And alle, alle kamen!"
Wer hätte es wohl vor einem Jahre geglaubt, als wir die Erinnerung an 1813 feierten, daß es auch uns beschieden sein würde, eine solche Zeit, eine Zeit von solcher Größe und Herrlichkeit zu erleben? Gedanken an einen Krieg waren damals nicht gerade populär: und wenn man auch damit rechnen mußte, daß einmal der Tag der großen Auseinandersetzung kommen könnte, so wünschte doch ein jeder, daß er so fern, wie möglich sein möchte, und die meisten dachten an ihn nur mit Schrecken und Grauen. Und was ist geschehen über Nacht? Deutschland ist erwacht aus Träumerei und Gleichgültigkeit, erwacht zu Wirklichkeit und Tatendrang, und durch unser Volk geht eine Bewegung, zweifellos stärker und machtvoller als 1870, mindestens ebenso groß als 1813. Alle trennenden Schranken und Vorurteile sind vergangen wie Märzenschnee in der Sonne, es gibt nicht Arm und Reich mehr, nicht hoch und niedrig, nicht Partei und Konfession; es gibt nur eines: ein einig Volk von Brüdern!
Und dieses Volk von Brudern rüstet sich zum Kampfe, der, gleichviel, welchen Ausgang er haben mag, den Gegnern an den innersten Kern ihres Lebens geht. Das konnte man am besten sehen, als die Nachricht von der Kriegserklärung Englands kam. Das war kein Erschrecken! Es war ein Aufatmen! Ein Hochrecken! So Ct's gut! Nun stehen wir ihnen alle Auge in Auge, nun wissen wir, woran wir sind, und die anderen sollen's bald erfahren. Nun wollen wir sie dreschen. Wie schon hundertfach, hat unser Kaiser auch diesmal im rechten Augenblick das rechte Wort gefunden, das Wort, das zum Feldgeschrei werden muß und werden wird.
Alle, alle treten sie an, an dieser Arbeit teilzuneh- men. Keiner der Gestellungspflichtigen ist zurückgeblieben, aber zu Tausenden und Abertausenden melden sich die Freiwilligen, in so überwältigend ungeheuren Scharen, daß viele, viele zurückgewiesen werden müssen, weil noch gar keine Verwendungsmöglichkeit für sie ist. Könnte unser Feind diese Züge doch sehen, wie sie durch die Straßen marschieren, singend, mit gefaßtem Tritt, auf dem Wege zu den Sammelstellen oder auf dem Wege zum Bahnhöfe. Siegeszuversicht in den Augen, froh und fröhlich dreinschauno und mit Begeisterung die letzten Grüße austauschenb. Weinen gibt's nicht, wie bei den Pariser Soldaten, die brüllend über die Boulevards zogen: „Wir wollen keinen Krieg!" Unsere Jungens wollen jetzt den Krieg! Und wie sie mit Windeseile zu den Grenzen eilen, so erscheinen sie auf Vorposten, eh' sich's der Feind versieht; allen voran unsere Blaujacken, die schon vor Algier und im Sund sich haben sehen lassen.
Es ist auch für den Zunächst unbeteiligt Zuschauenden eine ganz ungeheure Beruhigung, wenn er sieht, welche Fülle von Kraft und Tüchtigkeit unser Vaterland auszubieten vermag, wenn er sieht, wie seine an sich schon so famose Armee sich vor seinen Augen in wenigen Tagen verdoppelt und verdreifacht; wenn er die immer neu nachdrängenden Massen der Kampfbereiten erblickt, die Offiziere, die plötzlich bereit dastehen, diese Massen zu lehren und zu leiten, und wenn er weiß, daß das alles erst der erste Anfang ist, dem ein ununter
brochener Fortgang folgt.
Lieb Vaterland magst ruhig sein! Alle, alle kommen und tun ihre Pflicht; tun mehr als ihre Pflicht. Und nicht nur draußen im Felde, auch daheim. Denn das ganze Volk ist wirklich ein Volk in Waffen geworden, und ein Volk, das getragen ist von heiliger, ernster, vertrauensvoller Begeisterung. Vor dieser Begeisterung zerstiebt auch in nichts all das, was vorher Geltung und Wert zu haben schien. Wie unsere vaterländischen Lieder mit ihrem glühenden Atem alle Gassenhauer fort- geweht haben, so wird aus unserem Leben wieder all die törichte Ausländerei in Mode, Sitte und Geschmack verschwinden. Wir werden uns besinnen auf den Reichtum, den wir in unserer Heimat besitzen. Wir werden in diesen Tagen des blutigsten Ernstes wieder deutsch!
