Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^&; für den Kreis Hersfeld
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Fernsprech-änschlutz Nr. 8
II
Nr. 391
Sonnabend, den 13. Dezember
1914
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.
Bus der Heimat
§ Hersfeld, 12. Dezember. Wie man uns mitteilt, ist beantragt worden, daß von der Summe, welche die Schüler der hiesigen gewerblichen Fortbildungsschule unter sich freiwillig für Kriegszwecke gesammelt hatten, 40 Mk. zum Bau einer neuen Emden gestiftet werden möchten. Die Schüler würden sich durch eine solche Stiftung ein schönes Denkmal für alle Zeiten setzen, die dann aber auch bei allen gewerblichen Fortbildungsschulen im ganzen deutschen Reiche sicher Nacheiferung verdiente.
§ Hersfeld, 12. Dezember. Mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde der Assistenz-Arzt Dr. Willy Becker im Thür. Hus.-Regt. 6, Sohn des Herrn Apothekers Becker hier.
Heringen, 11. Dez. DerLehrerbezirkWerratal hält am Sonnabend den 19. Dez. im W. Kochschen Gasthaus dahier eine Versammlung ab mit der Tagesordnung : Kurzer Jahresbericht, Vorstandswahl, Verschiedenes.
Niederanla, 10. Dezember. Der Jäger-Gefreite Erich Kohl von hier im Jäger-Batl. Nr. 10 hat das Eiserne Kreuz 2. Kl. erhalten und wurde zum Oberjäger befördert.
Melsnngen, 11. Dezember. Kürzlich geriet die Schülerin Sch. in einer hiesigen Fabrik mit der linken Hand in das Räderwerk einer Spülmaschine, wobei ihr der kleine Finger abgequetscht wurde. Die Verletzte wurde in das hiesige Landkrankenhaus gebracht.
Caffel, 11. Dezember. Wie vorsichtig alle Militär- personen bei der Beobachtung der Militärgesetze fein müssen, zeigt folgender vor dem Casseler Kriegsgericht verhandelter Fall. Ein verheirateter Reservist, K. D., vom 82. Infanterie-Regiment, war am 12. September durch einen Armschuß verwundet worden und befand sich in einem Berliner Lazarett in Pflege. Ende November entfernte er sich ohne Urlaub aus dem Lazarett und fuhr nach Mittelschmalkalden zu seiner Frau, die ihrer Entbindung entgegensah. Er hielt sich dort über acht Tage auf und wurde, als er sich wieder ins Lazarett begab, wegen unerlaubter Entfernung unter Anklage gestellt. Das Gericht erkannte gegen ihn auf die Mindeststrafe von sechs Monaten Gefängnis.
Caffel, 10. Dezember. (Genehmigung eines Vermächtnisses.) Das Königl. preußische Staatsnnlnsterium hat nach einer, hier bei der Königl. Regierung gestern eingegangenen Nachricht der Residenzstadt Casstl dre Genehmigung zur Annahme der Zuwendung des in Caffel verstorbenen Privatmanns Rudolf zur Errichtung einer Blindenanstalt erteilt. Es handelt sich bei der vorerwähnten letztwilligen Zuwendung des erwähnten Privatmannes um einen Betrag von mehreren hunderttausend Mark.
Bad Soodeu-Werra, 10. Dezember. Als 17jähriger Primaner wegen Tapferkeit vor dem Feinde mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde der Fahnenjunker Günter Boeck (2. Grenadierreg. Nr. 9 Gneisenau), Sohn des PastorsB., Neffe des hiesigen Bürgermeisters Dr. B.
Mühlhausen, 11. Dezember. Ueberfahren wurde gestern vormittag in der Wanfriederstraße das 5jährige Töchterchen des Malers Schlunk von der Elektrischen. Das Kind war in den Wagen hineingelaufen. Durch die Umsicht des Wagenführers wurde schweres Unglück vermieden, so daß das Kind mit Hautabschürfungen am Kopfe davon gekommen zu sein scheint.
