Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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für den Kreis Hersfeld
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Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 252.
Dienstag, den 26. Oktober
1914
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.
Strickt Strümpfe für unsere Truppen im Felde.
Bus der Heimat»
* Kür die kleine Viehzählung am 1. Dezember, die der Bundesrat beschlossen hat, sind jetzt die näheren Bestimmungen ergangen. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." mitteilt, bleibt den Bundesregierungen überlassen, von der Zählung der Pferde abzusehen. Die Militärpferde werden auf jeden Fall nicht gezählt. Pferde der Landgendarmerie gelten nicht als Militärpferde. Beim Rindvieh unterscheidet man Kälber unter 3 Monaten alt, Jungvieh 3 Monate bis 2 Jahre alt und 2 Jahre altes und älteres Rindvieh, und zwar Bullen, Stiere und Ochsen einerseits und Kühe andererseits. Bei den Schweinen wird unterschieden unter V2 Jahr, Va Jahr bis 1 Jahr, sowie 1 Jahr alt und älter. Schafe und Ziegen werden einschließlich der Lämmer gezählt. Bei der Zählung ist es gleichgiltig, wer Eigentümmer des Viehes ist. Schafherden werden in der Gemeinde gezählt, in der sie sich auf Weide oder in Fütterung befinden.
* (KeinegestricktenLeibbinden mehr!) Die Krieger bitten um Stoffbinden, da die gestrickten beim Naßwerden tagelang feucht bleiben und sie dieselben wegen der Beschwerlichkeit des An- und Ausziehens am Leibe trocknen müssen. — Ferner bitten unsere Krieger um lange Pulswärmer, die die Ellenbogen mitbekleiden.
* (Leimringe an legen.) Aus dem starken Auftreten der Raupen des Frostspanners in diesem Frühjahr kann ein starker Flug^dieses Schmetterlings im Laufe des Herbstes und eine starke Ranpenlage im kommenden Frühjahr gefolgert werden. Es gilt daher an alle Obstzüchter den Mahnruf: „Legt in diesen Wochen die Leimringe um die Obstbäume und bestreicht diese mit Raupenleim". Als Leimgürtel sind entweder die im August-September um die Bäume gelegten Fanggürtel zu benutzen, auf deren Außenseite der Raupenleim zu streichen ist. Oder es ist ein ca. 10 Zentimeter breiter Streifen Pergamentpapier fest um den Stamm'zu legen, der am oberen sowielam unteren Rande stramm anzubinden ist. Auf diesen Streifen Papier wird der Raupenleim gestrichen.
* Wer Auskunft überKriegsgefangene wünscht, wende sich zweckmäßig mit Postkarte an folgende Adresse: An das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, Ermittelungsbureau für Kriegsgefangene, Genf (Schweiz), Die Rückseite der Post- > nach folgendem Muster auszufüllen: Name des Militärs, Vorname, Rang, Truppengattung ^Corporation), Nummer, Datum und Ort, wo zuletzt gesehen. Gefangen oder verletzt. (Alles so genau wie möglich.) Name und Adresse des Absenders. o. § Hersfeld, 26. Oktober. (Vergeht bei den Liebesgaben Pfeffer und Salz nicht.) Aus Feindesland zurückgekehrte Soldaten beklagen vielfach den Mangel an Salz und Pfeffer und sonstigem Gewürz. Namentlich Salz ist in Frankreich ein seltener Artikel geworden. Ohne Salz schmeckt die beste Suppe nicht und Fletsch wird ohne Salz sicher nicht schmackhaft. Man möge daher bei Absendung von Liebesgaben die Gewürze, namentlich Salz, nicht vergessen.
