Hersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^H^ für den Kreis Hersfeld SmWn Will«
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Nr. 11.
Donnerstag, den 14. Januar
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.
Wer Brotgetreide verfüttert, versündigt sich am Vaterlands u. macht sich strafbar.
Bus der Heimat«
* (Landmesser und Karthographen gesucht.) Dem Vernehmen nach bietet sich zurzeit bei der Landesaufnahme des stellvertretenden Generalstabes für vermessungstechnisch vorgebildete Herren, namentlich Landmesser und Kartographen, die nicht der Armee angehören, Gelegenheit, dem Vaterlande, Dienste zu leisten und bei Geeigenheit für die besonderen Arbeiten für die Dauer des Krieges in obere Beamtenstellen einzurücken. Herren nicht über SOJahre würden in erster Linie berücksichtigt werden,- Felddienstfähigkeit ist nicht unbedingt erforderlich, doch körperliche Rüstigkeit nötig. Meldungen würden schriftlich unter Vorlage von Zeugnissen bei der Kartographischen Abteilung, Berlin NW. 40, Moltkestraße 8, zu erfolgen haben.
* (Die Steuererklärungen für 1915.) Die Pflicht zur Abgabe der Steuererklärung besteht auch, für die im Felde befindlichen Militärpersonen. Es ufflerliegt keinem Bedenken, daß für sie auch ihre Ehefrauen oder sonstige nahe Angehörige auf Grund vermuteter Vollmacht die Steuererklärung abgeben oder über deren Inhalt verhandeln. Diese Personen werden in den Geschäftszimmern der Veranlagungskommissionen bereitwillig Anleitung und Unterstützung finden. Wo Formulare für die Erklärung nicht zur Verfügung stehen, genügt die Erklärung in Briefform, sofern eine ziffernmäßige Berechnung des Einkommens erfolgt und die Versicherung hinzugefügt ist, daß die Angaben nach bestem Wissen und Gewissen gemacht sind. — Die Frist zur Abgabe der Erklärung verlängert sich für die außerhalb des Reiches in Europa Abwesenden auf sechs, für die in Deutschland von ihrem Wohnort Abwesenden auf drei Wochen. — Der Zuschlag für verspätete Abgabe der Erklärung gelangt gegen Kriegsteilnehmer nicht zur Festsetzung.
* Landsturmleute, die Kriegsgefangene bewachen, sind Kriegsteilnehmer. Die Frage, ob Landsturmpflichtige, die Kriegsgefangene bewachen, im Sinne des § 2 des Kriegsteilnehmergesetzes „gegen den Feind verwendet" sind, hat das Oberlandesgericht Dresden in einer Entscheidung, die die Leipziger Zeitschrift für deutsches Recht veröffentlicht, bejaht.
§ Hersfeld, 13. Januar. Auf den im A n z e i g e n - teil unserer heutigen Nr. abgedruckten Aufruf an die Deutschen Hausfrauen betreffend: die Reichswoll- woche machen wir auch an dieser Stelle noch besonders aufmerksam.
Schenklengsfeld, 9. Jan. Die für das Jahr 1915 festgesetzten Gerichtstage in Heringen sind aufgehoben und anderweit auf folgende Tage festgesetzt: 14. Januar, 4. Februar, 4. und 30. März, 22. April, 20. Mai, 24. Juni, 5. August, 9. September, 7. Oktober, 4. November und 2. Dezember. — Die für das Jahr 1915 festgesetzten Gerichtstage in Philippsthal werden ausgehoben und anderweit auf folgende Tage festgesetzt: 11. Februar, 18. März, 29. April, 3. Juni, 8. Juli, 23. September, 28. Oktober und 9. Dezember.
