Die Kriegslage zu Beginn der Woche.
Bpern für die Verbündeten unhaltbar. Unsinnige Friedensgerüchte. Noch keine Entscheidung in Nussisch-Polen.
[ Aus dem großen Hauptquartier ]
Großes Hauptquartier, 23. November, vormittags. (Amtlich. WTB.) Die Kämpfe bei Nieuport und Yperu dauern fort. Ein kleines englisches Geschwader das sich zweimal -er Küste näherte, wurde -urch unsere Artillerie vertrieben. Das Fener -er englischen Marinegeschütze blieb erfolglos.
Im Argonnerwalb gewinnen wir Schritt für Schritt Boben. Ein Schützengraben nach dem andern, ein Stützpunkt nach dem andern wird -en Franzosen entrissen. Täglich wir- eiue Anzahl Gefangener gemacht. Eine gewaltsame Erkundung gegen unsere Stellung östlich -er Mosel wurde durch unseren Gegenangriff verhindert.
In Ostpreußen ist die Lage unverändert. In Polen schiebt das Auftreten nener russischer Kräfte aus Richtung Warschau die Entscheidung noch hinaus. In Gegend östlich Czenstochau und nordöstlich Krakau wurden
-ie Angriffe der verbündeten Truppen fortgesetzt.
Oberste Heeresleitung.
Von den großen Kriegsschauplätzen im Westen und Osten liegen zur Stunde keine Nachrichten vor, die eine entscheidende Wendung in -er Kriegslage bedeuten. Die Operationen mit befriedigendem Erfolge für die deutschen Waffen dauern fort, gestalten sich aber noch schwieriger als vsher, weil, wenigstens im nordwestlichen Frankreich, in den letzten Tagen die Witterung sehr rauh und ungünstig geworden ist. Zu den Ueberschwemmungen aller niedrig belegenen Bodenflächen infolge des Durchstechens -er Flutzdämme und Kanaleinfassungen sind die Wasserfluten, die von oben herniederfallen, getreten. In manchen Gegenden herrscht noch stürmisches Schlackenwetter, in anderen sind Schneegestöber und Frost aufgetreten. Die auf offenem Felde, in dumpfen Erdhöhlen und in nassen Schützengräben sich aufhaltenden Truppen sind dadurch Strapazen und Beschwerden ausgesetzt, von denen die in schützendem Obdach und am wärmenden Ofen geborgenen Daheimgebliebenen kaum einen rechten Begriff sich machen können. Bei dieser Ungunst der Witterung ist nur ein Umstand tröstlich, daß die Feinde von all den Unbilden in gleicher Weise wie die Unseren heimgesucht werden. Ja wir dürfen annehmen, daß die Mühsal den Gegnern noch härter zusetzt, denn sie sind an körperlicher Abhärtung uns gewiß nicht überlegen,, und ihnen fehlt das toöverachtenoe Feuer patriotischer Begeisterung, von welchem Deutschlands Heldenkämpfer durchglüht sind.
In den französischen amtlichen Schlachtberichten wird nach wie vor behauptet, daß die feindlcben Verbündeten den deutschen Angriffen wirksamst standhalten, hier und da sogar kleine Vorteile errungen hätten, doch wird auch in neutralen Berichten zugegeben, daß die deutsche Offensive langsam vorörtnae. Sogar englische Beobachter bestätigen, daß auf der Linie Apern—Dixmuiden die Deutschen im zähen „Spatenkrrea" ihre Laufgräben immer weiter vorschieben. Gegenwärtig wird die von starken französischen Kräften besetzte Stadt Reims seitens der im Halbkreis auf den umliegenden Höhen aufgestellten schweren deutschen Belagerungsgeschütze Tag und Nacht bombardiert.
Die Operationen in Russsch-Polen gegen das russische Millionenheer, welches auf der Linie Plozk-Lodz-Czen- stochau-Krakau zum Kampf genötigt worden ist, neßmen ihren Fortgang. Die Htndenburg'fchen Truppen bedrängen die Russen im Zentrum, ungefähr in der Gegend von Lodz, während die Oesterreicher die russische Rückzugslinie zwischen Czenstochau und Kielce zu durchbrechen suchen. Das Ergebnis dieser einheitlichen An- grisfsbewegungen steht noch aus, die Lage der von drei Seiten eingekreisten russischen Heeresmacht ist aber so schwierig, daß schon ein besonderer Glücksfall sich ereignen müßte, wenn die moskowitischen Heerscharen dem nahenden Verhängnis sich entwinden sollen.
