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nach London, und wenn wir auch auf dieser Fahrt nicht direkt zu leiden hatten, so war doch eine starke anti­deutsche Stimmung des englischen Publikums wahr­nehmbar. Das war am Freitag und Sonnabend der vorigen Woche, und besonders am Sonnabend, aber auch schon am Freitag, begegneten wir unausgesetzt englischen Truppenkolonnen, die in rascher Bewegung waren. Von London aus schien die Heimkehr unmöglich zu sein. Das deutsche Generalkonsulat war von Gestellungspflichtigen umlagert und konnte sich um uns nicht kümmern. So schlugen wir uns nach der Hafenstadt Folkeston durch und gewannen noch ein holländisches Schiff, das rasch mit Menschen überfüllt war, während Hunderte abge­wiesen wurden. Der holländische Dampfer fuhr durch eine große Zahl englischer Kriegsschiffe hindurch und wurde dann von einem englischen Torpedoboot eskor­tiert, bis wir das englische Gewässer verlassen hatten. Die Gepäckrevision in Vlissingen war sehr streng, noch strenger die in der deutschen Grenzstation Goch, wo wir nach einer fast zwölfstiindigen Fahrt ankamen. Aber wir waren ja auf heimatlichem Boden, und die Erinne­rungen an alle Strapazen ging unter in der Welle der ungeheuren Begeisterung, die uns von allen Seiten ent- gegenscholl. Die Züge wurden oft gewechselt, und bald fuhren wir erster, bald vierter Klasse. In Hannover trafen wir auf einen nach Berlin bestimmten Zug, der so überfüllt war, daß es unmöglich schien, noch einen Platz darin zu finden. Als wir beide nun, meine Freundin und ich, laut weinend auf dem Bahnsteig stan­den, erbarmten sich einige Offiziere unser und hoben uns, während der Zug schon im Rollen war, durch das Fenster ins Coupee. Nach dreitägiger Fahrt waren wir in Berlin angekommen, und eine kleine Schlutzauf- regung, die sich aber schnell löste, bestand darin, daß das Auto, mit dem wir vom Bahnhof zum nächsten Postamt gefahren waren, um zu telegraphieren, polizeilich fest­gehalten wurde. Es gab ein rasches Hin und Her, und als festgestellt war, daß wir gute Deutsche sind, hatte alle Not ein Ende.

„Der arme Zar!"

Von einem Leser des „Berl. Lok.-Anz." wird ge­schrieben: „Als ich mit Zahllosen, die gleich mir vor­zeitig ihre Ferienreise abbrechen mußten, nach Berlin eilte, hatte ich während der Fahrt von Goslar hierher eine Unterhaltung mit der Gesellschafterin einer russi­schen Fürstin, die sich von Ostenbe nach der Hermat ve- gab. Die feingebildete, charmante junge Dame sprach freimütig über das „große Unglück", das über ihr Land hereinbreche, und bedauerte immer wieder in lebhaften Ausdrücken den „armen Zaren". Auf die verwunderte Frage, weshalb der Zar denn nicht mit aller Energie den Krieg zu verhüten gesucht hätte, antwortete sie: „Was sollte er machen? Er ist ein so guter Mensch, ein solch edler Mann! Aber er kann nichts tun. Er muß handeln, wie die Großfürsten wollen, namentlich wie der Onkel will und . . . (die Dame nannte noch einen Namen, der mir entfallen ist). Diese Großfürsten sind an allem schuld: sie und niemand sonst haben alles Un­glück über unser Land gebracht: sie haben nur immer den Gedanken, wie sie sich bereichern können: man sollte sie durchhauen, man sollte sie aufhängen." In noch heftige­ren Ausdrücken erging sich die temperamentvolle Zunge Dame, mühsam die Tränen verhaltend. — Als ich fragte, ob denn die Zarin nicht irgendwelchen Einfluß ausuöen könnte, antwortete sie nur in melanholischem Ton: „Ach, die arme Frau!"

deutscher Husarenstreich auf tüttich.

