Armee in Wichtige« Teilen sie Kriegslast verloren und in ihrer Moral gelitten haben müsse Es sei nicht denk- bar, daß zehntausende dem Gegner in die Arme lausen würden, wenn sie nicht entmutigt seien.
Gespannte Lage auf dem Balkan.
Der Berliner „Vorwärts" druckt russische Blätter- meldungen ab, die die Bemühungen Rußlands um die Bundesgenoßenschaft der Balkanstaaten beleuchten. Nach der „Nowoje Wremja" unterhandle die bulgarische Regierung gegenwärtig nicht mit Serbien, sondern mit Rußland selbst über die Abtretung Mazedoniens als Preis für seine Neutralität. Auch mit Rumänien habe Bulgarien verhandelt und einen Vertrag geschlossen, der Rumänien die Besetzung Siebenbürgens erleichtere. In unterrichteten Kreisen heißt es, Serbien sei unter dem Druck des Dreiverbandes bereit, seine Grenze mit Bulgarien zu ändern und dem letzteren die Gebietsteile Kot- schany und Jip abzutreten. Außerdem schweben Verhandlungen betreffend die Wiederherstellung der früheren bulgarisch-türkischen Grenze. Im Falle eines Mißerfolges der Türkei garantiert der Dreiverband Bulgarien die oben erwähnten Konzessionen, wobei die Frage einer Aktion Bnlgariens gegen die Türkei offen gelassen wird. In Petersburg, Paris und London ist man der Ansicht, etliche Kompensationen könnten einen neuen politischen Kurs zwischen Sofia und Serbien herstellen. Die Frage einer Konzession von Griechenland an Bulgarien hat keines der Kabinette des Dreiverbandes angeregt, da bekannt ist, daß die Abtretung Kawallas an Griechenland Komplikationen hervorrufen würde. Die Moskauer „Rußkoje Slowo" ergänzt diese Mitteilungen. Danach habe Griechenland eine Position eingenommen, die die Verhandlungen komplizierte. Nachdem es den Epirus besetzt hat, wünsche es nun auch einen Teil Albaniens zu erhalten. Besonders lebhafte Unterhandlungen werden zwischen dem russischen Ministerium des Aeußern und Rumänien geführt. Es ist der rumänischen Regierung von der Petersburger Diplomatie nahegelegt worden, ihre Stellung in Anbetracht des Vordringens Deutschlands und Oesterreichs in Serbien zu ändern. Im allgemeinen, schließt das zitierte Blatt, ist die Lage auf dem Balkan äußerst gespannt.
Der Krieg in den Kolonien.
Die Buren versuchten einen Panzerzug zum Entgleisen zu bringen.
e-r Pretoria, 28. November. (WTB.) Nach einer Reutermeldung versuchten am Dienstag die Buren bei Reitz an einer tiefen Schlncht einen Panzerzng znm Entgleise» zu bringen. Vorgestern war dieser Zug wieder mit einem andern im Gefecht der Buren, bis sie die am Tage vorher ernstlich beschädigte Linie wieder hergestellt hatten. Die Buren wurden zurückgeschlagen.
Der entlarvte Botha.
Wer bisher noch an Bothas deutschfeindlicher Haltung gezweifelt haben sollte, dem werden die Augen geöffnet durch die Rede, die dieser Bur in Bank am 28. September vor ungefähr 5000 verengländerten Buren gehalten hat.
„Die englische Regierung, so sagte Botha, gab uns zu erkennen, daß in Dentsch-Südwestafrika verschiedene Stellungen von hohem strategischem Wert seien, deren Besetzung durch die Union-Regierung von großer Bedeutung für das britische Reich wäre. Was blieb uns anderes zu tun übrig? .... Wenn schließlich die Entscheidung fällt, derzufolge Deutsch-Südwestafrika britisch wird, dann werden wir natürlich unsere Stimme dafür erheben, daß ein Teil davon der Union zugewiesen werde."
