Würde im Generalkonsulat dem Gerücht, daß die De- börden alle deutschen Wehrpflichtigen verhaftet und nach SÄlüsselburg oder nach Sibirien transportiert hätten, Glauben geschenkt. Ob die grauenhafte Maßnahme durchgeführt wird, wird erst später zu erfahren sein. Bereits vor Wochen, so erklärt der Korrespondent, war die Bauernschaft von Nordrutzland gezwungen, aus Futermangel Viehverkäufe vorzunehmen. Der Petersburger Magistrat erklärte vor dem Ausbruch des Konflikts, die Umgegend der Hauptstadt werde diese im kommenden Winter nicht ernähren können. Der russische Landwirtschaftsminister hat bis zum letzten Augenblick mit aller Energie gegen die verruchte Politik der Va banque-Spieler gekämpft. In der entscheidenden Sitzung des Ministerrats am 25. v. Mts. wies er mit überlegener Schärfe nach, daß der Krieg die Grundlagen des russischen Reiches untergraben würde. Die von der russischen Regierung erwähnten Kundgebungen für den Krieg werden durchweg vom Gesinde! verunstaltet.
Ein Stimmungsbild von der russischen Grenze.
Von einem höheren Offizier wird der „Gött. Ztg." nachstehendes Schreiben zur Veröffentlichung übergeben: „Hochzuverehrender und lieber Herr General! Soeben erhalte ich Ihre Karte, besten Dank! Wir haben seit 4 Tagen Tag und Nacht gearbeitet — ich verstehe kaum, wie es der Adjutant, Unteroffiziere und Leute noch aushalten können. Gott sei Dank klappt die Mobilmachung tadellos. Die Begeisterung ist hier großartig. Der nervige Ostpreuße knirscht vor Wut. Der Andrang zur Fahne ist enorm. Greise und Jünglinge melden sich — wir können die Leute kaum unterbringen. Selbst aus den Leuten des Landsturms könnte man durchaus brauchbare und leistungsfähige Truppen zusammen- stellen, die auch im Felde ihren Mann stehen würden. Die Tartarennachrtchten, daß die wortbrüchigen Hunds- vötter in der Mobilmachung einen Vorsprug hätten, sind nicht wahr. Allen Meldungen und Beobachtungen nach sind wir im Vordertreffen. Die vorhandenen Leute, welche in den letzten Tagen abgefertigt sind, benehmen sich mustergültig — man kann nur seine größte Freude darüber haben. Sobald sie den Rock anhaben, glaubt man, daß sie nie von der Truppe fern gewesen sind. Selbst die Ehrenbezeugungen sind straff — man merkt den Leuten an, daß sie stolz darauf sind, den Rock unseres Kaisers zu tragen. Rüpeleien, schiefe Mützen und dergleichen findet und sieht man nicht. Selbst die taufende von Pferden, welche die Straßen durchziehen, gehen drahtig — und da sie nicht singen können, wiehern sie. Also — der Totaleindruck einfach vortrefflich. Wenn der Herr der Heerscharen bei uns ist, müssen wir siegen. — An der Grenze haben kleine Scharmützel stattgefunden. Monsieur Rennenkamp — die russische Großschnauze — hat sich noch nicht gezeigt. Man wartet auf ihn. — Nun, unsere Dragoner, Ulanen, Kürassiere usw. werden es ihm zeigen, daß die preußischen Fäuste den Lumpen jenseits der Grenze den Schädel einschlagen können und werden. Zwei Schwadronen Kosaken sind aufgerieben bezw. gefangen genommen — die Pferde laut Bericht des Kommandeurs vom Ulanen-Regiment verhungert und schlapp, konnten keine Attacke mehr reiten. Spione massenhaft. Pardon wird nicht gegeben. Sobald sie über- führt, sollen sie sofort verurteilt und erschossen werden. Ich bin heute als Richter zu diesem besonders zusammengesetzten Kriegsgericht kommandiert. Den rufsi- schen Konsul haben wir heute verhaftet — er kommt gleich dran, weil er stark verdächtig ist, Spionage getrieben zu haben. Andere sind gestern und heute eingeliefert. Eine Berufungsinstanz gibt's nicht — Gott sei Dank! Vorläufig bleibe ich auf meinem Posten, werde aber darum bitten, daß ich, wenn irgendmögllch, eine andere Verwendung finde."
