Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
HerMer
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Nr. 8.
Sonntag, den 10. Januar
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Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.
[Wer Brotgetreide verM I sich am Vaterlands u. macht sich strafbar, g
Bus der Heimat«
* (Das Witwengeld.) Die Bestimmung des Hinterbliebenenfürsorgegesetzes, wonach die Witwe keinen Anspruch auf Witwengeld hat, wenn die Ehe mit dem verstorbenen Beamten innerhalb dreier Monate vor seinem Ableben geschlossen und die Eheschließung zu dem Zwecke erfolgt ist, um der Witwe den Bezug des Witwengeldes zu verschaffen, soll, so schreibt die „Schief. Ztg." nach ministerieller Anordnung auf solche Eheschließungen, die durch eine in Hinsicht auf den gegenwärtigen Krieg geschehene Trauung eines Kriegsteilnehmers erfolgt sind, in der Regel nicht angewendet werden. Auch soll aus dem Umstände, daß eine solche Ehe weniger als drei Monate gedauert hat, an sich kein Anlaß hergeleitet werden, Gnadenbewilligungen abzulehnen. Indes soll bei der Prüfung der Bedürftigkeit, der Voraussetzung zu einer solchen Gnadenbewilligung, beachtet werden, daß, wenn die Eheleute einen eigenen Hausstand noch nicht begründet hatten, und die Witwe Kriegswitwengeld erhält, eine Bedürftigkeit der Witwe durch den Tod des -Ehemanns in der Regel nicht herbeigeführt sein wird.
* Dem Besuche verwundeter und kranker Krieger in den Lazaretten Belgiens stehen im allgemeinen Bedenken nicht mehr entgegen Auch ist die Weiterfahrt mit der Eisenbahn über die Grenze für Besucher von Lazaretten in Belgien möglich. Die Welterfahrt wird jedoch nur gestattet, wenn der Reisende im Besitz eines vom stellvertretenden Generalkommando vorschriftsmäßig ausgefertigten Ausweises ist. Weiblichen Angehörigen wird der Aufenthalt in Belgien nur ausnahmsweise erlaubt. Unter diesen Umständen ist für die Reisen zum Besuch kranker oder verwundeter sowie zur Beerdigung verstorbener deutscher Krieger bestehende Fahrpreisermäßigung auf den Strecken der preußisch-Hessischen Staatseisenbahnen und der Reichseisenbahnen in Elsaß-Lothringen auch bei Reisen bis zu den Ueber- gangsstationen nach Belgien gewährt worden, wenn die zu Besuchenden in belgischen Lazaretten liegen oder die Verstorbenen in Belgien beerdigt werden. Besuche in Frankreich können zurzeit noch nicht gestattet werden.
* Die deutschen Bischöfe haben den nächsten Sonntag für die Katholiken ganz Deutschlands als Sühne- und Bittag festgesetzt. Zu diesem Zwecke ist ein Hirtenschreiben ergangen, in dem alle Katholiken ermähnt werden, den nächsten Sonntag zu heiligen durch Empfang der Sakramente und durch eifrige Teilnahme an den Kriegsbetstunden, die in allen Kirchen während des ganzen Tages stattfinden. Besonders ergeht der Ruf auch an die katholischen Männer und Jünglinge Deutschlands, damit sie wie im Feld, so auch hier in erster Linie einstehen möchten für Volk und Vaterland. Als Vorbereitung auf den Sonntag findet an den drei letzten Wochentagen in allen Kirchen abends 8 Uhr Kriegsbittandacht mit Predigt statt.
* (Der Leichtsinn eines L a n d st u r m - manns.) Der Landsturmmann Ch. S. beim Ersatzbataillon Cassel, ein Korbmacher aus Oberrieden, hatte sich vor dem Kriegsgericht wegen unerlaubter Entfernung zu verantworten. Am 21. November fuhr er ohne Erlaubnis nach Hause, zechte dort ordentlich und fürchtete sich dann, nach Cassel zurückzukehren. Am zweiten Weihnachtsfeiertag wurde er festgenommen. Das Kriegsgericht diktierte ihm ein Jahr Gefängnis zu.
* (Was darf im Januar geschossen werden?) Die Schonzeit des Rehwildes hat bekanntlich am 1. Januar begonnen. Bis Mitte Januar dürfen noch Hasen geschossen werden und bis Ende des Monats Rot- und Damwild, ferner Auer-, Birk- Hasel- und Fasanenwild, wilde Enten, sowie Schnepfen, ebenso alle jagdbaren Wasservögel, Trappen usw.