Bisher hatte Botha gegenüber seinen Landsleuten, unter Anrufung Gottes als Zeugen, stets erklärt, die Union würde zum Angriff gegen die Deutschen in Südwest erst dann übergehen, wenn diese in das Gebiet der Union einfielen. In dieser seiner Rede hat er nun aber unumwunden eingestanden, daß die britische Regierung, aus strategischen Gründen, einen Einfall in Südafrika durch die Truppen der Union wünsche, wofür dieser bei der Verteilung der Bärenhaut ein Fetzen zugeworfen werden würde. Nun wird auch deutlich, warum Dewet, Beyers, Maritz und andere ehrliche Buren von einem Angriff auf Deutsch-Südwestafrika nichts wissen wollten. Ihnen, als ehrlichen Leuten, kam ein solcher Kuhhandel schimpflich vor; sie waren zu stolz, den Briten Handlangerdienste zu leisten.
Einfall bewaffneter Banden in Französisch-Guinea.
x Paris, 28. November. (WTB.) Der „Eclair" meldet den Einfall bewaffneter Banden aus Liberia in Französisch-Guinea.
Der heilige Krieg in Afrika.
Die Konstantinopeler Blätter betonen, daß durch die Nachricht von der Verkündung des Heiligen Krieges, die trotz aller von Engländern und Franzosen getroffenen Maßnahmen nach Nordafrika gedrungen ist, die Kolonialreiche Englands nud Frankreichs in ihren Grundfesten erschüttert sind.
Die Neutralen.
Einberufungen in Italic«.
Zürich, 28. November. (T. U.) Italienische Meldungen besagen, die italienischen Rekruten des Jahrgangs 1915 werden schon im Januar eingereiht werden. Eiu Erlaß verfügt die Einstellung einer Anzahl höherer Offiziere, die bisher zur Verfügung gestellt waren. Bon der Marine sind die Unteroffiziere der Jahrgänge 1875 bis 1881 zum Dienst einberufen. Der „Avanti" erhebt entschieden Einspruch gegen den unwürdigen Ton, mit dem die russischen Zeitungen feit einigen
Tagen Italien beeinflussen wollen.
Kriegsallerlel.
Hindenburg zum Generalfeldmarschall ernannt.
Hannover, 28. November. (T. U.) Wie der „Hanu. Kur." erfährt, wurde Generaloberst vou Siuden- bnrg für seine Verdienste in der Leitung der Ostarmee vom Kaiser zum Generalfeldmarschall ernannt.
Deutschfeindliche Elemente in Lothringen verhaftet.
»-»> Straß-arg, 28. November. lT. U.) Eine große Anzahl angesehener einheimischer Bürger im Jnduitne- orte Groß-Moyeuvre wurde wegen ^pionageverüachts und Betätigung deutsch-feindlicher Besinnung imf^ Veranlassung der Kommandantur ln Dieoenhofen verhaftet und in das Militärarresthaus nach Diedenhofen gebracht. Die Militärbehörden säubern das Land allmählich von den Anführern unter den unzuverlässigen Elementen.
Schritte gegen die Verurteilung der dentschen Militärärzte.
Einem Berliner Telegramm der „Köln. Ztg." zufolge hat die deutsche Regierung alsbald nach Bekannt- werden des französischen Kriegsgerichtsurteils gegen die deutschen Militärärzte durch Bermittelung des amert- kanischen Botschafters die den Umständen nach ange- deiglen Schritte getan.
Kaiser Franz Joses erfreut sich bester Gesundheit.
Gegenüber einer angeblich aus Venedig stammenden Meldung von einer Erkrankung des Kaisers Franz Joseph genügt die Feststellung, daß der Kaiser sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut.
Deutsche Kriegsgefangene in Tokio.
Wie dem „Lok.-Anz." aus Rotterdam gemeldet wird, trafen in Tokio am Montag 350 Gefangene ans Tsingtau ein. Zwei japanische Damen boten ihnen Chrysanthemen mit einer deutschen Begrüßung: die Gefangenen nahmen die Blumen mit einem freundlichen Grützen entgegen. Kte wurden dann in Straßenbahnwagen nach einem Tempel gebracht, wo sie interniert wurden.