Rotenburg, 13. Januar. Nach einer Meldung des „Hinterb. Anzeiger" hat ein alter hessischer Haudegen, Curt von Biedenfeld, der ehemalige Besitzer des Rittergutes Rittershain bei Sontra, jetzt Oberleutnant im Rheinischen Kürassier-Regt., ebenso sein Sohn der als Fahnenjunker in derselben Schwadron steht, das Eiserne Kreuz erhalten, sowie die Hessische und Sächs. Tapferkeitsmedaille. Sie haben mit 43 Kürassieren als Freiwillige einen Schützengraben, der bereits von den Franzosen angebohrt war, solange verteidigt, bis deutsche Pioniere Minen unter den französischen Schützengraben gelegt und ihn in die Luft sprengen konnten.
Cassel, 12. Januar. Eine Gesellschaft polnischer Landarbeiter, im ganzen sieben Personen, hatte sich vor der Strafkammer zu verantworten, weil sie den behördlichen Bestimmungen, die besagen, daß kein feindlicher Ausländer einen ihm angewiesenen Aufenthaltsort ohne polizeiliche Erlaubnis verlassen darf, zuwider gehandelt haben. Die Leute hatten auf einem Gute bei Melsungen gearbeitet, und eines Tages, ohne sich um polizeiliche Erlaubnis zu kümmern, den Ort verlassen. Sie gaben vor Gericht an, jenes Verbot nicht gekannt zu haben, während der Gutsvorsteher sie aufgeklärt haben wollte. Die angeklagten Männer erhielten je zwei Monate Gefängnis, während die Frauen mit je einem Monate davonkamen.
Von der Diemel, 11. Januar. (Leichenfund.) Aus dem Hochwasser der Diemel in der Nähe von Trendel- burg wurde gestern eine Leiche, herausgezogen. Die angestellten Ermittelungen ergaben, daß die Tote die 21 Jahre alte Anna Th. ist. Das junge Mädchen hatte sich den Tod ihres Bruders, welcher vor einiger Zeit den Heldentod fürs Vaterland erlitt, sehr zu Herzen genommen; es legte Anzeichen schwerer Melancholie an den Tag und hat offenbar in einem solchen Anfälle freventlich den Tod in der Diemel gesucht und gefunden.
Naumburg, 12. Januar. Die Tochter einer hiesigen Famisie sandte kürzlich als Liebesgabe einen felbstgefertigten Schal und Zigarren ins Feld und fügte ihrer Sendung ein Kärtchen bei, auf dem sie den unbekannten Empfänger bat, er möge doch mal mitteilen, ob ihm die Sachen Freude gemacht hätten. Sie hatte einen ungeahnten Erfolg, denn jetzt lief folgender Brief ein: „Geehrtes Fräulein! Soeben erhielt ich in einem Brief die Karte an meinen Gatten, die sie ihm ins Feld geschickt haben. Freut mich sehr, daß Sie der Krieger draußen gedenken, aber ich möchte Ihnen doch Klarheit schaffen: wenden Sie sich mit Ihren Liebesgaben an ledige Herren und lassen Sie verheiratete Männer damit verschont. Jäger Franz M. ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Bis jetzt steht es immer noch in meinen Kräften, selbst meinen Gatten zu versehen und zwar in jeder Beziehung, und ihn zufrieden zu stellen. Also bitte, unterlassen Sie es, meinen Gatten jemals wieder zu belästigen. Er hat genug an mir. Frau M." — Das engerische Schreiben rief in der Naumburger Familie zunächst Staunen hervor, dann aber stürmische Heiterkeit ; denn die Absenderin des Liebesgabenpakets und des Kärtchens ist eine junge Dame von erst elf Jahren.
