Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für HersfeL 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Weiber
für den Kreis Hersfeld
fireisblott
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Psg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschluh Nr. 8
Nr. 398. Sonntag, den 30. Dezember 1914
Bringt Euer Goiii zur fleicnsnanH!
Bus der Heimat«
* (W i ch t i g f ü r A r b e i t g e b e r und Dienst- b o t e n h e r r s ch a f t e n.) In der letzten Zeit ist besonders von Dienstherrschaften darüber Beschwerde geführt, daß die Zahlung der Krankenkassenbeiträge bis zum Tage der Abmeldung verlangt wird, wir bringen daher die in Frage kommenden gesetzlichen Bestimmungen nachstehend zur Kenntnis und Beachtung : Nach § 397 Absatz 1 der Reichsversicherungsordnung sind die Beiträge bis zur vorschriftsmäßigen Abmeldung fortzuzahlen, also auch über die Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses hinaus. Vorschriftsmäßig ist eine Abmeldung nur dann, wenn sie der Arbeitgeber (Dienstherr) nach Maßgabe der Vorschriften der §§ 317 und 318 der Reichsversicherungsordnung schriftlich bewirkt hat. Die Abmeldung hat auf dem vorgeschriebenen Vordrucke und in doppelter Ausfertigung zu erfolgen. Bemerkt soll noch werden, daß die Bestimmung zwingender Natur ist, und die Kasscnvorstände nicht berechtigt sind, die Beiträge für nicht rechtzeitig abgemeldete Personen zu erlassen.
* Für die Torpedo-Maschinisten Laufbahn stellt die 2. Abteilung der 2. Torpedo-Division in Wilhelmshaven am 1. April 1915 Vierjährig-Freiwillige ein. Junge Leute, die diese Laufbahn einschlagen wollen, mögen an die genannte Abteilung folgende Papiere einsenden: einen vom Zivilvor- siüenden der Ersatzkommission .usgestellten Meldeschein auf vier Jahre lautend, einen selbstgeschriebenen und selbstverfaßten Lebenslauf, Zeugnisse über eine mindestens dreijährige Lehr- und Arbeitszeit als Schmied, Dreher, Schlosser, Maschinenbauer, Mechaniker, Elektrotechniker, Klempner, Kupferschmied und in ähnlichen Berufen, sämtliche Schulzeugnisse.
* (Pacht und Mietver träge.) Die Versteuerung der im Kalenderjahre 1914 in Kraft getretenen steuerpflichtigen Pacht- und Mietverträge (auch der nur mündlich abgeschlossenen) ist spätestens iM.Januar 1915 zu bewirken.
§ Hersfeld, 19. Dezember. Am 20. Dezember sind die Paketannahme- und Paketausgabeschalter von 8 Vormittags bis 1 Uhr Nachmittags geöffnet. Das hiesige Zollamt ist am 20., 25. und 26. Dezember zur Verzollung von Po st paketen aus dem Auslande von 11 bis 12 Uhr Vormittags geöffnet.
):( Hersfeld, 19. Dez. Auszug aus der 103 V e r l u st l i st e. Brigade-Garde Ersatz-Bataillon. Gefr. Adam Stoll Holzheim, gefallen. — Res.-Jnf.- Regt. 71 — Res. Engelhardt Falk, Tann gefallen.- Res. Adam Fuchs Dünkelrode l. verw. bet der Tr. — Res. Georg Wegehenkel Sontra, l. verw. — Res. Jakob Wilhelm H u m p f Nentershausen, schwer verw. — Kriegsfr. Paul Wedel, Waltershaufen, l. verw.,' bei der Tr. — Feld.-Art.-Regt. 38. — Gefr. Karl B öhl in g, Rotenburg, bisher verw. gestorben 5. 9. 14.
):( Hersfeld, 19. Dezember. Heute Vormittag hatten die Schulen, nachdem die Schüler- und L-chuler- innen, auf die Bedeutung des S i e g e s in Nordpolen hingewiesen worden waren, schulfrei.
