Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^A^ für den Kreis Hersfeld ZEer Sreistilnit
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be- I zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckers, j Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 185, Sonntag, den 9. August 1914.
Bus der Heimat«
* (Die Straßen frei!) Die Fahndung auf angebliche feindliche Geldautomobile ist einzustellen. Sie gefährden die Durchführung des notwendigen Kraftwagenverkehrs für unsere Heeresleitung.
*(VersehtEuchmitLegimationskarten!) Das Publikum tut gut daran, sich mit amtlichen Urkunden Geburtsschein usw.) zu versehen, um bei eventuellen Kontrollen legitimiert zu sein.
* (Karto ffelspende für Charlottenburger K r iegerfamilien.) Der Fuhrunternehmer Robert Henneke in Charlottenburg hat die ganze Kartoffelernte seines Rittergutes bestehend aus 60,000 Zentnern, für die bedürftigen Familien zur Fahne berufener Bürger zur Verfügung gestellt. Er wendet sich an die Einwohnerschaft Charlottenburgs mit folgendem Aufruf. „Bedürftigen Familien, deren Ernährer durch den uns aufgezwungenen Krieg unter die Waffen gerufen sind, will ich meine unweit Berlins befindliche, etwa 60,000 Zenter umfassende gesamte Kartoffelernte schenken. Die Kartoffeln sollen von den Familienmitgliedern der ins Feld gerückten Soldaten selbst gegraben werden. Während dieser Zeit stelle ich diesen freie Wohnung und freie bürgerliche Beköstigung zur Verfügung. Der Transport der geernteten Kartoffeln soll durch das Entgegenkommen der Königlichen Eisenbahnverwaltung unentgeltlich bis zum Charhottenburger Bahnhof erfolgen. Zur weiteren Beförderung vom Bahnhof bis vor die in Frage kommenden Häuser will ich aus meinem Fuhrwerk Wagen und Pferde zur Verfügung stellen. Ich bitte von meiner Schenkung weitgehendsten Gebrauch zu machen. Alle sich darum bewerbenden Familien wollen sich unter der Angabe bei welchem Truppenteil der Mann, Vater oder Bruder einberufen ist, schriftlich bei mir melden. Alles weitere über die Verteilung und das Quantum werden die Antragsteller durch eine Mitteilung meinerseits erfahren."
* (Beschleunigte mündliche Prüfung f ü r V o l k s s ch u l l e h r e r.) Der Minister hat gestattet, mit den Volksschullehrern, die ihre wissenschaftliche Hausarbeit zur Prüfung für die endgültige Anstellung abgegeben haben, sobald als irgend möglich die mündliche Prüfung abzuhalten. Die in Betracht kommenden Lehrer haben ihren Wunsch sofort mitzu- teilen.
* (Sendungen an im Feld stehende Truppen.) Kriegsministerium und Reichspostamt erlassen folgende Bekanntmachung: „Während der Beförderung der Truppen aus ihren Standorten in das Aufmarschgebiet findet eine Ausgabe von Postsendungen an sie nicht statt. Es empfiehlt sich daher nicht, alsbald nachdem eine Truppe ihren Standort verlassen hat, Sendungen an Personen derselben aufzugeben.
8 Hersfeld, 7. August. (Irrige Annahmen!) Unter einem Teil der Bevölkerung ist die irrige Meinung verbreitet, daß in Kriegszetten Schulhen und insbesondere fällige Mieten nicht bezahlt zu werden brauchen. Diese Ansicht ist gesetzlich durch nichts begründet. Es sollte jeder, der in der Lage ist, gerade jetzt in dieser Zeit es als seine vornehmste Pflicht erachten, seine Verbindlichkeiten an Handwerker, Geschäftsleute und auch seine Miete zu bezahlen, denn durch das Nichtbezahlen entstehen in den vorgenannten Kreisen die unabsehbarsten Folgen. Der Geschäftsmann und Handwerker muß sein Geschäft einstellen und seine Leute entlassen, wenn er kein Geld hat. Trage daher jeder, der in der Lage ist, bezahlen zu können, mit dazu bei, den beteiligten Kreisen über die Zeit hinwegzuhelfen, damit diese sich und die ihrigen erhalten können und anderseits diejenige Rücksicht ausüben können gegen Zahlungsunfähige und Beschäftigungslose, welche jetzt die Verhältnisse erfordern.