Das ist der Gewinn, den uns nichts rauben kann. Das ist — es sei immer wiederholt — das, was uns auch über böse und böseste Schicksalswendung immer wieder hinüberbringen wird, es ist das, was uns schließlich und endlich doch zum Stege führt. Von diesem Glauben lassen wir nicht und dieser Glaube wird uns nicht lassen. Sie alle, alle — die wirklichen Deutschen — kommen ja auch immer wieder zu dem, der allein zu trösten und helfen vermag, wenn alle irdische Macht versagt; sie kommen, trotz aller ausländischen Zweifelsucht und trotz aller fremdartigen Ueberklugheit. Er hat uns geführt vor hundert Jahren. Er führt uns auch heute!
„Und nun wollen wir sie dreschen!"
und tun ihre Pflicht; tun nicht nur draußen im Fe^
* * *
Die deutschen Bundesfürsten im Feld.
One Darmstadt, 8. August. Die Darmstädter 3eituw meldet: Der Großherzog hat dem Kaiser den Wunsc
Ein JUdfieuwert«
Roman von Paul Beye.
9) (Nachdruck verboten.)
Aber vor allem — wer war der fremde Herr und warum hat er sich so eingehend nach Dingen erkundigt, die ihn doch nicht das mindeste angingen? Denn wie konnte er sich dafür interessieren, ob der Signor Lupi einen Luca dello Robbia besessen und verkauft hatte und was es überhaupt für eine Bewandtnis mit jenem Kunstwerk gehabt? Sie wußte leider viel mehr, als ihr angenehm war, über diese dumme Geschichte und wenn sie bisher auch wenig darüber nachgedacht hatte, so tat sie es jetzt desto mehr. Mancherlei, was der Onkel, der Mom- mino, darüber geäußert, wurde in ihrer Erinnerung le-
^ug jetzt zum erstenmal an, es in einen glühen Zusammenhang untereinander zu bringen. Und r 0 f?^' durchblitzte eine Vermutung ihr Hirn, bei der sie aufgeregt emporfuhr.
... 1T^“" ^r ^mde Herr, der so nett und freundlich zu ihr gewesen, nun eut —• Detektiv war! Dann batte sie etwas schönes angerichtet in ihrer Dummheit.
erstaunttch^Ä« Ä diesen Gedanken kam, war nicht so eine erscheinen mag. Sie hatte
eine unmage von Romanen gelesen und tmrmip- genö englische und amerikanische Kriminalromane und in d^oen kam allemal ein Detektiv vor, der auch die Leute ""sfragte ohne daß sie es merkten. Der Mommino liebte diese Lektüre sehr und beschäftigte sich nach GeschäftsicbluL »Ät^, L Ä j'f'Ä in NWS tpcf, aus der er sich die Bücher holte war so xtemiirn mp einzige unnütze Ausgabe, die er sich g^ttete und da er sie schon einmal machte, hatte er nichtsdaaeaen daß Nina ebenfalls die Bücher las. Er fordere sie L sogar auf d-n» erstens wollte er, daß das Mädchen sich i?n Ver' ständutö der englischen Sprache, die er sie hatte erlernen
zu erkennen gegeben, ins Feld ziehen zu dürfen, um seinen Truppen nahe zu sein. Der Kaiser hat der Absicht zugestimmt und durch besonderes Handschreiben weitere Bestimmungen für die Zeit unmittelbar nach Beendigung der Truppentransporte in Aussicht gestellt.
^* Erfurt, 8. August. Der Herzog von Sachsen- Coburg-Gotha hat sich gestern zu den Truppen ins Feld begeben.
Lüttich genommen!
Berlin, 7. August. Der Kaiser, welcher ve« Chef des Generalstabs empfangen hatte, schickte soeben einen seiner Flügel-Adjutante« in den Lustgarten hinaus und ließ dem Publikum mitteilen, daß die Festung Lüttich gefallen sei. Das Publikum brach in stürmische Hoch- und Hurrarufe aus.
Berlin, 7. August, 8 Uhr abends. Nachdem die Abteilung, die den Handstreich auf Lüttich ausgeführt hatte, verstärkt worden war, wurde der Angriff durchgeführt. Heute morgen 8 Uhr war die Festung in deutschem Besitz.