Ein englischer Aufruf gegen die Kriegsbeteiligung.
Dem „Berl. Tgbl." ist ein englisches Flugblatt zu- gegangen, das in Tausenden von Exemplaren in den Straßen Londons verbreitet wurde und wie folgt lautet: „Engländer tut Eure Pflicht und haltet Euer Land fern von einem schmählichen und unsinnigen Krieg. Eine kleine, aber mächtige Klique will Euch in diesen Krieg treiben. Ihr müßt diese Verschwörung vernichten, oder es wird zu spät sein. Fragt Euch selbst: warum sollen wir in den Krieg ziehen? Die Kliquenpartei sagt: wir müssen das Gleichgewicht der Kräfte aufrecht erhalten: wenn Deutschland Holland oder Belgien annektiert, wird es so mächtig sein, daß es auch uns bedroht. Aber diese Kliquenpartei sagt Euch nicht die Wahrheit. Es ist vielmehr Tatsache, daß, wenn wir an der Seite Frankreichs und Rußlands kämpfen, das Gleichgewicht der Mächte gestört werden würde wie nie zuvor. Wir würden Rußland zu der gewaltigsten militärischen Macht aufdem Kontinent machen, und Ihr wißt, was für eine Macht Rußland ist. Es ist Eure Pflicht, das Land vor dem Verderben zu retten. Handelt, bevor es zu spät ist." Der Aufruf ist im Namen der Neutrality League erlassen und von einer Reihe bekannter Engländer und Engländerinnen unterzeichnet.
Italien uitd der Krieg.
„ Ein in Rom veröffentlichtes Telegramm des deutschen Auswärtigen Amtes an den deutschen Botschafter, das einen Ueberblick über die deutschen Erfolge gibt, sowie die Auslandslügen dementiert, hat den tiefsten Eindruck hervorgerufen, besonders da Hier an der Eroberung Lüttichs noch gezweifelt wurde. Auch über die Fortschritte in Polen war dort wenig bekannt.
Sven Hedin ruft zum Kampf gegen Rußland auf.
Nach brieflichen Nachrichten, die aus Stockholm dem „Deutschen Kurier" vorliegen, hat Sven Hedin für die nächsten Sonntage eine Agitationsreise durch sämtliche schwedischen Großstädte angekündigt, um für einen Anschluß Schwedens an den Krieg gegen Rußland zu sprechen.
Was soll mit den fremden Orden geschehen?
. Von einem Leser wird dem „Berl. Lok.-Anz." geschrieben: „Ein österreichischer Generalkonsul hat dem russischen Gesandten in Wien den ihm vom Zaren verliehenen „hohen" russischen Orden mit einem den Zeit- umständen entsprechenden Begleitschreiben zurückgegeben. Diesem Beispiele müßten alle Inhaber russischer, französischer, englischer, belgischer und — serbischer Orden folgen oder, was vielleicht noch bester wäre, die Orden dem Roten Kreuz zur Verfügung stellen, da diese Orden für jeden Deutschen ihren Wert für alle Zeit verloren haben."
Keine Cholerafurcht!
Das Auftreten der Cholera wird aus mehreren Distrikten des inneren Rußlands gemeldet. In welchem Umfange Choleraerkrankungen dort Vorkommen, sich natürlich bei dem Mangel jeglichen unmittel- Men Nachrichtendienstes nicht beurteilen. Die in Frage stehenden Distrikte sind wohl im Sommer selten Unz cholerafret. Dank unserer vortrefflichen sanitären Mrichtungen und Abwehrmaßregeln ist aber eine Ver- Weppung der Krankheit nach Deutschland schon in Friedenszeiten und bei ungestörtem Verkehr über die Grenzen stets verhindert worden. Selbstverständlich sind bet geschlossenen Grenzen, wie das im gegenwärtigen ^ rregszustand der Fall ist, .erst recht geschützt.
