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die Ansicht, daß Warschau Medllch, ohne nennenswerten Widerstand, von der deutschen oder österreichischen Ar­mee eingenommen werden könne.

Die augenblickliche europäische Lage.

Kaum eine Woche nach dem Ausbruch der österrei­chisch-serbischen Krise steht Deutschland im Mittelpunkt eines gewaltigen europäischen Entscheidungsringens, das eben, trotz unserer Friedfertigkeit, nicht ausbleiben konnte, weil der Erfolg unserer Arbeit Mißgunst und Neid ringsum erweckte. In zweiter Linie geht es um das Schicksal der auf Gedeih und Verderb mit Deutsch­land verwachsenen Völker. So ist die Lage klar und ein­fach. Die beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche im offe­nen Kriege mit den zusammengeschlossenen Entente­mächten. Hinzu kommt die Gegnerschaft Belgiens und Serbiens, von denen die eine als ziemlich überwunden gelten kann und die andere von untergeordneter Be­deutung ist. Fast alle anderen europäischen Mächte sind bestrebt, sich der Neutralität zu befleißigen, und zwar durchweg mit freundlichem Gesicht gegen uns. Das gilt mit einiger Sicherheit von Italien, das unter den Feuerschlünden der englischen Militärflotte nicht aktiv etnzugreifen vermag, das gilt vor allem von Schweden und der Türkei. Wie weit die Erregung mohammeda­nischer Wirren in der Lage sein kann, England in sei­nem asiatischen Besitz, und vor allem in Indien, Schwie­rigkeiten zu bereiten, mag dahingestellt bleiben. Jeden­falls ist die Türkei vollkommen auf unseren Sieg an­gewiesen. Unterlägen wir, würde sie eine Bente der raubgierigen Gegner werden. Diese Zwangslage sichert uns jedenfalls die volle türkische Sympathie, die durch die Anwesenheit der deutschen Militärmission sicherlich an Bedeutung gewinnt. Holland und Dänemark sind ebenfalls zur Neutralität entschlossen. Dänemark hat sogar die Durchfahrt durch den Sund für Kriegsschiffe mit Minen gesperrt, so daß es England ohne Verletzung der dänischen Neutralität nicht möglich ist, die deutsch- russische Auseinandersetzung in der Ostsee zu stören. Der dänischen Neutralität wird England natürlich nicht die mindeste Achtung entgegenbringen. Trotzdem wird es der englischen Flotte wohl nicht leicht werden, sich die ohnehin nicht ungefährliche Durchfahrt zur Ostsee zu erkämpfen, wenn Dänemark entschlossen bleibt, jeden Neutralitätsbruch nachdrücklichst zurückzuweisen. Viel Feind, viel Ehr! So mags denn mit Mut und Zuver­sicht in den schweren Kampf gehen. Die erste Rüstungs- woche stand für uns unter einem glücklichen Stern. Möge er unserer gerechten Sache auch fürderhin so hell und rein leuchten, wie unser Gewissen ist, mit dem wir der neuen Woche entgegensehen.

Russische Deserteure.

Wie die „Bresl. Ztg." mitteilt, treffen fortgesetzt russische Deserteure in Oberschlesien ein. Sie erzählen von den trostlosen Verhältnissen in Rußland. Bis Warschau sei das ganze Land von Militär entblößt, die Ernte sei schlecht geraten, das Volk fei der Verzweif­lung nahe, und es würde sicher zur Revolution kom­men, wenn der Krieg ausbreche. Einer der Deserteure hatte eine Proklamation des Zaren bei sich, die sich an die russischen Juden wendet. In ihnen wird den Juden allerlei versprochen. Mit bitterer Ironie meinte einer der Deserteure: „Nachdem man uns so geknebelt hat, verspricht man uns goldene Berge, um, wenn die Ge­fahr vorüber ist, uns noch schlimmer zu behandeln wie zuvor. Alle frommen alten Juden beten zu Gott, daß Deutschland siegen und einen Teil Rußlands in Besitz nehmen möge, damit wir deutsche Untertanen werden." Russische Flüchtlinge kommen mit Weib und Kind in großer Zahl hier an, um in Deutschland Schutz zu suchen und hier die kommende Kriegszeit zu verbringen. Von der Zurückziehung des Militärs aus dem Grenzgebiet erzählen die Flüchtlinge tolle Sachen. Danach sind die verlassenen Kasernen von der Bevölkerung völlig ans- geraubt worden. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde gestohlen. Das ganze Inventar, sogar die Fen­ster wurden fortgejraaen. (Solche Erzählungen sind freilich mit einiger Vorsicht aufzunehmen. D. Red.) Wenn der Geist des russischen Heeres auch nur zu ei­nem Bruchteil dem entspricht, den die Deserteure zeig­ten, dann ist es um die russischen Militärverhältnisse sehr schlecht bestellt. Massendesertion wird an allen Grenzübergängen beobachtet.

