sortiert worden. Es befinden sich unter ihnen ein acht- jähriger Knabe, Jungen von 13 bis 16 Jahren und zwei ehemalige Heidelberger Studenten. Auf der Fahrt von der Westgrenze ins Hannoversche wollte ein Franktireur durch einen Sprung aus dem Zuge sich befreien. Er wurde durch einen D-Zug auf dem Nebengleis zermalmt. Ein hünenhafter Bauer warf Goldstücke und seine goldene Uhr aus dem Fenster, dann wollte er einen Wachtposten erwürgen. Er mußte durch mehrere Bajonettstiche und eine Kugel getötet werden.
Sozialdemokratische Lektüre im Heere erlaubt!
Der „Vorwärts" veröffentlicht folgende Zuschrift des Kriegsministeriums: „Unter Bezugnahme auf das Schreiben vom 17. d. M. teilt Ihnen das Kriegsministe- rtum mit, daß die Ziffer 3 des kriegsministeriellen Erlasses vom 24. 1. 1894, welche das Halten und die Verbreitung revolutionärer oder sozialdemotratischer Schriften sowie jede Einführung solcher Schriften in Kasernen oder sonstige Dienstlokale" verbietet, soweit dieselbe sich auf sozialdemokratische Schriften bezieht, welche nach dem 31. 8. 1914 erscheinen, aufgehoben wird. Das Kriegsministerium bemerkt hierbei, daß die Aufhebung in der Erwartung geschieht, daß die Veröffentlichung von Artikeln unterbleibt, welche geeignet sind, den einheitlichen Geist des Heeres zu beeinträchtigen. Sollte dies nicht zutreffen, so ist jedes Generalkomamndo befugt, das Verbot wieder in Kraft zu setzen. Das Kriegsministerium kann nur einer wörtlichen Bekanntgabe des
Vorstehenden in der Presse ohne jede weitere Erläuterung zustimmen. v. Falkenhayn."
Fürst Wilhelm und Albanien.
WTB. Dnrazzo, 4. September. Die Kontrollkommission begab sich gestern zu den Aufständischen und teilte ihnen mit, daß der Fürst bereit sei, die Regierung abzu- geben, die in nächster Zeit von der Kontrollkommission übernommen werde. Der Fürst hat vor seiner Abreise eine Amnestie für alle politischen Gefangenen erlassen.
WTB. Vallona, 4. September. Aus dem Regie- rungspalast webt die rot-schwarze Fahne. Der Führer der Aufständischen hat den Konsulaten Zusicherungen betr. die öffentliche Ordnung gegeben. Die europäische Kolonie verhält sich ruhig.
Miegsallerlei.
Fünf Söhne anf alle Kriegsschauplätze verteilt.
Ein bayrischer Oekonomierat ist in der Lage, sich von den verschiedenen Kriegsschauplätzen authentisch berichten zu lassen: er hat nämlich fünf Söhne im Felde stehen und der eine kämpft gegen die Belgier, der zweite gegen die Franzosen, der dritte gegen die Russen, der vierte ist bet der Marine und wird gegen die Engländer fechten; der fünfte steht als Arzt beim Genfer Kreuz.
In der Chronik der Opferwilligkeit
ist rühmend zu verzeichnen: Den Tagesheimen für Sol- datenkinder stellte das Dienstmädchen Johanna Kinder (Friedenau) ihre gesamten Ersparnisse in Höhe von 1000 Mark zur Verfügung. Obendrein wascht das Mädchen noch seit dem 12. August für eines der Tagesheime die
Wäsche unentgeltlich.
Eine ungewöhnliche Trauung
fand dieser Tage in der Stadtpfarrkirche zu Vöcklabruck (Oberösterreich) statt: Dort fungierte bei der Vermählung einer Dame mit einem österreichisch-ungarischen Offizier, der sich auf dem Kriegsschauplatz befindet, als sein Stellvertreter der Bürgermeister der Stadt, der im Namen des Bräutigams die üblichen Fragen beantwortete und auch den Ringwechsel vornahm.