Hoof, 10. Dez. Zu der gleichen Zeit, in der in Hamburg, wie berichtet eine Feuerkugel am Himmel sichtbar war, wurde auch in unserer Gegend von verschiedenen Personen eine ähnliche Erscheinung beobachtet. Die Kugel zeigte sich über dem Habichtswalde, fiel senkrecht hernieder, durch eine gerade voruber- ziehende Wolke konnte man nichts genaues beobachten, doch war der Helle Schein auch durch die Wolke noch sichtbar. Der Durchmesser hatte die Größe eines Schiebekarrenrades. Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden.
Frankfurt, 7. Dez. Prinz Wilhelm von Hessen ist von dem Brustschuß wiederhergestellt und zu feinem Regiment an die Front abgereift; sein Bruder, Prinz Friedrich, der älteste Sohn des Prinzenpaares Friedrich Karl von Hessen, tut zwar auch wieder Dienst, aber vorerst noch in der Garnison bei der Ersatz-Eskadron, da die Kugel noch nicht aus seiner Wunde entfernt werden konnte.
Der Krieg und unser Wirtschaftsleben.
Ueber den Kämpfen an den Grenzen, die wir mit atemloser Spannung verfolgen, dürfen wir nicht den gewaltigen Umschwung vergessen, den die Auffassung unserer Wirtschaftspolitik durchgemacht hat. Ein Beispiel dafür ein Artikel im Handelsteil der Nr. 3619 des Berliner Tageblatts mit der bezeichnenden Ueber- schrift „Umlernen". Er erkennt nmunwunden an, daß die Volkswirtschaft jedes Staates so einzurichten sei, daß er mit möglichst einfachen Mitteln in einen geschlossenen Handelsstaat umzuwandeln sei. Es soll also ihr Bestreben sein, die Bedürfnisse des eigenen Landes so viel es nur angeht, im eigenen Lande zu produzieren. Es darf also nicht vorkommen, daß wir Zucker ausführen und Weizen einführen, wenn wir Land genug haben, um unseren Weizen wie unseren eigenen Zuckerbedarf zu decken. Der Rübenzucker war selbst ein Notstandprodukt, um den durch die Kontinentalsperre veranlaßten Ausfall von Rohrzucker zu ersetzen. Er war ein Surrogat. Solche Surrogate hat die Wissenschaft noch manche erfunden, es sei nur an den aus der Luft genommenen Salpeter und an den künstlichen Kautschuk erinnert. Diese Erfindung galt als technisch wertlos, solange die Kolonien den Markt mit natürlichem Kautschuk überschwemmten. Nun, wo die Zufuhr gesperrt ist, wäre eine Fabrik sehr wertvoll.
Waren, die wir unter allen Umständen aus dem Ausland brauchen, müssen in Zukunft in einer genügenden Menge magaziniert werden, so daß der Bedarf für sagen wir ein bis zwei Jahre immer in den Speichern liegt. Zu diesen Waren gehört auch das gemünzte Geld. Es war ein großes Glück, daß unsere Reichsbank sich schon einige Jahre die Ansammlung eines Goldschatzes hat angelegen sein lassen, aus dem sie nötigenfalls die Ansprüche des Auslandes decken könnte. Bekanntlich ist diese Notwendigkeit noch nicht eingetreten. Ganz allgemein aber wird in Zukunft vermieden werden müssen, einen zu großen Teil der Ersparnisse der Nation festzulegen. Ohne Zweifel bedeutet das alles eine starke Vereinfachung unseres Wirtschaftslebens. Damit verbunden als höchst willkommene Begleiterscheinung ist aber die Eindämmung der unsoliden Spekulation, tue das Leben zu Friedenszeiten uns oft so unfriedlich erscheinen ließ. Daß es selbst ohne Börsenverkehr geht, muß auch das Berliner Tageblatt zugeben, wenn auch auf die Börsen in Zukunft natürlich nicht ganz verzichtet werden kann. Das goldene Zeitalter wird uns der Krieg nicht bringen, wenn er aber das Wirtschaftsleben nicht zerbricht, sondern in ruhigere Bahnen enkt, so daß der Einzelne sich nicht nur als Erwerbsmaschine zu fühlen braucht, so ist dteier Gewinn schon unermeßlich. Das Wirtichaftsleben wird aber nicht zerbrochen, dafür bürgt die einsichtsvolle Leitung, unter der es jetzt steht, und die dem Organijations- talent unseres Volkes das glänzendste Zeugnis aus- stellt.
