Einzelbild herunterladen
 
  

Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^^ für den Kreis Hersfeld Melier Wlott

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder- holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 375. Dienstag, den 34. November 1914

Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.

Bus der Heimat«

* (Kirchenkollekten a m Weihnachts - f e st.) Nach Bestimmung des Konsistoriums kommt am ersten Weihnachtstag, die von dem Minister der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten angeordnete Kollekte zur Linderung der durch den Krieg hervor­gerufenen Notstände in Elsaß-Lothringen, in den Kirchen des Bezirks zur Erhebung, am zweiten Weih­nachtstag ist die ausgeschriebene Kirchenkollekte für die Zwecke der Soldaten-Mission des Westdeutschen Jünglingsbundes, am dritten Weihnachtstag diejenige für den Kinder-Rettungsverein in Berlin einzu- sammeln. Das Konsistorium glaubt die Erwartung aussprechen zu dürfen, daß unsere Gemeinden, trotz der Anforderungen, welche die gegenwärtige Kriegs­lage an die Opferfreudigkeit des Einzelnen stellt, die drei Liebeswerke insbesondere die Fürsorge für die in Not geratenen reichsländischen Brüder mit Gaben der Liebe zu bedenken.

* (Die Weihnachtspakete für unsere Soldaten.) Von amtlicher Seite wird auf folgende wesentliche Abweichungen aufmerksam gemacht, die sich nach der amtlichen Bekanntmachung des Kriegs­ministeriums gegenüber den Bedingungen in der ersten Paketwoche für die Privatpäckereien nach dem Feldheer (Weihnachtspakete) in der Zeit vom 23. bis 30. November ergeben. Alle Pakete müssen mit Be- gleitadrejse (Paketkarte) aufgeliefert werden. Wenn Pappkartons zur Verpackung benutzt werden, müssen sie mit Leinwand umnäht werden. Diese Anordnungen haben sich auf Grund der Erfahrungen, die bei der ersten Zulassung der Pakete gemacht worden sind, als notwendig erwiesen. Erfolgt die Auflieferung bei einer Postanstalt, so ist der Portobetrag von 25 Pfg. zweckmäßig gleich durch Aufkleben von Marken auf der Paketkarte, nicht auf dem Paket, zu verrechnen, um die Abfertignng zu beschleunigen.

»Etwa 5 bis 6 Millionen Feldpost­briefewerden nach amtlicher Mitteilung jetzt täg­lich in der Heimat aufgeliefert. Da wir seit 110 Tagen Krieg haben, so ergibt dies mindestens eine halbe Milliarde Feldpostbriefe, die bis jetzt etwa aufgeliefert sein mögen.

em

):( Hersfeld, 23. November. Der g e st r i g e Totensonntag dürfte zu den ergreifendsten Ereignissen zu zählen sein, die im Verlaufe des Krieges bisher an unseren Augen vorüberzogen. Nicht allein deshalb, weil sich in seinem Verlaufe uns die schmerzliche Erkenntnis aufdrängte, daß auch in unserem Orte der Daseinskampf unseres Volkes bereits so manches Opfer gefordert. Weit erschütternder noch mochte der Gedanke auf uns wirken, daß zu eer Zeit an jedem Orte unseres Vaterlandes eine

von Schmerz und Trauer über die Herzen dahinflutete, und daß ein ganzes Volk an diesem Tage einen harten Kampf zwischen fassungslosem Schmerz und der Erkenntnis eiserner Notwendigkeiten zu führen hatte. Und es verkleinert unseren Schmerz nicht, daß angesichts der ehernen Gegenwart die vor­genannte Erkenntnis die Oberhand behielt. Ueoe und dankbare Erinnerung bis zum eigenen letzten Atemzüge sind jedem unserer gefallenen Helden tm Herzen des ganzen Volkes gewiß, und keiner von uns Daheimgebliebenen wird sich berufen fühlen können, die Dankesschuld jemals ganz abtragen zu können, die ein solches Opfer in uns erwarb. Das war die heilige Ueberzeugung, die in ledem Herzen wohnte; und das Empfinden dieses MUfühlens eines ganzen Volkes wird den vom Schick,al direkt^ Be­troffenen wenn nicht ein Trost, ,o doch em lindernder Balsam in ihrem wehen Schmerze gewesen lern.

