Truppen nach der Kapitulation der Stadt von allen Seiten von den Einwohnern beschossen wurden. Aus glei- chem Grunde mußte die Zerstörung eines großen Teiles der Stadt Ardennes erfolgen. Unsere Truppen waren bemüht, die Zerstörung auf den notwendigsten Umfang zu beschranken. Eine der wichtigsten Aufgaben des deutschen Generalkommandos wird sein, den Wirtschaftsbetrieb, die Landwirtschaft, die Industrie und das kaufmännische Gewerbe wieder in Gang zu bringen.
Japans Heuchelei.
WTB. Berlin, 10. September. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bestreitet die Richtigkeit der an- geblichen Erklärung des japanischen Botschafters in Rom, der Krieg zwischen Deutschland und Japan sei entstanden, weil Deutschland der japanischen Regierung die nicht in der Form eines Ultimatums verlangte Zu- sicherung verweigert habe, daß das deutsche Geschwader in Ostasien den Frieden und Handel nicht durch kriegerische Operationen stören werde.
Schwere wirtschaftliche Schäden in England
Frankfurt, 10. September. (Nichtamtlich). Nach einer englischen Meldung ans Amsterdam sind die gesamte Heringsfischerei an der Küste Schottlands und die Textilindustrie in Bradford und Manchester lahmgelegt.
Wie der Abgeordnete Frank fiel.
Zum Tode des Reichstagsabgeordneten Dr. Frank druckt die Mannheimer „Volksstimme" Mitteilungen von Kameraden des Gefallenen ab, aus denen hervor- geht, daß Frank im ersten Gefecht fiel, an dem er teil- nahm. Bei einem Angriff auf einen französischen Schützengraben erhielt er eine Kugel in die linke Schläse,' der Tod dürfte sofort eingetreten fein. Sein Hauptmann gab Frank das Zeugnis, daß er seiner Kompagnie in jeder Hinsicht als Beispiel vorangeleuchtet habe. Franks Tod wurde von dem Obersten der ganzen Brigade mitgeteilt. Gemeinsam mit zwei Mannheimer Landwehrleuten wurde Frank in einem Tannenwäld- chen bestattet,- das Grab wurde bezeichnet. Dr. Frank war unvermählt, er hat ein Alter von 40 Jahren erreicht. Seine hochbetagten Eltern leben noch in stiller Zurttck- Sigenheit in seinem Heimatsorte Nonnenweiler bei
r.
Kriegsallerlei.
Gott hat wieder tüchtig geholfen.
Nach einer Meldung aus Danzig hat der Kaiser der Kaiserin den Fall von Maubeuge in einem Telegramm mitgeteilt, das mit folgenden Worten schlretzt: „Grütze mir die braven ostpreutzischen Verwundeten. Gott hat wieder tüchtig geholfen."
Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen ««verwundet.
Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen, dessen schwere Verwundung und Gefangennahme gemeldet worden ist, soll unverletzt sein und sich in der Festung Maubeuge in französischer Gefangenschaft befinden. Die weima- rische Landeszeitung „Deutschland" veröffentlicht folgendes Telegramm des Prinzen Georg von Sachsen-Meiningen an die Grotzherzogin von Sachsen-Wemrar: „Ernst wurde auf Feldwache nördlich Maubeuge Pferd erschossen, er anscheinend unverwundet in Handen der Franzosen in Festung Maubeuge. Georg."
Prinz Eitel Friedrich bei St. Ouenti«.
Verwundete Gardisten, die in einem Sanitätszug in Solingen eintrafen, erzählten einem Mitarbeiter der „Rhetn.-Westf. Ztg." nber die Kämpfe um St. Quentin, wo sie ihre Verletzungen erlitten, folgendes: "Drei Tage standen wir in ununterbrochenem Gefecht, am 28., 29. und 30. August, schließlich haben wir aber doch den Feind gründlich geschlagen und geworfen. Da hatten Sie mal unseren Prinzen (Eitel Friedrich) sehen müssen! Beim letzten entscheidenden Sturm ergriff der Prinz die Trommel eines gefallenen Tambours, schlug sie selbst und rief uns zu: „Vorwärts, Kameraden, vorwärts!" Das gab frischen Mut, und wie ein Donnerwetter stürzten wir uns auf den Feind."
