Hersfelder Tageblatt
für den Kreis Hersfeld
Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger
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zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei 5)Cl5|ClVvt Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 190. Sonnabend, den 15. August 1914.
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.
Bus der Heimat.
* „Die Apollinaris Co. Limited in London die in Neuenahr a. Rh. den Versand des durch seine große Reklame allbekannten Apollinaris- undJuliusbrunens (früher auch Heppinger und Landeskroner Brunnen) und große Glashüttenwerke in Rheinau (2 Mill. Mk. Betriebskapital) betreibt, ist eine rein englische G e s e l s ch a f t. Ihre hohen Dividenden, von 1892 an bis 88 Proz. (Reingewinn von etwa 500 000 Mk. jährlich durchschnittlich) wandern in die Hände englischer Kapitalisten. Es wäre wohl an der Zeit, den Verbrauch dieser Wasser in Deutschland einzustellen. Kein guter Deutscher trinke diesen Brunnen, kein deutsch gesinnter Wirt stelle ihn noch auf seine Getränkekarte, wenn er nicht die Kriegsmittel unserer Feinde stärken will."
»(Pflichten der Lehrer.) Ein Erlaß des preußischen Unterrichtsministers lautet: „Den nicht zur Fahne einberufene Volks- und Mittelschullehrern erwachsen aus der gegenwärtigen ernsten Zeit gesteigerte Pflichten. Zwar werden zur Vertretung der im Heeresdienst befindlichen Lehrer, sofern von den Schul- unterhaltungspflichtigen die erforderlichen Mittel bereitgestellt werden, auchverfügbareSchulamtsbewerber, geeignete emeritierte Lehrkräfte und, soweit angängig, auch Schulamtsbewerberinnen heranzuziehen sein; auch wird unter Umständen Halbtags-, in dringender Notlage auch Dritteltagsunterricht eingerichtet werden können. Gleichwohl wird umfangreiche, dazu häufig durch Zusammenlegung von Klassen erschwerte Vertretung zu leisten sein. Hierzu kommt, daß unter der Schul- und schulentlassenen Jugend zur Zeit viele der erziehlichen Leitung des Familienvaters entbehren, und daß in zahlreichen Fällen auch die Einwirkung der Mutter durch vermehrte Sorge um den Unterhalt der Familie beeinträchtigt ist. Daraus ergibt sich die dringende vaterländische Pflicht aller Lehrer und Lehrerinnen) sich der Aufrechthaltnng ernster Zucht unter der Jugend während des Unterrichts und auch außerhalb der Schule nochmehrals bisheranzunehmen, die in den Reihen der Jugendpfleger entstandenen Lücken auszufüllen oder für ihre Ausfüllung sorgen zu helfen, die Familien der ihnen anvertrauten Jugend, wo es nottut, zu beraten und erforderlichenfalls für ihre wirksame Unterstützung sorgen zu helfen. Ich habe zu der bewährten Treue und Opferwilligkeit der Lehrer und Lehrerinnen das Vertrauen, daß sie auch diesen gesteigerten Pflichten in vollem Umfange werden zu entsprechen wissen."
* (Pflanzt Gemüse!) Wir sind in Kriegszeiten und es heißt Vorsorge zu treffen für die kommende Lebensmittelteuerung. Es sollte daher jeder, der ein Stück Land hat, dieses zum Anbau von solchen Gemüsen ausnützen, die, wenn bald ausgesät, noch einen Ertrag bringen. Es sind dies Winterspinat, Feldsalat oder Nüßchen, Karotten, weiße Rüben, Grünkohl und Wintersalat. Daß unsre Landwirtschaft durch reichlichen Anbau von Stoppelrttben der Futterteuerung entgegenarbeiten wird, soweit die nötigen Hände hierzu reichen, ist als sicher anzu nehmen.
* (Keine Drachen st eigen lassen.) Das Steigenlaffen von Papierdrachen wird überall verboten, da sie leicht mit Flugzeugen verwechselt werden können und zu unnötigen Alarmierungen der Militärwachen sowie zurBeunruhigungderBevölkerung führen.