Politische Rundschau. ^
Wie eine Propheten stimme vor hundert Jahren mutet uns ein kurzes Wort an, das Friedrich von Gentz, ein bekannter Tagesschriftsteller, damals in österreichischen Diensten, am 4. September 1815 niederschrieb: „Die Freundschaft zwischen Rußland und Preußen ist gewaltig erkaltet: Preußen steht uns (b. i. Oesterreich) heute viel näher: nnd England wird uns beiden immer fremder. Dagegen sind Rußland, England und Frankreich für den Angenblick fast auf einer Seite."
Kleine (ladirfditen,
General v. Bülow t. Seit zwei Tagen wurde erzählt, daß der jüngste Bruder des Fürsten Bülow, der Generalmajor Karl v. Bülow, Führer einer Kavallerie- brigade, vor dem Feinde gefallen sei. Die Nachricht wird jetzt von Berliner Blättern bestätigt.
Vaterländische Opferwilligkeit. In der Geschäftsstelle der „Braunschw. Landeszeitnug" erschien eine Dame mit den Worten: „Geld habe ich nicht, aber dieses möchte ich Ihnen geben. Verkaufen Sie es und über- gben Si das Geld dem Roten Kreuz. Damit übergab sie einen kostbaren, mit funkelnden Edelsteinen und prachtvollen Perlen besetzten Schmuck und ging eilig davon. Kaum war das Opfer im Schaufenster zuin Verkauf ausgestellt, so brächte« andere Damen Schmuck- gegenstände aus Silber nnd Gold und legten sie als Opfergabe für das Vaterland nieder.
Schwere Tumulte spielten sich vor dem deutschen Konsulat in Marseille ab. Der deutsche Konsul mußte mit dem Personal unter polizeilichem Schutze Marseille verlassen. Auf der Durchreise d«M Nizza wiederholten sich die Krawalle. Der Konsul wurde durch einen Wnrf mit einer Flasche im Gesicht verletzt. Nunmehr ist der Konsul in Ventimiglia auf italienischem Boden ange- kommen.
Die Nationalstiftnnq für die Hinterbtiebeueu der im Kriege Gefallenen ist in Berlin in der Bildung begriffen. Der Minister des Innern v. Löbell und Kommerzienrat Selberg sind in das Präsidium eingetreten. Nähere Mitteilungen folgen.
Vier Personen tödlich abgestürzt. Ein großes alpines Unglück ereignete sich nach einer Mailänder Meldung am großen Paradies. Sechs Personen stiegen an der Nordwand ab, als die an der Spitze des Seils marschierende Frau Omodeo aus Turin ins Gleiten geriet und den hinter ihr gehenden Advokaten Moriondo mitriß. Das Seil brach. Infolgedessen stürzten auch die übrigen Teilnehmer, Pfarrer Hovard und der Führer Element in die Tiefe, wo alle vier tot liegen blieben. Die beiden hintersten Teilnehmer konnten sich durch Eingraben ihrer Hacken in den Schnee retten.
Ein Opfer des Krieges. Der englische Sprachlehrer Wareham in Nürnberg hat sich durch Gas vergiftet. In einem hinterlassenen Briefe gibt er an, daß ihm fern Vaterland durch die Kriegserklärung an Deutschland die Existenz geraubt habe. Wareham gab englischen Unterricht in Nürnberg: er unterrichtete auch die Schutz- leute in der englischen Sprache.
Zur Verhütung von Konkursen
Neue Beschlüsse des Bundesrats.