Das Eiserne Kreuz für Prinz Friedrich Leopold von Preußen.
Prinz Friedrich Leopold von Preußen ist vom Kaiser das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse verliehen worden.
Wie die Rüsten in Ostpreußen hausten.
Wie die Russen in Ostpreußen hausten, beweist nach der D. T.-Z. die dem Grafen v. Mirbach-Sorquitten seitens eines hohen Militärs zugegangene Nachricht, daß sein schönes Schloß durch die russische Kavallerie, ohne daß bet Sorquitten ein Kampf stattfand, in Brand geschossen wurde. Nur ein Teil der Ringmauern sei stehen geblieben.
Neutrale Telegraphenzentrale.
WTB. Kopenhagen, 10. September. Durch kriegs- ministertelle Erlaubnis wird hier eine Zentrale für neutrale Telegramme errichtet.
Sie will die Büx.
„ , In einem kleinen Ort des Ravensberger Landes bringen die Landwehrfrauen mit den Kindern die ein- berufenen Ehemänner zur Bahn. Einer der letzten kann beim Abschied von Frau und Kind eine Trane nicht unter- drücken. Danach die Frau: Watt? Du wost 'nen Mann M? Treck die Bux ut, denn treck ick se an! Ein lautes Bravo! der Mitreisenden belohnte das tapfere Weib.
Die neue Kriegsanleihe tielangt nun demnächst zur Ausgabe. Aufgelegt werden eine Milliarde Mark 5proz. Reichsschatzanweisungen zu 97.50 Proz. und ferner eine äproz. Retchsanlerhe, unkündbar bis 1924, die in ihrem Höchstbetrag nicht begrenzt ist und ungefähr zu dem gleichen Kurse begeben wird.
Die Traner des Hanfes Lippe.
WTB. Detmold, 10. September. Aus Anlaß des Heldentodes des Prinzen Ernst zur Lippe hat zwischen oem Kaiser und dem Fürsten Leopold zur Lippe ein licher Depeschenaustausch stattgefunden. Das fürstliche Haus hat bereits den dritten schmerzlichen Verlust in diesem Kriege zu beklagen. Es fiel vor dem Feind ein Onkel, der Neffe und der Schwager des regierenden
Fürsten. ______________________________
der
3m Flugzeug über dem Feinde.
Am 29. August hat der Hauptmann des österreichischungarischen Generalstabskorps Oskar Rosman auf dem nördlichen Schlachtfelde mit , seinem Flugapparat bei einem Sturz den Heldentod für das Vaterlano erlitten. Etuer der begabtesten jungen Generalstabt. österreichisch-ungarischen Armee hatte er erst wenige Tage vor setnem Tode für seine großen Verdienste um die Entwicklung unseres Flugwesens und Mr seine hervorragenden Leistungen als Flieger im AuMärungs- btenste vor dem Feinde das Militärverdienstkreuz mit der KriegSdekoration erhalten. , , , .