Welch ein gewaltiges Werk unsere Eisenbahn während der Mobilmachungstage geleistet hat, seist folgende Beobachtung: Bei der Beförderung unserer Truppen auf den Kriegsschauplatz durchliefen in einer Nacht im Zeitraum von acht Stunden 64 Militärzüge nach derselben Richtung hin die Eisenbahnstation einer mittelgroßen Stadt, also alle 7% Minuten ein Zug, ohne daß auch nur die geringste Stockung eingetreten wäre. Das ist eine Leistung, die uns nach fachmännischem Urteil kein Land der Erde nachmacht.
Sie Uebergabe der Festung Longwy.
Bericht eines Augenzeugen.
Gestern am 26. August erlebte ich wohl meinen größten Tag: die Uebergabe Longwys, der ersten Festung Frankreichs, die wir in diesem Krieg erobert haben. Gegen 12% Uhr kam unser Hauptmann zu uns, um im Auto einen Befehl nach H. zu bringen. Wir nahmen an, daß in dem Befehle der Sturm auf Longwy angeordnet wurde. In H. angekommen fuhren wir sofort beim Kommandanten vor. Während der Verhandlungen unseres Hauptmanns mit dem dortigen General kam ein Artilleriehauptmann in einem Auto angesaust und rief schon von weitem: „Exzellenz, Longwy will sich ergeben und bittet um Verhandlungen am Wasserwerk vor der Festung." Sofort wurden sämtliche verfügbaren Autos von Offizieren bestiegen. In unserem Auto nahm unser Hauptmann und ein General mit zwei Stabsoffizieren Platz. r : ■ " —— -— wir gegen 2 Uhr am Wasserwerk ------- -- ,..... - zeitig mit dem Aufbruch des Kommandos war der Befehl erteilt worden, die Pferde zu satteln und zwei komplette Sanitätskolonnen in der Richtung auf Longwy
General mit zwei Stavs- . Nach einer anstrengenden Fahrt kamen ir am Wasserwerk vor Longwy an. Gleich-
er er
vorzuschicken. ,
Am Wasserwerk erwarteten uns von französische Seite ein Major und ein Sergeant, der als Dolmetsche diente. Die Verhandlungen zogen sich fast zwei Stunden in die Länge und wurden wegen des einsetzenden Regens im Auto geführt. Die Ausfertigung des Ueber- gabeprotokolls erfolgte in deutscher und französischer Sprache. Die Franzosen schienen von uns eine sehr schlechte Meinung zu haben, denn sie bestanden darauf, daß in das Protokoll ein Passus ausgenommen werden sollte, wonach allen gefangenen Franzosen ihr Privateigentum, sowie das Bargeld außer den Waffen zugesichert werden sollte. Unsere Generale versicherten demgegenüber, daß wir doch keine Räuber seien und das Privateigentum auch so achteten, sodatz aus diesem Grunde ein solcher Passus überflüssig erscheine. Trotzdem wurde der gewünschte Passus zum Ueberflutz mit in das Protokoll ausgenommen. Ebenso machte die Freigabe eines deutschen Ulanenoffiziers, der bei einem Erkundungsritt von den Franzosen gefangen worden war, einige Schwierigkeiten. Die Uebergabsbedmgungen waren wohl die üblichen. Die in der Festung befindlichen Soldaten, deren Zahl auf 3300 angegeben wurden, wurden Gefangene, die Papiere der Festung bleiben bis auf weiteres in unserem Besitz.
Um 5% Uhr sollte die Uebergabe der Festung eHoI= gen. Noch während der Verhandlungen rückten schon unsere Sanitätskolonnen mit ihren Tragbahren in die Festung ein nachdem zuvor unsere Pioniere einen einigermaßen gangbaren Weg gebahnt hatten. Gegen 600 Verwundete wurden — ^^ ------«^^^ ^^^
rscyasst, darunter ragoner, die von
Ks verwundete deutsche Ulanen und $>i„D------ ... ...
