Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
für den Kreis Hersfeld
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Sreislilatt
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Nr. 10.
Mittwoch, den 13. Januar
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.
Bus der Heimat.
* (Kriegsbrot in den Eisen bahn wirtschaften u n d Sp e i s e w a g en.) Die Eisenbahn- üireWion derpreußisch-hessischen.Staatseisenbahnen sind jetzt vom preußischen Eisenbahnminister veranlaßt worden, dafür zu sorgen, daß in den Bahnwirtschaften für den Brotverbrauch die Verwendung von Kriegsbrot die Regel bildet. Um den Verbrauch von Weißbrot möglichst einzuschränken, haben die Bahnwirte anstatt der bisher üblichen belegten Weißbrötchen belegtes Kriegsbrot auszulegen oder anzubieten und nur auf besonderes Verlangen Weißbrot zu verabfolgen. Das gleiche gilt für Speisewagen.
* (Kriegsteilnehmer und Ange - st e l l t e n v e r s i ch e r u n g.) Direktor Neumann in Cassel schreibt hierzu: Aus vielen an mich eingehenden Ausragen von Firmen und Versicherten ersehe ich eine gewisse Unklarheit über die Beitragszahlungen. Für im Felde stehende Versicherte sind Beiträge nicht zu entrichten, ebensowenig für diejenigen, die sonst zur Erfüllung der Wehrpflicht eingezogen sind oder die freiwillig militärische Dienstleistungen verrichten. — Eine andere wichtige Frage ist danach dem Hinter- bliebenenanspruch für die im Felde Gefallener. Da das Gesetz bekanntlich am 1. Januar 1913 in Kraft getreten ist, haben die Uebergangsbestimmungen des § 398 Anwendung zn finden. Darnach steht den Hinterbliebenen anstatt der Rente ein Erstattungsanspruch auf die Hälfte der für den verstorbenen ein- gezahlten Beiträge zu, wenn dieser Anspruch innerhalb eines Jahres nach dem Tode des Versicherten geltend gemacht wird. Anspruchsberechtigt sind die Witwe oder die hinterlassenen Kinder unter 18 Jahren. Der Antrag ist für Kinder unter 16 Jahren vom Vormund zu stellen (Kinder von 16 bis 18 können ihn selbst stellen) unter Beifügung folgender Papiere: Sterbeurkunde und Heiratsurkunde der Eltbrn, Geburtsurkunden der empfangsberechtigten Kinder, Versicherungskarte sowie eine polizeiliche Bescheinigung, daß weitere Kinder unter 18 Jahren nicht vorhanden sind. Bei den im Krieg Gefallenen wird nach einer Verfügung der Reichsversicherungsanstalt auf die Einreichung der Sterbeurkunde verzichtet, wenn eine Bescheinigung vom zuständigen Nachweisbüro des Kriegsministeriums vorgelegt wird. Die Ausstellung der erforderlichen Urkunden erfolgt gebührenfrei.
* (Neue Eisenbahn-Paketadressen.) Ab 1. März 1915 kommen neue Eisenbahn-Paketadressen für die Beförderung von Expreßgut zur Einführung. Da die jetzigen Vordrucke zu Eisenbahnpaketadressen nur noch bis Ende Februar d. Js. gelten, werden die Versender von Expreßgütern auf diese Aenderung hingewiesen.
§ Hersfeld, 12. Januar. Der Fürsorgesekretär P. Klasen in Nennkirchen (Saar) hat ein kleines „Gutgemeinte Worte an unsere hilfsbedürftigen, verstümmelten Krieger und deren Freunde" betiteltes Druckschriftchen herausgegeben. Der Preis beträgt 15 Pfg. das Stück, beim Bezug von 50 Stück 5 Mark, 100 Stück 9 Mark, 500 Stück 40 Mark, 1000 Stück 70 Mark und kann durch jede Buchhandlung und vom Verfasser bezogen werden. Der Gesamterlös ist für die Krüppelversorgung bestimmt.