Lüttich ist eine Stadt von 170 000 Einwohnern mit bekannt großer Industrie. Die Festung wird von den Belgiern sehr geschätzt. Sie weist auf der Karte nach deutscher Seite hin verschiedene Autzenforts auf.
Berlin, 8. August. Der Kaiser hat dem Kommandierenden General des 10. Armeekorps von Emmich, der persönlich im Stnrm auf Lüttich die Truppen vorwärts führte, den Orden Ponr le merite verliehen.
Falsche Gerüchte.
Berlin, 8. August. In ~ im Umlauf, daß die deutsch .. schwere Verluste erlitten hättet einer Wolff-Meldung unwahr.
u Berlin sind falsche Gerüchte ^en Truppen an der Ostgrenze ätten. Die Gerüchte sind nach
Montenegro erklärt Oesterreich den Krieg.
Wien, 8. August. Die montenegrinische Regierung hat dem österreichisch-ungarischen Gesandten heute mitgeteilt, daß Montenegro sich als im Kriegszustand mit Oesterreich-Ungarn befindlich betrachtet. Der österreichisch-ungarische Gesandte hat darauf Cetinje sofort verlassen.
England will schleunigst sein Heer vermehren.
London, 8. August. Im Unterhause überbrachte Munsterpräsident Asquith tm Namen des Kriegsministers Lord Kitchener die Vollmacht, die Armee um eine halbe Million zn vermehren.
London, 8. August. Sir John Jellicoe ist zum Oberstkommandierenden der englischen Flotte ernannt worden, Admiral Madden znm Chef des Marinekriegsstabes.
Dänemark erklärt wiederholt seine Neutralität.
»h£ Kopenhagen, 8. August. Die Regierung hat gestern die völlige Neutralität Dänemarks in dem österreichisch-russischen Kriege erklärt.
China erklärt seine Neutralität.
^ Peking, 8. August. China hat seine Neutralität in den gegenwärtigen Kriegen erklärt.
Japan wartet ab.
Japan will zunächst den europäischen Konflikt nicht militärisch, sondern nur wirtschaftlich ausnutzen. Man hört in Tokio, Amerikas Flotte in Ostasien sei verstärkt worden.
Wohlwollende Haltung Rumäniens für den Dreibund.
An Wiener amtlicher Stelle wird versichert, daß Rumäniens Neutralität für den Dreibund wohlwollend sein und daß es jede Neutralitätsverletzung durch Rußland mit militärischen Operationen beantworte» werde. Daß Rußland an der rumänischen Grenze Truppen zusammengezogen hat, wurde bereits vor einigen Tagen gemeldet.
Die holländischen Offiziere verlassen Durazzo.
Wien, 8. August. Aus Durazzo wird gemeldet: Die internationalen Detachements sollen in die Heimat abberufen werden. Infolge der Neutralitätserklärung Hollands haben sich sämtliche holländische Offiziere in die Heimat begeben.
Stiftungen des Kaisers sttr das Rote Kreuz.
** Berlin, 8. August. Der Kaiser hat für die Zwecke des Roten Kreuzes 100 000 Mark und zur Fürsorge für die Familien der zur Fahne Einberufenen gleichfalls 100 000 Mark zur Verfügung gestellt.
Herzogin Viktoria Lnise übernimmt die Regentschaft.
^> Braunschweig, 8. August. Eine Sonderausgabe der amtlichen „Braunschweiger Nachrichten" veröffentlicht eine herzogliche Verfügung, nach welcher während der Abwesenheit des Herzogs im Kriegsfalle oder bei sonstiger Behinderung seine Gemahlin Herzogin Vik-
lassen, weil seine Kunden vorwiegend Engländer waren, vervollkommnete — die Romane waren ja keine Ueber- setzungen — und zweitens meinte er, daß man sie um des dafür bezahlten Geldes willen so viel wie irgend möglich ausnutzen müßte. Das deuchte dem alten Geizhals haushälterisch. Zuweilen hatte er sich sogar von der Nichte aus jenen Kriminalromanen vorlesen lassen und dazwischen mit ihr über den Inhalt derselben geredet. Wenn die beiden über die Entwicklung der geschilderten Ereignisse sich in Vermutungen ergingen, konnten sie ordentlich warm werden. Es waren das die einzigen Gelegenheiten, bei denen Onkel und Nichte frenndschaft- lich und ungezwungen verkehrten. Kein Wunder, daß jene Geschichten in dem Kopf des jungen Mädchens, dessen Leben so einförmig und einsam gewesen, bis es in der Truppe des Maestro Caffarelli Aufnahme fand, einen ganz unverhältnismäßig großen Rahmen ein- nahmen. Für sie lag die Annahme, daß der Herr, mit dem sie sich über den Lnca della Robbia unterhalten, ein Detektiv war, nahe genug.