):( Hersfeld, 23. November. Vom 8. Bataillon des R^erve-Jnfanterie-Regiments 71 ist Sonntag nachstehendes Telegramm hier eingegangen:

Bürgermeister Strauß, Hersfeld.

Für 2. Liebesgabensendungen Dank des Bataillons. Bei nächster eventueller Sendung wolleneDeck und U n t e r j a ck e n sehr erwünscht.

von Otto, Leutnant und Adjutant. Da in den allernächsten Tagen eine L ie b esgaben- Sendung an die 71er hier abgeht, bei der nch wollene Decken und Unterjacken nicht befinden, so wird dringend gebeten, vorhandene wollene Decken abzuliefern, bezw. solche zu beschaffen und rm ^tadt- Wkretariat abzugeben, oder endlich Geld zur Be­schaffung von wollenen Decken zu gewahren, tut Not!

Sontra. 21. Novbr. Unter dem Schweinebestande der Rittergutsbesitzer Gebrüder Ruckert tn Hos

Welda, die eine ausgedehnte Schweinezucht betreiben, ist die Schweinepest festgestellt worden. Eine große Anzahl Tiere mußte bereits getötet werden.

Homberg, 20. Novbr. Die Aufnahmeprüfung in das hiesige Lehrerseminar findet am 29. und 30. März statt.

Wenigenhasungen, 20. Nov. Als der 19jährige Sohn des Landwirts Reinhard Fricke damit beschäftigt war, die Lukenrolle zu befestigen, verlor er das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe,- der junge Mann war auf der Stelle tot.

Corbach, 20. November. Der beim Gutsbesitzer Zölner im benachbarten Melleringhausen bedienstete 16jährige Dienstknecht Hermann B. geriet heute vor­mittag in die Dreschmaschine, die ihm den linken Arm oberhalb des Ellenbogens glatt abrtß. Der Bedauerns­werte wurde dem Corbacher Krankenhause zugeführt.

Schlüchter«, 18. November. In Salmünster traf ein Feldpostbrief eines Landwehrmannes ein, der aus den Kämpfen in den Vogesen folgendes Geschicht- chen erzählt: Lagen da die Wehrleute der beiden kämpfenden Heere kaum 400 Meter entfernt in ihren Schützengräben und ruhten sich nach einem heftigen Gefecht eben ein wenig aus, als gerades Weges durch die gefahrdrohende Feuerzone ein Mädchen von viel­leicht zwölf Jahren aus dem französischen Schützen­graben auf den deutschen Schützengraben zulief. Dort überreichte es den deutschen Landwehrmännern eine Tafel Schokolade, auf deren Umhüllung folgende Worte standen:Liebe Kameraden! Wir sind auch Land­wehrleute wie Ihr, wir sind verheiratet und haben Kinder zu Hause wir Ihr. Schießt uns doch nicht tot!" Die Antwort, die das wackere Mädchen mitbe- kam, war ebenso kurz wie bündig, sie lautete:Geht Ihr doch nach Hans', dann ist die Sache aus!"

Hanau, 21. November. Da nach der Festsetzung von Höchstpreisen für Kartoffeln die Produzenten ihre Kartoffeln zurückhielten, ist vom Polizeidirektor und Landrat für den Stadtkreis und den Landkreis Hanau die sofortige Beschlagnahme der bei den Kartoffelzüchtern und Händlern befindlichen Kartoffel­vorräte, soweit sie nicht für den eigenen Bedarf nötig sind, angeordnet worden.