-k- Hersfeld, 12. Januar. Die Schule während des Krieges in der Provinz Hessen. Bis Neujahr 1915 sind von den Lehrerkriegern an 70 auf dem Felde der Ehre gefallen. (9%) 85 bis 100 verwundet, 60 erhielten das Eiserne Kreuz. Viele Schulstellen können von den Nachbarkollegen gar nicht versehen werden. In Thüringen haben sich die Herrn Pastöre den Schulen angenommen. Das ist sehr zu loben.
-n- Rotensee, 12. Januar. Dem Gütenbodenur- beiter Heinrich Schott von hier wurde für langjährige Tätigkeit (35 Jahre) auf dem Güterboden zu Hersfeld von S. Majestät das allgemeine Ehrenzeichen verliehen. Da derselbe gegenwärtig krank darnieder liegt, so wurde ihm dasselbe vergangenen Dienstag vom Herrn Verkehrsminister persönlich in seiner Wohnung hier überreicht.
Cassel, 11. Januar. Das stellvertretende Generalkommando des 11. Armeekorps hat das Erscheinen der „Weimarischen Volkszeitung" und des Schwester- blattes „Eisenacher Volkszeitung" auf sieben Tage verboten.
Cassel, 11. Januar. Eine schwere Strafe verhängte heute die Strafkammer gegen den Arbeiter Carl V. aus Hessisch-Lichte na u wegen Betruges im wiederholten Rückfall. Der Angeklagte war in den ersten Mobilmachungstagen einberufen worden, hatte auch als Soldat Dienst getan, wurde dann aber wegen Krankheit entlassen. Er sollte sich beim Bezirkskommando abmelden, aus diesem Grunde war ihm auch seine Uniform noch belassen worden. Der Angeklagte benutzte nun die Gelegenheit, in seiner Uniform von Haus zu Haus zu gehen und unter dem Vorgehen, er habe einen Schuß in die Lunge bekommen, größere Beträge zu erbetteln. Dabei gab er an, daß für ihn trotz seiner schweren Verletzung gar nicht gesorgt würde. Eine größere Anzahl Personen hatte der Angeklagte auf diese Weise um ansehnliche Beträge gebracht. Die Strafkammer sah diese Handlungsweise des Angeklagten als sehr schwer an und verurteilte den Angeklagten zu 6 Monaten Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust.
Cassel, 10. Januar. Ein Schlossergeselle in einer Casseler Fabrik, Gatte und Vater, hatte im Schützengraben einen Klagebrief seiner Mutter erhalten. Darauf bekam die Mutter, deren zweiter Sohn gegen Rußland kämpft, folgende deutsche Antwort: „Liebe Mutter, Du schreibst, Du würdest wahnsinnig, wenn mir etwas passierte. Potz Bomben und Granaten! Dafür sind wir im Kriege. Wir fürchten uns vor dem Tode nicht. Denn unser Schicksal liegt in Gottes Hand und sein Wille geschehe, und da wird nicht gejammert und nicht gebarmt. Sei stolz, daß Du zwei Söhne fürs Vaterland geben kannst. Oder ist's Dir lieber, wenn die Russen kommen und Deine Söhne sitzen hinterm Ofen?"
Cassel, 11. Januar. (Ein freudiges Ereignis im Prinzenhause Reutz.) Ihre Kgl. Hoheit Prinzessin Heinrich xxxin. Reuß j. L. ist von einer gesunden Tochter glücklich entbunden worden.
Fulda, 11. Januar. Der IMjähxige H. K. hatte sich beim 47. Feldart.-Regt. einstellen lassen. Er ist groß von Gestalt und erreichte seine Einstellung hauptsächlich dadurch, daß er angab 171'2 Jahr alt zu sein. Er ließ sich indessen während seiner Ausbildung mehrere Unregelmäßigkeiten zuschulden kommen und entwendete ein Geldtäschchen mit 3 Mk. Inhalt, so daß er nicht ins Feld gesandt werden sollte. Gerade das hatte er sich aber in den Kopf gesetzt und um es zu erreichen, schrieb er sich einen Schein für freie Fahrt nach Berlin aus und fuhr uach dort, um mit einem E^fatztransport zu dem im Felde stehenden aktiven Regiment zu kommen. In Berlin gelang ihm das aber nicht, vielmehr schickten ihn die dortigen Militär- behörden wieder nach Fulda in die Kaserne und er kam wegen seiner eigenmächtigen Dummheiten^ vors Kriegsgericht. In der heutigen Sitzung wurde er zu 52 Tagen Gefängnis verurteilt.