Wie die Londoner Presse lügt.
. „Daily Chronicle" brächte am Mittwoch einen Bericht, daß alle deutschen Angriffe in Flandern unter dem Retter der Verbündeten zusammengebrochen seien. Diese Meldung ist, wie den „L. N. N." von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, völlig unzutreffend.
Verunglückte Landstnrmleute.
, Wie der „Hannov. Kur." aus Soltau meldet, fuhr ein Automobil von dort in eine Gruppe von 15 Landsturmleuten aus Oldenburg hinein. Fünf Mann wurden schwer verletzt, davon ist einer gestorben.
Ein Goldanfkäufer verhaftet.
Aus Aachen meldet WTB.: Ein hier wohnender, in besten Vermögensverhältnissen befindlicher Wirt kaufte entgegen den kürzlich erlassenen Bestimmungen Goldmünzen an, die er angeblich gegen hohen Verdienst, anscheinend für das Ausland, weiterverkaufte. Er wurde verhaftet. Es besteht der dringende Verdacht, daß er den Handel schon während der ganzen Kriegszeit gewerbsmäßig betrieb.
Ein kühner Streich dreier Naumturrger Jäger wird in einem Feldpostbrief dem „Erfurter Allg. Anz." gemeldet: In einem gefährlichen Gelände hatten diese drei eine Brücke zu bewachen, als sie von vorn Schüsse erhielten. Sie stellten fest, daß sie aus einem Park kamen und suchten Deckung unter der Brücke. Da sahen sie plötzlich einen Trupp Franzosen, etwa 70—80 Mann, ankommen, die in ihrer Mitte zwei gefangene deutsche Offiziere führten. Jetzt hieß es, alle Schlauheit zu- sammenzunehmen, um diese beiden zu befreien. Die drei Jäger eröffneten aus ihrer Deckung ein wildes Feuer auf die Franzosen, die in der Meinung, eine starke deutsche Kolonne vor sich zu haben, reitzaus machten. Die gefangenen deutschen Offiziere schleppten sie anfangs mit, da springt einer der Jäger in seiner Wut aus seinem Versteck und sendet noch ein paar wohlge- zielte Schüsse hinterdrein. Die beiden Offiziere aber merkten nun, woher ihnen die Rettung kam, im uäch= sten Augenblick waren sie aus dem fliehenden Knäuel heraus und über einen Bretterzaun in Sicherheit. Drei Jäger befreiten so zwei Offiziere aus einem ganzen Zug Franzosen!
Wie deutsche Truppen durch eine Kriegslist englische
Regimenter zum Rückzug zwangen.
Ueber die Kämpfe bei Bixschoote meldet ein Telegramm des Londoner „Standard": „Am 21. und 22. Jo- vember erschienen eine große Menge deutscher Flugzeuge über unseren Stellungen, die jedoch keine Bomben abwarfen. Sie flogen so hoch, daß sich eine Beschießung unsererseits als unmöglich herausstellte. Die Tauben hatten offenbar nur den Auftrag, unsere Stellungen nach Möglichkeit auszukundschasten, um den Sturmangriff vorzubereiten. Trotzdem wir auf diese Weise gewarnt waren, gelang den Deutschen eine sehr merkwürdige Kriegslist. Im Morgengrauen des nächsten Tages sahen die englischen Regimenter im SchützengraSen hinter Bixschoote eine lange Reihe enorm großer feldgrauer Krieger auf sie zustürzen, von denen trotz des furchtbaren Gewehrfeuers kaum einer fiel. Erst als die Deutschen ganz nahe an unsere Schützengräben herangekommen waren, entdeckten wir die Kriegslist, durch die unser Feuer viel zu hoch dirigiert worden war. Die Deutschen hatten an ihre Gewehre kleine Tragbalken gebunden, über die sie ihre Mäntel gehängt hatten. Auf die Bajonettspitzen hatten sie ihre Helme gesteckt. Im trüben Morgennebel erweckten die Figuren durchaus den Eindruck riesiger Gardemänner. Unsere Kugeln schlugen natürlich viel zu hoch ein und durchlöcherten nur den Mantel. Erst im letzten Augenblick warfen die Deutschen die Verkleidung von sich und es entspann sich ein Handgemenge. Um unnützes Blutvergießen zu vermeiden, traten unsere Regimenter den Rückzug nach der zweiten Verteidigungslinie an, sodaß sie jetzt nur auf 400 Meter Entfernung den Deutschen gegenüberstehen.