8 Hersfeld, 19. Dez. Ueber den Aufenthaltsort der in feindliche Kriegsgefangenschaft gera enen Angehörigen unseres Heeres können folgende Stellen im Inland auf Grund der Geangenenlisten die die kriegführenden Staaten gegenseitig aiwtauichen, Auskunft erteilen: Das Zentral-Nachweisbureau des Kriegsministerinms in Berlin, Dorotheenstraße 48, das Zentral-Komitee der deutschen Vereis vom Roten Kreuz, Abteilung Gefarlgenenfüriorge, R^chstagSge- bäude, das Auswärtige Amt. Vom Ausland find folgende Auskunftsstellen bekannt:
Belgien: das Rote Kreuz in Brüssel.
Frankreich: a) Agence de renseignements pour pn- sonniers de guerre Genf, rue de 1 Athenee 3.
b) La croix rouge francaise, Commiffion des prisonniers de guerre, Bordeaux, Quai des Chartrons 56.
c) Auskunft über deutsche Gefangene tn Frankreich Zentralstelle des Roten Kreuzes,
England: a) The Prisoners of War Information Bureau London 49 Wellington Street, b)^Briefe an deutsche Kriegsgefangene in Gibraltar. Adresse: Kommandant Pri
soners oft war: Gibraltar.
Rußland: Auskunft über deutsche Gefangene in Rußland erteilt das Dänische Rote Kreuz,
Kopenhagen.
):( Hersfeld, 19. Dezember. Der vorn Turnverein Hersfeld e. V. im November veran- staltete Volksunterhaltungsabend hatte einen Reinertrag von 270 Mark. Dieser Betrag wurde an die Sammelstelle im Rathaus abgeliefert und zwar je zur Hälfte für unsere Truppen im Felde und die notleidenden Ostpreußen.
Friedewald, 19. Dez. Mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde Amtsrichter Dr. Schreiber, Oberlt. d. R. im Jnf.-Regt. 233.
Volkmarsen, 16. Dezember. Heute nachmittag zwischen 3 und 4 Uhr wurden die hiesigen Einwohner durch die Feuerglocke erschreckt. Es brannten bis jetzt 3 Häuser vollständig nieder und zwar der Landwirte Leo Bereus, Ritus Thill und Wilhelm Schien. Von ersteren ist der Sohn im Felde, der zweitge- nannte steht selbst in den Reihen der Kämpfer, so daß die Frau mit sieben unerwachsenen Kindern allein steht. Die Entstehungsursache ist unbekannt.
Friedberg in Oberhessen, 18. Dezember. Als der Schnellzug Nr. 77 Frankfurt-Hannover, der 4,34 Uhr Frankfurt verläßt, in die Nähe des Bahnhofs Bonames kam, sprang ein Deserteur aus dem in voller Fahrt sich befindenden Zuge. Er hatte seinen Transporteur gebeten, sich in das Klosett begeben zu dürfen, was ihm auch zugestanden wurde. Kaum war er allein, so stürzte er sich dnrch das Klosettfenster ans dem Zuge. Erst in Friedberg, wo der Zug wieder anhielt, konnte Meldung erstattet werden. Der Mann sollte nach Gießen zurückgebracht werden.
Langensalza, 18. Dez. Für das Gefangenenlager ist jetzt der Bau der hölzernen Baracken vollendet und die behördliche Abnahme erfolgt. Auf dem rund 100 Morgen großen Gelände ist eine richtige Kolonie entstanden. Jede der 12 Riesenbarackeu nimmmt 1000 Gefangene auf.
Hilders, 16. Dezember. Eine rasche militärische Beförderung hat der als Kriegsfreiwilliger eingetretene Unteroffizier Ferd. Mölter, ein Sohn unserer Gemeinde, auf dem westlichen Kriegsschauplatz in der 5. Kompagnie des Garde-Grenadier-Regiments Kai,er Franz erfahren. Nachdem er bereits anfangs Sept. zum Sergeanten und wegen eines kühnen Patrouillen- ganges, der zu sehr wichtigen Aufklärungen diente, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war, wurde er anfangs Dezember zum Vrzefeldwebel uud jetzt nach Erkrankung seines Hauptmanns, zum Offizier-Stellvertreter und Kompagnieführer befördert.
