Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Vuchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. nL i. ■■■■ - - ■ । ■ ■ .................... ..........
Melder
für den Kreis Hersfeld
KreiMatt
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zelle 10 Pfennig, im ' amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Sonnabend, den 9. Januar
1915
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.
Bus der Heimat.
* Die Selbsteinschätzung zurStaats - e i n k o m m e n st e u e r ist in diesen Tagen von allen jenen vom Schicksal bevorzugten Staatsbürgern vor- zunehmen, die im glücklichen Genusse eines Einkommens von mehr als 3000 Mk. sind. Da die der Aufforderung zur Einschätzung beigegebenen Erklärungen alles Wissenswerte enthalten, erübrigt es sich, an dieser Stelle auf Einzelheiten einzugehen. Jeder sei jedoch darauf aufmerksam gemacht, daß eine wider besseres Wissen zu niedrig abgegebene Erklärung nicht nur eine steuerseitig erfolgende höhere Einschätzung, sondern gegebenenfalls sogar eine strafrechtliche Ahndung nach sich ziehen kann.
* Angehörige von Kriegsgefangenen, die in Privatbriefen Nachrichten über das Geschick anderer Kriegsgefangenen erhalten werden gebeten, diese Nachrichten dem Zentralnachweisbureau in Berlin (Dorothenstraße), bei Marineangehörigen auch der Nachrichtenabteilung des Reichsmarineamts in Berlin zugänglich zu machen. Ueberhaupt wird das Publikum aufgefordert, an der möglichst lückenlosen Aufstellung der Gefangenenlisten mitzuarbeiten.
* (DieFeier von KaisersGeburtstag.) Vom Bureau des Königlichen Staatsministeriums ist folgende Notiz ergangen: „Bei dem Ernste der Zeit sollen an dem bevorstehenden Geburtstage Sr. Maj. des Kaisers und Königs größere öffentliche Feste, die den Charakter von Vergnügungen haben — wie z. B. Festessen, Theatervorstellungen oder Tanzbelustigungen — durchweg unterbleiben. Dagegen sind der Bedeutung des Tages entsprechende kirchliche Feiern in Aussicht genommen und es ist darauf hinzuwirken, daß sie für alle Konfessionen in Mütestem Umfange veranstaltet werden." Von Seiten des Kgl. Kriegsministeriums ist an das Königl. Oberkommando in den Marken und an die stellvertretenden Generalkommandos folgender Erlaß ergangen: 1. Der Tag ist ein Festtag, bei dessen Feier den Zeitverhältnissen Rechnung getragen werden muß. 2. Großer Zapfenstreich und Wecken finden nicht statt, dagegen sind Militärgottesdienste abzuhalten. Wo solche nicht statt- finden können, ist Teilnahme der Truppen am Gottesdienst der Zivilgemeinden nach näherer Vereinbarung mit den Zivil- und geistlichen Behörden vorzusehen. 3. Appels mit einer dem Tage entsprechenden Ansprache sind abzuhalten. 4. Die üblichen Manschaftsfeiern wie sonst, insonderheit Tanz und offizielle Festessen, sind ausgeschlossen."