):( Hersfeld, 26. Oktober. Zu Ehren ihres scheidenden Schriftführers, des Bahnhofsvorstehers Hahn, hielt der Beamtenverein vergangenen Sonnabend eine Versammlung ab. Der Vorsitzende dankte dem Scheidenden für seine Tätigkeit im Interesse des Vereins, bedauerte seine Versetzung von hier und überreichte ihm im Namen des Vereins als Ehrung einen Deckelschoppen, worauf die anwesenden auf das Wohl der Familie des Scheidenden tranken. Sichtlich bewegt dankte Herr Hahn für die ihm gezollten Worte und das Geschenk. Nachdem die Herrn Lohr- mann und Möhl das Verdienst des Scheidenden als Beamter und Bürger sowie sein biederes bescheidenes Wesen näher beleuchtet hatten, nahmen die Anwesenden Abschied von Herrn Hahn mit dem allseitigen Wunsche auf baldiges Wiedersehen.
§ Hersfeld, 26. Oktober. Morgen, Dienstag, Abend 8i/2 Uhr hält Herr Stadtverordneter PeterBelz aus Frankfurt, Direktor des Verbandes hessen-nassauischer gewerbl. Genossenschaften, im Saale des Hotels zum Stern vor den Mitgliedern der hiesigen Innungen u. des Gewerbevereins einen Vortrag üüer die Aufgabe und Vorteile der Kreditgenossenschaften für das Handwerk. Bei der infolge
des Krieges eingetretenen Kreditnot im Handwerk ist dieser Vortrag von der größten Bedeutung für den gesamten gewerbl. Mittelstand unserer Stadt, und es haben auch alle nicht organisierte Handwerksmeister zu diesem Vortrag Zutritt und sind herzlich willkommen.
):( Hersfeld, 26. Oktober. Das eiserne Kreuz erhielt Herr Staosarzt Dr. Bart, Füselierregt. 122.
Homberg, 22. Oktober. Dem in russische Gefangenschaft geratenen Landrat des Kreises Goldap i. Ostpr., Herrn Philipp von Gehren, dem Bruder unseres Landrats, der sich selbst wieder befreit hat, wurde das Eiserne Kreuz verliehen.
Eichenberg, 22. Oktober. Die russisch-polnischen Arbeiterinnen auf dem Rittergut Hebenshausen hatten versehentlich den Deckel der Kochgrude sowie die Tür zum naheliegenden Schlafraum offen gelassen. Durch das sich entwickelnde Kohlengas wurden die Mädchen sämtlich bewußtlos. Der Besitzer lieh sie sofort in die freie Luft bringen und einen Arzt zur Hilfe herbeirufen. Es gelang die Mädchen sämtlich zu retten.
Nordhause», 21. Oktober. Der Gastwirt Karl Ullrich aus Nordhausen wurde vom Schwurgericht Erfurt wegen versuchten Totschlags seiner Ehefrau unter Zubilligung mildernder Umstände zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Auf Ehrverlust wurde deshalb nicht erkannt, weil die Ehefrau der schuldige Teil ist und die Tat aus Eifersucht begangen wurde. Die Geschworenen beschlossen, ein Gnadengesuch einreichen zu lassen.
Eisenach, 23. Oktober. Kriegsbegeisterte Schul- knaben werden jetzt täglich hier angehalten. Nachdem hereits drei Schulknaben aus Coburg in vergangener Nacht hier festgenommen worden waren, und inzwischen von ihren Angehörigen hier wieder abgeholt worden sind, trafen gestern nachmittag zwei 10- bezw. 5jährige Jungen aus Schmalkalden stammend, in Eisenach ein, die zu ihrem Vater, der sich beim Militär in Kassel befindet, reisen wollten. Sie wurden am Bahnhof festgehalten und auf sofortige Benachrichtigung von ihren Angehörigen abgeholt. In vergangener Nacht wurde abermals ein Schulknabe und zwar ein 13 jähr. Junge aus Leipzig-Lindenau, der seinen Eltern entlaufen ist, von einem Schutzmann hier festgenommen. Ebenso wie die Coburger wollte sich auch der Leipziger nach dem Kriegsschauplatze begeben, um unseren Soldaten zu helfen. Daß nun auch allemal untere Polizei ihr wachsames Auge darauf richtet, und die Kriegsträume der Knaben zu nichte macht, wird von denselben nicht verstanden werden. Heute trat auf dem hiesigen Polizeiamt die Mitteilung ein, daß ein 15jähriger junger Mensch aus Zittau ebenfalls seinen Eltern entlaufen ist. Die Mutter reiste bis nach Weimar nach, hat ihn jedoch bislang nicht aufgreifen
Dnderstadt, 22. Oktober. Ein großes Schadenfeuer entstand in dem Nachbarorte Pöhlde (Südharz), wodurch drei Wohnhäuser und mehrere Nebengebäude eingeäschert wurden. Das Feuer soll in dem Schmiedemeister Heidelbergschen Anwesen ausgekommen sein. Es ergriff sehr schnell auch die angrenzenden Wohn- gebäude von Holzapfel und Mührenberg. Durch die Feuerwehr wurde der Brand bald eingeschränkt. Von dem Mobiliar konnte der größte Teil gerettet werden, dagegen verbrannte viel Heu und Stroh.
