezogen die Häuser auf der einen Seite einer Straße, den von den Deutschen besetzten Häusern genau gegenüber. Und eines Nachts brachen unsere Seesol- daten mit aufgepflanztem Bajonett ans und fielen über die gegenüber her, wie der Schlächter über die Ochsen. Was sollen wir sagen: sie sind noch immer da. Läßt die Nadel, wo sie steckt, aber sucht für Dixmuiden eine aus, die einen blutroten Kopf hochhebt!
Und das Häuschen des Fährmanns? Wir haben den Alten gesehen. Nicht den, der zuletzt da war, nein, den Greis, der damals übersetzte. „O, diese armen Steine," seufzte er, „o, diese armen Steine!" Er konnte nicht begreifen, daß ganze Bataillone sich aufgerieben hatten um „so viel". Soviel, wie er mit dem Arme wies. Das und mehr hatte ihm einst ganz allein gehört. Das Haus des Fährmannes ist nicht einmal ein Punkt auf der Karte. Ist aber doch wenigstens noch ein Name. Zwischen Ramskapelle und Pervuse aber gibt es ein Bauernhaus, dessen schiefe dauern auch von Heldenmut erzählen könnten. Es kostete Blut, es zu erobern, viel Blut. Einen Namen hat man nicht ausfindig machen können. Da hat man es, um die dort Gefallenen zu ehren, das „Haus ohne Namen" genannt. Für ein Haus ohne Namen haben sie ihr Leben gelassen! . . .
Und Ypern? Weil ihr nicht mehr von seinen Tuchhallen reden hört, glaubt ihr, daß man sie in Frieden läßt? Weil der kleine Punkt, der das Städtchen markiert, etwas hinter der Feuerlinie liegt, glaubt ihr. daß das Feuer ausgesetzt hat? Es wird weiter bombardiert. Die Deutschen erlauben sich dort sogar Späße. Um Mitternacht schlägt es zwölf in der Stadt mit zwölf Kanonenkugeln. Ach, welch ein Hochgefühl, ein Deutscher zu sein.