Erinnerungen an Weihnachten 1870.*)
Von D. Rogge, s. Z. Felddivisionspfarrer der 1. Garde-Jnf.-Div.
Weihnachten im Felde! Wer von denen, die im Jahre 1870 an dem Kriege gegen Frankreich teil- genommen und das Weihuachtssesi dieses Wahres draußen im Felde erlebt haben, bewahrte nicht heute noch gerade aus den Tagen dieses Festes Erinnerungen, die er um keinen Preis missen möchte. Wahl wollte sich je näher die Weihnachtszeit heranrnck e, auch damals wie es heute in dem viel gewaltigereil KReae vielleicht noch in viel höherem Maße der ^all^ein wird, in die Herzen der draußen im Felde sielenden Truppen ein Gefühl des Heimwehes em- schleichen. Es kamen Stunden, in denen auch dem
Tränen ins Auge traten, wenn er an die Seinen in der H-'m-t gedachte, an seine Braut, °» Weib und Kind, an die greisen Eltern, die ihn unter dem Weihnachtsbaum schmerzlich verminen n^rben, S ÄS fm, er selbst d!--nm. da-« schaust Keft des Jahres erleben tollte. Mit oreiem Vesuyi des Heimwehs verband sich zugleich das einer ichmerz- lichen Enttäuschung. Nach den herrlichen Siegeii in den grauen Schlachtet, um Metz her, nach der-, wunder, baren Wendung durch Gottes Führung in oem großen Siege bei Sedan hatten wohl manche gedacht, daß sie zu Weihnachten schon wieder daheim ,ein würden Aber statt der Erfüllung dieses voreiligen Wunsches brachten gerade die letzten dem Weihnuchts- flsie vorangehenden Wochen noch besonders schwere und heiße Kämpfe. Unsere, Truppen und mir in jenen Dezemberwochen, in denen sie unter der bittersten Entbehrung aller äußeren Bequemlichkeit, bei einer Kälte, die auch in der wärmsten Kleidung die Glieder erstarren machte, in dem angestrengtesten Dienste bei Tag und Nacht an den gefährdeten Posten trerkund fest ausgeharrt und in stillem Gehorsam hre Wicht getan haben, noch weit bewundernswerter erschienen, als an den heißen Tagen der großen ^sÄarbebivifion, bei der ich als Fcldprediger Dienst zn tun hatte, brachten die dem Weihnachtsfest unmittelbar vorhergehenden Tage noch ganz besonders schwere Kämpfe. Wiederholte Ausfallsversuche aus
der feindlichen Hauptstadt ließen den Truppen in der letzten Adventswoche bei Tag und Nacht keine Ruhe. Vom 21. bis 24. Dezember mußten sie bet eisiger Kälte kampfbereit draußen stehen, auf den Vorposten einem anhaltenden Granatfener ansgesetzt, in den Verteidigungslinien gegen den ausfallenden Feind kümpfend. Waren auch die Verluste nicht bedeutend, sie waren doch immer groß genug, um manchem das Herz noch schwerer zu machen beim Gedanken an die Lieben in der Heimat. Eine Sonnenfinsternis war am 22. Dezember ein entsprechendes Bild unserer weihnachtlichen Stimmung. Die Sonne schien wohl, aber sie war verdunkelt durch den darltber sich legenden Schatten. Noch am Vormittag des 24. Dezember wurde ich zur Beerbigungsseier eines Gardejägers gerufen, den in einem der Ausfallkämpfe eine Granate dahingerafft hatte. Die Compagnie, der er angehörte, war vollzählig um das Grab versammelt, und es bot sich mir dadurch eine willkommene Gelegenheit, den grünen Jägern an dem mit Taunenzweigen reich ge- fchmückten Sarge eine stille Christfeier zu halten. Als aber der heilige Abend anbrach, da erfüllte es sich auch diesmal: „Am Abend soll es licht sein." In den Mittagstunden des 24. Dezember hatten sich die Verhältnisse friedlicher gestaltet. Die seit frühmorgens gegen einen etwaigen Ausfall bereitstehenden Truppen konnten ihr? Quartiere beziehen und sich daran erinnern, daß zuhause Weihnachtsabend sei. Auch durch einen in der katholischen Kirche abgehaltenen Gottesdienst wurden sie daran erinnert. Vor dem Hochaltar prangte ein großer, mit 60 Lichtern geschmückter Christbaum, und als die Musik das „Vom Himmel hoch" anftimmte, da war es wohl allen wie ein Gruß aus der Heimat, der an sie erging. Es hat wohl in den Standquartieren der um Paris her gelagerten Truppen kaum eine für die Abhaltung einer Christvesper geeignete katholische Kirche gegeben, in der nicht eines unserer alten Weihnachtslieder ober das „Stille Nacht, heilige Nacht!" angestimmt worden wäre. Fast überall wohnten auch die Ortsbewohner in durchaus würdiger Haltung der Feier bet und waren vielfach auch sichtlich ergriffen von dem Eindruck der Andacht.
