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Hersselder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei ^Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

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Sersselder

für den Kreis Hersfeld

KmblliN

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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 277. Donnerstag, den 26 November 1914

Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.

Baterlimdilche Pflicht eines jeden Deutschen ist es, auf der Reichsbank, der Post oder den Sparkassen alles Gold einzuliesern.

Hus der Heimat.

* (Feldpo st karten der Kronprinzessin.) Da es unseren tapferen Kriegern im Felde an Feld­postkarten fehlt, will Verlagsbuchhändler Hermann Hillger, Berlin W. 9, der bsi der Verteilung von 100 000 Bänden seiner beliebten Romansammlung Kürschners Bücherschatz" für Lazarette diese Wahr­nehmung machte, als Liebesgabe drei Millionen Feld­postkarten ins Feld schicken. Kronprinzessin Cecillie hat handschriftlich den SegensspruchGott helfe uns zum Siege!" beigesteuert, der jeder Karte auf­gedruckt ist. Herr Hillger hat sich bereit erklärt, jedem unserer Leser, der ein Weihnachtspaket zur Front schicken will völlig kostenlos, nur gegen Er­stattung der Porto- und Versandkosten von 5 Pfg. (Rückantwortpostkarte genügt) sechs solcher, mit dem handschriftlichen Spruch der Kronprinzessin geschmückte Feldpostkarten zu übersenden.

* (D i e D a r l e h n s k a s s e n s ch e i n e.) , Bisher ist von den Darlehnskassen weitaus nicht in dem vorgesehenen Umfang Gebrauch gemacht worden. Ob­wohl der Bundesrat den ursprünglich auf 1500 Mil­lionen Mark festgesetzten Betrag von DarlesnDkassen- scheinen mit Rücksicht auf die Kriegsanleihe auf 8000 Millionen erhöhte, stellen sich gegenwärtig die gesamten Darlehen nur auf rund 1130 Millionen. Sie haben also trotz des außerordentlich hohen Zeichnungsergeb­nisses auf die Kriegsanleihe von 4V2 Milliarden Mark bei weitem noch nicht die ursprünglich im Gesetz vor­gesehene Grenze für die Ausgabe der DarlehnskassA- scheine erreicht. Auch die aus den Kreisen von Handel und Industrie gegründeten Kriegskreditbanken werden nach wie vor nur in mäßigem Umfang in Anspruch genommen. Der Stillstand unserer Volkswirtschaft ist also nicht annähernd in dem Umfange eingetreten wie unsere Gegner und vor allem England, es er­wartet hatten.

* (Vermißt.) Wir werden gebeten, folgendes mitzuteilen: Der Unteroffizier Wilhelm Meimbresse, Res.-Jnf.-Regt. 83, 5. Komp., 18. Armeekorps (Cassel) ist seit dem 22. August verwundet und vermißt. Sollten Kameraden, welche an jenem Tage bet Neu- schateau mit im Gefecht standen, etwas berichten können, werden sie gebeten, sich an Frau Meimbresse, Cassel, Dörnbergstraße 14, n., zu wenden.

):( Hersfeld, 24. Nov. Da über die von dem Haupt­vorstand des Vaterländischen Frauen-Vereins ange­regtenF ü n f g a b e n - P a k e t e" noch Meinungs­verschiedenheiten zu bestehen scheinen, sei hiermit nochmals darauf hingewiesen, daß nicht geplant ist, ledem Soldat ein Paket mit fünf verschiedenen Gaben