Kartoffelgraben zwischen Schützengräben.
Daß auch auf dem österreichisch-russischen Kriegsschauplatz jener friedlich-private Verkehr zwischen den gegnerischen Linien herrschen kann, wie man ihn aus o mancher Schilderung vom westlichen Kriegsschauplatz kennt, lehrt ein Feldpostbrief, den ein ungarischer .Fähnrich nach Hause geschrieben hat. In dem Brief, den der „Pestt Hirlap" veröffentlicht, heißt es: „. . . . Unsere Honveds hatten, als sie in den Schützengraben lagen, Hunger nach gebratenen Kartoffeln bekommen. Bor den Schützengräben und jenen des Feindes zog sich ein lang- qeftrecfteo, noch nicht ausgeackertes Kartoffelfeld hin. Da sagte plötzlich ein Unteroffizier zu den Jungens: Kinder, heut abend würden aber gebratene Kartoff^ schmecken" Kaum hatte er die Worte gesprochen, als, sich da und dort Soldaten meldeten. Einer sagte: „Herr Zugführer, wird ein Rucksack voll genügen? Kurz und aut abends krochen zwei Honveds auf das Kartossetfeld. & fÄ dann fünf und schließlich noch
zehn Ihre ganze Bewaffnung bestand nur aus dem Äfanteriespaten Auf allen Bieren krochen sie dahin und mit angehaltenem Atem warteten die übrigen im Dcküüenaraben zurückgebliebenen Kameraden, was ge- sckceben werde Alle waren bereit, wenn es sein mußte, die Kameraden mit einem Sturmangriff auf den Feind zu retten. Angstvolle Minuten verstrichen, da bemerkte man plötzlich, daß auch aus der russischen Deckung acht
Mann mit Spaten hervorkrochen. Was würde & Sehen? Die Russen krochen gleichfalls gegen den Kartoffelacke--. Vorsichtig, achtsam, furchtsam Auf der einen ^eite scharrten die Honveds, auf der anderen Seite die Russen Kartoffeln aus dem Acker. Du kannst Dir die aufgeregte Neugierde der Unsrigen vorstellen, m f der sie bte Weiterentwicklung erwarteten. Langsam kamen die Leute näher. Da sahen wir, wie sie sich höflich grüßten und Honveds und Russen zogen ruhig mit ch- rpn «artoffeln zurück in die Deckungen. — Es verging keine ha be Stunde, und das heftigste Gewehrfeuer entwickelte sich wieder zwischen den beiden Schwarmlmren.
Vermischtes.
von Kohlengasen. Aus Arnsberg wird gemeldet' Jm^benachbarlen Selbach fand die fünfjährige ?mbter des Bäckermeisters Becker und deren Großmutter ?urch KoRengasvergiftung im Schlafzimmer den Tod. Die Mutter des Kindes liegt schwerkrank darnieder. — M WAmm-rdru» l«»» Sri-t-r-rg> in der Neu
mark erstickten mehrere ostpreußische Flüchtlinge, nämlich eine 78jährige Frau lind ein 14jährtges Mädchen aus Marggrabowa infolge Einatmens von Kohlengasen. Vater, Mutter und Bruder des Mädchens innren seinerzeit von den Russen erschossen worden. Von der Familie blieb nur noch ein lstjähriges Mädchen übrig.