Als der Abend herangebrochen war, da erhellte sich ein Fenster nach dem andern von den weihnachtlichen Kerzen, die wohl auch hin und wieder Mütter aus der Heimat mit der Feldpost gesandt, oder die der Marketender, den^es damals noch im Felde gab, betriebsam feilgehalten hatte.
Es war oft nicht anders, als ob man am Weihnachtsabend durch ein deutsches Dorf oder Städtchen ginge. Fast kein Haus, dessen Fenster nicht durch den Lichterglanz eines mehr ober minder geschmückten Christbaumes^rhelltwar.Wunderbar selsam war freilich oft der Behang, mit dem die Lente ihren Christbaum versehen hatten. Fast an jedem hingen wohl einige Aepfel und Nüsse, wie sie es aus der Heimat gewohnt waren, aber daneben wohl statt des heimischen Pfefferkuchens Stücke der allbekannten "und vielbespotteten Erbswurstund stattdes Marizipans etwa Granatsplitter aus den letztenKämpfen. Hattedie Feldpost zur rechten Zeit die von Hause gesandten kleinen Weihnachtsgaben gebracht, so lagen sie unter dem Christbaum ausgebreitet. Freilich so einheitlich und so reichlich, wie es diesmal geschieht, ist im Jahre 1870 in der Heimat nicht dafür gesorgtworden, daß keiner ohne irgend eine Weihnachtsgabe blieb.
Einen besonders erheben den Verlaus nahm die in den großenweitenKrankensülen desVersaillerSchlosses ver- anstaltete Weihnachtsbescherung. Da war in der Mitte des großen Saales des alten Königsschlosses eine Tafel ausgestellt und mit Geschenken reichlich belegt, die von mehreren Christbäumen hell beleuchtet waren. Sämtliche Aerzte, Johannitter, Pfleger und Pflegerinnen der Verwundeten, begleitet von zahlreichen auch höheren, Offizieren der Versailler Besatzung, versammelten sich um die Verwundeten. Nicht nur die selbst gehen konnten, sondern auch die auf ihren Betten liegenden hatte man, soweit es der Raum gestattete, in dem großen Saale vereinigt. Eine in der Vorhalle anfge- stellte Regimentsmusik leitete mit Weihnachtschorälen die Feier ein und aus die Verlesung der Weihnachtsgeschichte folgte eine kurze Ansprache.
Kaum waren die Kerzen an den Christbäumen allerwärts erloschen, da erdröhnten in der Christnacht selbst statt der Weihnachtsglocken heftiger denn je die feindlichen Geschütze, als hätte es der Feind besonders darauf abgesehen, den deutschen Soldaten die Weihnachtsfreude zu vergällen. Aber sie vermochten doch baS „Friede auf Erden" nicht zu übertönen, das gewiß in manchem Herzen von der Christseier her noch nachklang.
*) Aus „Weihnachtsgruß für Deutschlauds Krieger" (Volksschriften zum großen Krieg Nr. 11 12, Verlag des Evangelischen Bundes, Berlin W35).