Sehr erfreulich sind die Fortschritte der türkischen Streitkräfte im Kaukasus, woselbst auf russischem Gebiet der Vormarsch in der Richtung auf Batum angetreten ist, und auf dem Wege zum Suezkanal, dem sich die Türken bis auf dreißig Kilometer genähert haben. Die Wetterwolken über den Häuptern unserer Feinde ziehen dräuend auf. Wie bange den Gegnern dabei zu Mute wird, verraten ihre ängstlichen Hilferufe nach dem Beistande der bisher neutralen Balkanstaaten und nach Truppen- senbungen aus Kanada und — Japan!
Die Kämpfe nm Vpern.
Die Ende der vorigen Woche bei Ypern und Arras erzielten Vorteile gestatteten, wie dem „L.-A." aus Genf
3m fernen Osten.
Roman von O. Elster.
80) (Nachdruck verboten.)
„Mein Gott, was ist Dir?" rief ihr ihre Mutter erschreckt entgegen. „Bist Du krank? — Weshalb weinst Du? — es ist doch nichts mit Fred geschehen?"
Ellen schüttelte den Kopf.
„Ich sah Fred vorhin über den Hof gehen, Mama," entgegnete sie. „Ich — ich fühle mich nicht ganz wohl — ich möchte allein sein . . ."
„Du strengst Dich zu sehr an — es muß ja schrecklich im Lazarett sein — Herr von Witkoven meinte auch, Du solltest Dich mehr schonen . .
„Wer kann unter diesen Verhältnissen an Schonung denken, Mama," erwiderte Ellen mit zuckenden Lippen.
„Lege Dich hier auf das Ruhebett . .
„Nein, ich will in mein Schlafzimmer gehen. Be- unruhige Dich nicht meinetwegen, Mama. Es wird vorübergehen . .
Sie entfernte sich. Kopfschüttelnd sah ihr ihre Mutter nach. Doch da setzte das Gewehr- und Geschützfeuer mit neuer Heftigkeit wieder ein, eine Granate krepierte mit lautem Krach mitten auf dem Hofe der Gesandtschaft — Frau Melanieschrie erschreckt auf und flüchtete in den entferntesten Winkel, das Gesicht in beide Hände verbergend.
Und weiter tobte der Kampf da draußen vor den Mauernunbr, Barrikaden die man an den Zugängen der Gesandtschaft errichtet hatte.
W» vernahm von dem Lärm und Getöse nichts. In trefe, schmerzliche Gedanken versunken, saß sie da — oder ging m ihrem Zimmer ruhelos auf und ab, der alten, glücklichen Zeiten gedenkend, da sie mit ihm der L^ Grabe ruhte, fröhliche Kinderspiele gespiM, da ße Hand in Hand gestanden, liebe Worte ausgetauscht
gemeldet wird, den deutschen schweren Geschützen am Sonntag bei vorzüglicher Aufstellung Ypern und -essen nächste Umgebung einem besonders wirksamen Bombardement anszusetzen und die feindliche Artillerie an mehreren wichtigen Punkten» auch bei Arras, empfindlich zu schädigen. Der französische Tagesbericht bekennt die Wirklichkeit nur teilweise, indem er die Zerstörung des Yperner Rathauses sowie die Einäscherung der dortigen Markthallen mitteilt, aber verschweigt, wie empfindlich die englischen Stellungen dank der deutschen Zielsicherheit gelitten haben. — Die französische Fachpresse zeigt sich wegen der Möglichkeit der Ausnutzung der deutschen Vorteile zum Schaden der sichtlich ermatteten englischen Verteidignng Yperns besorgt.
Die neue Beschießung von Ypern
wird nun auch durch die amtlichen französischen Berichte bestätigt. Der am Sonntag, abends 11 Uhr, ausgegebene Schlachtbericht lautet: „Im Laufe des heutigen Tages wurde Ypern heftig bombardiert, wobei die Markthallen und das Rathaus zerstört wurden. Heftige Artilleriekämpfe fanden ferner in -er Umgebung von Soissons und Vailly statt. Auf dem übrigen Teil der Front nichts Neues." Da das Rathaus von Ypern schon mehrere Male in Schutt verwandelt sein sollte, wird man gut tun, abzuwarten, ob der französische Bericht der Wahrheit entspricht.