Schandtaten der Kosaken.

In der Nacht vom 1. zum 2. August brachen, wie man aus den amtlichen Mitteilungen weiß, bei Schwiö- den bet Bialla russische Kavalleristen über die Grenze in deutsches Gebiet ein, und zwei Schwadronen Kosaken versuchten, Johannisburg zu erreichen. Dem „Tag" geht nun eine Karte zu, auf der die Besitzerin eines kleinen Gehöftes in dem Grenzörtchen Skodden bet Bialla ihrem Bruder in Berlin folgendes schreibt: Ich teile Dir mit, daß wir seit Montag heimatlos sind. Unser Heimathaus ist ein Trümmerhaufen und liegt in Asche. Wir mußten fliehen und haben nur das bloße Leben ge­rettet. Vater, Emma und Hugo, die zurückgeblieben, wurden von den Kosaken ermordet. Was soll nun wer­ben? Wir haben alles verloren. Wer weiß, ob Dich die Karte trifft, denn Du bist wohl selber schon im Feuer. Deine Mutter, Großmutter, Trude, Meta und Lina.

Ein Londoner Flugblatt.

Ein Leser des „Berl. Tagebl." sendet dem Blatt folgendes in den Straßen von London verbreitetes Flug­blatt: Warum sollen wir für Rußland kämpfen? Wenn England in den Krieg zieht, werden wir Rußland hel­fen, den europäischen Kontinent zu beherrschen. Ruß­land ist das Land, zu dessen Bekämpfung wir im Krim­kriege 50 Millionen Lstrl. hingegeben haben. Rußland ist das Land, das unser indisches Reich bedroht. Ruß­land ist das Land, das erst in der letzten Woche friedliche Bürger in den Straßen seiner Städte hat niederschietzen lassen. Rußland ist das Land, das der Feind fortschritt­licher Ideen ist und der Feind der englischen Wünsche nach Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. Was ist die größere Gefahr für England? 65 Millionen Deutsche von un­serem Blut und mit denselben Empfindungen wie wir, ein Volk, das in Handel, Industrie und friedlichen Unternehmungen sich betätigt, oder 170 Millionen Russen, Slaven einer verderbten Autokratie, die nur zum Gebrauch dieser autokratischen Macht verwendbar sind? Ein Krieg für Rußland ist ein Krieg gegen die Zivilisation." — Das Flugblatt hat unzweifelhaft recht. Aber der sehr ehrenwerte Sir Edward Grey, wie die «englische Politik führt die Zivilisation wohl immer tunde, aber nicht im Herzen. England hat seinen Namen aus ewig befleckt, indem es sich dem Konsortium beigesellt, das sich um Serbien schart, um das Land des Fürstenmordes.

Warum Italien neutral blieb.