en, daß nicht geplant ist, _____ ^.^ Vl ..... fünf verschiedenen Gaben sukommen zu lassen, sondern einFünfgaben-Paket" für je fünf unserer wackeren Kämpfer als Weihnachts­gaben gedacht ist. Jede der fünf für das Paket be­stimmten Gaben kann natürlich ganz nach dem Belieben und der Gebefreudigkeit des Spenders aus einem oder mehreren Gegenständen bestehen. Jede der fünf Gaben des Paketes, die, wenn verschiedene Gegen­stände dafür gewählt sind, für sich verpackt sein muß, soll unter Verwendung der den Vereinsmitgliederm übermittelten Karten oder sonst auf andere Weste Mit dem Namen der Spenderin und des Vereins versehen werden. Die hiesigen Vereiusnntglieder werden gebeten, ihrFünfgaben-Paket nur mit der AufschriftFünf Wethnachtsgaben zu versehen und im Augusta-Viktoria-Haus recht bald, spätestens bis Ende dieser Woche abgeben zu wolle». Diese Pakete sind dann so, wie sie abgegeben werden, Su je 20 Stück in eine Kiste oder einen Sack ver­packt mit der AufschriftWeihnachtsgaben des Vater- iändischen Frauenvereins Hersfeld für 100 Mann von hier an die Abnahmestelle n des 11. Armeekorps st den ersten Tagen des Dezembers weiter zu be^ wrdern. Die Abnahmestelle n trägt für rechtzeitiges Eintreffen bei unseren Truppen im Felde Sorge.

.. Marburg, 24. Nov. Die Stadtverwaltung ist m irrigster Weise bemüht, durch Schaffung von Arbeits- Aelegenheit jeglicher Art die Härten, die der Krieg mrt Uch bringt nach Möglichkeit zu lindern. Von jetzt ab

wird auch in einem der Stadt gehörenden Hause neben dem Rathause eine Volksküche eingerichtet und zwar zunächst für die Wintermonate. Mit Rücksicht auf die Kriegsnot dürfte sich die letztere Einrichtnug jeden­falls diesmal besser bewähren, wie vor zehn Jahren, wo die damals eingerichtete Volksküche mangels ge­nügender Jnansprachnahme wieder eingehen muhte.

Sontra, 24. Nov. Bei der dieser Tage hier abge- haltenen Treibjagd in der Jagd des Pächters Kauf­mann Wiegel wurde ein sehr gutes Ergebnis erzielt. Es wurden 16 Rehe, 8 Hasen und zwei Füchse zur Strecke gebracht. Ein Teil der Jagdbeute wurde so­fort für unsere verwundeten Krieger gestiftet.

Laugensalza, 24. Nov. Weitere gefangene Russen, zusammen etwa 4500, trafen in zwei Transporten hier ein. Es waren meist in der Schlacht bei Kutno ge­fangene Infanteristen, darunter auch eine Anzahl von sibirischen Regimentern, die mit ihren Pelzmützen be­sonders auffallen.

Worbis, 24. Nov. In den nächsten Tagen werden in den Gutsställen des Gutes Neumühle bei Worbis ca. tausend französische Beuteschafe einquartiert. Die Schafe kommen hier zur Versteigerung.

Hann -Münden, 22. Nov. Zu einem Lager für 1000 gefangene Offiziere werden zurzeit die umfang­reichen Baulichkeiten einer früheren Oelmühle in Hann.-Münden umgestaltet.

Gotha,23. Nov. (Schwurgericht.) DerKutscher Gustav Zöller, zuletzt in Sundhausen und seine Ehe­frau Frieda, beide zur Zeit in Haft sind wegen Körperverletzung mit nachfolgendem Tode angeklagt. In ersterem stelltsich ein gewissenloser Vater in letzterer eine entmenschte Stiefmutter vor Beide, in erster Linie aber die Frau mißhandelten und quälten den fünfjährigen Knaben ans erster Ehe des Mannes tu maßloser Weise. Er mußte auf dem Fußboden bet Winterkälte und schlechter Bedeckung schlafen und er­hielt vollkommen ungenügende Nahrung, dafür aber in unbarmherziger Weise Schläge. Das Kind starb im Januar und wies 34 blaue und eitrige Flecke auf. Trotz hartnäckigen Leugnens wurden die Angeklagten überführt. Di«' Geschworenen bejahten die Schuldfrage auf Körperverletzung mit Todesfolge und verneinten die Nebenfrage auf mildernde Umständen bet beiden. Das Urteil lautete wie beantragt, für jeden der beiden Angeklagten anf 6 Jahre Zuchthaus und 6 Jahre Ehrverlust. Damit ist die diesjährige schwurgerrchts- periode zu Ende.