Saatfeld, 24. Oktober. Der Herzogliche Landrat hat auf Grund des Reichsgesetzes betr. Höchstpreise vom 4 Auaust 1914 für sämtliche Landorte des Kreises Saatfeld Einschließlich der Kreisabteilung Camburg bis au Kartoffeln den Betrag von 3 Mark für den Zentner festgesetzt.
Heiliaenstadt, 24. Oktober. Der Landrat des hiesigen Kreises erläßt fotzende Bekanntmachung: In einigen Bezirken ist die Beobachtung gemacht, daß aus dem Felde zurückkehrende Militarpersonen allerlei phantastische Gerüchte und Klatschereien verbreiten. Teils geschieht dies freiwillig, wohl aus Wichtlgtuerei, teils werden diese Leute mit Fragen bestürmt, die sie dann nach ihrem Gutdünken beantworten, ohne etwas Positives zu wissen. Die Ortspolizelbehörden und die Gendarmerie-Stationen weise ich darauf hin, daß sie der Verbreitung derartig^ Gerüchte entgegentreten und soweit wie möglich feststellen, wer als Urheber in Frage kommt. Sollte sich ergeben, da als
i Frage kommt. , ,
Urheber Militärpersonen in Frage kommen, so ist dem stellvertretenden Generalkommando in Caffel unter Angabe des Tatbestandes und des Täters Anzeige zu
erstatten.
Ilmenau, 22. Oktober. Ein Thüringer Zeitungsverleger spendete gleich nach Kriegsausbruch seinen Feldstecher für das deutsche Heer und fügte seine Visitenkarte bei. Unterm 10. September 1914 erhielt er eine Feldpostkarte folgenden Inhalts aus Berlin: „Durch Zufall bin ich in dem Besitz Ihres dem deutschen Heere gestifteten Feldstechers gelangt.
Selbst bin ich Thüringer — Mühlhäuser — und sage ihnen daher ganz besonders meinen verbindlichsten Dank pp. gez. Eduard Busch, Offiziers-Stellvertreter im 3. Garde-Regiment z. F." — Am 21. d. M. gelangte an die Frau des Zeitungsverlegers, der daheim bei den Seinen weilt, ein Feldpostbrief folgenben Inhalts: „Reims, 8. Oktober 1914. Sehr geehrte Frau! Erlaube mir, dieses Schreiben an Sie zu senden. Als ich gestern einen Patrouillengang gegen die französische Linie unternahm, fand ich Herrn (Name des Zettungsverlegers), wie ich aus der Visitenkarte entnehme, als Leiche. Er diente bei der Garde und muß nach meiner Ausrechnung scholl seit 14 Tagen da liegen. Ich hätte wohl gern genauer hingesehen, zumal ich selbst Buchdrucker bin, mußte aber schnell zurückgehen, da ich von der französischen Infanterie beschossen wurde. Beide inliegende Bilder fand ich noch bei der Karte." pp. Dem Feldpostbrief lagen die Photographien einer Dame und eines etwa dreijährigen Knaben bei. Beide Potographien stammen aus Berlin. Wenn nun der erwähnte Feldstecher nicht etwa inzwischen in andere Hände übergegangen ist, so ist anzunehmen, daß es sich bei der aufgefundenen Leiche um die des Offiziers-Stellver- treters Eduard Busch aus, Mühlhausen in Thür, haudelt. Wegen Zusendung der Photographien wollen sich die Angehörigen an die Geschäftsstelle der Zeitung „Die Henne" in Ilmenau wenden.