Ein Gefühl, aus wohligem Gruseln, Spannung und Angst gemischt, überschlich sie. Sich selbst plötzlich als handelnde Person in einen Roman hineinversetzt zu sehen, hatte entschieden seinen Reiz. Andererseits zitterte sie bei der Vorstellung von den Folgen, die ihre Mitteilungen an den Engländer haben konnten.
Ob sie ihn wohl wirklich wiedersehen würde? Er hatte es freilich gesagt und daher würde es wohl so sein, aber wo und wie das geschehen sollte, darüber hatte er nichts geäußert.
Ueber diesen Grübeleien vergaß Nina ganz, an ihrer Schärpe zu sticken. Als der Oheim nach Hause kam, fand er sie am Fenster sitzen und mit offenen Augen träumen.
„Du wirst auch von Tag zu Tag fauler," schalt er in seiner mürrischen Art. „Ich weiß wirklich nicht mehr,
tEa Lutse zu Braunschtveig MV WiMurg zu fetnem Stellvertreter in der Regierung des Herzogtums er. nannt wird.
Die Schweiz hält sich für ermächtigt, Davoyen zu besetzen.
«-s- Berlin, 8. August. Die Schweiz hat den Mächten eine Erklärung zugehen lassen, daß sie sich nach der Wiener Schlußakte vom 9. 6. 1815 nach anderen Staatsverträgen für ermächtigt halte, Savoyen zu besetzen.
Beschlagnahme deutscher Bankguthaben in England.
** Frankfurt a. M., 8. August. Nach einer Meldung der „Franks. Zta." aus Berlin kommen aus England Nachrichten, daß die Privatguthaben deutscher Banken auch gesperrt würden. Von den Londoner Filialen der deutschen Großbanken liegen noch keine Nachrich' ten vor.
Der Zar und die Neve«regiern«g.
Krieg begonnen 6i verständlich, die o.
. Warum Rußland den sonst ganz unverständlichen Krreg begonnen hat, wird vielleicht durch eine Nachricht verständlich, die der „Deutschen Tageszeitung" von gut unterrichteter Seite zugeht. Danach will Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, der russische Generalissimus, nunmehr Zar werden. Er rechnet darauf, als siegreicher Feldherr zurückzukehren. Großfürst Nikolai Ntkolaje- witsch ist als sehr ehrgeizig bekannt und seine Wut, als der jetzige Thronfolger geboren wurde, war ganz ungeheuerlich.
Angriffe auf die deutsche Botschaft in Petersburg.
um Teil
«e Nach-
Das Gebäude der deutschen Botschaft in Petersburg ist Gegenstand wüster Ausschreitungen geworden. Es w«rde äußerlich beschädigt und im Innern zum Teil geplündert. Die Volksmenge soll durch «uwahre Nachrichten über rücksichtslose Behandlung der Zarinmutter und des Großfürsten Konstantin auf deutschem Boden anfgereizt worden fei«. Die Polizei verhaftete hundert an den Ausschreitungen beteiligte Personen, die dem Kriegsgericht zugeführt werden.
Das belgische Königspaar.
„ Flüchtlinge, die aus Brüssel in Cöln eingetroffen sind, teilen mit, daß die belgische Königin bereits am Montag nach Antwerpen abgereist sei. Der König befindet sich in dem Hauptquartier der belgische« Truppe« ebenfalls m der Hauptstadt. Antwerpen hat eine Besatzung von 30—35 000 Man«.
Deutsche in Frankreich mißhandelt.
. Die in München über die Schweiz eingetroffenen deutschen Flüchtlinge aus Paris berichten, daß sie bei ihrer Abfahrt von Paris überall schlecht behandelt worden sind. Man sperrte sie in Viehwagen ein und nahm keine Rücksicht darauf, daß diese Wagen überfüllt waren. Gepäck durfte niemand mitnehmen. 24 Stunden lang blieben die Flüchtlinge ohne Nahrung, und man mißhandelte sie anfs schlimmste. Eine Dame erzählt, daß in Paris auf den Straßen der Janhagel herrsche, während Trupps ernster Männer die Straßen durchziehen und Kundgebungen gegen den Krieg veranstalten. Zahlreiche Deutsche seien gezwungen, im Westen Frankreichs Erntearbeiten zu verrichten. Am Sonntag sollen ISO Flugzeuge von Paris aufgestiegen sein, um an die deutsche Grenze zu fliegen.