Welche Begeisterung, welch froher, frischer Mut Hauptmann RoSman erfüllte, davon gibt sem letzter Brief in die Heimat Kunde, in dem er m schNKten und
szierungsauSflug nach Rußland beschreibt, für den er dekoriert wurde. Das Schreiben, vom „Neuen Wiener Tagbl." veröffentlicht, lautet:
„Ich hielt's nämlich, nachdem ich schon viele Flüge aus weiten Distanzen hatte machen lassen, für notwendig, einmal auch selbst einen Flug über die Köpfe der Russen zu unternehmen, weil ich der Ansicht bin, daß, wer von andern verlangt, daß sie täglich den Kopf in den Rachen des Löwen legen, wenigstens einmal die Bereitwilligkeit zeigt, es auch zu tun. Ich setzte es durch, daß man mich ziehen ließ! Nun, ich flog! Gnt ausgerüstet mit Pistole und Mundvorrat und Schlafsack für den Fall, daß ich irgendwo niedergehen mußte, wo ich nicht beabsichtigt hätte. Schön war's, herrliches Wetter,' ich voller Freude und Zuversicht! Da so zirka 80 Kilo- meter weit weg von meinen Freunden, fand ich sie endlich — die Russen! Wie die Ameisen krochen sie unten, wohl mehr als mehrere Tausend! Mehrmals sah ich, daß ste Salven abgaben: in dicken Schwaden sah ich den Rauch aufsteigen trotz der großen Höhe, aber wir lachten nur und winkten ihnen zu, da wir uns in unserer Höhe 1200 Meter sicher fühlten vor den in solcher Höhe schon recht matten Kugeln: zwei Drittel der Kugeln sahen wir durchrutschen durch die Tragflächen,' es muß ein Hüllen- spektakel gewesen sein da unten; ich glaube, die ganze Gesellschaft muß sich den Spaß gemacht haben, auf uns heraufzuschtetzen, sonst wären bet einem so schweren Ziel nicht so viele Treffer gewesen. Aber noch immer lachten wir, und ich schaute ruhig mit meinem Gucker hinunter. Da — Krach! Eine Kugel ins Benzinreservoir, gerade unter meinem Sitz! Die untere Wand durchschlug sie, an der oberen Wand machte sie nur mehr eine Dulle, und ich spürte sie am Oberschenkel gerade wie einen Nasenstüber. Nicht viel ärger! Aber was arg war — nun rann das Benzin in einem reizenden Strahl herunter, ein dünner Faden, mit dem die Hoffnung ging, heimwärts zu gelangen! Brr! Also schnurstracks heimwärts! Wird es noch halten bis hin?! Kritische Situation, und gerade da fings an, gemein zu beuteln, so daß ich schon fürchtete, daß mein Pilot verwundet sei und den Apparat nicht mehr beherrsche!
Ich drehe mich um und sah ein ruhiges Gesicht aus der Fliegerhaube herausgucken und lachte ihm zu — und dachte, wie so oft zwischen Lawinen auf plattigen Hangen, wenn die Finger nicht mehr greifen konnten, in Albanien, wenn schon alles nicht mehr stimmen wollte — ich dachte nach, irgendwie wird sich die Situation schon losen, in einer Stunde werd ichs wissen — wozu mir jetzt schon den Kopf zerbrechen?! Nur jetzt die Richtung halten in dem greulichen, eintönigen Terrain, nur jetzt nicht verwirren! .... Dort, weit hinein, erscheint auch schon in nebelhafter Ferne der Ort, wo ein paar eigene Truppen sein sollten — dorthin, aber wirds Benzin halten?! Da, noch immer 15 Kilometer von dort: blem, blem, sch—sch . . . Motor aus! Hinunter im Gleitflug, noch über ein Dorf weg, und jenseits auf ziemlich geneigtem holperigen Sturzacker, steht der Vogel, der vorher noch so brummte, still und stumm, und wir zwei drin, allein auf russischem Boden! Heraus mit den Pistolen! Wie wird die Bevölkerung sein, die nun auch schon in hellen Scharen aus dem Dorfe herbeiströmte? Die Offizierskappe versteckt! Den berühmten Sturzhelm aus dem Kopf, Lederwerk über der Bluse, ging ich den Leuten degagiert entgegen, bestimmte zwei mit ein paar böhmischen Brocken, die ich von meinem früheren Diener gelernt hatte, als Wächter für den Apparat, unterstützte das Ganze durch meine Ballonführerlegitimation, die auch russisch ausgestellt war, kurz, die Leute parierten, brachten mir dann einen Wagen, mit dem ich und mein Pilot, wie wenn das so sein müßte, unsern Truppen zu über eine Stunde fuhr — ein Bröckerl Oesterreich im weiten Rußland! Von dort sofort ein Zug Husaren, dann so zwanzig Infanteristen auf Wagen hinaus zum Apparat, wo der brave Mann für den vermeintlichen Russen oder Franzosen noch Wache hielt,' ein Faß Benzin und ein Spengler waren auch dabei, der das Loch geschwind verstopfte,' Benzin wird nachgefüllt und trotz böigster Luft zieht der Vogel wieder heimwärts zu meinen Leuten! Die Kugel habe ich mir herausnehmen lassen aus dem Benzinreservoir, wo sie stecken geblieben war, und trage sie als Uhranhängsel! . . ."