):(.Hersfeld, 8. August. Dem Beispiel der Firmen Gg. Braun und A. Rechberg die den Frauen der Kriegsteilnehmer eine wöchentliche Unterstützung von 5 Mk. bezw. für jedes Kind 1 Mk. bewilligt haben, sind auch die Firmen F r. Braun, R e h n u. C o. u. Iakab Seelig gefolgt.
):( Hersfeld, 8. August. Infolge höherer Anordnung werden von jetzt an bis auf weiteres in allen Kirchen unseres Hessenlandes wöchentlich Gebetsandachten abgehalten, um den Herren der Heerscharen um seinen -verstand zu bitten zu dem schweren Kampfe, der unsern Truppen bevorsteht. Es wird darauf auf- gemacht, daß diese Andachten in der evang. «-raotkrrche in jeder Woche 2 mal gehalten werden,
6 und Freitag, Abends 7 Uhr. Wie aus den Nachrichten hervorgeht ist die erste Andacht nächsten Dienstag, Abends 7 Uhr und werden die Ge- merndeglieöer dazu freundlichst eingeladen.
§ Hersfeld, 8. August. Beim hiesigen Standesamt wurden in den letzten Tagen 11 Nottrauungen vollzogen.
Treysa, 5. August. Heute nacht wurde der Wachtposten Schwing aus Ascherode von der Hersfelder Bahn überfahren und getötet. Der Landwirt Pfalzgraf wurde eine Strecke geschleift und verletzt.
Marburg, 7. August. (Wer holt die erste feindliche Fahne oderKanone?) Das Ehepaar Th. Kaiser (Veteran des Jägerbataillons Nr. 11) hat 200 Mk. gestiftet für denjenigen Mitkämpfer des kur- hessischen Jäger-Bataillons Nr. 11, der die erste feindliche Kanone, Maschinengewehr oder Fahne erobert oder sich sonst hervorragend vor dem Feinde auS= zeichnet.
Beiseförth, 5. August. In hiesiger Gegend hatte sich das Gerücht verbreitet, daß der Photograph Helferich in eine russische Spionageäffäre verwickelt sei. Dies ist vollständig unzutreffend, im Gegenteil, Helferich, ein durch und durch patriotischer Mann, widmet gegenwärtig seine Dienste der Eisenbahnbewachung. Es handelt sich offenbar um eine Verwechslung.
Göttingen, 5. August. Eine Anzahl hiesiger Professoren hat Stellen als Landbriefträger übernommen. 12 amerikanische Studenten verrichten unverdrossen Erntearbeiten in den umliegenden Ortschaften.
Brannschweig, 6. August. (Vaterländisches Opfer e i n e r F r a u.) In der Geschäftsstelle der „Braunschw. Landesztg." erschien eine Dame mit den Worten: „Geld habe ich nicht, aber dieses möchte ich Ihnen geben, verkaufen Sie es und überweisen Sie das Geld dem Roten Kreuzt" Dabei über gab sie einen kostbaren, mit funkelnden Edelsteinen und prachtvollen Perlen besetzten Schmuck und ging eilends davon. Kaum war die wertvolle Opfergabe im Schaufenster zum Verkauf ausgestellt, so kamen andere Damen mitSchmuckgegenständen aus Gold und Silber, sowie solchen Gebrauchsgegenständen und legten sie als Opfergabe für das Vaterland nieder.