Franzosen gefangen genommen worden waren. Die Freude der Leute, wieder deutsche Kameraden begrüßen
und hatten Aufstellung genönnnen, die Musikkapelle an der Spitze. Unser ganzer Stab begab sich an den Eingang der Festung, wo die Gefangenen ihre Waffen niederlegen mußten. Den Schluß bildete der Kommandant der Festung mit einem Sekretär und einem Diener. In Gegenwart des kommandierenden Generals übergab der französische Festungskommandant unserm Haupt- mann seinen Degen. Nach Auswechslung einiger anerkennender Worte über die mutvolle Verteidigung wurde dem Kommandanten eröffnet, daß er uns als Gefangener zu folgen habe.
Im Auto ging es nun nach E., wo der gefangene Kommandant dem Kronprinzen übergeben werden sollte. Gegen 8% Uhr trafen wir beim Oberkommando ein. Hier hatten sich bereits viele Offiziere versammelt, und auch die Bevölkerung war zusammengeeilt, da die Uebergabe der Festung inzwischen bekannt geworden war. Bald darauf erschien auch unser Kronprinz. Nach kurzer Rede erfolgte nunmehr die Uebergabe des Degens des Kommandanten und der Festungspapiere an den Kronprinzen, der mit einigen höflichen Worten dem Kommandanten den Degen zurückgab, was den Franzosen sichtlich ergriff. Unsere Regimenter und vor allem unsere Artillerie haben vor Longwy heldenmütig gekämpft.
Vermischtes.
Der Kenner. Den jetzt wie Pilze ans der sicheren Erde schießenden Wirtshausstrategen widmet der Münchner „Simplizissimus" folgenden satirischen Dialog „aus der Kleinstadt": Der Kenner: Also Leut, jetzt ist es ganz klar, wie die G'schicht geht. Vorn druckt der Kronprinz Rupprecht nei, oben druck'n die andern rei, und von unten druck'n mir erst recht nei. Dem Französin geht die Luft aus, er ist zerrieben. Der Zweifler: Js scho recht, Herr Hingerl, aber ob mir's aushalt'n? Der Kenner: Ob mir was aushalt'n? Der Zweifler: Ich meine, die ungeheure Masse der Feinde . . . Der Kenner: Herr Kleinmayer, wenn ich jemand zerdrücke, dann ist nicht die Frage ob ich's aushalte, sondern ob er's aushalt. Verstanden? Mehrere: Jawohl! Sehr guat! Bravo! Der Kenner: Und--Herr Kleinmayer — wenn Sie eine Ahnung Hätt'n, dann müßt'n Sie sag'n, daß es ganz genau so kommen is, wie ich g'sagt hab . . . Der Zweifler: Oho! Herr Hingerl! Sie hamm g'sagt zum Beispiel, daß der Japaner zu uns httlft... Der Kenner: I? Der Zweifler: Jawohl! Sie bamm mir's auf der Kart'n zeigt, wo der Japaner in die Mandschurei ein- dringt. Der Kenner: Müßte, hab t g'sagt. Verstengen Sie? Wo er eindringen müßte, wenn er a bissel an Griwisgrawis hätte verstengen Sie? Daß er's nicht tut, beweist gar nix, als daß er eben keinen Griwisgrawis nicht hat. Verstengen Sie? Der Zweifler: Sie hab'n deutlich g'sagt, der Russ' is verlor'», vor er a'fangt . . . Der Kenner: Is er vielleicht nicht verlor'»? Der Zweifler: Ja, aber weg'n dem Japaner hamm Sie g'sagt . . . Der Kenner: Herr Kleinmayer, der Japaner existiert nicht mehr für mich. Der Japaner existiert fü keinen anständigen Menschen mehr. Mehrere: Bravo! Der Zweifler: Aber .. . Der Kenner: Nix aber! Ueber das wird nicht mehr g'sproch'n. — Also Leut, die strategische Lag is jetzt vollkommen klar. Born druckt unser Kronprinz Rupprecht nei, oben druckt der deutsche Kronprinz rei, und von unt'n schieb'n mir erst recht nach . . . Frankreich ist zerdrückt . . .