§ Hersfeld, 9. Januar. Als Kopfdünger können die Kalisalze den ganzen Winter über gegeben werden, nur nicht auf stark gefrorene und bereifte Pflanzen. Namentlich kommt dem Kainit als Kopfdünger überall da eine große Bedeutung zu, wo Getreide verunkrautet ist. Wird in solchen Fällen dem jungen Getreide eine kräftige Kopfdüngung mit Kainit von 4—6 Z»r. pro Morgen verabreicht, so verschwinden die meisten Nnkrautpflanzen. Es muß dies jedoch früh genug ge- schehen, wenn die Unkrautpflanzen nochrecht jung sind, also bei Wintergetreide schon im Herbst oder Winter, nicht erst gegen Frühjahr, wenn das Unkraut schon
größer ist. Dabei hat der Kainit in manchen Fällen eine überraschend günstige düngende Wirkung gezeigt, besonders bei starken Gaben.
):( Hersfeld, 9. Januar. Aus der Verlustliste Nr. 118. Garde-Ers.-Regt. Berlin. Res. Heinrich Rosen- st o ck, Hilmes, gefall. Gefr. d. N. August W i e g a n d Roddorf, gefall. — Res. Jnf. Rgt. 71. Res. Johs. F u ß, Rengshausen, (Kr. Rotenburg) bisher verw. gest. — Wehrm. Wilhelm Rö ß i n g, Hersfeld, bisher verm. in engl. Gefangsch. — Res. Konrad Schneider, Widdershausen, bisher verm. i. Lazarett. — Res. Johs. Paul, Rotensee, gefall. — Res. Adam Küchenmeister, Heringen, bish. verw. gest. Wehrm. Ernst Mohr, Kathus bish. verm. zur Truppe zurück. Wehrm. Johs.) M o st Rotensee bish. verm. zur Truppe zurück. — Res. Albert R o tschi ld, Rotenburg bish. verm. in franz. Gefangsch. Wehrm. Georg Singelbach, Meck- bach bish. verw. in franz. Gefangsch. — Füs.-Regt. 88. Füs. Konraö Jakob, Raboldshausen, verm. Jnf.-Regt. Nr. 135. Musk. Johann Nu h n, Gersdorf, gefall. — Musk. Heinrich B a ch m a n, Schwarzenhasel, l. verw. — Musk. Karl Sinn, Richelsdorf I. verw. — Jnf.-Regt. 98. Webrm. Adam K l o tz b a ch, Philippsthal l. verw. - J..,.-Regt. Nr. 172. Krgsfr. Otto N e n st i e l Philippsthal, gefall.
):( Hersfeld, 9. Januar. Mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde Offizier-Stellvert. Georg L ä m m e r z a h l von hier und Pionier Heinrich Fischer aus Hattenbach.
Cassel, 8. Januar. Die „explodierte" Kerze. Ein eigenartiger noch nicht aufgeklärter Unglücksfall ereignete sich Donnerstag abend gegen ^7 Uhr in der Wohnung des Invaliden E. in der Bettenhäuserstraße. Während Vater, Mutter und das sechsjährige Söhnchen am Küchentisch bei flackerndem Kerzenlicht hantierten erfolgte plötzlich eine Explosion. Dem Kinde wurden die Fingerchen der rechten Hand fast vollständig abgerissen. Nach Angabe der Eltern soll die Explosion von der Kerze herrühren, der explosive Bestandteile beigemischt sein müßten. Herbeigeholte Sanitätsmannschaften schafften den verletzten Knaben nach dem Krankenhaus. Schutzleute stellten die Sache fest und beschlagnahmten die Kerze und andere Gegenstände, an denen die Explosionskraft sich deutlich bemerkbar zeigte. Es ist indessen die Vermutung aufgetaucht, daß das Kind vielleicht mit einem spreng- stoffhaltigen Gegenstände gespielt und hiermit dem Kerzenlicht zu nahe gekommen sei. Der Vorfall erregt umso größeres Mitleid, da das Kind erst ganz kurze Zeit von einem schweren Krankenlager genesen ist.