Marburg, 12. Januar. Der Jäger F. I. von den Marburgern Hern hatte in Ehren den Feldzug vom August bis November mit gemacht. Dann wurde er durch einen Schrapnellschuß am Bein verwundet u. kam zur Heilung nach Marburg zurück. Nachdem sein Zustand sich gebessert hatte, ging er auf verschiedene. Dörfer in der Umgegend von Marburg, um seine Erlebnisse zu erzählen. Bei der Gelegenheit wurde er der Gastfreundschaft seiner Bekannten zuteil, die ihn derart mit Bier und allen möglichen anderen schönen Sachen versorgten, daß der gute Mann in seinem anscheinend nicht nüchternen Zustande das Heimkehren ganz vergaß und eines Tages vom Kneiptisch geholt werden mußte. Wegen unerlaubter Entfernung mußte er sich vor dem Kriegsgericht verantworten und erhielt 8 Monate und 1 Woche Gefängnis. Er dürfte aber begnadigt werden, da er sich sonst gut geführt hat.
Coburg, 12. Januar. Beim Spielen mit Schußwaffen nach einem Zechgelage schoß der Mechanikerlehrling Schwager den Korbmachermeister Vogel in die Wirbelsäule. Er war sofort tot. Der Täter wurde verhaftet.
Fnlda, 11. Januar. Der Eisendrcher August Schmitt von Fulda, einer der Ueberlebenden der „Emden", schreibt aus Malta: Es geht uns hier ßitt; wir sind zu viert in Zelten untergebracht. Dürfen aber nur Briefe mit einer Seite schreiben und nichts über den Krieg. Mit der „Emden" haben 123 Matrosen den Tod gefunden, 30 Kameraden find schwer verletzt und befinden sich in Kolombo, Hauptstadt der Insel Ceylon,- mancher dürfte nicht mehr herauskommen.
Gelnhausen, 11. Januar. In der Riesschen Gastwirtschaft hantierten einige Lazarettkrankenwärter mit einem Revolver, der sich plötzlich entlud und die in blühendem jugendlichen Alter stehende Tochter des Gastwirts traf. Obwohl das Mädchen noch lebend dem Hanauer Landkrankenhause zugeführt werden konnte, war eine Rettung doch nicht möglich. Kurz nach seiner Einlieferung verschied das junge Mädchen.
©theiltet der Reichswollwoche! |
Bor einem Zahre.
Die Kriegserklärung hat einen so tiefen Einschnitt in unserer Erinnerung hervorgerufen, daß Tatsachen, die kaum ein Jahr hinter uns liegen, uns wie fernste Vergangenheit anmuten. Wer denkt noch an alles das was mit dem Fall Zabern zusammenhängt? Unsere Armee hat besseres zu tun, und ihre damaligen Gegner wollen nicht mehr daran erinnert sein, daß sie die Worte des Kriegsministers „die Armee ist auch ein Teil des Volkes" mit Hohngelächter ausnahmen. Dieses Hohngelüchter aber schallte hinüber nach London, Paris, Petersburg und galt die Widergabe der öffentlichen Meinung. Das deutsche Volk wollte also keinen Teil haben an seinem Heere, es war ihm etwas fremdes, das es los werden wollte, und es würde den als Befreier aufnehmen, der es vom Joch des
Militarismus befreite. In Deutschland erkannte man diese Gesinnung nicht in ihrer Gefahr. Am 12. Januar trat Delcasse als Botschafter in Petersburg zurück, da nahm man ohne weiteres an, daß dieser verbissenste aller Deutschen Hasser dort keinen Boden hätte fassen können. In Wirklichkeit schied er, weil er seine Aufgabe gelöst hatte. Rußland und Frankreich hatten sich über die gemeinsame Offensive geeinigt. Bald hörte man auch, daß Rußland seine Truppen aus Persien zurückzöge, daß auch die sibirischen Truppen nach Europa geholt wurden, erfuhr man nicht. Daß in Rußland sich etwas Drohendes vorbereitete, erkannte man in Schweden eher als in Deutschland. Man erinnert sich wohl noch des Zuges der schwedischen Bauern zu ihrem König, um ihn zu beschwören, alles zu Verteidigung ihres Vaterlandes zu tun. Das war am 6. Februar.