Berlin, 7. August. Unsere Vorhuten sind gestern längs der ganzen Grenze nach Belgien eingerückt. Eme ««bedeutende Truppenabteilnng hat einen Handstreich auf Lüttich mit großer Kühnheit versucht. Einige Reiter sind bis in die Stadt gedrungen «nd wollten sich des Kommandanten bemächtigen, der sich der Gefangen­nahme nur durch die Flucht entziehen konnte. Der Hand­streich auf die modern ausgebaute Festung selbst »st nicht geglückt. Die Truppen stehen vor der Festung in Fnh- lnng mit dem Gegner. Natürlich wird die gesamte Presse des feindlichen Auslandes diese Unternehmung, die auf den Gang der großen Operationen ohne jeden Einfluß sein wird, zu einer Niederlage stempeln. Für uns ist ste nur eine in der Kriegsgeschichte einzig dastehende Tat und ein Beweis für die todesmutige Angriffslust unserer Truppen.

©lallet Vollzug unserer Mlobilifatioii-

Berlin, 7. August. Im Jahre 1870 erfolgte der Mobilisierungsbefehl am 15. Jnli. Erst nach drei Wochen kam es zum ersten größeren Gefecht. Es wird auch jetzt trotz des ansgedehnten Bahnnetzes die Versammlnng der Massenheere zum entscheidenden Schlage noch einige Zeit dauern. Die Oeffentlichkeit muß sich darüber klar, sein, daß die Rücksicht auf die bevorstehenden Operationen der führenden Heeresleitung noch ««bedingte Znrück- haltnng in den z« veröffentlichenden Nachrichten auf­erlegt. Der heute begonnene sechste Mobilmachungs- tag läßt aber bereits eine Mitteilung über den bisheri­gen Verlauf der Mobilmachung zu. Wie wir von amt­licher Stelle hören, ist an den Großen Generalstab noch keine einzige Rückfrage gestellt. Die Kavallerie- nnd die Eisenbahntransporte verlaufen danach in größter Ord­nung nach dem in Friedenszeiten aufgestellten Plane. Auch im verbündeten Oesterreich-Ungarn geht die Mo­bilmachung glatt von statteu. Die zwischen den Gene- ralstabschefs der dentschen und der österreichisch-ungari­schen Armee seit Jahre» bestehenden persönlichen Be­ziehungen haben sich zn einem engen Vertrauensverhält­nis verdichtet.

6in* feste Burg ist unser Soll.

Die Begeisterung, mit welcher der Deutsche Reichs­tag sämtliche Krigsvorlagen einmütig in drei Lesungen annahm und als Gesetze verabschiedete, war durch den ernsten Unterton fester Entschlossenheit harmonisch ver­klärt. Kaiser und Volk Hand in Hand. Das ganze Deutschland einig und stark, bereit, den Feinden rings­um die Spitze zu bieten. Dieser feste Wille ist noch fester geworden, als die dritte der Entente-Mächte in jenem kalten Selbstbewußtsein und jener Schnelligkeit des Handelns, die das britische Volk stets zu zeigen pflegt, wenn sein Krämersinn am billigsten auf seine Rechnung zu kommen glaubt, den Krieg erklärte. Weder seine na­tionale Ehre, noch seiner Weltmacht Bestand ist gefähr­det. Aber des deutschen Michels steigender Wettbewerb auf dem Weltmärkte kann von dem schnöden Neide un­serer Vettern jenseits der Nordsee nicht verwunden

und

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»>^^Vand, Frankreich wenigstens folgen neben an- ^,? Stimmen auch gewissen, wenn auch übertriebenen ?^"Malen Gründen. England aber gibt einzig und eino« brutaler Mißgunst nach. Das Volk, das in der „M^ Hand die Bibel, in der anderen das Opiumgtft seine Es^ ?mträgliche Waren hält, schickt gegen uns mir tAn« r ^Iotte- Der Krieg gegen drei Fronten, den

- '^bn lange vorausiaLen, auf den wir so lange schon

uns vorberelteten, der Krieg um Sein oder Nichtsein ist entbrannt und mit ihm jener heilige Zorn, jene un­beugsame Energie, wie sie nur dem deutschen Volke eigen ist.