Unsere Banken und Gewerbetreibenden sind solid, leistungsfähig und kreditwürdig. Sie haben, wenn der uns aufgezwungene Krieg zu einem glücklichen Ende geführt ist, wieder einen wirtschaftlichen Aufschwung zu erwarten. Dessenungeachtet werden im Handel und Gewerbe gewisse Stockungen eintreten, wie sie sich bei den augenblicklichen Verhältnisse», insbesondere der Unterbindung des Außenhandels und dem Ausfall an Arbeitskräften, nicht ganz vermeiden lassen. Hierdurch können solide Geschäftsleute vorübergehend in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Eine Liquidation im gegenwärtigen Zeitpunkte würde nur mit großen Verlusten durchführbar sein, und eine außerordentliche Härte bedeuten. Um hier zu helfen, hat der Bundesrat neben den anderen in letzter Zeit getroffenen Maßnahmen bestimmt, daß, wer infolge des Krieges zahlungsunfähig geworden ist, bei dem Konkursgerichte die Anordnung einer G e s ch ä f t s a u f s i ch t zur Abwendung des Konkursverfahrens beantragen kann. Mit dem Antrag ist ein Verzeichnis der Gläubiger und eine Uebersicht des Vermögensstandes vorzulegen. Dem Antrag ist stattzugeben, wenn die Behebung der Zahlungsunfähigkeit nach Beendigung des Krieges in Aussicht genommen werden kann. .
Mit der Anordnung der Geschaftsaufsicht wird das Geschäft des Schuldners unter Aufsicht gestellt: die Aufsicht wird durch gerichtlich bestellte Personen ausgeübt. Die Aufsichtspersonen haben die Geschäftsführung des Schuldners zu überwachen und zu unter- stützen, insbesondere dafür zn sorgen, daß das Vermögen den Gläubigern erhalten bleibt. Die Ertragmste des Geschäftes sollen den Gläubigern verhältnismäßig zukommen. Arreste und Zwangsvollstreckungen sowie die Konkurseröffnung sollen ausgeschlossen sein. Andererseits ist dem Schuldner untersagt, ohne Zustim- mung der Aufsichtspersonen unentgeltliche Verfügungen sowie Verfügungen über Grundssücke und Rechte an Grundstücken vorzunehmen, Ansprüche zu befriedigen oder sicherzustellen, oder andere als solche Verbindlichkeiten einzugehen, die zur Fortführung des Geschäftes oder zu einer bescheidenen Lebensführung erforderlich sind. Handelt der Schnldner diesem Verbot zuwider, so kann das Gericht das Verfahren aufheben.
Hypothekengläubiger werden von dem Verfahren nicht betroffen; sie können daher die Zwangsversteigerung betreiben, auch wenn ihr Schuldner unter Geschaftsaufsicht gestellt ist. Doch bleibt dem Schuldner unbenommen, auf Grund der Verordnung des Bundesrats über die gerichtliche Bewilligung von Zahlungsfristen beim Vollstreckungsgericht zu beantragen, daß die Zwangsvollstreckung auf die Dauer von längstens
drei Monaten eingestellt werde. Auch Lohnforderungen, sowie staatliche und kommunale Abgaben sind von dem Verfahren ausgenommen. „ .. „ .
Oeffentliche Bekanntmachungen über die Anordnung der Aufsicht werden nicht erfolgen, so daß der Kaufmann eine Kreditschädigung nicht zu befürchten hat.
Vermischtes
Eine Stiftung für die deutsche Marme. Im Jahre 1910 hatte ein Deutschamerikaner durch Vermittlung des Ortsverbandes Dresden des Flottenvereins seiner sächsischenVaterstadt 6000 Mark gestiftet,. deren Zinsen bedürftigen Einwohnern der Stadt zumllen sollten. Sollte es bis zum Jahre 192o zu einem dem Deutschen Reiche von England aufgezwungenen Kriege gekommen sein so ist die Stadtgemeinde verpflichtet, das Kapital ohne Verzug dem Staatssekretär des Reichsmarineamts zu übergeben, der die 6000 Mark der Besatzung desjenigen Schsifes übergeben soll, dem es gelingt, das erste größere englische Kriegsschiff, Linienschiff, Torpedoboot usw. zu nehmen oder zu vernichten. Die Ber
teilung soll nach dem freien Ermessen des StaatSsekr» tärs unter die gesamte Schiffsbesatzung erfolgen. Außerdem ist es dem Staatssekretär freigestellt, inwieweit er der Hinterbliebenen der im Seegefecht Umgekomme- nen geheilten will.