Cassel, 7. Januar. Die Reservisten M. und W. vom Ersatzbataillon 42 waren vor dem Kriegsgericht wegen unerlaubter Entfernung angeklagt. Die beiden Angeklagten waren bei der Mobilmachung eingezogen worden und sollten im Laufe des Monats August marschbereit sein, um jeden Tag ins Feld rücken zu können. Trotzdem fuhren die beiden ohne Urlaub nachhause und als sie am 2. Tage zurückkamen, war ihr Truppenteil ins Feld gerückt. Nunmehr drückten sich die Leute aus Angst vor Strafe, bis sie erwischt wurden. In der gestrigen Verhandlung wurden gegen M. 15 Monate, gegen W. 10 Monate Gefängnis beantragt. Das Gericht erkannte demgemäß, rechnete aber 3 Monate erlittene UntersuchunOshaftan.
Hofgeismar, 6. Januar. Zur Förderung der Ablieferung des Goldes an die Reichsbank hat sich der Kaufmann Louis Heilbrunn anerboten, für jedes während der Kriegszeit von hiesigen Privatpersonen an die hiesige Stadtkasse zur Einlieferung kommenden 20-Markstücke eine Ablieferungsentschädigung von 50 Pfg. zu zahlen. Hoffentlich hat dieses Angebot einen guten Erfolg.
Heiligenstadt, 7. Januar. Der Lehrer Hieronymus Fütterer aus Heiligenstadt war in den amtlichen Verlustlisten als vermißt bezeichnet. Vermutlich ist er am 20. August bei Gumbinnen in russische Gefangenschaft geraten. Auf höchst sonderbare Weise ist jetzt von dem Vermißten in Deutschland ein Lebenszeichen eingetroffen. In dem Dorfe Kurzebrack bei Marienwerder (Westpr.) wurde von einer Frau, die am Ufer der Weichsel Strauch sammelte, eine Flaschenpost gefunden. Der hiervon benachrichtigte zweite Lehrer in Kurzebrack entzifferte die mit Bleistift flüchtig auf einen Zettel geschriebenen Worte: „Befinde mich in Warschau. Bin von den Russen gefangen genommen. Ich flehe euch an, befreit mich. Morgens und abends gibt es nur Brot und Wasser, des Mittags ungeschälte Kartoffeln und etwas Salz. Morgen soll es weiter nach Sibirien gehen. Hilfe tut nötig. Mit 50 Kameraden sitze ich in einem elenden Raume. Fütterer, Lehrer, Jnf.-Regt. 128, & Komp. — Warschau, den 2. Dezember 1914." Wie groß war aber das Erstaunen des Lehrers in Kurzebrack, als er die Handschrift Fütterers als die seines Studiengenossen wieder erkannte. Beide waren Zöglinge des Lehrerseminars in Thorn. Fütterer war zuletzt in Klein- gatzno (Kr. Tuche!) als Lehrer tätig. — Die erbetene Hilfe hat dem armen Gefangenen leider nicht gebracht werden können, doch wissen seine hiesigen Angehörigen jetzt wenigstens, daß er noch am Leben ist.
Hainstadt (Kreis Offenbach), 6. Jan. Ein schwerer Unglücksfall mit tödlichem Ausgang trug sich auf dem hiesigen Gruppengaswerk zu. Der Gasmeister Milo war in Gemeinschaft mit dem Gasarbeiter Jung mit dem Ausbessern einer Verdichtung eines Kanals beschäftigt. Infolge des ausströmenden Gases wurden beide betäubt. Man bemerkte den Vorfall und holte die beiden Verunglückten völlig bewußtlos hervor. Während Wiederbelebungsversuche bei dem Arbeiter Jung nach stundenlangen Bemühungen Erfolg hatten, war bei dem Gasmeister Milo der Tod schon eingetreten.
Ersatzbataillone.