Hanau, 21. November. Hier wurden zwei mit Auslandspässen und reichen Geldmitteln versehene zugereiste Kaufleute verhaftet, die versuchten, tu zahl­reichen Goldwarengeschäften Gold aufzukaufen. Es steht fest, daß beide Verhaftete bereits in anderen Städten Deutschlands Gold aufgekauft und nach dem Ausland geschafft haben. ,

Der Petroleum-Mangel

Infolge der kürzlich auch von uns wied-rgegebenen Erklärung der Mannheimer Petroleum-Gesellschaft waren allerlei ungerechtfertige Angriffe auf den Klein­handel erfolgt. Zu dieser Erklärung nun insofern eine Einschränkung zu machen, als wie die Mann- Heimer-B^mer Petroleum-Gesellschaft nun der Neuen Bad. Landeszeitung mitgeteilt hat, von ihr aus Gründen der Vorsicht eine kleine Herabminderung der Ablieferungen vorgenommen worden ist. Diese Beschränkungen scheinen jedoch schon ziemlich stark zu So wi?d der .Frankfurter Zeitung" geschrieben, daß zum Beispiel, die Deutsch-Amerikanische Petroleum- Gesellickaft ihren eigenen Kunden nur etwa 60, neuer­dings nur etwa 40 Prozent des vorjährigen Bedarfes ab liefert Die Pure-Oil-Companis macht bekannt, daß sie ihre Vorräte für die Monate November und T'pjpinfier auiaeteilt habe und jedem Kunden nur ein Zehntel de? im Vorjahre in diesen beiden Monaten abgenommenen Mengen zur Verfügung stellen kann.

Beherzigenswerte Ratschläge.

Auf Grund eingehender Verhandlungen von Sach­verständigen hatdas Statistische Amt der Stadt München eine Anzahl von Ratschlägen aufges ellt wie sie für die Haushaltungen und für den ernze neu in der jetzigen ^eit besonders angezeigt erscheinen. Dre,e Ratsibläge umfassen nach einer Wiedergabe in den Mitteilungen des Kriegsausschusses der deutschen "Industrie" folgende Punkte:

Denkt bei der Ausstellung des täglichen Speise- zettels, beim Einkauf und bei der Zubereitung von Lebensrnitteln, bei Bestellunaen tm Gasthaus, kurz überall da, wo ihr als Verbraucher wirk,am seid, daran, daß unsere Gegner den Plan verfolgen, uns durch Aushungerung zur Niederlegung der Wagen zu zwingen, und daß ihr die Gegner nrederrrngen helft, wenn ihr die richtigen Lebensrnittel auswahlt und wenn ihr sparsam damit umgeht !

Wir leben nicht in Tagen der Not, sondern in Tagen der Vorsorge. Ihr braucht nicht zu befürchten,

daß unsere Lebensmittelvorräte erschöpft seien oder in der nächsten Zukunft erschöpft sein werden. Die Menge der uns zur Verfügung stehenden Lebens­mittel im ganzen ist so groß, daß sie für lange Zeit ausreichen wird, und die bisherigen Erfolge unserer Truppen berechtigen zu der Hoffnung, daß der deutsche Boden auch im kommenden Jahre, frei von feindlichen Truppen, neue ausgiebige Borräte liefern wird. Nicht Darben, sondern Vorbeugen ist erforderlich. Es gilt, die Zeit, in. der unsere Lebensmittel zu mäßigen Preisen ausreichen, dadurch verlängern zu helfen, daß die einzelnen weniger reichlich vorhandenen Lebensmitttel durch reichlicher vorhandene Lebens­rnittel ersetzt werden, und daß mit allen zum Ver­brauch gelangenden Lebensrnittel haushälterisch ge- wirtschaftet wird.