Fnlda, 7. August. Als verdächtige Ausländer wurden auf der Eisenbahnbrücke am Götzenhof zwei Chauffeure des Barons Dr. Hans von Bleichröder in Berlin angehalten. Die beiden Chauffeure Henry Palmer, ein geborener Engländer, wohnhaft in Berlin- Halensee, und Johann Wasilewski, aus der Provinz Posen gebürtig, hatten den Auftrag, das Auto des Barons an das Kommando der 30. Infanterie-Division in Straßburg abzuliefern. Als das Auto sich der Eisenbahnbrücke näherte, wurde es von einem dort aufgestellten Posten angehalten, der von den beiden ihm verdächtig erscheinenden Chauffeuren die Papiere verlangte, die ihm auch vorgezeigt wurden. Darauf gab, wie die „Fuld. Ztg." meldet, der Posten zwei Gewehrschüsse ab, die beide das Auto durchschlugen. Ein Schuß traf den Wasilewski in die linke Seite. Der Verletzte erlitt einen großen Blutverlust und wurde dem Garnisonlazarett übergeben. Lebensgefahr besteht nicht. Ueber die Ursache der abgegebenen Schüsse sind die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen.
Der Krieg und die Frauen.
Von Adele Schreiber.
Die Stellungnahme der Frauen zum Kriege kennzeichnet unter diesem Titel die Verfasserin in der von ihr redigierten Zeitschrift: Die „Staatsbürgerin" (Monatsschrift des Deutschen Verbandes für Frauen- stimmrecht). Sie sagt u. a.: Für uns Frauen, die wir von der drohenden Gefahr um nichts weniger betroffen werden, ist der Augenblick gekommen unsere Stellungnahme zum Krieg zu bekunden. Nicht tm Hinblick auf theoretische Grundsätze und ideale Forderungen, sondern auf die realen, bitterernsten Tatsachen. Wir müssen zu unterscheiden wissen, zwischen Zukunsts- forderungen, an deren Verwirklichung wir Mitarbeiten wollen, den Zielen, denen unserer Ueberzeugung gemäß die kulturelle Entwicklung entgegen gehen muß, und zwischen der Erkenntnis der Pflichten, die uns der Augenblick auferlegt. In einer Zeit der Krise gilt es nicht darüber zu philosophieren, was geschehen wird, wenn die Frauen einmal ihren vollen Einfluss aus Erziehung und Ethik, inländische und internationale Gesetzgebung geltend gemacht haben werden, sondern einzig sofort ins Auge zu fassen, was der gegenwärtige Krieg von den Frauen verlangt.
Der 44jährige Frieden Mittel Europas lagt uns nur ahnen, nicht wissen, was heute ein Krieg für große, hochentwickelte Industriestaaten nach sich zieht. Noch haben wir auch keinen Krieg erlebt, seit Millionen Frauen in Beruf und wirtschaftlicher Selbständigkeit stehen, seit eine ganze Schicht unabhängiger geistiger Arbeiterinnen auf den verschiedensten Gebieten tätig sind. Handel und Verkehr sind heute auf sie angewiesen,
in wachsendem Umfang auch andere Zweige des öffentlichen und sozialen Lebens. Der Krieg rückt die Bedeutung der Frau als Bernfstättge mit einem Schlage ganz in den Vordergrund, er reißt Scharen von Männern ans ihrem Erwerb und ihre Posten werden nun zum erstenmal in der Geschichte, großenteils von Frauen ausgefüllt werden können.
Damit steigt die Bewertung der Frauenarbeit, insbesondere auf den Gebieten, wo man nicht nur Hände benötigt, sondern manuelle, technische, geistige Schulung. Verantworliche Posten, die ehedem Gewohnheit und Vorurteil folgend, nur mit Männern besetzt wurden, dürften an Frauen übergehen, sie, die Daheimgebliebenen werden Lücken 31t füllen haben, ihre Ausgabe wird es sein, allenthalben im Erwerbsleben, unter Anspannung ihrer ganzen Energie, die Vollwertigkeit aufrecht zu erhalten, sich als verantwortliche Träger von Produktion, Umsatz und Verwaltung zu zeigen. In den Fabriken, Werkstätten, Kontoren, Geschäftshäusern, Hotels, Gastwirtschaften, Aemtern und Schulen, überall wird sich eine vermehrte Verantwortung der Frauen bemerkbar machen, steigend, je länger der Krieg währt. Man wird plötzlich froh sein, daß so viele weibliche Kräfte schon vorgebildet, in schweren Zeiten befähigt sind, Lasten auf ihre Schultern zu nehmen.