Leute, die wenig schlafen. Bekanntlich erfordert die Hngiene eine Schlafzeit von 6—8 Stunden für den erwachsenen Menschen. Indes scheint das Gesetz der Hu- giene für bedeutende Männer nicht maßgebnd zu sein. Denn von Martin Lnther wissen wir, daß ihm vier Stunden Schlaf vollkommen genügten. Der große Re- formator wurde aber hierin von Wilhelm von Hum- boldt weit übertroffen. Als achtzigjähriger Greis sagte er einmal zu F. Max Müller, Professor der vergleichenden Sprachwissenschaft zu Oxford: „Ich werde alt und brauche mehr Schlaf, vier Stnnden wenigstens. Als ich noch jung war, genügten mir zwei Stunden Schlaf vollkommen. Es ist ein Irrtum, wenn auch ein sehr verbreiteter, daß wir sieben bis acht Stunden Schlaf brauchen. Als ich so alt war wie Sie, legte ich mich einfach auf das Sofa, schraubte meine Lampe herunter und war nach zwei Stunden Schlaf so frisch wie nur je." Und von dem unlängst verstorbenen Professor von Bergmann wird erzählt, daß er auf die Frage, wann er eigentlich schlafe, antwortete: „Das Schlafen müßten wir Aerzte uns eigentlich abgewöhnen."
Es gehl vorwärts
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Es geht vorwärts. Die Maschinerie der Mobil- machung geht ihren schnellen geordneten Gang: jedes Rädchen tut seine Pflicht. Auch der Grenzschutz hat seine Schuldigkeit getan. Die russische Kavallerie, die sich ihre Streif- und Brandzüge sicherlich bequemer und erfolgreicher gedacht hat, ist vor dem Feuer der Unseren nach schweren Verlusten zerstoben und fluchtartig in die Heimat zurückgeflutet. Dafür haben deutsche Grenz- schutztruppen neben Czenstochau, Kirbaty und Wtelun das volkreiche Kalisch besetzt nnd damit wichtige Eisenbahnstrecken für den diesseitigen Hauptaufmarsch gedeckt. In Frankreich ist das wichtige Städtchen Briey genommen worden, und die Abteilungen der gesamten deutschen Vorhut sind in Belgien etnaerückt. Welch ein Geist die nach deutscher Art vorwärts drängenden Trup pen des Vortrabs beseelt, beweist die Einnahme der belgischen Festung Lttttich, das mit seinen Vorstädten gegen 250 000 Einwohner zählt: die Flucht des dortigen Kommandanten und das Verhalten der belgischen Garnison zeugt nicht gerade für die Tüchtigkeit und Brauchbarkeit einer milrzartiaeu Armee. Flotte, Flieger und Zeppeline tun ihre Schuldigkeit, wenn anch mit Recht gerade über ihre Unternehmungen derselbe dichte strategische Schleier gebreitet liegt wie über die Bewegungen und Aufgabeu der eigentlichen großen Heereskörper. Lieb Vaterland, magst ruhig fein; es geht vorwärts.
Aber wir modernen nervösen Menschen kennen nicht mehr die Notwendigkeit, den Segen des Wartens und Stilleseins vor dem Sturm der Entscheidung. Wie sagt doch ein siuuiges Schriftwort, das, wie andere religiöse Kernworte erst jetzt in dieser eisernen Zeit ins Gedächtnis zuriickdringt und nun erst in seiner tiefen Bedeutung verstanden wird. Durch Stillesein und Harren wurdet ihr stark sein. Die Kirschen, die wir mit unseren Feinden ringsum zu pflücken haben, müssen erst ganz reif werden. Ist erst der Hauptanfmarsch der deutschen Heeresmassen im Westen und der der österreichisch-deutschen Truppen im Osten vollendet, sind die gewaltigen Gewitterwolken der verbündeten Schlacht- reihen mit der Elektrizität der Kampfesbereitschaft geladen, dann wird ein furchtbares Blitzen und Donnern losbrechen, daß unseren Feinden Lust und Mut vergeht. Dann werden wir sie dreschen, wie unser Kaiser im Heiligen Zorn gewckssagt hat; denn unsere Scharen kennen in diesem heiligen Krieg das Signal zum Rückzüge nicht, ihr Feldgeschrei lautet im Sinne Blüchers und Moltkes: Vorwärts. Wer den Aufruf des Kaisers, der Kaiserin an das Deutsche Volk, an die Deutschen Frauen wohl beherzigen will, der warte die wenigen Tage in wachsendem Vertrauen geduldig und furchtlos auf die erlösenden großen Schläge. Es geht vorwärts.