Ypern für die Verbündeten unhaltbar.
«-* Genf, 24. November. (T.-U.) Nach italienische» Meldungen soll Ypern für die Verbündeten unhaltbar geworden sein.
Wann Joffre angreifen will.
Wie General Berthou im „Petit Journal" mitteilt, sprach Josfre die Ueberzeugung aus, daß es ihm gelingen werde, die gegenwärtigen (Stellungen so lauge zu halten, bis die Russen ihre Offensive durchgeführt und alle Angriffe der deutschen und österreichischen Truppen abgewiesen hätten. Der französisch-englische Frontalan- §riff werde erfolgen, wenn den russischen Streitlüsten er Einmarsch in Ostpreußen geöffnet sei. Der Militärkritiker des Blattes schließt, wie der „Berl. Lok.-Anz." berichtet, daraus, daß die französische Heeresleitung ihre Taktik wieder geändert habe und sich bis auf weiteres auf die Defensive beschränke.
Eine nene Kampfstellung?
«■* Kopenhagen, 24. November. (T.-U.) Aus Paris wird nach der „Köln. Ztg." gemeldet, dort herrsche die Auffassung, die Deutschen führten ihre Truppen südlich, um sie nm Arras oder sogar Soissons zusammenzuziehen.
»a* Christiania, 24. November. (T.-U.) Aus Paris wird nach dem „B. T." gemeldet: Französische Militär- schriftsteller, die in der Pariser Presse den Krieg kom- mentieren, halten dafür, daß die Schlacht an der oberen User jetzt, praktisch gesprochen, beendet sei und daß die Operationen der Deutschen vor einer nenen Basis ständen.
Kanonendonner Tag und Nacht.
Rotterdam, 24. Novenrber. (WTB.) Aus Oos- burg wird gemeldet: Seit Sonnabend wird wieder Tag und Nacht Kanonendonner aus südwestlicher Richtung gehört.
Deutsche Flieger über Amieus.
Kopenhagen, 24. November. (T.-U.) „National Tidende" meldet nach der „Boss. Ztg." ans London: Feindliche Flugzeuge machten Mittwoch vormittag einen unerwarteten Angriff auf Amieus und ließen Bomben auf die Stadt fallen. Eine Bombe schlug in den Gasometer der Gasanstalt und durchbohrte ihn an dreizehn verschiedenen Stellen. Das Gas wurde entzündet. Die Flammen schlugen aus allen Oeffnungen heraus. In einem anderen Stadtteil wurden mehrere Arbeiter getötet und zwei Personen verwundet.
Christiania, 24. November. (T.-U.) Der Pariser Korrespondent der „Aftenposten" telegraphiert: Ein deutscher Flieger versuchte gestern über Compiegne Bomben auf den Bahnhof zu werfen. Eine Bombe fiel auf eine Schule, die als Hospital dient.
Die Lage im Osten.
beurteilt auf Grund der letzten Meldung aus dem Großen Hauptquartier der militärische Mitarbeiter des „Berl. TWebl." wie folgt:
Am Sonnabend schon hatten wir die Sicherheit erhalten, daß die russischen Kräfte, die gegen die Linie Soldau-Tborn vorgestotzen und dann über Mlawa und Plozk zurückgeschlagen wurden, sich nicht festsetzcn konnten. Sie wurden verfolgt und dürften sich vor der Weichselfestung Nowogeorgiewsk zu einem Widerstand nicht fähig fühlen. Damit hören sie auf, für den linken Flügel
und sich ihre Lippen zum Kusse geeint. Das alles war nun versunken in die dunkle Nacht des Todes, aber vergessen war es nicht, und die schmerzlich-süße Erinnerung würde in ihrer Seele haften bleiben, bis auch sie hinab- tauchte in jene finstere Nacht, wo es kein Erinnern mehr gab.
Doch plötzlich schreckte sie aus ihren Träumen empor. Ein furchtbares Krachen und Splittern ertönte über ihr, und lautes, wüstes Geschrei.