§ Hersfeld, 8. Januar. Der deutsche Feldpostverkehr nimmt dauernd und in einem Verhältnis zu, wie es der gewöhnliche Postverkehr nicht kennt. So hat sich die bei der Berliner Postsammelstelle verarbeitete eigentliche Briefpost nach dem Felde von Mitte September bis Mitte Dezember um 150 Prozent und die Päckchenpost um über 500 Prozent vermehrt, während im gewöhnlichen Postverkehr die durchschnittliche Zunahme für ein ganzes Jahr 6 bis 7 Prozent ausmacht. Der heimische Postverkehr selbst hat annähernd wieder den Umfang angenommen, den er vor Ausbruch des Krieges hatte. Es werden deshalb an die Betriebseinrichtungen der Reichs-Post- verwaltung jetzt dauernd Anforderungen gestellt, die weit über das zu Friedenszeiten bestehende Maß hinausgeben. Die ständige und außerordentliche Zunahme des Feldpostverkehrs ist nicht nur eine natürliche Folge der fortgesetzten Vermehrung unserer Truppen. Auch die Intensität des Feldpostverkehrs wächst dauernd, zumal unsere Truppen auf dem westlichen Kriegsschauplatze sich überwiegend in festen Stellungen befinden und dadurch weit mehr Gelegenheit zum Schreiben haben, als dies in den beiden ersten Monaten nach Ausbruch des Krieges, die unter dem Zeichen der großen Märsche standen, der Fall war. Die ungewöhnliche Zunahme des F e l d p o st - Verkehrs von der Heimat zur Armee spiegelt sich in der ununterbrochenen Vermehrung des Personalbestandes der heimischen Postsammelstellen wieder, die die aufgelieferten Feldpostsendungen bearbeiten. Das Personal der im Deutschen Reiche vorhandenen 23 Feldpostsammelstellen, das Mitte August 3100 Köpfe zählte, war Anfang Oktober auf 7300 Kräfte angewachsen und umfaßt. Mitte Dezember gegen 13 000 Köpfe. Seit dem Bestehen der Postsammelstellen ist für sie Grundsatz, daß alle tagsüber bei ihnen eingehenden Feldpostsendungen sortiert und nach dem Felde abgesandt werden. Anfang Dezember war die Zahl der täglich von den Postsammelstellen nach dem Felde abgesandten Briefbeutel auf insgesamt 29 000 ^stiegen. Das Sortiergeschäft bet den Postsammelstellen ist außerordentlich schwierig. Die Feldpost- sendungen müssen hier nach mehr als 13000 Einheiten sortiert werden. Die in der Friedensarbeit erworbenen verkehrsgeographischen Kenntnisse nützen dem Sortier- heamten hierbei nichts. Er handhabt das Feldpost-
sortiergeschäft auf Grund eines Druckwerkes, der sogenannten Feldpost-Uebersicht, die darüber Auskunft gibt, zu welcher Feldpostanstalt der einzelne Truppenteil gehört. Bei den außerordentlich vielen Truppenverschiebungen, die der jetzige Krieg mit sich bringt, unterliegen diese Angaben vielfachem Wechsel. Dazu kommen die Zugänge an neuen Truppenteilen und Formationen. Die Feldpost-Uebersicht muß deshalb alle 3 bis 4 Tage vollständig neu aufgelegt werden. Mitte August hatte sie noch einen Umfang von 60 Druckseiten Folioformat,- jetzt umfaßt sie bereits 200 eng bedruckte Seiten. Die Feldpost-Uebersicht ist dabei nur maßgebend für die Leitung der an unsere mobilen Truppen gerichteten Feldpostbriefe. Die Feldpostbriefe an die nicht beim Feldheere befindlichen Truppen (Kriegsbesatzungen und die große Zahl der Ersatzformationen) werden an der Hand eines besonderen Druckheftes sortiert, das seit der Mobilmachung auch bereits einige 30 Neuauflagen erlebt hat und von ursprünglich 19 Druckseiten Folioformat auf deren 80 angewachsen ist. Rechnet man dazu noch die den Feldpostanstalten für ihren Brief- sortieröienst gelieferten Leitbehelfe, so ergibt sich insgesammt für den deutschen Feldpostbetrieb ein Leit- material von über 500 Druckseiten Folioformat, das alle 3 bis 4 Tage neu erscheint.
):( Hersfeld, 8. Januar. (Aus der Verlustliste Nr. 117.) Grenadier Rgt. Nr. 9: Res. Simon Bode, Hersfelö vermißt. — Jnf.-Regt. 83. Sergt. Heinrich Fink, Gershausen, (Kr. Hersfeld), gefallen. Krgsfr. Karl Diehl, Mengshausen, (Kr. Hersfeld), gefallen. — Musk. Christian Schwikardie Rotenburg gefallen. — Res. Johannes Eilender ger Niederbeis- heim, sKr. Homberg) l. verw. — Musk. Heinrich S i p p e l Oberlengsfeld, sKr. Hersfeld), l. verw. — Musk. Johannes Bicke l, Beiershausen, (Kr. Hersfeld) gefallen. — Musk. Wilhelm R i ng l e r Friedewald sKr. Hers- seld), l. verw. Jnf.-Regt. Nr. 99. Krgsfr. Wilhelm Sippel, Schenklengsfeld, sKr. Hersfeld), gefallen.
Bebra, 6. Januar. Infolge des Petroleummangels sind hier tn der letzten Zeit weit über 100 Anschlüsse an das Gaswerk beantragt worden.