„Glauben Sie mir, es war die Hölle'." Die Londoner Zeitung „Daily Telegraph" hat einen der Verwundeten, die bereits wieder nach London zurückgebracht sind, ausgefragt. Dieser sagte: „Glauben Sie mir, es war die Hölle. Ich habe den Boxerfeldzug und auch den Burenfeldzug von Anfang bis zu Ende mitgemacht, aber ich habe niemals etwas so Schreckliches gesehen, wie das, was dort passierte. Es geschah so unerwartet. Wir glaubten die Deutschen einige fünfzehn Meilen entfernt, und mit einem Male eröffneten sie ein Feuer mit ihren großen Geschützen. Lassen Sie mich Ihnen sagen, was dem X . . . . Regiment passierte: Als nach der Schlacht die Leute aufgerufen wurden, antworteten von meiner Kompagnie nur drei Mann, ich und zwei andere! Das Unerwartete und so Schreckliche war die Attacke des Feindes, und so überwältigend war ihre Zahl, daß es keinen Widerstand gab. Ehe das Feuer eröffnet wurde, flog ein deutsches Flugzeug über die englischen Truppen, und die Verwundeten zogen aus seinem Erscheinen die Schlußfolgerung, daß es als eine Art von Index für die genaue Feststellung der Stellung, die wir innehatten, dienen sollte, und ferner, daß die Deutschen — so genau war ihr Feuer — dieses Schlachtfeld vorher genau studiert hatten und eine genaue Kenntnis des Landes auf- weisen. Schützengräben, die unsere Leute gegraben hatten, bildeten gar keinen Schutz." Derselbe Verwundete sagte dem Ausfrager: „Kein Mensch hätte einer solchen mörderischen Attacke widerstehen können. Es war ein Regen von Blei, eine Ueberschwemmung von Blei, und ich kann es immer noch nicht glauben, was geschehen ist. Es waren geradezu Teufel."
Welche Opfer an Menschenleben kostete der Feldzug 1870/71? Es wird sicher zur Beruhigung vieler Familien, die Angehörigen unter den Vaterlandsverteidigern haben, beitragen, wenn wir die amtlichen Ziffern des letzten großen Krieges auf Grund des deutschen Generalstabswerks (Bö. 5, S. 865 und 875) hier mitteilen: Insgesamt haben an dem Kriege teilgenommen: 1,113,254 Mannschaften und 33,101 Offiziere. Insgesamt haben außerdem deutscherseits im deutschen Vaterlande zur Verteidigung der Meeresküste, zur Bewachung der Kriegsgefangenen und Besatz der deutschen Festungen gewirkt: 338,738 Mannschaften und 9319 Offiziere. Insgesamt betrugen somit die zur Waffe gerufenen Deutschen: 1,451,992 Mannschaften und 42,420 Offiziere. Gefallen sind insgesamt, einschließlich der an den erlittenen Verletzungen Gestorbenen: 26,397 Mannschaften und 1871 Offiziere. Verwundet wurden 84,304 Mannschaften und 4184 Offiziere. Insgesamt haben somit kaum 2% Prozent von den in den Srieg gerückten Truppen in den Schlachten und infolge der darin erlittenen Verwundungen den Heldentod erlitten, also nur einer von vierzig der ins Feld gezogenen Verteidiger des heimische» Herdes! Die besseren Waffen beschleunigten die Entscheidung und kürzten die Kriege ab — abr sie verminderten auch die Opfer des Krieges! Hoffen wir, daß die weitere Vervollkommnung der Waffen, besonders der Artillerie, auch in diesem Kriege geringere Verluste und eine schnellere Entscheidung herbeiführen wird. Den vollkommeneren Waffen stehen auch vollkommenere Abwehrmöglichkeiten gegenüber.
von der Lothringer Schlacht.