Wie gern wird man weibliche Lehrkräfte auch mit dem Unterricht von Knaben betraut sehen! Weibliche Aerztewirdmanallenthalbenfreudigwillkommenheißen. Bei der ungeheuren Zunahme der Fälle, in denen soziale Fürsorge erforderlich wird, dürfte man für jede Hilfe dankbar sein, ohne ängstlich abzuwägen, ob sie in einer bisher den Frauen verschlossenen Sphäre erfolgt. Angesichts des unermeßlichen Elends, das ein Krieg stets mit sich bringt,wird man in Kommissionen und Behörden, in denen bis zur Ueberspannung aller Kräfte gearbeitet werden muß, die Mitarbeit nicht nur gestatten, sondern suchen. In kaufmännischen Unternehmungen werden gut eingearbeitete weibliche Kräfte emporrücken in Männerstellungen, selbst die Presse dürste in Expedition und Druckerei, Vertrieb und Redaktion manchen leer gewordenen Platz mit einer Vertreterin besetzen. In zwei Departements, die für den Kriegsfall besonders bedeutsam sind, dem Eisenbahn- sowie dem Post- und Telegraphenwesen, sind inOesterreich schon jetzt vieleFrauen alsBeamtinnen tätig. Sie werden Gelegenheit haben, sich zu bewähren und beweisen können, daß sie es nicht verdienten, bisher stets in Rechten und Entlohnung an letzter Stelle zu stehen.
Zur Erhaltung des Familienbesitzes treten an die Frau umfangreiche Aufgaben heran. So manchen Betrieb wird die Ehefrau oder Mutter Vorsteven, sie wird Werkstatt, Laden, Kontor, Fabrik leiten, Häuser und Vermögen verwalten, landwirtschaftlichen Betrieben vorstehen, retten und erhalten, was irgend zu retten und zu erhalten ist. Das wichtige Gebiet der Kranken- und Verwundetenpflege macht nur einen kleinen Teil der Aufgaben aus, die der Frau zufallen, ebenso die übrige eigentliche Kriegshilfe, wie sie bet Truppenverpflegung und Einquartierung benötigt wird. Die Frau wird und kann sich nicht mehr damit begnügen, tapfer das grenzenlose Leid zu tragen, sich als Heldin im Opfern und Entsagen zu zeigen. Im Bewußtsein der Wichtigkeit selbst des kleinsten Rädchens für den ganzen Staatsorganismus gilt es, dafür zu sorgen, daß dieser in allen seinen Teilen lückenlos weiter funktioniert, alles so aufrecht zu erhalten, als wären keine Männer der Arbeit entzogen. Freilich muß diese bedeutsame Frauenaufgabe, trotz Opfermut und Arbeitsfreudigkeit tausendfach Schiffbruch erleiden an wirtschaftlichen und industriellen Krisen, den unvermeidlichen Begleiterscheinungen des Krieges.
Soweit aber ein moderner Kulturstaat wirklich kriegsbereit sein will, ist seine Rüstung nur vollkommen, wenn sie nicht nur die Männer umfaßt, nicht nur für Waffen und Vorräte gesorgt, sondern auch die Frauen nicht vergessen hat. Sie müssen so gut als möglich vorbereitet sein, die Fäden, die Männerhänden entgleiten, sofort und mit vollster Sicherheit in die Hand zunehmen. Mehr denn je entscheiden technische und wirtschaftliche Fragen den endgültigen Steg einer Nation - die weibliche Ersatzreserve kann in diesem Sinne für einen Staat wichtiger werden, als man bisher annahm.
Frieden bleibt auch weiterhin unser sehnlichstes Ziel, unser heißestes Streben — bei diesem unvermeidlichen Krieg aber wird die erwachte Frauenwelt mit mehr Bewußtsein denn jemals jedes Opfer bringen und bereit sein, den vollen Umfang ihrer Pflichten zu erfüllen, dieser Pflichten, die nicht in Gefühlsäußerungen zu erledigen sind, sondern große wirtschaftliche Aufgaben stellen, die Taten, nicht müßiges Zusehen von uns fordern.
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich auf der letzten Seite.