Caffel, 7. Januar. Auf dem hiesigen Verschiebe- bahnhof hat sich in der Nacht zum Donnerstag gegen 12 Uhr ein schwerer Eisenbahn-Unglücksfall zngetragen. Ein langer Güterzug, der aus über 60 Waggons bestand, war auf der Strecke auseinander gerissen, ohne daß es das Führerpersonal sofort in der dunkel-regnerischen Witterungbemerkt hatte. Der vordere Teil des Güterzuges fuhr infolgedessen weiter, während der Hintere Teil zurückblieb, aber allmählig dann wieder auf dem abschüssigen Gelände ins Rollen geriet, auch dabei mit zunehmender Geschwindigkeit den vorderen Teil des Zuges wieder einholte und mit solcher Vehemenz auf ihn aufstieß, daß eine Anzahl Güterwagen ineinander geschoben und zertrümmert wurden. Leider wurde bei dem Zusammenstoß ein Hilfsschaffner namens Schmidt aus dem Oberheffischen, der in seinem Brems- Häuschen saß, dermaßen zerquetscht, daß er schwere innere Verletzungen und verschiedene Knochenbrüche davontrug und alsbald seinen Geist aufgeben mußte. Das übrige Fahrpersonal konnte sich durch Abspringen retten und kam mit geringfügigen Verletzungen oder dem Schrecken davon. Der Materialschaden ist beträchtlich.
Caffel, 8. Januar. Der Todestag des letzten Kurfürsten. Die Erbegräbnisstätte des letzten hessischen Kurfürsten auf dem Friedhofe am Lutherplatz wurde gestern als an seinem Todestag mit Kränzen, die Bänder in den hessischen Farben trugen, reich geschmückt.
Marburg, 7. Januar. An: 1. September v. J. wurde in Scheuerfeld bei Betzdorf das 5jährige Kind eines Bahnarbeiters von einem Zuge Überfuhren und getötet. Der diensthabende Beamte, Unterassistent Eutebach, welcher versuchte, das Kind zu retten, wurde ebenfalls vom Zuge überfahren und getötet. Das Kuratorium der Carnegiestiftung für Lebensretter hat nunmehr der Witwe Eutebach 3000 Alk. zum Erwerb eines für sie geeigneten landwirtschaftlichen Grundstücks geschenkt.
Göttingen, 7. Jan. Aus dem soeben erscheinenden Personenverzeichnis der Universität geht hervor, daß an der Georgia Augusta zu Beginn des Wintersemesters 2263 Studierende gezählt wurden, davon 178 Frauen und 2085 Männer, von denen jedoch nur 564 zu Beginn des Semesters Vorlesungen besuchten. Etwa 1500 sind dem Rufe des Vaterlandes gefolgt.
Schotten (Oberhessen), 5. Januar. Der 18jährige JohannesH. von Burckhardts stürzte bei einemKrampf- anfall in die Nidder und ertrank, ehe Hilfe zur Stelle war.
Unsere Weihnachten am Aserlanal.
(Schluß.)
Wir kamen an die Kirche, die inmitten von Trümmern stehen geblieben ist — eine der schönen Kirchen mit dem weihevollen Innern, wie Flandern
sie in so großer Zahl besitzt. Durch ihren schlanken Turm sind die Granaten geschlagen, um die feindlichen Beobachtungsposten herunterzuholen. Vor 3 Wochen standen Pferde in der Kirche — es ging nicht anders, dann war sie ein Lazarett — nun wieder Gotteshaus bis Neujahr, dann von neuem Lazarett. Wir traten hinein. — Bei dem Bilde das sich darbot drängten sich liebe Erinnerungen mächtig in unsere Seele. Kindertage, liebende Eltern, Braut, Weib und Kinder — an sie alle erinnerte uns mächtig und wehmutsvoll der strahlende Lichterbaum mit der Krippe davor. Die sinkende Sonne goß ihre letzten Strahlen durch das Schiff der Kirche — sie streichelte das Bild des Gekreuzigten und der Mutter Maria — und entschwanden. Heller und Heller löste sich der Glanz des Weihnachtsbaumes und der vielen Kerzen aus der herabsinkenden Dämmerung. Jetzt stieg der Divisionsgeistliche auf die holzgeschnitzte, kunstvolle und schön getönte Kanzel. — Kein Schuß von draußen erinnerte uns an die rauhe Wirklichkeit und wie in den seeligen Weihnachtstagen des Friedens schwoll unser gemeinsames Lied empor: „Vom Himmel hoch da komm ich her" — dann verlas der Geistliche das Evangelium: Und es begab sich, daß ein Gebot ausging. Was durch unsere Seelen ging — es läßt sich nicht leicht beschreiben. Tränen stahlen sich aus manchem Auge. Ernst, weich und kindlich die Seelen der Männer, die gebannt den verheißungsvollen Worten des Evangeliums lauschten. Dort das nackte Christuskindlein in der Krippe, hier die feldgraue Schar wehrhafter Krieger, die heute kämpften und es morgen wieder tun werden. Ein anbetendes Heer. Welch äußerlicher Gegensatz und wie überwältigend der Eindruck.