Ein unheimliches Knistern und Knacken ging durch das leichte Gebälk des Hauses, als ob ein Brand sich ausbreiten wollte, und schon füllte ein leichter Brandgeruch das Zimmer.
Eine Granate mußte in das Dach des Hauses eingeschlagen und das Gebälk in Brand gesteckt haben.
Erschreckt eilte Ellen hinunter zu ihrer Mutter, die sie fassungslos schluchzend, halb bewußtlos auf dem Ruhebett liegend fand. Die chinesischen Dienstboten waren schon entflohen, ohne sich um die vor Angst und Schrecken Bewußtlose zu kümmern.
Ellen richtete ihre Mutter empor.
„Wir müssen fort, Mama — das Haus brennt" . . .
„Mein Gott — mein Gott" . . . jammerte die arme Frau, die sich kaum auf den Füßen halten konnte.
Ellen stützte sie und führte sie fort. Hinter ihnen fprühte das Feuer hoch auf, das schon das trockene Holz der leichten Veranda ergriffen hatte und einen feurigen Funkenregen herabschüttete. Jenseits der Mauer aber, die hier den Hof gegen die Straße abgrenzte, ertönte wildes Geschrei, knatterte das Gewehrfeuer der Käm- pfenden, erschallte das Hurra der deutschen Seesolöaten, wenn sie sich mit dem Bajonett auf den Feind stürzten, der dann jedesmal feige entfloh.
Der Lärm des Kampfes entfernte sich etwas. Der Feind schien aus der Straße vertrieben zu sein. Ferner und ferner hallten die Schüsie.
der ganzen deutschen Ostarmee, die in der Gegend nördlich Lodz im Kampfe siebt, eine Gefahr zu bilden.
Das Ringen bei Lodz kam noch nicht zum Abschluß. Dem Theoretiker ist wichtig, daß es bei den Kämpfen bei Wlozlawec und Kutno den Russen nicht gelang, im ständigen Rückzug auf die Weichsellinie zu bleiben, sondern daß sie einige Tagesmärsche vorwärts ihrer Operations- basis zur Annahme der Entscheidung gezwungen werden konnten. Mit dem Auftreten neuer russischer Kräfte mußte gerechnet werden- die Weichselfestungen hatten sicher bei dem Vorgehen der großen russischen Feldarmeen nicht unerhebliche Kräfte inerhalb der Werke zurückbehalten. Für die Entscheidung dürften aber diese Nachschübe zu spät kommen- sie werden eher in eine russische Niederlage verwickelt, als daß sie sie abwenden können.
Der deutsche rechte Flügel sümpft zusammen mit den österreichisch-ungarischen Heeresteilen erfolgreich in der Gegend von Czenstochau. Die große russische Kqm- pfesfront hat sich also durch die Angriffe der verbündeten Armeen verschoben.. Während sie früher nach Westen gerichtet war, hat sie jetzt eine nordwestliche Front. Damit hat der rechte russische Flügel eine Zusammc-ldrän- gung erlitten- seine rückwärtigen Verbindungen sind dadurch in Verwirrung gekommen und ein Rückzug ist sehr schwierig geworden.
Eine günstigere Vorbereitung für den Sieg der Verbündeten kann sich der Theoretiker nicht aufbauen, vorausgesetzt, daß das Kräfteverhältnis sich einigermaßen die Wage hält und auf unserer Seite zu einer scharfen
Der Rückzug der Russen auf Warschau.
w> Kopenhagen, 24. November. (T.-U.) Die Kopen- hagener Presse läßt sich nach der „Post" aus Petersburg melden, daß die russische Heeresleitung den strategischen Rückzug auf die Warschauer Verteidigungsstellung au- geordnet habe. Die russischen Zeitungen brachteil bis heute noch kein Wort über die letzten Niederlagen in Ostpreußen und Polen. Die „Nowoje Wremja" schreibt, daß der Vormarsch der Serben und Montenegriner in das Herz Oesterreichs fortöauere.
So wird die russische Bevölkerung über den Verlauf des Krieges irre geführt.
Mangel der Russen an Artillerie.
Der Berliner „Lok.-Anz." bringt eine Unterredung eines Mitarbeiters mit einer autoritativen Persönlichkeit, wonach in der russischen Armee der Mangel an Artillerie und Handfeuerwaffen immer mehr nm sich greift. Die russischen Infanterieregimente::, die zurzeit' hinter der Front in der Provinz gedrillt werden, verfügen durchschnittlich nur über hundert Gewehre.