Die folgenden Monate arbeiteten das Parlament in Paris und die Duma in Petersburg um die Wette. Hier wie dort genehmigte man große Ausgaben für Rüstungen und erhöhte die Zahl der Rekruten. Ganz anders gab sich England, das doch in Wirklichkeit die treibende Kraft war. Dort strömte man über vorn Freundschaftsbeteuerungen gegen Deutschland, noch im Juni war ein englisches Geschwader in Kiel zu Gaste, nur fiel die unziemliche Neugier der englischen Gäste auf, aber sie fanden schnell eine schickliche Ausrede, und Deutschland war zufrieden. Daß in Japan ein Ministerwechsel ein durchaus englandfreundliches (vor kurzem gestürztes) Ministerium ans Ruder brächte, blieb unbeachtet. Freundliche Besuche wie in Kiel stellten sich in Tsingtau ein, man freute sich hier besonders über die anerkennenden Worte eines hohen japanischen Offiziers. Und da kam der 28. Juni: da kam die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand, und nun kam alles in Fluß. Und wie war es auf der Seite Deutschlands und Oesterreichs? Man braucht nur an die Annahme der großen Wehrvorlage 1913 zu erinnern. Auch in Oesterreich war die Armee verstärkt worden. Und um dieselbe Zeit, als Delcasse befriedigt Petersburg verließ, wurde in der Türkei Enver Pascha Kriegsminister. Er berief die deutschen Offiziere mit General Liman v. Sanders an der Spitze und ließ sich durch russische Drohungen, sie zu entfernen, nicht irre führen. Das war vor einem Jahr. Nächstes Jahr werden wir hoffentlich«! nach- ruhmreich geschlossenem Frieden die Ereignisse in voller Ruhe an uns vorüberziehen lassen können.
An unsere tapfren deuschen Truppen im Felde.
Es donnern die Kanonen dumpf und schwer- Weit draußen kämpft unser tapferes Heer Gegen die heimtückische Feindesmacht, Sie haben bedroht unser höchstes Gut Und sollen es büßen mit Leben und Blut, Wehe ihnen!
Wie schlau haben sie alles ausgedacht, Doch plötzlich ist der deutsche Michel erwacht, Der zeigt ihnen jetzt die eiserne Faust, Der Granaten Hagel hernieder saust, Auf die feige Feindesbrut.
Dank euch! — Ihr deutschen Söhne, Du herrliches Heer!
Die ihr euch mutig stellt, dem Feinde zur Wehr
Und tapfer kämpfet Hand in Hand, Mit Gott für König und Vaterland.
Wo deutscher Mut die Herzen durchdringt, Manch frohes Lied zum Himmel klingt, Zu Gott dem Gerechten, der das Recht erkannt Und beschützen wird unser Vaterland.
Da fürchten wir nicht der Feinde List, Wir wissen, daß sie vergeblich ist.
Wir hoffen mit Gott, auf das deutsche Heer, Das sein Leben läßt, für des Vaterland s Ehr. Zurück, mit der falschen Feindesschaar, Die zu bedrohen wagt den deutschen Aar. Dankeuch! — Ihr deutschen Söhne,—du herrliches Heer, Die ihr euch mutig stellt dem Feinde zur ^vehr Und tapfer kämpfet Hand in Hand Mit Gott für König und Vaterland.
Doch fern von euch, im Heimatort, Da flehen wir und beten zu Gott, Es möge der Herr den heiligen Krieg Gnädig zum Frieden lenken.
Wir bitten, er möge nach heißem Kamps, Den hoffenden Sieg uns schenken Euch aber, euch Tapf'ren im Felde, Die ihr kämpfet gegen eine Millionenmacht, Sei aus Millionen Herzen Dank gebracht.
Hanau im Januar 1915.
Gewidmet von Mathilde Sauer.
Strickt Strümpfe
für unsere Krieger im Felde.