Stnlfde

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In» Gegensatz zu der menschlich milden Be­handlung, die das deutsche Volk nicht nur den Kriegs­gefangenen, sondern auch den bei uns im Lande ver­bliebenen Angehörigen feindlicher Lander zuteil werden läßt, schlagen immer wieder erneut Klagen an unser Ohr übe? die rücksichtslose Robheit, mit der unsere Gegner ihrem Haß gegen wehrlose Deutsche Ausdruck j^1^^ Material das als An­klage vorliegt, seien einige besonders charakteristische Fälle herausgegriffen, die dartun, wie man im Zaren- reicke mit deutschen Reichsangehvrigen umgeht.

Als der Krieg ausbrach, bemächtigte sich die mffifdie Reaierung zunächst aller im wehrpflichtigen Alterstehenden deutschen und österreichischen Staats- anaeböriaen Gegen die Maßnahme als jolche wäre nichts »^ nicht schon die Art und Weise I»m»örend aewesen wäre, wie man die Unglücklichen nach den Gouvernements nördlich der Wolga und sülick des Urals schaffte. Es war fein geregelter Transport, sondern vielmehr eine gewaltsame Ver­schleppung unter Anwendung größter Härte.

Aber damit war es nicht genug. Bald wurden auch ältere Leute ausgegriss-n, »"dletbst Frauenund b^wnrde mit seiner ganzen Familie nach dem nördlichen Ural verschleppt. Obgleich der Greis sich rur Gablung aller Unkosten erbot, ließ man ihn «W

sondern zwang ihn auf brutalste Weise, nch Ä s£S einer lange» G-iang-n-nr-is- zu unt-rw-fs-n Deü °°n '° h-rt-tn Las Betroffenen nadm man ahne weiteres die Passe ad, und lieb sie an Gepäck so wenig mitnehmen, hast es für ine not- HiXnrt/n Vphengbebürfnifie kaum ausreichte.

D?ß die geringen an barem Gelde, die DÄtfcken mit sich führten, bald der Erpressungs- der russischen Beamten zum Opfer fielen, war ira entblödete sich nicht, den ÄÄ kreißen, um es demRoten Aermsten das Metzle zu wohl ist mit einer so KESEinrichtung wie es das Rote Kreuz barstellt, sin gr-d°"L?Wbr7üch getrieben worden^

Nach glaubwürdigen Berichten wird allein die Zahl der verschickten Männer, die zwischen 45 und 80 Jahren waren, für den Militärdienst also gar nicht mehr in Betracht kamen, auf viele Hunderte geschätzt. Versuche, die der amerikanische Botschafter in Peters­burg machte, nm diese zu Unrecht Verhafteten frei zu bekommen, haben bisher zu keinem Ergebnis geführt.

Daß man unter diesen Umständen im heiligen Rußland auch das Privateigentum nicht schonte, sondern Pferde, Wagen, Jachten mit) Automobile kurzer Hand raubte, ist selbstverständlich.

Um die brutalen Verschickungs-Maßnahmen gegen junge Leute, die noch fast im Kindesalter waren, und ältere Männer rechtfertigen zu können, gab man bekannt, die deutsche Regierung habe alle Staats­bürger vom 17. bis zum 45. Jahre zu den Waffen ge­rufen. Daraufhin begann dann in allen Städten eine große Deutschenjagd, die leider zu einem unge­wöhnlichen Ergebnis führte. Mehr als einhundert- fünfzigtausend deutsche Zivilgefangene befinden sich nach der neuesten Schätzung in den Gouvernements jenseits der Wolga. Und der Zustand von Tausenden von ihnen ist bei dem Fehlen jeder Hilfsmittel ge­radezu trostlos.