Die Aufstellung des kriegsstarken Heeres bedingt die Schaffung ganz neuer Formationen, über die eine zusammenhängende Auskunft nicht gegeben wird und nicht gegeben werden kann. Wer hat nicht schon mit Staunen das Inhaltsverzeichnis der Verlustlisten gelesen, erst aus ihm erfährt man von dem „Ersatz-Infanterieregiment Nr. 29v. Rath" oder von dem Reserve- Ersatz-Regiment Nr. 4". Ganz im allgemeinen wurde für jedes Regiment ein Reserve- und oft, aber nicht immer auch-ein Landwehrregiment aufgestellt, und zu jedem dieser Regimenter gehört ein Ersatzbataillon. Ein solches Ersatzbataillon besteht aus einem Stamm Garnisondiensttauglicher, die von den Strapazen des Feldzuges nicht so weit hergestellt sind, um wieder an die Front zu gehen. Zu ihnen treten die Ersatzreserven, ein Teil der Rekruten, und alle diejenigen, welche aus den Lazaretten geheilt entlassen sind und höchstens noch die letzte Heilung abwarten müssen. Da die letztere Zahl sich nie genau feststellen läßt, schwankt der Bestand des Ersatzbataillons ganz ungemein. Die Offiziere dieser Ersatzbataillone sind nun zum allergrößten Teil Verwundete, die nur noch Garnisondienst leisten können. Daß gerade sie auf die, die noch nicht im Felde waren, anfeuernd wirken, ist klar. Und so wird das Regiment immer wieder aufgefüllt. Das Ersatzbataillon aber ergänzt sich abgesehenvon denWieder- hergestellten aus den Rekrutendepots, wo sich Kriegsfreiwillige und ausgehobene Rekruten ansammeln. Die Wiederhergestellten müssen auch von neuem ausgerüstet werden, wer verwundet aus dem Felde znrückkehrt, hat nicht mehr als er auf dem Leibe hat bei sich. So sind die Ersatzbataillone das unendliche Reservoir, aus dem die Armee wieder gespeist wird. Diese selbstverständliche Regelung des Ersatzes versetzt die Engländer besonders abwechselnd in Zorn und in Bewunderung. Ihre Minister müssen immer wieder mit den gewaltigen Zahlen derer prahlen, die sie anwerben wollen. Deutschland hat überhaupt noch keine Mitteilung über die Größe seiner Armeen gemacht. Zu was auch? Wir wissen, daß so viel auch draußen sind, unsere Kräfte noch lange nicht erschöpft sind. Das feindliche Ausland, das die Dinge wie sie sind nicht sehen will, hört dort von einem Jungen von 14, da von einem alten Herrn von über 60 Jahren, die als Kriegsfreiwillige mitgehen, und flugs verkündet man, daß die deutsche Armee nur noch aus Kindern und Greisen besteht. Wir brauchen sie nicht mit Worten zu wiederlegen, ihre eigenen Erfahrungen im Kampfe mit diesem letzten Aufgebot sind derart, daß der Zorn ihrer Kämpfer sich gegen jenes törichte Geschreibsel jener Zeitungen wendet.
Lurch die Lupe.
(Ein Stückchen Zeitgeschichte in Versen.)
Unentwegt seit langen Wochen — müht sich Eng- land überall — neue Völker noch zu finden — rings auf diesem Erdeuball, — denen bis zur Heut'gen Stunde — die Erkenntnis sich verschloß, — daß man keine Lorbeer» erntet — wenn man Englands Bund- genoß. — Allerdings auf allen Seiten — sieht Herr Edward Grey schon jetzt, — daß sich England endlich einmal — auf das Glatteis hingesetzt, — niemand will ihm mehr parieren, — ja sogar in Lissabon — hat man scheinbar schon die Nase — ziemlich reichlich voll davon. — Griechenland, auf das seit langem — große Stücke er gesetzt, — zeigt sich gegen Greys Be- mühung — ziemlich taub und störrisch jetzt. — Auch Rumänien und Bulgarien — bleiben ziemlich abseits stehn — und allmählich sieht der Brite - seinen Zukunftstraum vergehn. — Dafür zeigt auf allen Seiten — ihm so manch neutraler Staat, — daß in seinem blinden Hasse — er's zu weit getrieben hat, — daß die Zeiten nicht mehr ferne, — wo sich durch sein Ungeschick — England neue Feinde groß zieht — dank der Grey'schen Politik. — Ziemlich deutlich dieser Tage — ward man in A m e r i k a, — wo man Englands Kriegeshilfe — richtig schätzt nach ihrem Wert — und mit solchen Bundsgenossen — nach der rechten Art verführt. — Doch bis dieser Tag gekommen, — mag er kommen oder nicht, — geht vorerst allein der Deutsche — mit dem Briten ins Gericht, — und der Deutsche, siegesmutig, — blickt schon jetzt voll Hoffnung drein, — Hilfe wär' nicht zu verachteu, — doch wir schaffen's auch allein!
Walter-Walter.