Ueber die Ursachen, die zur Verwüstung des lothringischen Dorfes Dahlheim geführt haben, wird der „Forbacher Zeitung" noch berichtet:
Als unsere Truppen eingezogen, begrüßte sie ein Missionar und bot dem General ein Glas Wein an. Als sie dann in das Dorf einzogen. erhielten sie von bey in den Häusern und auf dem Kirchturm L^ttLÄten
Franzosen Feuer. Man hatte Grultd anzunehmen, vaß der Mann die deutsche» Truppen hatte irreführen wollen. Er und verschiedene Bürger wurden sofort standrechtlich erschossen, das Dorf verwüstet und in Brand gesteckt. - Das Schlachtfeld zieht sich im Kreise Forbach fast parallel der Bahnlinie Metz-Straßburg. Wohin das Auge blickte, als man sich nach der Schlacht wieder hinaustrauen konnte, lagen Verwundete und Tote und zwar die Franzosen in großer Mehrzahl. Große Opfer hat die etwa 250 Meter hohe „Kahle Hohe" bet Dieuze gekostet. Hier haben unsere Truppen einen harten Kampf gegen die dort verschanzten Franzosen bestehen müssen. Die Zahl der gefallenen Franzosen war so groß, daß matt unmöglich ihre Personalien feststellen konnte. Sie wurden so, wie man sie fand, in Massengräbern zur letzten Ruhe bestattet. Bei den deutschen Truppen stellte man die Namen fest und entnahm ihren Kleidern das Geld, die Papiere und die Andenken, die später den Angehörigen zugestellt werde«. Erschreckend waren auch die Verluste, die die französische Artillerie und Kavallerie an Pferden davongetragen hat.
Von der Kanonade in Saarburg erzählen Augenzeugen: Plötzlich morgens 2 Uhr krachten Kanonenschüsse in das Schweigen der Nacht und in den nächsten Minuten zischten und lodertet! in den Kafernengebänden, in denen es sich die Franzosen gemütlich gemacht hatten, hohe Flammen auf. Ueberall fielen krachend die Gebäude, tu denen die Franzosen Wohnung genommen hatten, zusammen. Die deutsche Artillerie schien genau unterrichtet zit sein, wo sich die Franzosen niedergelassen hatten und nahm mit einer unheimlichen Sicherheit gerade diese Plätze aufs Korn. Die Brandschrapnells wirkten so schneit, daß Tausende von Franzosen in den Flammen umkamen, unter ihnen der Divisionsstab und die in Saarburg anwesende französische Generalität. Ueberhaupt haben die Geschosse unserer Artillerie übel gehaust und dem Feinde arg mitgespielt.
Der Kreisdirektor von Forbach erläßt eine Bekanntmachung, in der er die Bevölkerung vor jeder Hilfeleistung an französische Soldaten warnt. Es bestehe die Gefahr, daß diese französischen Soldaten aus dem Hinterhalt auf unsere Truppen schießen würden.
Panik in Paris.
Demonstrationen gegen die Regierung.
Ein in München ansässiger Schweizer, der am 27. August morgens Paris »erlassen hat, sendet der „Natio«al-Ztg." eine Schilderung über die letzten Vorgänge in Paris. Wir entnehmen dem Brief das Folgende:
„Die Panik brach aus, als matt erfuhr, die Truppen hätten die französische Nordostgrenze überschritten und befänden sich auf dem Marsch gegen Lille. Zum ersten Male wurde es erst klar, daß die belgischen Festungen die Deutschen nicht mehr aufhalten könnten und die Gerüchte umliefen, auch Lille selbst solle geräumt werden. (Ist inzwischen bereits geschehe«. Red.) Die bis dahin so stillen Straßen von Paris belebten sich. Alles, was Beine hatte, strömte auf die Boulevards und der Pöbel der Vororte tauchte mit einem Male auf. Es kam zu großen lärmenden Demonstrationeu, die eine« regte» rungsfeindlichen Charakter trugen. Eine Rotte von etwa 2000 Menschen, die mehrere rote Fahnen trugen, wälzte sich dem Elyseepalast zu. Die Rue St. Honors war von einem dichten Polizeiaufgebot abgesperrt. Die Schutzleute trugen Karabiner und Brownings. Man hörte Rufe wie „Nieder mit Joffrel", „Nieder mit dem Krieg!" Das Gedränge wurde stündlich größer. Von allen Seiten strömten Menschenmengen herbei, wobei die Zahl auf etwa 9000 bis 10 000 Personen angeschwollen war.