Ein Chor sang das liebliche „Es ist ein Ros entsprungen". Der Geistliche sprach von Weihnachten des deutschen Gemüts, von Heimat, Vaterhaus und Kindertagen, von Heldentot, innerlicher Läuterung des Mannes hier draußen, von dem heutigen Kampf der auch für die deutschen Weihnachten geführt würde, und von der nie versiegenden Hoffnung und Verheißung.
An den Christgottesdienst schloß sich unsere gemeinsame Feier an. Die Liebesgabenpakete waren mit Nummern versehen worden und lagen neben dem von uns geschmückten Weihnachtsbaum, im großen Zimmer eines verschont gebliebenen Hauses aufgestapelt. Unser lieber Kamerad St. trat als Weihnachtsmann auf in dem bewußten Schafspelz und ließ nach einer seelenvollen Ansprache die Lose ziehen. Inzwischen trug unser Sängerchor Weihnachtslieder vor, unser Kompagnieführer sprach zu uns schöne deutsche Worte, ausklingend in: Gott strafe England — und dann fand die Verlosung statt. Es war eine wirkliche Freude für jeden, sein Paketchen zu erhalten. Man sah es den Augen an: Es war sich der Einzelne bewußt: Hier bist du wirklich beschenkt worden durch gütige Frauen- und Mädchenhände. Sie haben für dich, den unbekannten Krieger gesorgt in rührender Weise. Sie fühlen sich eins mit uns hier draußen und wir sind dankbar und wollen freudig weiter unsere Pflicht tun. Es schlang sich ein neues festes Band um uns und unser Volk daheim. — Deutsche Frauen, Euch unser innigster Dank!
Ich erlebte hierbei eine doppelte Freude indem ich in dem Namen der Spenderin meiner Liebesgabe eine Dame aus meiner zweiten Heimat Hersfeld erkannte: Frau Lina Brethauer. Von vielen Kameraden erfuhr ich, daß auch sie von Damen aus der Heimat ihre Liebesgaben erhalten hatten. Andere Gaben der Damen des vaterländischen Frauenvereins Hersfeld sind an unsere 1. und 2. Batterie gekommen. Es sei mir gestattet, dem vaterländischen Frauenverein hierfür besonders herzlich zu danken.
Nach der Feier fanden innerhalb der einzelnen Korporalschaften unterm brennenden Baum weitere Feiern statt. t f . ,
Ich verlebte den Rest des Tages (und beinahe auch der ganzen Nacht) im Kreise der Offiziere bei bayrisch Bier und Scherz und Sang. Dort wurde ich nochmal beschenkt mit einem Notitzbuch, 2 Flaschen Bonekamp und einem sehr nett ausgestatteten a Gabenpaket, ebenfalls von einer bekannten Dame aus Hersfeld: Frau Postdirektor Schacht.
Die Nacht blieb' ruhig, kein Schuß störte uns. Der Feind mochte unsere Bereitschaft erkannt und sich eines besseren besonnen haben. Es war uns eine wahrhaft erhebende und schöne Christnacht voll un- auslöschbarer, tiefer Erinnerungen.
Manches schönen Augenblicks gedenke idj noch gerne des Ständchens im Mondenschein und der österreichischen Kameraden von den 30,5 cm Batterien, der Gabe unseres Koches, des Spaziergangs im Gemüsegarten und der Knüppelverse.
Heute lebt der Kampf wieder auf, das ist für uns eine gewisse Erlösung nach der vollkommenen Stille des Nachmittags und der Nacht unsere Geschütze wieder zu hören. Der Himmel hat sich bezogen und weiter geht der Kampf um den Aserkanal.
Kurt Feuner Unteroffizier d. Landw.