Die Gesundheitspflege des Aeldsotdaten
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Es ist lehrreich, sich zu vergegenwärtigen, wie viele Opfer die letzten Kriege durch Todesfälle an Krankheiten gefordert haben. Man erwartet von dem Aufschwung der Gesundheitspflege in ihrer wissenschaftlichen Erkenntnis und den darauf gegründeten sanitären Maßnahmen, daß die Verluste von Feldtruppen durch Krankheiten jetzt nicht mehr annähernd so groß sein können wie in früheren Zeiten. Dies Vertrauen wird sich in gewissem Grade als berechtigt erweisen. Hat doch sogar die Cholera während der letzten Balkankriege keinen bedrohlichen Umfang erreicht. Keinesfalls aber darf man sich deshalb in Sicherheit wiegen. Verschiedenheiten der Witterung und des Klimas und auch die schwankende Natur der Seuchen können die Gefahr einmal ab- schwächen, das andere Mal steigern.
Im Burenkrieg betrugen die Verluste der englischen Streitkräfte in den Schlachten und Gefechten selbst rund 7000, durch Krankheit über 14 000 Mann, also immer noch doppelt so viel. Weit ungünstiger stellte sich das Verhältnis im ostasiatischen Kriege von 1894/95 zwischen China und Japan. Nach der zuverlässigen Statistik starken auf der japanischen Seite über zwölfmal mehr Soldaten an Krankheit als durch die Wafß ' " Gegners. Aehnliche Erfahrungen haben auch die ______ rikaner in ihrem Kriege gegen Spanien und in ihren Feldzügen auf den Philippinen gemacht. Durch die kriegerischen Ereignisse getötet wurden nur 293 Mann, an Krankheiten aber starben 1032, dazu noch 2649 in den heimischen Lagern, also auch etwa zwölfmal mehr.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Mehrzahl dieser Todesfälle nach dem heutigen Stande der Wissenschaft und ihrer Anwendung als vermeidbar bezeichnet werden kann. Daß in dieser Richtung viel erreicht werden kann, haben bereits die Japaner in ihrem Stieg gegen Rußland 1904/05 bewiesen. Sie büßten damals 58 887 Soldaten in den Schlachten und Gefechten ein, dagegen nur 27158 durch Krankheit. Das ist wohl der erste Fall gewesen, in dem ein Krieg um die Hälfte weniger Opfer durch Krankheit als durch Waffen gefordert hat. Es ist anzuerkennen und muß scharf betont werden, daß die Japaner, die in dieser Beziehung noch zehn Jahre vorher so ungünstige Erfahrungen gemacht hatten, diesen Fortschritt zum allergrößten Teil sich selbst zu verdanken hatten. Der ärztliche Ueber- wachungsdienst in ihrer Armee und Flotte war in außer- ordentlcchem Grade vervollkommnet worden, so daß nicht nur die Verbreitung ansteckender Krankheiten erfolg- reich behindert, sondern auch jedem einzelnen Soldaten die größte Aufmerksamkeit mit Bezug auf die persönliche Gesundheitspflege erwiesen wurde.
liche Gesundheitspflege erwiesen wurde.
Der ärztliche Stab eines Heeres allein kann einen solchen Erfolg nicht zuwege bringen, sondern er bedarf dazu der tätigen Mitwirkung nicht nur der Offizi—, sondern auch der Mannschaften, die mit vollem Verständnis die Lehren der Aerzte annehmen und befolgen müssen.
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