Hersfeld, 14. August. Gebt Strümpfe für unsere Krieger! Aus Frauenkreisen kommt die Mahnung: Strümpfe, Socken möglichst aus natur- farbener Wolle! Der ausmarschierte Soldat, muß dauernd auf guten Strümpfen gehen. Das fördert die Marschleistung und verhütet Wunde und Krankheit. So wohl ausgerüstet unser Soldat ins Feld zieht, es wird gerade in diesem Begleitungsstück ein Nachschub in Menge notwendig werden. Darum tun Frauenhände, die den Soldaten auf gute Socken stellen, echte vaterländische Arbeit, und wer sollte das nicht können! Also Strümpfe in Menge! Ablieferung für Liebesgaben beim „Roten Kreuz".
Hersfeld, 14. August. Mahnwort an die Steuerpflichtigen. Infolge der Mobilmachung ist ein großer Teil der steuerpflichtigen Gemeindeglieder eingezogen worden, wodurch dem Staat und den Gemeinden ein nicht unbedeutender Steuerausfall entsteht. Die zum Dienst für's Vaterland nicht herangezogenen Bürger sollten es sich im Hinblick hierauf ganz besonders zur Pflicht machen, ihre Steuern und sonstigen Schuldigkeiten recht pünktlich zu entrichten, damit Staat und Gemeinde den jetzt in erhöhtem Maße an sie herantretenden Anforderungen gerecht werden können. Der gesetzliche Zahlungstermin tür die 2. Steuerrate läuft mit dem 15. d. Mts. ab.
Hersfeld, 14. August. Die für den 3. d. Mts. in Aussicht genommen gewesene Sitzung der Stadt- verordneten-Versammlung konnte wegen der am Tage vorher in Kraft getretenen Mobilmachung nicht stattfinden. Sie wird nunmehr nächsten Montag nachmittag 5 Uhr im Rathaussaale abgehalten werden.
Bebra, 10. August. In dem hessischen Dorfe Lichtenau stürzte das 2 Jahre alte Söhnchen des zum Kriegsdienst eingezogenen Landwirts Herrmann in den Fluß und ertrank.
Melsungen, 12. August. Der Magistrat der Stadt Melsungen hat einstimmig beschlossen, „Hunderttausend Mark" für außergewöhnliche Ausgaben an Unterstützungen und Hilfstätigkeit aller Art während der Kriegszeit bereit zu stellen.
Stadtleugsfeld, 9. August. Seit einigen Tagen ist aus ihrem Dienst in der Bahnhofstraße ein Mädchen verschwunden. Sie hatte wegen eines Fehltrittes von der Mutter Vorwürfe erhalten, so daß sie in Werktagskleidern die Stelle verließ. Man vermutet, daß sie sich ein Leid angetan hat. Zu den Eltern ist sie auch nicht zurückgekehrt.
Apolda, 10. August. Zur gewaltsamen Selbsthilfe griffen heute hier auf dem Markte einige Apoldaer Hausfrauen. Eine „Butterfrau" aus der Nachbarschaft hatte entgegen dem heute geltenden Durchschnittspreis für ein Stück Butter 10 Pfg. mehr verlangt. Auf den Vorhalt, die sie so teuer sei, soll sie denn noch geäußert haben: „Billiger gebe ich sie nicht ab, da füttere ich sie lieber meinen Schweinen". Die darob erbosten Hausfrauen haben darauf als Antwort der stolzen Bäuerin die Gelte entrissen und unter allgemeinem Jubel der großen Menschenmasse, die sich schnell angesammelt hatte, ihr alle Butter ins Gesicht geworfen, so daß sie nun wirklich zur natürlichen „Butterfrau" wurde. Man muß eine solche Gewalttat selbstverständlich verurteilen, aber wenn man in Betracht zieht, daß die Apoldaer Frauen bei guten Zeiten ohne Murren die höchsten Marktpreise zahlen und auch mit ihrer Landbevölkerung stets in Frieden und Freundschaft leben, dann kann man auch ihren Groll verstehen, wenn sie in dieser schweren Zeit wohl berechtigt einiges Entgegenkommen erwarten. Hoffentlich bleibt dieser Vorfall, der ja sicher zur Belehrung dient, vereinzelt.