Gegen Frankreich, den unversöhnlichen Erbfeind, braust nun der kampfeslustige Ruf wie Dvnnerhall, gegen England das Flaggenlred, das nur ein eisernes Entweder oder: Sieg oder Tod kennt, gegen Rußlands Heimtücke scheint der furor teutvmcus noch nicht das rechte Kampflied gefunden zu haben, denn noch zittert in aller deutschen Herzen die Erinnerung an die Freun- destreue Alexanders des Zweiten nach, des Bauernbe­freiers, dem sein eigenes Volk die Herrscher-tugenden mit — Bomben lohnte. Aber das deutsche Nattvuallied gegen drei Fronten braucht weder gedichtet noch kom­poniert zu werden. Hoffmanns von Fallersleben: „Deutschland, Deutschland über alles" in ergreifender Schlichtheit muß jetzt unser Schutz- und Trutzlied werden.

Und wenn der Menschheit ganzer Jammer uns an- saßt, wenn das Meer von Blut und Tränen, durch das wir hindurch müssen, nicht abebben will, dann dringt aus dem Innersten deutscher Herzen das alte trotzige, urwüchsige, unverwüstliche Lied: Ein' feste Burg ist unser Gott. Am Kriegsbettag erklang es so vertrauend, so zornig, so drohend: im Kriege wird es vor der Schlacht den Segen des Allmächtigen herabbeten, berabringen aus die deutschen Waffen und so lange ein Schrecken der zahllosen Feinde bleiben, bis nach getaner Arbeit, nach erfolgter Abrechnung ganz Deutschland singen kann: Nun danket alle Gott!

Politische Rundschau.

Die Sympathie der Amerikaner. Beim Oberbürger- meister von München erschien eine Abordnung der Münchener amerikanischen Kolonie und überaab diesem ein Schriben, in dem u. a. gesagt wird, daß eine Anzahl Amerikaner wünschten, ihrer tiefsten Sympathie für Deutschland in der jetzigen Krisis und ihrer aufrichtigen Bewunderung des Mutes und der Selbstbeherrschung des deutschen Volkes Ausdruck zu geben. Zugleich er­klärte die Deputation, daß die gesamte Kolonie sich in den Dienst des Roten Kreuzes stellen und in ihren Krei­sen eine Sammlung zum Besten der Angehörigen von Soldatenfamilien emleiten wolle.

Kleine Hacfiridife»

Ein bayerischer Prinz an der Spitze der Ernte-Hilfs­arbeiter. Erbprinz Luitpold von Bayern, der älteste Sohn des Kronprinzen, bat sich an die Spitze der jugend­lichen Erntearbeiter gestellt und wird sich selbst mttbe- tätigen. „ , ,

Acht Söhne für das Vaterland. Die in Leipzig- Volkmarsdorf wohnhafte Frau Emilie Lindner hat acht Söhne unter den Fahnen. Die brave Frau ist stolz darauf. , , , t

Frauen bei der Berliner Straßenbahn. Da bei der Großen Berliner Straßenbahn von 9000 Angestellten 4475 zu den Waffen berufen sind und 2—3000 bet dem Aufgebot des Landsturmes folgen werden, hat sich die Direktion entschlossen, in den nächsten Tagen versuchs­weise den Schaffnerdienst auf den Anhängewagen durch die Frauen der zu den Fahnen berufenen Schaffner und Fahrer versehen zu lassen.

Vermischtes.

A Berlin, a Berlin! Ein Leser schreibt der „Täg­lichen Rundschau": Wie sich in Frankreich, selbst in Ge­schäftskreisen, die nach Deutschland exportieren, die Köpfe erhitzt haben, beweist ein heute bei mir eingegangener Brief eines französischen Fabrikanten, der eine kleine geschäftliche Differenz mit folgendem Schlußsatz zu regeln wünscht, der in der Uebersetzung folgendermaßen lautet: „Da die französische Armee in zwei Monaten in Berlin sein wird, und es mir trotz meines Alters (Schreiber hat 50 Jahre überschritten) ein Vergnügen sein soll, ein Engagement in meinem alten Regiment zu unterschrei­ben, verspreche ich Ihnen, während meines Aufenthalts da unten Ihnen einige Minuten zu opfern, um unsere Angelegenheiten zu ordnen. Erwarten Sie mich also, das ist sicher einfacher, als uns gegenseitig unnütze Briefe zu schreiben." Die Phantasie dieser Franzosen dürfte wohl ein gleiches Schicksal erleiden, wie die ihrer Vater