Eine 83jährige Studentin. Es gehört wahrscheinlich ein — fast möchte man sagen amerikanischer — Mut dazu, sich noch mit 79 Jahren zum Universitätsstudium zu entschließen, wie dies Frau Ammy Winship aus dem Städtchen Wisconsin von nunmehr vier Jahren getan hat. Erst nhio sie nach Ohio und studierte dort zwei Jahre Philosophie und Psychologie, um sich darauf weitere zwei Jahre an der Universität Wisconsin dem Studium der Chemie zu widmen. Jetzt hat Frau Winship die Universität Culumbla bezogen nnt> will bis zum Sommer 1917 auf noch Vorlesungen an den Universitäten von Minnesote und Illinois hören. Man sieht, die 83jährige Greisin ist noch sehr unternelstnungslustig. Wie sie erklärt hat, will sie bis an ihres Lebensende studieren, um die verschiedenen Lehrmethoden der amerikanischen Universitäten vergleichen zu können. „Studieren ist das beste Mittel, um das Altern zu verhindern. Wenn ich studiere, werde ich immer jünger statt älter. Mag mein Körper auch verfallen, der Geist bleibt doch bis zum Ende jung." Frau Winship scheint also gar keine üble Lebenöphiloso- phie durch ihr bisheriges Studium gewonireu zu haben.
„Freiwillige vor!"
Ein Wort für unsere Kriegsfreiwillige».
Der 12. November war der dritte von drei ganz heißen und leider auch blntigeu Tagen, aber zugleich auch Ehrentage meiner Batterie, in der eine ganze Reihe von Kriegsfreiwilligen, meist Ntecklenburgern, steht. Es war etwa 3 Uhr naclnntttags, und wir hatten den schwer befestigten Stützpunkt der Frarizosen nm Kanalüberzang bei Steenstraate sturmreif gemacht, d. h. seit einer Stunde stark beschossen. Die französische Artillerie setzte an diesem Tage ihr äußerstes daran, uns, die wir den ersten Tag an 700 Meter und jetzt etwa 1400 Meter vom Feind entfernt standen, niederzuhalten oder außer Gefecht zu setzen. Verluste hatte es schon genügend gekostet. Da lag der Oberst v. Doblvitz mit Schutz über den Unterleib und durch die Hand, der Major von W.....mit Schutz durch den Ellogeu, der Adjutant im Sterben, mehrere Leute vom Stab schwer und leicht verwundet, und wir Artilleristen, besonders unser tapferer Sanitätsulltervf- fizier Noth, taten neben dem rasenden Schnellfeuer noch unser Möglichstes, die Verwundeten und Sterbenden in Deckung zu bringen, ihnen etwas zu trinfcn zu geben und sie zu verbillden. An Abtransport war unter diesem Eisenhagel nicht zu denken. Unsere Infanterie trat zum Sturm an, als mein famoser Abtetlungöftthrer Haupt- mann S.....in die Batterie kam und befahl: „Herr v. S., es ist Zeit, ein Geschütz zur Unterstützung unserer schwer leidenden Infanterie möglichst in die Schützenlinie vorzuschieben!" Das war Musik für unsere Ohren. Also: „Meldereiter, retten Sie was Sie können. — Protze und Munitionswagenprotze vom Geschütz Unteroffizier Wittenburg heran!" Der Mann ritt, die Hufe blätterten durch den Höllenlärm auf dem Steinpflaster,' währenddessen zog die Batterie das zürn Vorgehen bestimmte Geschütz mit seinem Munitionswagen aus der Eindeckung heraus, brächte es herüber durch den ver- wucherten Garten und das nur noch einen Schutthaufen bidende Gehöft znr Straße, als auch schon die beiden Protzen herankamen. Der Wachtmeister Guhl und Sergeant Radloff waren vorgegaugen, um eine gute Stel- lun zu suchen. Wir protzten auf, ein Seufzer der Er- leichterun entfuhr mir, als trotz des Bleihagets um uns alles gut ging. Ein paar hundert Schritte vor uns brannte ein ganzes Gehöft mit vollen Ströhscheunen, der dicke Rauch lag wie ein Schleier auf der Erde und verdeckte uns wahrscheinlich den französischen, auf den * Kirchtürmen jenseits des Kanals sitzenden Beobachtern.