Zur Neutralität Italiens schreibt die offiziöse Kor­respondenz Hoffmann^: „Wenn in schweren Zeiten ein ^und mannhaft zu uns steht und dies vor aller Welt gründet, so hat das noch allemal in jedem Herzen ucoralisches Hochgefühl ausgelöst,' aber freilich in Welt, in der die Dinge hart aufeinander stoßen, uns solche frohe Entscheidungen nur selten beschert, und kein Politiker darf damit rechnen. Nur nach den JntereLen seines Lgpches kann ein Staatsmann die Po-

IMk orientieren, auch dann, wenn damit vielleicht so manche Illusionen beim Nachbar endgültig zerstört wer­den. Und als die Neutralitätserklärung Italiens in diesen Tagen offiziell verkündet wurde, wird ohne Zwei­fel in Millionen von deutschen Herzen ein Gefühl solcher Art aufgestiegen, wird eine Enttäuschung über den ita­lienischen Freund empfunden worden sein. Aber seien wir gerecht: bedenken wir die langgestreckte, zu Drei­viertel vom Meere umspülte Lage der italienischen Halb­insel, bedenken wir die Empfindlichkeit der im Osten und Westen, von Süd nach Nord laufenden Bahnlinien, vergegenwärtigen wir uns der relativen Schutzlosigkeit dieser wichtigen Verkehrswege des Königreichs gegen die Einwirkungen der übermächtigen vereinigten fran­zösischen und englischen Fotten, und wir werden an- erkennen müssen, daß in diesem Augenblick sehr ernste gewichtige Interessen für den Leiter der auswärtigen Politik Italiens vorlagen, als er die Neutralität seines Landes verkündete. Bei einer solchen Betrachtung der Dinge könnte es keinem verständigen Deutschen bel- kommen, die Haltung Italiens auf eine Linie zu stellen mit dem russischen Verrat, oder gar es die in unserem Lande zn vielen Tausenden beschäftigten Italiener füh­len zu lassen, daß die Politik ihres Vaterlandes sich nur vvu Interessen, nicht aber von moralischem Hoch­gefühl hat leiten lassen. Auch sie, alle diesen fleißigen Arbeiter, seien dem gerechten Empfinden des deutschen Volkes in diesen kritischen Zeiten empfohlen.

Munitions- und Lebensmittelmangel bei der serbischen Armee.

Nach übereinstimmenden Nachrichten aus Serbien fehlt es der serbischen Armee an Lebensrnitteln und Ar- tilleriemnnition. Die Soldaten erhalten bloß einen hal­ben Leib Brot täglich oder einen aus Mais und Hafer gekochten Brei. Jfolgedessen kommen viele Desertionen vor. Die Munition soll überhaupt bloß für eine größere Schlacht reichen. Die serbische Regierung hat daher in Athen nachgesucht, die Zufuhr von Lebensmitteln und Kriegsmaterial über Saloniki zu ermöglichen und Waggons der Orientbahn dazu bereitzustellen, doch lie­gen Meldungen vor, wonach die Bahnverbindungen Serbiens mit Saloniki durch die einheimische Bevölke­rung, die das serbische Joch abschütteln möchte, bedroht werden.

Politische Rundschau.

Der Schwur in die Hand des Kaisers. Die Reichs- tagsabgeordneten, die nach den Schlußworten des Kai­sers bei der Thronrede diesem treues Zusammenhalten ohne Partei-, Standes- und Konfessionsunterschiede, in die Hand versprachen, waren, wie wir hören, die fol­genden Herren: die drei Reichstagspräsidenten Kaempf, Paasche und Dove, von den Konservativen Graf We- starp, von der Reichspartei v. Gamp, von der Wirt­schaftlichen Vereinigung Behrens, vom Zentrum Dr. Spahn, von den Nationalliberalen Wassermann und von der fortschrittlichen Volkspartei Dr. Wiemer und Fischbeck.

Die deutsche Rüstung gewogen und vollwichtig ge­funden. Die im Reich eingesetzte Rüstungskomnnssion hat ihre Arbeiten nahezu vollendet. Der Bericht, den der Abgeordnete Erzberger über die Waffenlieferungen für Heer und Flotte erstattet, gelangte zu dem Ergeb­nisse, daß Heer und Flotte tadellos bewaffnet, ja, daß unsere Bewaffnung, sowohl was Handfeuerwaffen als Geschütze anlangt, der Bewaffnung derjenigen Staaten, mit denen wir jetzt Krieg führen, überlegen ist.