Schreckenstage für die Deutschen in Belgien.
&h»> Cöln, 8. August. Ueber die unmenschliche Behandlung, der unsere Brüder und Schwestern in Belgien ausgesetzt waren, berichtet der Verleger der Deutschen Nachrichten in Antwerpen, der auf der Flucht aus Belgien in Wesel ^iNgetroffen ist, folgEEMch unendlich qualvollen und schrecklichen Stunden liegt nun die letzte Strecke Bahnfahrt durch Feindesland hinter uns und wir danken Gott, daß wir uns auf deutschem Boden befinden. Wir wurden in der Nacht zum Mittwoch um 4 Uhr morgens aus dem Schlafe geweckt und aufgefordert, die Stadt sofort zu verlassen. Fluchtartig liefen wir unter Beschimpfungen und Mißhandlungen zum Bahnhof, von wo wir in einem Viehwagen die Fahrt nach Deutschland antraten. In Eschen an der belgisch-Holländischen Grenze war es nicht mehr möglich, weiter zu kommen. Mit vieler Mühe gelang es uns, einen Wagen zu mieten, der uns an die holländische Bahnlinie brächte. Die holländische Bevölkerung zeigte sich uns gegenüber freundlicher und brächte uns Trink- wasser und Lebensmittel. Es heißt dann weiter, daß die belgische Bevölkerung mit offenen Messern auf deutsche Frauen losging, sie schwer verletzte und die Kleider vom Leibe ritz. Die deutschen Schulen, das Seemannsheim, das deutsche Generalkonsulat sind zerstört. Die Möbel wurden aus den Fenstern auf die Straße geworfen und demoliert. Die deutschen Läden wurden geplündert. Bei Lüttich war kein Weg zur Flucht offen. Was aus den in Belgien zurückgebliebenen unbemittelten Deutschen geworden ist, ist uns nicht bekannt. Die deutschen Besitzer von großen Werken und Reedereien, welche Hunderttausende von Menschen in ihren Betrieben beschäftigen, mußten ihre Fabriken und Geschäfte
warum ich mir so eine unnütze Brotesserin im Hause halte. Denkst wohl, Fleisch und Makkaroni sind umsonst zu Haben, was?"
Nina erwiderte keine Silbe, denn sie war an das Zanken des Buckligen viel zu sehr gewöhnt, um sich da- rüßer noch aufzuregen. Still packte sie ihre Arbeit zusammen, deckte im Hinterzimmer den Mittagstisch und holte das Essen aus der Garküche, aus welcher der Mommino es bezog, da er sich ausgerechnet, daß ihm das billiger kam, als wenn er die Nina kochen ließ. Auch hätte sie ihn, wie er meinte, betrügen können, wenn sie die Zutaten zu den Mahlzeiten einkaufte.
Schweigsam, wie gewöhnlich, verlief das Mittagessen. Der Mommino suchte sich die besten Stücke von dem Schaffleisch aus, das es als Beilage zu den Makkaroni gab und was er nicht aufessen konnte, das stellte er für das Abendessen zurück. Das junge Mädchen mußte sich wie immer mit ein paar Makkaroni und Brot begnügen, nur eine Rippe, von der der Alte sorgfältig das Fleisch abgeschabt, fiel für sie ab. Was er da über die teuren Fleischpreise geäußert, konnte im Grunde keine Beziehung auf die Nichte haben, denn wenn jemand kein Fleisch zu essen bekommt, so ist es auch gleichgültig, was es kostet.
Nina aber fühlte — heute zum mindesten — gltr nicht, daß sie etwas entbehrte. Ihren gesunden, jugendlichen Hunger stillte auch das Brot und dann war ihre Phantasie auch so erfüllt von den Ereignissen dieses Vormittags, daß sie es faum gemerkt haben würde, ob man ihr die köstlichsten Leckereien aus der Via Roma, wo sich all die großen Delikateßwarenläden befanden, oder eine trockene Rinde vorgesetzt hätte.
Jmtner von neuem legte sie sich die Frage vor: „Ob ich ihn auch wirklich Wiedersehen werde?"
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