Feldpostbriese von daheim.
Die „Wiener Arbeiter-Zeitung" erhält von einem Verwundeten folgende Zuschrift, deren Inhalt entschieden Beherztgung verdient:
„Es fällt mir auf, wie wenig in allen Gesprächen und in allen Zeitungen von den anderen Feldpostbriefen die Rede ist, ich meine von den Briefen, die den Soldaten ins Feld geschickt werden. Man liest, man bewundert, die Schilderungen derer, die in den Schützengräben ihrer Lieben und ihrer Heimat in Treue gedenken, man freut sich ihres Mutes und ihrer Ausdauer. Aber vergißt nicht vielleicht mancher, daß auch das Herz des Soldaten der Munition und des Provtantsamtsbedarf? Und die Munition und der Proviant des Soldatenherzens, das können die Briefe sein, die ins Lager kommen, die Zeilen der Mutter, die Worte der Frau, die Grüße der Braut. Vergeht das nicht, die Ihr daheim seid! Wie weh muß dem in der Seele werden, der im Felde von der Krankheit und Not seiner Lieben Nachricht empfangen muß. Nein, macht keinen da draußen, wo die Geschosse schwirren, das Herz schwer! Zeigt jedem dem Ihr einen Gruß schickt, daß auch in euch Tapferkeit und Lebenszuversicht stecken. Was Ihr den Kämpfern in der blutigen Ferne schreibt, soll sie stärken, soll sie ermuntern, soll sie froher machen. Laßt sie nichts von Euren Bitternissen, von Euren Tränen, von Euerem Kummer ahnen. Laß sie Eure starke Liebe fühlen, beruhigt sie, erheitert sie, erhebt sie durch Eure Briefe. Mit einem lieben, tapferen und klugen Brief in der Tasche hört sich das Sausen der Granaten dbch nicht so schaurig an. Glaubt es mir, der ich es weiß. Darum schreibt den Eueren! Schreibt ihnen oft und viel ins Feld! Helft mit, ihnen den Mut zum Leben und die Kraft zur Gegenwart wachzuhalten. Schickt ihnen Zigaretten und Schokolade, Handschuhe und Wollsachen; aber glaubt es, daß die herrlichste Liebesgabe auch im Krieg das warme Wort ist, das tief aus dem Herzen aufklingt!"
Ein Leutnant und zwei Mann.
So friedlich schläft die schöne Sommernacht-- Ein Bögelchen, im Traum verloren, singt — Und auf dem weichen Waldesboden klingt Der hohle Hufschlag unsrer Pferde-- Und von der warmen, regenfeuchten Erde Da wallt und wogt ein Nebelmeer empor.
So bleich und flatternd wie ein Leichentuch — Da schlägt ein leises Knacken an mein Ohr Und plötzlich blitzt es aus dem Erlenbruch. — An meiner Seite stöhnt es dumpf und schwer, Zu meiner Rechten ist ein Sattel leer.
Und noch ein Schuß! Ich seh zu meiner Linken Den zweiten Reiter jetzt vom Rosse sinken. Und Schuß auf Schuß! Und dauerno widerhallt Das Echo in dem regenschweren Wald. — Und keine Spur, wo sich der Feind versteckt, Das Schleiertuch hat alles zugedeckt. - Heraus ihr Memmen! — Ha, der Schuß traf gut! Aus tiefer Wunde strömt mein Lebensblut — Die bleiche Wange färbt sich blutigrot!
Fürs Vaterland — das ist ein schöner Tod — Schlaft ein — Ihr zwei — ich komme mit-- — — —--Und in der Liste heißt es dann: „Gefallen beim Patrouillenritt Ein Leutnant und zwei Mann!"