Hanau, 11. Januar. Um Diamanten im Werte von 12100 Mk. sind zwei hiesige Diamantschleiferei-Besitzer durch einen Schwindler, der sich Diamantenhändler Rieß aus Hamburg nannte, betrogen worden. Der Schwindler hatte die Diamantenschleiferei-Vefitzer mit der Ware in ein Hanauer Hotel bestellt und hier die mit echten Diamanten gefüllten Umschläge mit anderen vertauscht, die wertlose Glasstückchen enthielten.
Gießen, 11. Januar. Aus dem Kriegsgefangenen- lager auf dem Trieb sind am 7. Januar die beiden belgischen Kriegsgefangenen Emile Henry de Wilde und Pierre Neffens entwichen. Die beiden Ausreißer sprechen nur flämisch.
Heiliger Abend an Bord
5. M. 5. Kaiserin 1914.
Stille Nacht, heilige Nacht. Ruhig und still ist die See und sanft schaukelt das Schiff von der Dünung. Am Himmel ziehen trübe und grau, mit dem Fluge der Möven, die Wolken dahin. Weit aus der Ferne grüßt uns ein Kirchlein, mit seinem ehrnen Mund, es sind Weihnachtsgrüße. — Sämtliche Mannschaften sind auf dem Oberdeck angetreten zur Andacht. Mit Begleitung unserer Musikkapelle werden mehrere Weihnachtslieder gesungen. — Machtvoll und ergreifend schollen diese Lieder aus Tausend Seemanusherzen über das stille weite Meer, dem Lenker der Schlachten zur Ehre. Noch einmal gedenken wir im Gebet, all unseren Lieben in der Heimat. — Dann alle Mann wegtveten zur Bescheerung. Die noch an Bord befindlichen Tische sind weiß gedeckt, daraus die Geschenke liegen. Die Weihnachtsbäume erstrahlen im Lichterglanz, versunken im Glanz des Weihnachtsbaumes, ziehen all die fröhlichen Stunden meiner Kindheit an meinem Geist vorüber. Nun werden die Geschenke verteilt, alles sehr schöne und nützliche Sachen. Für mich war die Freude um so größer, da ich auf dem
Gabentisch ein Liebespaket aus der Heimat vorfand. Mit dankbarem Herzen gedenke ich allen Spendern der Arbeitervereinigung von Hersfeld und Umgegend bei dem Anblick all der schönen Sachen. — Nach der Bescheerung drückten unsre F. T. Offiziere einem jedem die Hand. Nach dem wir „Stille Nacht heilige Nacht" gesungen, begann die allgemeine Feier. Aus jedem Duck und jeder Lücke ertönen Weihnachts- und Heimatslieder. Aus der Küche erhielten wir einen guten Punsch, alles ist in Weihnachtsstimmung wie im Frieden. Bis um 9 Uhr die Stimme des Wachhabenden ertönt und uns in die Wirklichkeit zurück- ruft. Alles verstummt, die Deck werden klar gemacht für die Nacht, jeder sucht seine Hängematte auf, eine Stunde später liegt das Schiff dunkel und im tiefsten Frieden, nur die Wachen und Posten halten scharfen Ausblick nach dem Feind. Gott strafe England!
W. K r o m m, Funkentelegraphie A. Gefr. der Reserve S. M. S. Kaiserin.
Englische Dum-Inm-Geschosse.
Die Verwendung von Dum-Dum-Geschossen durch englische Soldaten, die von unseren Feinden immer wieder in Abrede gestellt wird, ist in ganz einwandfreier, man kann sagen wissenschaftlich unwiderleglicher Form nachgewiesen worden.