Vermischtes
Der Kaiser «nd der verwundete Soldat. Eine hübsche
Episode wird aus Bad Ems berichtet: Ein junger deutscher Soldat, Wilhelm Markert, der vor zwei Jahren als Einjährig-Freiwilliger in der 5. Kompagnie des Leibgrenadier-Regiments Nr. 109 gedient hat und bei Ausbruch des Krieges als Unteroffizier einem nassaui- schen Regiment zugeteilt wurde, war in einem größeren Gefecht erheblich am rechten Arm verletzt worden. Man brächte den Verwundeten nach Bad Ems, wo die Kugel durch einen guten Arzt entfernt wurde. Das geschah an jenem Sonnabend, an dem auch Kaiser Wilhelm in Bad Ems weilte und die Verwundeten besuchte. Als Wilhelm Markert aus der Narkose erwachte, stand der Kaiser plötzlich neben dem Operationstisch und zog den jungen Krieger in eine längere Unterhaltung. Den Anlaß hierzu hatte der Verletzte fetöft herbeigeführt. Noch halb in der Narkose hatte er den Kaiser hochleben lassen, den er dann, zu vollem Bewußtsein gekommen, völlig unerwartet neben sich sah. Der Kaiser streichelte ihm die Wangen und den Kopf.
„Die Landkarte von morgen" veröffentlichte ein Pariser Blatt bereits vor dem Kriegsausbruch. Danach blieb Deutschland nur ein ganz kleines Gebiet, etwa um Göttingen herum von Braunschweig b s etwa südlich von Eisenach. Alles Land östlich, einschließlich der Provinz und des Königreichs Sachfem also auch Berlin ist als zu Rußland gehörig eingezeichnet. Ganz Mecklenburg und die westlichen Teile Brandenburgs erhalt Dänemark. England bekommt die Provinz Hannover, Belgien erhält Westfalen, die Rheinprovinz und Hessen- Nassau und Frankreich enen großen Teil von ^üddeutsch- land und natürlich Elsaß-Lothringen. Die Karte, die vor dem Ausbruch des Krieges gedruckt worden war, beweist, daß Belgien schon als Bundesgenosse des Dreiverbandes angesehen worden war. Der Krieg mst Oesterreich-Ungarn war bei ihrer Veröffentlichung noch garnicht in Sicht. Dem österreichisch-ungarischen Reiche vereibt der geniale Kartenzeichner denn auch noch das Königreich Bayern ein. m ,
Herrn Viviauis „Soldatenzeitung". Bei französischen Gefangenen Hat man Exemplare der „Soldaten- zettung" gefunden, die das französische Kriegsministe- rium eigens für seine Soldaten drucken ließ. Die Zeitung enthielt offizielle Kriegsdepeschen und Kriegsberichte aus den Pariser Blättern. Auf diese Weise - fuhren die französischen Soldaten meistens, daß Schlachten, von denen sie selber wissen, daß sie sie verloren haben, eigentlich Stege waren . . . Den ersten Leitartikel des Blattes hat der Ministerpräsident Vi- viani selbst geschrieben.. Er fordert darin die Soldaten auf, in dieser Zeitung täglich nachzulesen, wie das wöl- kerbefreiende Frankreich" seine „hohe Mission" erfüllt, wie eö „Europa von der Tyrannenherrschaft befreit" nvS --Frieden und Segen" verbreitet, am Schlüsse des
Bei französi-
e er-
die
Artikels heißt es: „Vorwärts, ihr Söhne Frankreichs, heute seid ihr die Kraft, morgen werdet ihr oer Sieg sein!" Dann folgen aufmunternde Nachrichten und Mitteilnngen der Regierung. Eine der Meldungen des französischen Kriegsministeriums erzählt, daß die deutschen Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, halb verhungert gewesen seien; die Verpflegung der deutschen Armee sei mehr als ungenügend. Die kriegs- gefangenen Soldaten erklärten alle, der Krieg sei in Deutschland unpopulär, nicht das Volk, nur die hohen Beamten wollten den Krieg. Die deutsche Armee sei überhaupt nicht so gefährlich, wie man geglaubt habe. — Inzwischen werden sich von den Eigenschaften der deutschen Armee die französischen Soldaten persönlich überzeugt haben. Die „Soldatenzeitung" selbst ist etn- gegangen; das Kriegsministerium wird wohl eingesehen haben, daß es unter den gegenwärtigen Umständen doch nicht angeht, in jeder Nummer lauter Stege zu berichten.