Aus der Menge wurden jetzt auch Rufe laut: „Es lebe Frankreich, nieder mit Deutschland!" Nationalisten hatten sich eingefunden, die die Armee hochfesten ließen und sich an den Demonstrationen lebhaft beteiligten, die zu Tätlichkeiten ausarteten. Es krachten Revolverschüsse und es gab viele Verletzte. Wie am Abend erzählt wurde, sollen etwa 20 Leute getötet worden sein. Plötzlich drängte die ganze Masse nach vorwärts und im Mit war die Schutzmannskette durchbrochen. Man schrie nach dem Präsidenten Poincaree. Die Tore des Elysee- palastes blieben »erschlossen. Alle Fenster blieben dicht verhängt. Die Menge machte Miene, die Tore zu sttir- men und nur einigen besonnenen Elementen, die flehentlich baten, davon abzustehen, war es zuzuschreiben, daß es nicht zu diesem Gewaltakt kam.
Seitdem bekannt geworden ist, daß die Regierung ihre Koffer gepackt habe und bereit ist, von Parts nach Bordeaux abzureisen, ist die Verzweiflung und Kopflosigkeit noch gestiegen. Neben der Belagerung fürchtet man täglich den wirklichen Ausbruch der Revolution, und tatsächlich deuten viele Anzeichen darauf hin, daß es noch zu fürchterlichen Tumulte« komme« werde. Wo der bisherige Oberkommandierende General Joffre sich befindet, weiß niemand, denn sein Aufenthalt wird geheim gehalten, da matt ein Attentat auf ihn befürchtet.
Der Preis der Lebensmittel, der sich bis Anfang der vergangenen Woche auf mäßiger Höhe hielt, ist sprunghaft in die Höhe geschnellt. Für den Laib Brot wird 1 bis 2 Franken »erlangt. Das Pfund Fleisch kostet 4 bis 5 Franken. Kein Laden ist mehr offen. Die vornehmen Privathäuser sind schon am Anfang der Woche fast alle von den Besitzern verlassen worden. Was in der Bevölkerung besondere Erbitterung erregte, ist, daß man den Borwurf erhebt, daß die reichen Leute die Wahrheit eher erfuhren. Die Zuversicht, daß sich Paris lange halten kann, ist nur gering, und man fürchtet eine Katastrophe, die sich niemand auszumalen wagt."
So scheint sich auch diesmal wieder das gleiche Schauspiel, wie 1871, wiederholen zu wollen: über der zerfetzten Trikolore erhebt sich die rote Fahne der Kommune!
Der neue Papst.
Pius X. ist am 20. August gestorben. Neun Tage mußten verstreichen, dann trat das Kardinalskollegium im Vatikan zum Konklave, d. h. zur Wahl des Nachfolgers auf dem Stuhle des Hl. Petrus zusammen Eine Woche, die sonst voll höchster Spannung war da die ganze Welt mit Aufmerksamkeit den Zeremonien des Bearäb, nistes und der Sedisvakanz Äe/tÄ unbeachtet vorübergegangen, da die Augen der ganzen W-lt auf d e KriegsichauvlÄvc B-laW und des K sasses gerichtet sind. Dazu kam, daß Papst Pius testamentarisch sich jeden Pomp verbeten hatte Das Jnte?^ ^e rvanRe sich deshalb dem verstoßenen Är/ct^ su. Wer wird die fchwere Erbschaft, die Pius hinterläßt, antreten? Diese Frage ist schneller beantwortet worden, als man erwar» neue Papst ist gewählt? Eik Tel^
WTB. Rom, 3. September. Der bisherige Bischof gewäRt^^"^ Kardinal della Chiesa wurde zum Papst
Rom, 3. September. Der neue Papst hat wJt Namen Benedikt XV. angenommen.