Ul)U Ludwig Ganghofer als Kriegsfreiwilliger. Wie aus München berichtet wird, sind die beiden Schwiegersöhne und der Sohn Ludwig Ganghofers zu den Fahnen ge­eilt. Am Mittwoch erschien der Dichter selbst auf dem Bezirkskomando und ersuchte, ihm ebenfalls eine Stelle in dem Heere, das gegen Rußland kümpft, anzuweisen. Die Einwendung, daß er denn doch wohl schon zu alt fei — Ganghofer steht im 60. Lebensjahre — ließ der Dichter, der ein ausgezeichneter Jäger ist, nicht gelten. Da Ganghofer darauf beharrte, mit dem deutschen Heere in das Feld gegen HBrßland zu ziehen, wird sein Wunsch wohl erfüllt werden.

Der Kaiser als Berliner Grundbesitzer. Der reichste Grundbesitzer Berlins ist Kaiser Wilhelm, denn der Grund und Boden, der ihm in der Reichshauptstadt ge- hört hat mit den daraus befindlichen Gebäuden einen Wert von rund 1 Millionen Mark. In dieser Summe ist indessen nicht der Wert enthalten, den der gewaltige Komvler des Königliches Schlosses hat. Nur die Bau- lichkeiten, in denen das Königliche Hausministerium der Onnialidic Marstall und das große Heer der Hofbedien- Nn - soweit letztere nicht im Königlichen Schlosse wohnen — ihr Heim haben, sind der Berechnung zu­grunde gelegt. Es handelt sich im ganzen um 34 meist recht große Gebäride Das Königliche Hausmimstermm domiz^lierte bekanntlich im Hause Wilhelmstraße 73 und der Königliche Marstall nimmt den großen Block Schloß­platz Nr. 7 und Breite Straße Nr. 30—33 ein. Der wer­tere Grundbesitz des Kaisers umfaßt die Häuser Ora- nienburger Straße 77-82, Prmz-Louis-Fernand-Sraße 6, Prinz - Friedrich - Karl - Straße 3, ©eorgenftra^ 40-43 und 45, Bauhofstraße 3-6 und schließlich das ge­waltige Karree Niederlagsstraye 1-3, We^ersche Rosen- straße 1—3 und Oberwallstraße 1 und 2. Dieses. Grund­stück diente einst den Kindern Kai,er Friedrichs zur Wohnung und wurde erst auf fernen Wunsch im Jahre 1864 mit dem Kronprinzlichen Palms durch einen Schibbogen verbunden, damit lederzert ein bequemer Zu­gang vom Palais zu der großen Kinderstube voryanden war. Die genannten Baulichkeiten dienen zur Unter­bringung von rund 400 im Königlichen Dienst angestell- ten Personen. Mit Einschluß der Familien werden sie von rund 2000 Seelen bewohnt.

Der Einsiedler der Trauminsel. Wie man aus Lon­don schreibt, traf dort dieser Tage ein Amerikaner na­mens Lock ein, der eine hundert Morgen große Insel an der Küste von Florida besitzt und diese nun für etwa 30 000 ^ nach unserem Gelde zu verkaufen wünscht. Das Elland trägt den poetischen Ramm "Trauminsel" und ist berühmt seiner außerordentlich schmackhaften Mu­scheln wegen. Als Mr. Lock die Insel „entdeckte", fand

er sie von nur einem einzigen Menschen bewohnt. Dies war ein alter, norwegischer Matrose, der zuletzt auch in der Marine der Vereinigten Staaten gedient hatte. Der Mann behauptete, bereits feit acht Jahren ganz allein auf der Insel gelebt zu haben. Eine kleine, selbst er­baute Hütte diente ihm zur Behausung. Er hielt sich öühner und baute Gemüse, doch bildeten die reichlich vorhandenen Muscheln seine Hauptnahrung. Mit den vielen Inseln und Jnselchen in der Umgebung von Florida betreibt die amerikanische Regierung gegenwär­tig einen äußerst schwunghaften Handel. Des herrlichen Klimas und mancher anderer Vorzüge wegen sind die idyllischen Inseln an der Südkriste Nordamerikas als Erholungsstätten sogar von Millionären sehr gesucht. Man kauft sie an und errichtet dort seine Svmmervtlla.