Aus meiner WiMM in WM.
Es war am 4. August, als die deutschen Schiffe Schwarzen deck Chilie, Karl und R. C. Rückmers von der^-nglischen Militärbehörde beschlagnahmt wurden.
10 August morgens um 10 Uhr wurden wir von A^rd der norwegischen 4 M. Bark Thistlebank verhaftet unter einer Bewachung von 12englischenSoldaten durch die Hauptstraßen von Cardiff nach der Haupt- macke der Polizei geführt. Hier angekommen, wurden wir untersucht, d!^ Namen feitgefteiU und mit acht andern deutschen Gelang-»-» in eine Me gebracht ^n derselben befanden sich zwei Pritschen woraus zwei meiner Kameraden liegen konnten, alle andern hatten nur den kalten Fußboden, Decken wurden uns nicht °-r°br°tcht Am Wen Morgen --hielten wir endlich ein Stück Brot mit Zwiebelwayer. Um 8 Uhr wurden wir mit dem grünen August iGeiangmvwagenj nach dem Gericht transportiert, hier wurden wir 1k- handelt wie die schlimmsten Verbrecher, und zu acht Tagen Gefängnis verurteilt, aus welchem Grunde missen wirnickt Am 12. August wurden wir mit dem Grünen August nach dem Gefängnis befördert dort wurde ein jeder in eine Einzel-Zelle untergebracht. Hier erhielten wir jeder zwei Decken und bekamen «ncklhausnummern. Die Nahrung bestand aus einem ßMBÄ Ttt manchmal auch Zwiebelwasier. D e Engländer gingen in nicht zu beschreibender Weiie aegen uns Deutsche vor. Die Frau eines deutschen oaniläns mit ihrem 14 Monaten alten Kind war eben- fatiSieÄ «in» moitten sie 6er ungluckttch-n Mutter fortnehmen, jedoch auf klägliches Sitten des äaöttänS wurde ihr das Kind gelassen. Die Engländer saasen sie en berechtigt, KindervvnüberachtMona en b°nw"g ün-hm-i Am 1b. August morgens acht Uhr n rden wir mit «»tos noch dem Gericht gefahren. Dort wurde uns mitgeteilt, daß wir je«, der Militär.
behörde übergeben seien. Wir waren froh das Gefängnis verlassen zn können, mit Autos wurden wir nach dem Bahnhof gebracht, dort in einen Zug geladen, um in ein Gefangenenlager nach Oneeusferry zu kommen, wurden jedoch wieder aus dem Zuge geholt, und unter einer Bewachung von 850 Soldaten nach dem Park in Cardiff gebracht. Da lagen wir bis die Dämmerung st-ereinbrach. Ein Stück Brot und ein Stück Käse war die ganze Verpflegung. Darin gings auf ein Feld, gegen 10 Uhr brach ein schweres Gewitter herein. Es wurden ein paar Zelte ausgeschlagen aber nur ein paar Mann fanden Unterkunft, Alle andern mußten die ganze Nacht unter strömenden Regen auf dem «aßen Erdboden verbringen. Wir zogen unser Oelzeug und Stiefeln an und erwarteten sehnsuchtsvoll den kommenden Morgen. Am 18. August nachmittags 9 Uhr wurden wir unter militärischer Bewachung durch die Hauptstraßen von Cardiff geführt, vom Pöbel beschimpft und mit Steinen geworfen. Nun kamen wir tu das englische Seemannshetm, von da in eine englische Kaserne, mo wir bis zum 26. August verblieben, hier hatten mir Strohsäcke welcher voller Ungeziefer waren. An, 27. August morgens 8 Uhr wurden wir vom Bahnhof Cardiff aus durch Extrazug nach einem Conzentrationslager gebracht, wo ich selbst 103 Tage verblieb. Es war eine deutsche Maschinenfabrik von Simens und Brother, wo wir untergebracht waren, hier hatten wir wenigstens Strohsack und Decke. Die Nahrung bestand aus Vl Pfund