Der deutsche Dampfer „Cincinnati" nach Amerika entkommen. Der deutsche Dampfer „Cinctnnatt" der Hamburg-Amerika-Linie ist den Franzosen entronnen und hat den Hafen von Boston erreicht. Ueber die Fahrt des Schiffes gibt der Brief eines Seemannes von der Besatzung des Dampfers, der dem „Rostocker Anzeiger" znr Verfügung gestellt wird, Auskunft. Er lautet: „Liebe Eltern! Vor allen Dingen end) znr Nachricht, daß wir hier gnt angekommen sind. Die Fahrt war für uns an Aufregungen nicht arm. Zwei Tage hinter dem Kanal bekamen wir die ersten Telefnnken unt> wurden auch schon von zwei französischen Kreuzern verfolgt. Wir fuhren sogleich südlich und wollten die Azoren erreichen. Kurz zuvor aber trafen wir den englischen Dampfer „Baltic". der den Franzosen meldete, daß wir südlichen Kurs hätten. Daher steuerte unser Kapitän sogleich wieder scharf nach Norden. Das leitete die Verfolgenden irre, und wir entkamen. Nun war es unsere Anf- gabe, der englischen Flotte von Kanada zu entgehen, deren Schiffe hier die ganze Küste bewachen. Da kam uns der Nebel zu Hilfe, und wir entwischten auch hier. Das Schiff hätten wir dein Feind nicht gelassen, es war einmütig beschlossen worden, es sogleich zum Sinken zu bringen. So ganz gefahrlos liegen wir hier allerdings auch nicht, denn es sind Anschläge geplant, unsere hier liegenden Schiffe in die Luft zu sprengen. Sie müssen daher scharf bewacht werden.
Aus der Setobtiefmappe eines russischen Generals.