Ganz besonders schlimm müssen die Zustände in Perm und Jekaterinenburg sein. In Perm haust ein Gouverneur, der als Deutschenhasser nicht zu übertreffen ist. Dieser Menschenfreund steckt die Ge­fangenen, unter denen sich viele gebildete Leute, Fabrikbesitzer, Ingenieure, Bankdirektoren usw., im ganzen etwa 2000 an Zahl befinden, in die Cholera- Baracken. Hier mußten die Unglücklichen in über- füllten Räumen auf Stroh liegen und alles, was sie irgendwie an Wertsachen besaßen, wie Geld, Schmuck, Ringe, selbst Eheringe m^ Uhren wurden ihnen ein­fach gestohlen. Ein anderer Ausdruck wäre hier nicht am Platze, da über die abgenommene» Sachen keine Quittung erteilt wurde. Unter den Geschädigten be­fanden sich Leute, die auf diese Weise Tausende verloren.

Auch in Jekaterinenburg mußten die Deutsche» unendlich viel leiden. Man sperrte die Verschickten ins Gefängnis und gab ihnen, nachdem alles abge­nommen war, 36 Pfennig tägliches Verpflegungsgeld. Davon ist natürlich eine auch nur notdürftige Er­nährung vollständig ausgeschlossen.

Ein Teilnehmer an diesem grausigen Lager be­richtet :

Fiebernd und hungernd lagen die weinenden Kinder mit ihren Vätern und Müttern in stinkigen, von Ungeziefer wimmelnden Zellen auf bloßem, kaltem Boden, zusammengepfercht mit angeketteten Verbrechern."

Dieses Elend wird täglich durch neue Ankömmlinge vermehrt. Auch gefangene Soldaten treffen ein und als ganz besonders charakteristisch verdient hcrvvrge- hoben zu werden, daß unter anderem auch zwanzig Sanitätssoldaten aus Oesterreich-Ungarn eingeliefert wurden.

Nach den neuesten Abmachungen zwischen den Regierungen schien es, als ob für manche der Ge­fangenen die Stunde der Erlösung schlage. Unlängst erging von Petersburg aus die Verfügung, daß alle deutschen Zivilisten über 45 Jahren das russische Reich verlassen dürften. Auch solle das abgenommene Geld zurückerstattet werden. Daß diese Verfügung lediglich eine papierene Maßnahme blieb, dafür sorgten schon die russischen Beamten. Keiner der Verhafteten befand sich im Besitz einer Quittung, so daß auf diese Weise ein Zurückfordern des Gestohlenen unmöglich wurde. Sehr vielen war auch das Geld bereits unter­wegs abgenommen worden, so daß sie vollständig ver­armt in den Gefängnissen eintrafen. Da aber der russische Staat nicht so viel Mitleid hatte, um diese unschuldig Verschleppten umsonst zurückzubefördern, so konnte nur der fahren, der Geld besaß. Wer mittellos war, mußte bleiben und das werden ver­mutlich die meisten gewesen sein.

Es erscheint nach dem Gesagten dringend not­wendig, daß Deutschland erneut die Vermittelung der neutralen Staaten an ruft, um dieses Elend vieler Tausender deutscher Staatsangehöriger in Rußland zu mildern. Auch müßte die Gewähr gegeben werden, daß Geldsendungen, die zur Heimfahrt bestimmt sind, wirklich in die Hände der Betreffenden gelangen und nicht unterwegs von gewissenlosen russischen Beamten unterschlagen werden.

Das Schicksal der deutschen Gefangenen unter russischer Knute ist so erbarmungswürdig, daß schnelle und energische Maßnahmen notwendig sind. Man sende znverlässige Personen Schweden, Amerikaner mit Geld zu den Verschickten, damit sie in den Stand gesetzt werden, sich Kleidung und Nahrung zu verschaffen. Nur ein tatkräftiges Eingreifen der Hilfstätigkeit von privater Seite kann schnelle Hilfe bringen. Eile tut not, wenn nicht Tausende dem Untergänge hilflos entgegengehen sollen.