Bad Nanheim, 11. August. Zahlreiche russische Kurgäste, die von hier plötzlich abreisten, sind ihren Verpflichtungen gegen ihre Aerzte, Hotelbesitzer und Wohnungsgeber nicht nachgekommen. Diesen erwächst dadurch erheblicher Schaden. Auch viele Gasthausangestellte wurden schwer geschädigt.
Fulda, 11. August. Das hiesige Königliche Lehrer- Seminar hat seine Lehrtätigkeit eingestellt. Die Kinder der Seminarübungsschule sind deshalb der stadt- pfarrlichen Schule überwiesen worden.
Mannheim, 13. August. Eine selbst in der gegenwärtigen Zeit ungewöhnliche Trauung fand in der Nacht zum Sonntag auf dem hiesigen Hauptbahnhof statt. Die Braut, die hier wohnt, erschien mit Standesbeamten auf dem Bahnhöfe, um hier einem von auswärts kommenden, auf der Fahrt an die Grenze befindlichen Soldaten angetraut zu werden. Kaum war die Beurkundung vorüber, so trennte ein unerbittliches Schicksal das neu verbundene Paar.
Ein Aufruf an die deutsche Menü.
Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz erläßt in dem „Jungdeutschland-Bund" einen Aufruf an die deutsche Jugend:
„Mit inniger Freude habe rch aus allen Teilen des Reiches die Nachricht erhalten, daß die Jung- mannschaften unseres Bundes sich durch ihr wackeres Verhalten ihr braves, tüchtiges Zugreifen bei Ernte- arbeiten und Hilfeleistungen jeder Art, durch ihre Manneszucht und Ordnung die höchste Anerkennung erworben haben. Ich spreche Ihnen allen meinen herzlichen Dank und meine Anerkennuug dafür aus. Ihr Verhalten beweist mir, daß die durch die Lehren des Bundes gestreute Saat kräftig aufgegangen ist und in der Zukunft reiche Früchte tragen wird, in der, wie ich hoffe, sich die gesamte deutsche Jugend ohne Ausnahme im großen Jungdeutschlandbund zusammenfinden wird. Ich glaube nicht nötig zu haben, unsere Jungmannschaft an das Ausharren in den begonnenen Hilfeleistungen zu mahnen. Sie wissen ja, daß es unser Grundsatz bei allen Uebungen war, niemals ein angefangenes Werk unvollendet zu lassen. Das wird sich jetzt bewähren. Vorwärts also, deutsche Jungmannschaft! Ein jeder von Euch tue seine Pflicht für das Vaterland, für unseren geliebten Kaiser und sein Reich, gleichgültig an welchen Platz der einzelne gestellt sein wird. Während oder durch den Krieg tritt unser Bund vorübergehend in die allgemeine Neuordnung der Jugendkräfte über, die in nächster Zeit von höherer Stelle aus getroffen
werden wird. In ihr sollen die älteren Klassen vom 16. Lebensjahre aufwärts eine Ausbildung erhalten, durch die sie unmittelbarer als bisher für den Kriegsdienst vorbereitet werden. Jungdeutschland hat sich früh an den Gedanken gewöhnt, zur Verteidigung des Vaterlandes gerufen zu werde». Jetzt ist das viel schneller, als es gedacht, erfüllt Es freue sich dessen und setze die Kräfte ein, sich dieser Bestimmung wert zu zeigen. Es sei, wenn es zur Fahne gerufen wird, wie unser Gesetz es befiehlt, unerschrocken und tapfer, weil sein Herz es nicht anders kann. Es bekämpfe jede Anwandlung von Furcht und Grauen und von Schwäche als seiner nicht würdig, trage mit Gleichmut Ungemach und Beschwerde und bewahre seine Ruhe in Gefahr, es achte die Ehre höher als das Leben. Unser Vaterland ist schwer bedroht. Der Feind will es nicht nur schwächen, sondern zerstückeln und vernichten, aber seine tapferen Truppen werden es retten, werden siegen und seinen Ruhm erhöhen. Jungdeutschland helfe dabei mit, glaube an Deutschlands Zukunft und sei entschlossen, unter seines Kaisers glorreicher Führung Gut und Leben zu opfern. Glückauf, deutsche Jungmannschaft, ans Werk, erfülle deine Pflicht! Charlottenburg im August. Frhr. von der Goltz, Generalfeldmarschall, erster Vorsitzender des Bundes Jungdeutschland."