Weißbrot und Magarine, um eine Stolle zu bestreichen. Mittags erhielten wir eine einfache Suppe mit einem Stück Fleisch, dasselbe war so hart, daß wir es nicht essen konnten. Auf 3000 Mann kamen 3 Zentner Kartoffeln. Diese wurden in Kesseln gekocht, wo keine Deckel drauf waren und der Rquch htnetnschlug. Das Essen war kaum, zu genießen, aber der Hunger trieb uns dazu. Drei Monate lagen wir mit unseren Strohsäcken auf Steinen, größtenteils auf Eisenplatten, eine Heizung war nicht vorhanden. Nachdem der Amerikanische Generalkonsul das Lager besichtigt hatte wurde es besser. Es wurde eine Heizung gelegt. Wir empfingen mehr Kartoffeln sowie auch Hilzpritschen, um hierauf zu schlafen. Die Heizung wurde erst Mitte November angezündet und die Temperatur auf drei Grad gebracht. Das Dach war undicht, es tropfte an mehreren Stellen, worunter wir sehr zu leiden hatten. Es waren auch viele ältere Leute, unter andern ein Mann von 86 Jahren der 45 Jahre in England wohnte und naturalisiert war. 2 Söhne desselben dienten bei der englischen Marine und2bei derenglischen Kavallerie. Wir richteten eine Küchenkasse ein, um Gemüse und andere Zutaten zu taufen. Am 20. Sept. kamen einige verwundete deutsche Soldaten in unser Lager. Im Lazarett schnitt man denselben die Knöpfe ab, nahmen ihnen Helm, Mantel und Stiefel fort. Die armen Verwundeten erhielten nur 2 Decken und ein Strohsack und mußten mit uns auf den Prischen schlafen.
Am 20. November wurde und bekannt gegeben, daß Leute unter 17 Jahren sich melden sollten zwecks Freilassung. Wir schenkten der Bekanntmachung keinen Glauben, es wurde aber doch zur Wahrheit. Am 3. Dezember wurden wir auf die Office of War gebracht, dort mußten wir unterschreiben, nichts gegen die Verbündeten, sowie gegen das britische Kaisertum zu unternehmen. Daraufhin wurden wir freigelassen und mit der Bahn von Queensserry nach London gebracht. Hier mußten wir die traurige Erfahrung machen, daß der Dampfer erst am 5. Dezember nach Holland abging. Wir wurden in London in das Fülburyfort befördert, und von da aus am 4. Dezember abends 10 Uhr zum Bahnhof geführt. Hier wurden die Namen nochmals festgestettt und um 1 Uhr nachts wurden wir an Bord des holländischen Dampfers „Batavier 5" gebracht. Nun ging es dem geliebten deutschen Vaterlande zu. Am 5. Dezember abends 8 Uhr kamen wir in Rotterdam an, woselbst wir im deutschen Seemannsheim ausgenommen wurden. Wir besamen zuerst ein ordentliches Essen und dann ein schönes lang vermißtes Bett. Am 6. Dezember morgens 10 Uhr fuhren wir nach der deutschen Station Emmerich ab. Wie froh waren wir, als wir wieder deutschen Boden unter uns hatten und deutsche Soldaten sahen. Wir wurden von unseren Lands- leuten freudig begrüßt und erhielten Essen, damit wir uns zu der Bahnfahrt erholen konnten. Von Emmerich aus ging es dann mit einem passenden Zuge der geliebten Heimat zu. In Essen wurden wir erst noch durch eine kräftige Bohnensuppe erquickt, die wir lange nicht gegessen hatten. Mit mir kamen 44 deutsche sowie oesterreichische Jungen frei. Ich selbst kehrte am 7. Dezember nachmittags 2 Uhr in meine Heimat zurück.
E. B. Hersseld ehemaliger Kriegsgefangener.
Bringt Euer Gold zur Reichsbank 1