Stabsarzt Haenisch teilt aus der Röutgenabteilung des Allgemeinen Krankenhauses Hamburg-Barmbeck u. a. einen genau untersuchten Fall von Unterschenkelschuß bei einem Unteroffizier des 247. Jnfanteriere- regiments, mit, bei dem das Röntgenbild eine kolossale Zertrümmerung im Bereiche des Unterschenkels und der Fußgelenkknochen ergab, außerdem aber ein Jnfanterieprojektil, dessen eigenartige Veränderungen auf das Vorhandensein zweier Bleikerne Hinweisen. Bereits mehrfach ist die Rede von englischen Jnfante- riegeschossen gewesen, die den unserigen äußerlich fast vollständig gleichen, unter dem unveränderten Mantel indessen statt eines vollen Bleikerns zwei Kerne enthalten, und zwar einen kleinen an der Spitze und einen größeren im Hauptteil des ^Geschosses. Röntgenaufnahmen von nicht abgeschossenen englischen Geschossen zeigen ganz deutlich diesen zwiefachen Kern. Außerdem erbringt der vom Stabsarzt Haenisch in der „Münchener medizinischen Wochenschrift" veröffentliche Fall den unwiderleglichen Beweis, daß englische Jn- fanteriegeschosse auf Explosionswirkung Hin besonders konstruiert sind.
In höchstem Grade interessant ist in dieser Sache auch, was die „Newyorker Staatszeitung" gelegentlich des Protestes des deutschen Botschafters, Grafen Bern- storff, gegen die Lieferung amerikanischer „Mushroom- Kugeln an die englische Armee, über die Schmaach der grausamen Kriegflihrung Englands schreibt. Der Botschafter hatte in seinem Memorandum erklärt, es sei aus zuverläßlicher Quelle festgestellt worden, daß acht Millionen solcher Patronen in Bridgeport angefertigt und nach Kanada abgeliefert wurden, und von der englischen Armee verwertet zu werden. Das genannte Blatt äußert sich u. a. folgendermaßen:
„In der amerikanischen Presse sucht man vergeblich nach einem Aufschrei des Ensetzens über diese Entlarvung des „moralischen" Großbritanniens. Nur im Bundessenat regt sich langsam das öffentliche Gewissen. Senator Works von Kalifornien fordert die Einstellung aller Lieferungen von Kvntrebande an die kriegführende Mächte Europas.....Vertierte Mordgier, welche zu den Foltern des Mittelalters zu- rückgrcift: die sich nicht daran genügen läßt, den Gegner außer Gefecht zu setzen, sondern am Todes- zucken des zerissenen Feindeskörpers sich weidet frohlockend in der Gewißheit, daß der von diesen Kugeln Getroffene der Blutvergiftung oder dem Starrkrampf rettnngslos verfallen ist und somit nicht weiter gezählt zu werden braucht. Das Vorgehen Englands ist die Schmach des zwanzigsten Jahrhunderts! Und gerade die Vereinigten Staaten müssen es sein welche dem hinterlistigen Briten die bestialische Waffe zur Verfügung stellen! Wirdmanin Washington nun endlich sehend werden'?"
Eingesandt.
(Unter Berantwartung des Einsenders.)
(P e t r o l e u m m a n g e I.) Gar viele Einwohner der hiesigen Stadt befinden sich jetzt in großer Verlegenheit und müssen auf den Straßen, vor den Türen der Kaufläden, mit denPetroleumkannen herum laufen, ohne einen Tropfen zu bekommen. Die Leute sind genötigt dunkel zu sitzen, oder schon um 6 Uhr zu Bett zu gehn. Das dürfte ein bischen zu früh sein. Bei Anmeldung von Gas oder elektrischen Anlagen wird vorgeschützt, es wären keine Arbeiter und kein Kupferdraht zu haben. Warum übergibt man die Anlagen nicht den hiesigen Geschäftsleuten, welche sofort, gern dem Uebelstaud abhelfen. In vielen Städten nimmt sich die Stadtbehörde der Sache an, welches auch hier geschehen dürfte, damit die Steuerzahler nicht dadurch zum Wegzug genötigt würden.