Der grauen Feldtasche eines gefangenen russischen Generals entnimmt der Kriegsberichterstatter der „Täglichen Rundschau" Max Theodor Behrmann allerliebste Briefproben, die auf russische Stimmungen nnö Zustände manche Schlaglichter werfen. Wenn diese Briefe auch im großen unö ganzen nichts Neues bringen, so zeigen sie doch in kleinen Genrebildern einmal wie leichtfertig die Grotzfürstenpartei diesen Krieg vom Zaun gebrochen hat,- weiter aber geben sie uns interessante Belege dafür, daß die Stimmung der Russen nicht gerade kriegerisch ist. Wir geben von den interessanten Dokumenten auszugsweise einiges wieder:
Doch nun zu meinen Briefen in der schmutziggrauen Feldtasche. Schon der erste läßt deutlich erlernten, daß an der Newa denn doch selbst bei Kriegsbeginn nicht eitel Kampfeslust unö Kampfjubel geherrscht hat. „Gebe Gott, daß dieser blödsinnige Krieg ebenso rasch zu Ende gehe, wie er begonnen," schreibt die gesellschaftlich hochstehende Mutter des Empfängers, und in dem Briefe eines Einjährigen eines Gardekavallerieregiments an seinen Bruder lese ich: „Unsrer aller Stimmung sagt uns, daß wir Petersburg nicht mehr sehen werden." Aus dem Brief eines Soldaten desselben Regiments: „Wie bitter ist mein Leben! Was für ein unglückliches
Dasein führe ich!" Wetter im Text: „Eine tötenöe Stim- mung umfaßt uns alle hier, ein Gefühl, als ob wir den festen Boden unter unseren Füßen verlören," schreibt aus Peterhof eine Dame, die, nach dem Inhalt ihres Briefes zu urteilen, zur engeren Hofgesellschaft gehört. Somit in der Residenz, wie im Felde schon zu Beginn der Kämpfe — die Briefe stammen aus den ersten Augusttagen — jener auföämmerude Katzenjammer, der nach der ersten Tat eines schlechten Gewissens den Schuldbewußten zu beschleichen pflegt. Mit einem derartigen Gefühl im Herzen siegt man nicht, derartige Stimmungen führen zu argen Niederlagen, mögen diese Liaoyang, Mukden oder — Tannenberg heißen.
„Mühe Dich doch nicht übermäßig ab," fleht eine Gardeoffiziersdame ihrem im Felde stehenden Sohn — und dieser tapfere Schrei einer russischen Gracchenmutter • besagt wahrlich Bände. Sie haben sich nie „übermäßig abgenstrht", die goldstrotzenden und achselbebänderten Herren ans Petersburg — mochten die militärischen Exzellenzen zehntausend Kilometer weit ihre eigenen Milchkühe nach dem Kriegsschauplätze mitgeführt, die Herren Offiziere bet den großen Schlachten in den hintersten Hinteretappen gekneipt, das grüne Tuch der Ehar- biner Spielhöllen dem grünen Rasen des Schlachtfeldes vorgezogen haben. Und wie die tapfere Mutter, so schreibt die nicht minder tapfere Frau eines Garde- Ulanenoffiziers an ihren Mann, der soeben die dentsche Grenze überschritten: „Tu doch endlich, was Du schon vorhattest. und melde Dich krank." Wie kriegerisch muß eine Nation sein, die derlei Mütter und Frauen von Offizieren stolz ihr eigen nennen darf!
Um so mehr praktischen Sinn bekunden sie drüben, die Braven — just wie vor einem Jahrzeh,rt, wo so mancher russische General in den mandschurischen Feldzug zog, „um seine Verhältnisse zu verbessern^. — Freudig und mit behaglichem Witz steht da in einem der Briefe verzeichnet, wie man in Petersburg „sämtliche Automobile der dortigen deutschen Geschäfte und deutschen Untertanen konfisziert und nach dem Marsfelde gebracht" habe, wo „allerlei Generale so viele und was für welche sie wollten, sich aussuchen durften". Mit Genugtuung wird weiter erzählt, daß General Soundso „sofort sein eigenes altes Auto um dreitausend Rubel verkauft und dafür sich von den konfiszierten deutschen ein solches im Werte von zehntaufend Rubel genommen" habe.
Wir schließen mit den kurzen Aufzeichnungen eines russischen Bauern auf einem „Stückchen grauen Papiers mit den krausen, kaum leserlichen Schristzügen":
„Mein Schicksal ist traurig, denn id) ziehe in den Krieg. Seit dem 1. (14.) Juli lagen wir unter Alarm marichbereit in der Kaserne." — Schau, schau — seit Mitte Juli also! Was hatte doch der russische Kriegsminister ehrenwörtlich unserem Militärattachee in St. Petersburg in den allerletzten Julitagen erklärt?
Das ist Rußlands „heiliger Krieg"!
** neuestes vom Gage»
Blinddarmoperation an einem englischen Prinzen.
London, 10. September. Prinz Albert hat sich gestern einer Blinddarmoperation unterzogen. Der Zustand ist befriedigend.