Wählt für euer Mittag- und Abendessen die richtige Art von Supve, Mus oder Brei! Reis, Linsen, Erbsen und weiße Bohnen sind Waren, für die rvir bisher ganz oder zu starken Bruchteilen aus über­seeisches oder feindliches oder diese Erzeugnisse jetzt selbst benötigendes verbündetes Ausland angewiesen waren. Eßt statt Reis-, Linsen-, Erbsen- und Bohnen­suppen mehr Gersten-, Gries-, Gemüse-, Kartoffel-, Brenn-, Gerstenflocken- und Haserflockensuppen! Eßt statt Reis- und Erbsenbrei mehr Brei oder Auflauf aus Gries oder Hirse! Schränkt euren Verbrauch von Weißbrot und Semmeln aus Weizenmehl ein, um dafür eitern Verbrauch von Roggenbrot oder Brot, das aus Weizen- und Roggenmehl gemischt ist, auszudehnen. .

Eßt als Fleischverbraucher weniger Kalbfleisch und dafür mehr Rind- und Schweinefleisch! Verbraucht beim Kochen nicht Fett in übertriebenen Mengen und wendet euch von Fettsorten, die wir bisher in großen Mengen aus dem überseeischen Auslande bezogen, zu Fettsorten, die wir im Jnlande in genügender Menge haben! Passende Ersatzmittel für ausländisches Schweineschmalz sind: Nierenfett, außerdem Rinds­talg mit und ohne Zusatz von Oelen, auch Rüböl und Buchenöl.

Benutzt den reichen Obstsegen dieses Jahres, in­dem ihr Obst frisch genießt, dörrt oder einmacht! Die Gemüsevorräte können vermehrt unA' für manche als Würze dienende Kolonialwaren kann Ersatz gesunden werden, wenn die in früheren Zeiten vielfach ver­wandten Pflanzen: Löwenzahn, Brennesel, Sauerampfer, Salbei, Wegbreite und Gänsefuß wieder ihren Weg in die Küche finden. Verwendet auch Sauerkraut und Sauergemüse (Rübenkraut, Bohnengemüse und Sauerkohl)!

Schränkt euren Genuß alkoholischer Getränke ein!

Vermeidet tunlichst überflüssige Abfälle und ver­wertet, soweit es möglich ist, die Speisereste wieder zu menschlichen Genußzwecken!

Es ist irrig, zu meinen, weil der einzelne im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung nur wenig ver­braucht, sei es für die Allgemeinheit gleichgültig, was und wie er verbraucht. Viele Tropfen machen einen

Strom.

Die richtige Auswahl und die möglichst große Ausnützung der Lebensmittel können ohne nennens­werte Unbequemlichkeiten durchgeführt werden. Die kleinen Störungen, die einige Abänderungen der üblichen Lebensweise mit sich bringen mögen, wiegen federleicht gegenüber den Opfern, die unsere Truppen bringen, gegenüber den Strapazen, die unser Heer durchzumachen hat, gegenüber den Leiden, die in unsern Lazaretten erduldet werden. Die Nation darf heute nicht aus zwei Schichten bestehen, deren eine freudig ihr Leben aufs Spiel setzt, und deren andere jeder leisen Wandlung ihrer Lebensgewohnheiten sich wider­setzt. Kein gedankenloser und selbstsüchtiger Verbrauch, sondern ein vernünftiger und gemeinsinniger Verbrauch ist heute am Platze.

Die Durchführung der Grundsätze der Vernunft und des Gemeinsinnes im Lebensmittelverbrauch er­öffnet insbesondere der weiblichen Bevölkerung ein fruchtbares Tätigkeitsgebiet. Nur eine begrenzte Zahl von Hausfrauen kann in der Verwundetenpflege und in anderen Teilen der Fürsorge für unsere Krieger Verwendung finden. Die Fürsorge für eine unsere Widerstandskraft gegenüber den Feinden stärkende Gestaltung des Lebensmittelverbrauches der daheim bleibenden Bevölkerung bietet unsern Haus­frauen einen nicht minder wichtigen Wirkungskreis. Hier ist zugleich ein Gebiet, auf dem unsere Dienst­boten viel nützen können und sollen.

Gedenket allzeit

des

Roten Kreuzes!