Ich befahl gerade: „Marsch!", da kams — das erste Schrapnell, mitten rein. Ein Mtttelreiter stürzte herunter. „Ich bitt verwundet!" rief er und riß sich den Rock auf. Richtig, Lungenschutz quer durch. Also Unteroffizier Wittenburg, fahren Sie selbst! Vorwärts — Marsch!" Da sauste der Vorderreiter des Munitions- wagens herunter und gleich hinter die Hausecke. „Leute, Köpfe hoch - Geschütz marsch!" Pardautz — Summ. Vorder- und Mittelpferde im wüsten Knäuel, die Sprellg- stücke stecken ihnen fest in den Beirren, Hals und Brurt, die Tiere schnauben verängstigt und bluten sehr stark. „Abhaken, die Stangenpferde fahren allein!" Der Mu- nitionsrvagen war ein Chaos von Menschen und Pferden. Nun folgt Knall auf Knall, ich bekomme einen schweren Schlag üns Bein, knickte ein, halte mich aber und setze mich auf einen umgestürzten, dort liegender, Bauernwagen. „Leute, denkt an euren Fahneneid! Geschütz manch!" Da, eine Granate mitten in die beiden Pferde, das Geschütz macht linksum, und die Tiere bre- chen mit dem Stangenretter in einem Torweg zusammen. Ich habe eine Schrapnellkugel im Fuß und kann nur noch am Stock, den ich seit Südwest trage, auf dem linken Bein hopsen. Der Moment wurde kritisch, ich war nun ziemlich allein auf der Straße. Lieber tot, als den Befehl nicht ausführen, und niemals ritckwärts. Der brave Sanitätsunteroffizier Noth komtm gelaufen und will mich verbinden: den anderen gehts schlechter, erst kommen die dran, ich habe Zeit, bin auch Kummer gewohnt. „Utnreoffizier Stark, rennen Sie, was Sie können, zur Batterie und rufen Sie Freiwillige auf, bar Geschütz muß vor."
Slenk, einer meiner Beste» und Tapfersten, der mir gerade zurecht kam — er ist von der Handelshochschu'.c Berlin - lief herüber, und ich hörte ihn schon rufen „Freiwillige vor! Der Hauptmann ruft Freiwillige auf/
Und da kamen sie alle, meine guten, braven Jungens, alle, zu viele kamen, sie ließen ihren Hauptmann nicht sitzen, Abiturienten und Kaufleute, Juweliere und verzärtelt gewesene Muttersöhnchen, darunter, der Bingel, der Hinrichs der Lubke, der Bugisch, oen ich kurz vorher noch so angefahren hatte. Untergfsizter Svengel, der Ka- dow, der Kröplin, Schulamtskandidat seines Zeichens, und andere tapfere, kaum 20jährige „freiwillige Freiwillige". Protzt ab — Geschütz kehrt — fetzt mich auf den Achssitz und nun vorwärts - die Munition wird auf der Schulter nachgetragen!"
So brachten wir das Geschütz zu Fuß vor. auf dem ich saß. Da zuckte keiner in diesem rasenden Feuer mit der Wimper, und wir haben's vorgebracht in die Stellung, und schon nach 15 Minuten gab die „Ultima ratto regis" aus ihrem ehernen Munde den drüben zu wissen: „Die zweite Batterie ist da."
Das sind unsere Freiwilligen. Sie gehen für mich, ich aber ebenso für sie durchs Feuer.
Die Batterie hatte bö,e gelitten, sie wurde noch in der Nacht für etnrge Ruhe aus der Stellung gezogen Aber — wir sind stolz, wir von der zweiten, denn wir sind stets die Vordersten in der Division, und unserer, Rücken soll der Feind nicht zu sehen bekommen. Und ick — ich harre mit Sehnsucht des Tages, an dem ich „meine'
Freiwilligen wieder übernehmen kann.
(Erich von Salzmann im Berl, L.-A.)