Die Versorgung Deutschlands mit
Brotgetreide.
schen Volkes in Betracht.
Für die Verproviantierung des deut! , kommt in erster Linie Brotgetreide in Betracht
Werden wir mit Weizen und Roggen hinreichend versorgt sein? Zunächst sei darauf hingewiesen, daß die Zahl der Konsumenten in Deutschland dadurch nicht wächst, daß ein großer Teil seiner männlichen Bevölkerung unter den Waffen steht. Der Kreis der Konsumenten bleibt in der Hauptsache also gleich, wenn auch die Quantität der Verbrauchsmenge etwas, aber nicht viel, wachsen mag. Nach einer gewiß nicht zu niedrigen Annahme bedarf die Bevölkerung zur Deckung ihres Brot- und Mehlbedarfs monatlich höchstens 10 Mill. Doppelzentner Brotgetreide. Es fragt sich nun, wie die neue Ernte ausfallen wird, wie stark die Vorräte ans der letzten Ernte sind, wie lange Vorräte und neue Ernte ausreichen, und ob wir vom Ausland im Falle eines entstehenden Mangels Zufuhren erwarten können. Wie hoch die Vorräte aus der Ernte des Jahres 1913 waren, das läßt sich ziffernmäßig leider nicht feststellen. Wir glauben annehmen zu können, daß diese Vorräte mindestens noch acht Wochen für die Brotversorgung des deutsche» Volkes ausreichen würden. Was nun die neue Ernte
e 48 Millionen
betrifft, so kann man annehmen, daß ihr Ertrag nicht niedriger ausfallen wird als 1913. Damals ergab die amtliche Schätzung ein Brotgetreideernte von 173,08 Millionen Doppelzentner. Davon gehen als Aussaat- quantum etwa 15 Mill. Doppelzentner ab, so daß rund 158 Millionen für die menschliche und tierische Ernährung und für gewerbliche Zwecke verbleiben. Für die menschliche Ernährung bedürfen wir bis zur nächsten Ernte höchstens 120 Mill. Doppelzentner, wozu die alte Ernte nur 10 Millionen beitragen sollte, so daß die neue Ernte 110 Millionen Doppelzentner hergeben muß. Es verblieben dann für die tierische Ernährung und für gewerbliche Zwecke 48 Millionen Doppelzentner. Das wäre ein durchaus ausreichendes Quantum, wie mehrjährige Beobachtungen und Berechnungen ergeben haben. Also unter Annahme keineswegs besonders günstiger Voraussetzungen wäre Deutschland wohl imstande, aus seinen Vorräten und aus der Ernte 1914 die Verproviantierung des ganzen Volkes mit Brotgetreide hinreichend zu decken, was jeder Preistreiberei die Spitze bieten muß. Es können vorübergehend örtliche Verlegenheiten entstehen, aber ein Mangel für den gesamten deutschen Markt kann nicht eintreten. Trotzdem soll die Frage der Einfuhrmöglichkeit noch kurz gestreift werden. Rußland und die amerikanischen Länder sollen als Bezugsquellen von vornherein ausgeschaltet werden, obwohl es gar nicht ausgeschlossen erscheint, daß die amerikanischen Länder uns beliefern können. Dagegen kommt Ungarn als Bezugsquelle in Betracht. Trotzdem die Ernte in Ungarn zu wünschen übrig läßt, wird es doch noch immer einen stattlichen Exportüberschuß gewinnen, der allerdings in der Hauptsache für Oesterreich bestimmt bleiben müßte. Aber auch Rumänien dürfte in Frage kommen, dessen Exportbedürfnis ziemlich stark ist und das seinen Getreideverkehr mit Deutschland sicher nicht ohne Not wird unterbrechen wollen. So ergibt eine ruhige Abwägung aller in Betracht kommenden Faktoren mit Sicherheit, daß die Ber- proviantierung des deutsche» Volkes mit Brotgetreide zunächst einmal für ein volles Jahr gewährleistet ist
Wetteraussichten für Sonnabend den 15. August.
^ Heiter,^trocken, tags warm, nachts kühler, nord-