^ Wien, 23. November, mittags. (WTB.) In Russisch-Polen ist noch keine Entscheidung gefallen. Die Verbündeten setzen ihre Angriffe östlich Czenstochau und nordöstlich Krakau fort. Bei der Eroberung des Ortes Pilica machten ungarische Truppen gestern 2409 Gefangene. Das Feuer unserer schweren Artillerie ist von mächtiger Wirkung. Die über den Dnnajec vorgegan- genen russischen Kräfte können nicht durchdringen. Dte Kriegslage brächte es mit sich, daß wir einzelne Kar» pathenpässe vorübergehend dem Feinde überließen. Am 20. November drängte ein Ansfall aus Przemysl die Ein- schlietznngstruppen von der West- und Südwestfront vor der Festung weit zurück. Der Gegner hält sich außer Geschützertrag.
Belgrad vor der Uebergabe.
Der „Deutschen Tagesztg." wird gemeldet:
Die Einnahme von Belgrad kann stündlich erwartet werden. Aus Semlin wird die Festung unnuter- brochen bombardiert. Auf der Höhe des Kalimegdan sind sämtliche militärische Gebäude, so auch das Haus des Generalstabs, eingestürzt. Der Konak und viele Gebäude
im Innern -er Stadt sind arg beschädigt. In Belgrad sind noch immer mehrere tausend Soldaten, die sich, wenn sie sich mit der serbischen Armee nicht vereinigen können, was wahrscheinlich ist, ohne Kampf werden ergeben müssen. In der Stadt ist -er Lebensmittelmangel sehr groß, besonders fehlt das Brot, da kein Mehl vorhanden ist.
Die serbische Regierung sieht sich jetzt endgültig genötigt, ihre Niederlagen zuzugeben. Wie aus Athen berichtet wird, teilte die dortige serbische Gesandtschaft mit, daß das serbische Heer aus strategischen Gründen
nötigt, tl, berichtet wird, k^v * mit, daß das serbische °^. aus dem Rückzug begriffen ist.
LZMWM
Ellen atmete auf. Sie führte ihre Mutter zu einer Bank, die neben einem blühenden Oleandergebüsch stand. Erschöpft sank Frau Melanie auf der Bank nieder, das Gesicht in die Hände verbergend. Sie zitterte an allen Gliedern und schrak jedesmal, wenn ein Schuß fiel, zusammen. Ellen durfte sie nicht verlassen und doch wünschte sie, sich nach Hilfe umsehen zu können.
Aber niemand war zu sehen. Die Soldaten und die männlichen Bewohner der Gesandtschaft befanden sich auf dem Kampfplatz- die chinesische Dienerschaft hatte sich verkrochen oder war entflohen- der Hof war leer, nur der große Hund Wittkovens, der in seiner Hütte neben dem brennenden Hause angekettet war, zerrte an seiner Kette und heulte klagend auf.
Ellen setzte sich neben ihre Mutter, tröstend den Arm um sie legend.
Plötzlich sprang der Hund mit wütendem Gebell auf und stürzte auf die Umfassungsmauer zu. Und da sah Ellen erbleichend, wie gelbe Chinesengesianer über die Mauer lugten, und wie ihrer immer mehr wurden und plötzlich einige von ihnen in den Hof sprangen.
Wütend stürzte sich der Hund auf sie — im nächsten Augenblick lag er, von einer Lanze durchbohrt, in Todeszuckungen am Boden.
„Mutter, wir müssen fliehen!" flüsterte Ellen ihrer Mutter zu und versuchte sie emporzuziehen.
Diese fuhr empor — da sah sie die gelben Chinesengesichter und mit einem gräßlichen Schrei sank sie bewußtlos zusammen.
Ellen stand ratlos da. Sollte sie fliehen? — Aber konnte sie ihre arme Mutter im Stich lassen? Ein furchtbares Los wartete ihrer. Die entsetzliche Grausamkeit der chinesischen Rebellen gegen christliche Frauen und Kinder war zu bekannt, als daß Ellen auf Gnade und Barmherzigkeit hoffen konnte. Schimpfliche Behandlung, ein qualvoller Tod stand ihr bevor. (Forts. ♦