Englands geschichtliche Berechtigung zu einem Pro- wesend gewesen uns bat, zu diesem edlen Werke sehr Artikel der „Natl. Korr." untersucht. Es heißt da sehr zutreffend: „England Hätte zweifellos besser getan, sich für feine Kriegserklärung einen anderen Vorwand aus- zusuchen, als den ihm seiner Meinung nach obliegen­den Schutz der belgischen Neutralität. Denn gerade England ist die Macht, die sich im Notfalle am aller­wenigsten um die Neutralität eines anderen Staates schert. Das hat es seinerzeit vor allem Dänemark gegen­über bewiesen. Obwohl dieses am 16. Dezember 1800 der von Rußland gegen britische Hebelgriffe gestifteten bewaffneten Neutralität beigetreten war, so trug Eng­land gar kein Bedenken, am 2. April 1801 vor Kopen­hagen die dänische Flotte anzngreifen und die Stadt zu bombardieren. Ebensowenig respektierte England wäh­rend des dritten Koalitionskrieges im Jahre 1807 die dänische Neutralität. Schon der bloße Verdacht, Na­poleon könnte sich der dänischen Flotte zum Zwecke ei­ner Landung an der englischen Küste bedienen, genügte für England, um Dänemarks Allianz mit England und die Auslieferung der dänischen Flotte als Unterpfand zu fordern. Als England damit kein Glück hatte, schritt es ohne weiteres zum Bombardement von Kopenhagen und führte schließlich die dänische Flotte, insgesamt 75 Schiffe, als Beute weg. England sollte es daher unter­lassen, Entrüstung über eine von der Not gebotene Ver­letzung der Neutralität Belgiens zu heucheln." Die ge­schichtlichen Beispiele dafür, daß die Rolle eines Schüt­zers der Schwachen den Briten schlecht ansteht, lassen sich noch beliebig vermehren.

Kleine Hadirlcfifen,

Für Deutschland gefallen. Graf Arnim-Boitzen- burg zeigt an, daß sein ältester Sohn Adolf Heinrich, Fahnenjunker im 1. Brandenburgiichen Dragoner-Re­giment Nr. 2, für Deutschlands Ehre gefallen ist.

In den Tod. Freitag vormittag hat sich die 85 Jahre alte Witwe Simmermamt in Königsberg am Türdrücker in ihrer Wohnung erhängt. Schon in den letzten Tagen soll die alte Frau geäußert haben, daß sie lieber sterben, als den Krieg erleben möchte..

Neun Brüder in den Krieg. Die Witwe Anna Böttcher in Benkendorf bei Salzmlinde (Provinz Sach­sen) schickt neun Söhne und drei Schwiegersöhne in den Krieg. Fast ebensoviel Krieger stellt die Familie^ des Gutsbesitzers Heydrich in Tobertitz (Königreich Sach-

Sieben Söhne und zwei Schwiegerchhne ziehen in Kampf für Freiheit und Ehre. _ t J

Der Sohn eines amerikanischen Gesandten als deut­scher Kriegsfreiwilliger. Wie dem ,,Berliner ^.Lokal- anzeiger aus dem Haag mitgeteilt wird, hat sich der Sohn des dortigen amerikanischen Gesandten als Frei­williger zum Kriegsdienst unter der deutschen Fahne gemeldet. _ .

Ggen den Wucher. Der Oberbürarmeuter von Trier setzte den Höchstverkaufspreis. für Frühkartoffeln pro Zentner auf 5 .//, und pro Pfund auf 6 4 fest. Bei Weigerung beschlagnahmtdre Polizei die Verkaufsvor­räte zum Verkauf für obige Satze.

Gold für Eisen. In München ist eine Bewegung im Gange, die goldenen Trauringe auf den Altar des Vaterlandes zu legen. Das erste Ringopfer ist bereits vollzogen worden. Die Münchener Rechtsanwalte haben beschlössen, während der- Kriegszeit Rechtsauskünfte an Angehörige derjenigen, die in den Krieg gezogen sind, umsonst zu geben.

Boykott englischer Waren in Amerika. Eine sehr große Anzahl Deutsch-Amerikaner erläßt, wie der .Kon-

fertfoitar" mitteilt, in amerikanischen Zeitungen einen Aufruf, in welchem die Deutsch-Amerikaner erklären, in Qufunft vom Ankauf englischer Waren abzustehen.

Eine unbemittelte allein stehende Dame hat, wie die „Darrust. Ztg." mitteilt, der Stadt Darmstadt für die Armen den Betrag von 1000 ^ überwiesen; er stellt den dritten Teil der in langen Jahren angesammekien Ersparnisse dar und soll „der kommenden Not nach Möglichkeit steuern helfen." Die edle Tat ist nicht hoch genug zu bewerten, schon deshalb, weil sie die eindring­lichste Mahnung an alle Besitzende« enthalt: „Sut’s dieser großen Wohltäterin nach, Ihr, die Jhr's besser und vielleicht ohne Entsagung vermögt!" Die Aufgaben, die der Wohltätigkeit jeder Art harren, sind vielgestaltig und ungeheuer groß.

Wilde Ausschreitungen gegen deutsche in parls.

Die „Norddeutsche Allg. Ztg." berichtet:

Die Ausschreitungeu gegen die in Paris ansässigen Deutschen begannen schon vor der Mobilmachung. Schon gegen Ende ftuli baten zahlreiche Deutsche um Schutz. Sie berichteten, daß Teutschen nirgends mehr Unter­kunft geboten werde, daß man sie auf der Straße be­schimpfe, und daß sie sogar, wenn sie sich an die Polizei mit der Bitte um Unterbringung wendeten, dort in der roheften Weise behandelt würden. Auch die Bahn nahm kein Gepäck von ihnen in Verwahrung. Die Hilferufe vermehrten sich von Tag zu Tag, sodaß schließlich eine unübersehbare Nteuge von Menschen auf der Botschaft und im Generalkonfulat als Obdachlose sich meldeten. Es wurden thuen nach Möglichkeit Fahrkarten nach Belgien besorgt. In der Stacht vom 1. zum 2. August wurde in der Botschaft und im Generalkonsulat Massen-

asyl gewährt.

Der Höhepunkt der Ausschreitungen wurde am 1. Mobilmachuugstag, am 2. d. M., erreicht. Zahlreiche Flüchtlinge meldeten, daß die Wohnungen und Geschäfts­häuser der Deutschen in der Stadt geplündert würden. Besonders rücksichtslos war die Zerstörung des Pschorr- bräu sowie aller Geschäfte, die Waren deutscher, öster­reichischer und deutsch-schweizerischer Herkunft führten. UeberaU sah die Polizei mit verschränkten Armen zu. In vielen Fällen sind nicht bloß die Wohnungen von Deutschen, svudern auch die ihrer Quartiergeber voll­ständig verwüstet worden. Die Folge war, daß kein Portier mehr einen Deutschen in sein Haus einlietz, daß die deutschen Geschäftsangestellten und Dienstboten mas­senhaft entlassen wurden, oft unter Einhaltung des Ge­haltes. Gegen 10 Uhr abends mehrten sich die Nach­richten über Verwilstungen in der Stadt derartig, daß Schild und Fahueustauge des Generalkonsulats eiuge- zogen wurden, da auf dem Konsulat ketue Sicherheit mehr bestand. Am nächsten Tage griffen die deutschfeind­lichen Ausschreitungen auf der Straße derart um sich, daß beispielsweise das Stadtviertel in Belleville in tollem Aufruhr war. Es sollen dort schließlich alle Geschäfte geplündert worden sein. Die Deutschen wurden von der Polizei in brutalster Weise behandelt und dem johle den Publikum in brutalster Weise überlassen. Frau« wurden nach ihrer Abfertigung mit Fußtritten und Faustschlägen aus den Polizeibnreaus hinausbefördert. In den Geschäften wurden den Deutschen alle Lebcus- mittel verweigert. Das Wechseln, selbst französischen Papiergeldes, wurde durchweg abgelehut. Auf der Straße verfolgten sie das Publikum und nahmen ihnen oft auch das Gepäck ab, das auf der Straße zerstört oder verteilt wurde.

N-

rauen

Jnfolge der sehr entschiedenen und dringenden Vor­stellungen, die er Botschafter Freiherr von Schoen bei dem französischen Ministerpräsidenten erhob, ge­währte endlich am späten Nachmittag die französische Regierung den obdachlosen Deutschen ein vorläufiges Unterkommen in einer Schule. Die Botschaft und das Generalkonsulat sind über 6000 Deutschen zum Verlassen Frankreichs behilflich gewesen. Der Botschafter und mehrere Botschaftsmitgueder halfen ihnen mit Privat- mitteln aus. Etwa 100 Personen, darunter viele Fa­milien mit kleinen Kindern, hat der Botschafter die amt­lichen und privaten Räume zur Verfügung gestellt, wo notdürftige Unterkunft und Verpflegung eingerichtet wurde. Die Verpflegung wurde'wegen der Feindselig­keit und Aengstlichkeit der französischen Bevölkerung sehr schwierig, als Botschafter Freiherr v. Schoen sich allein zum Ministerpräsidenten begab, uM dort zunächst nachdrücklich um Schutz für die bedrohten Deutschen und für sich selbst zu bitten, und dann den Abbruch der Be- ziehungen zu erklären, wurde der Botschafter, der schon kurz vorher von französischen Damen gröblich mit Schimpfreden beleidigt worden war, von mehreren ver­dächtig aussehenden Männern belästigt und bedroht, die auf die Trittbretter des Wagens sprangen und auf ihn einzudringen suchten. Freiherr v. Schoen rief Schutz­leute herbei und gelangte unter deren Schutz zum Mini­sterium des Aeußer«. Er erhob dort energischen Ein­spruch des Borfalles und erhielt Genugtuung in der Form von Entschuldigungen mit der Zusicherung eines rechtlichen Schutzes. Die Abreife des Botschafters mit allem Personal und Familien, etwa 100 Personen, ver­lief ohne störenden Zwtschenfall.

►* neuestes vom Gage.

Amnestie in Bayern.

WTB. München, 10. August. Der König erläßt eine umfassende Amnestie, nach der angesichts der opfer­willigen Vaterlandsliebe, die das ganze Volk bekundet, die Strafen für eine Reihe von Vergehen aufgehoben werden.

Neue Kaiserspende für das Rote Kreuz.

WTB. Berlin, 10. August. Der Kaiser hat dem Hauptvorstand des Vaterländischen Frauenvereins für Zwecke des Roten Kreuzes die Summe von 50 000 Mark überwiesen.

WTB. Münster, 10. August. Die Herzogin von Arenberg auf Schloß Nordkirchen hat dem Landeshaupt­mann der Provinz Westfalen für Zwecke des Roten Kreuzes 100 000 Mark zur Verfügung gestellt

General Wille, der schweizerische Oberbefehlshaber.

WTB. Basel, 10. August. Der Mailänder „Secolo" schreibt: Die Wahl des schweizerischen Oberbefehls­habers, die entgegen den bisherigen Erwartungen aus- ist, zeigt deutlich den Einfluß, den Deutschland auf die Berner Regierung ausgeübt hat. Alle Parteien hatten sich auf den Stabschef Sprecher geeinigt, aber darauf intervenierte der Bundesrat und setzte die Wahl Willes bei den Parteien durch. „Secolo" schließt aus alledem, daß die Wahl Willes auf den Einfluß des deut- scheu Kaisers zuruckzufübreu sei, der als schweizerischer General einen Mann haben wollte, auf den er sich gegen Frankreich verlassen konnte. Die schweizerische Presse erklärt diese Ausführungen des „Secolo" als gefährliche politische Brunnenvergiftulig. Die Wahl Willes sei lediglich aus militärischen Gründen und rein sachlichen Erwägungen erfolgt.