Eine Hebe Pros. Eamptedjfs.

Zum letzten Male vor den Ferien versammelten sich am Sonnabend im Kulturgeschichtlichen Forschungsinsti­tut der Universität Leipzig die Schüler des berühmten Rechtslehrers Professor Karl Lamprecht um ihren ver­ehrten Lehrer. Lamprecht benutzte diese letzte Stunde, um seinen Studenten, von denen die meisten ihrem Etu- berufungsbefehl entgegeusehen, seine Meinung über den Krieg und seine Rückwirkung auf die Kultur zu sagen:

„Wir find," so sprach er, „in eine Lage geraten, so schwierig und so ernst, wie wir sie nie erwartet haben, und zwar ohne unsere Schuld. Weder unsere Expan- sivnsbedürfnts, noch ein imperialistisches Ideal haben Deutschland zu dem Kriege veranlasse Wenn der Krieg auSbricht, gibt es zwei fulturgcfchidnltdie Möglichkeiten. Wir können der fremden Kultur des Ostens unterliegen, die noch vollständig im Mittelalter steckt und nur von einer dünnen europäischen Schicht bedeckt ist. Europa hat vom Vordringen der östlichen Kultur alles zu fürchten. Darum ist ein Zusammengehen Englands und Frank­reichs mit Rußland gänzlich unverständlich. Es bedeu­tet auch zitgleich einen schweren Undank gegen Deutsch­land und Oesterreich, denn diese Nationen haben stets die europäische Kultur geschützt und gerettet, indem sie dem Sinfturm der östlichen Rassen entgegentraten. zuerst der Mongolen, dann der dürfen und schließlich der slawischen Rasseu.

Die zweile kulturgeschichtliche Möglichkeit, die durch einen siegreichen Krieg gegeben ist, wäre ein Amalga- mierungsprozeß der deutschen mit der russischen Kultur. Das niedere Volk der Kosaken würde unter die Herr­schaft der geistigen und moralischen Kultur Deutschlands kouttnen. In jedem Falle wird ein Weltkrieg zu einer gesteigerten Vermischung der Rassen führen, aber dieses Moment kann für die alten Völker leicht verhängnisvoll werden, weil in gemischten Völkern die geistige Produk­tivität nachzulassen oder gar plötzlich aufzuhören pflegt. Napoleon I. hat diese Entwicklung der europäischen Poli­tik vorausgesehen, indem er, als er nach Rußland zog, sagte: „Europa oder die Kosaken, eins von beiden."

Umso unverständlicher ist daher das Bündnis Frank­reichs mit Rutzlmld. Durch den Krieg wird uns die großdeutsche Frage, die in der neuen Vereinigung Deutschlands und Oesterreichs liegt, ungeheuer nahe ge­rückt, denn beide Nationen brauchen unbedingt den ge­meinsamen Schutz gegen den Osten. Schon 1891 habe er mit Bismarck über die großdeutsche Frage gesprochen. Doch habe sich der eiserne Kanzler sehr vorsichtig und zurückhaltend ausgedrückt. Zuur Schlüsse sagte Lamp- recht: „Es ist kein Begeisterungskrieg, in den wir gehen. Der Krieg hat in Verbitterung begonnen und wird in Erbitterung geführt werden. Die nötige Freudigkeit des Gemüts ist uns durch unser gutes Gewissen ge­sichert. Vertrauen wir auf Gott und den Kaiser. Unser Kaiser hat das Volksempfiuden iwOfommen verstanden, und es in treffenden Worten auszudrücken gewußt.

Die Eisenbahn im Stiege.

„Bereit sein ist alles!" Dies Wort Moltkes gilt vor allem im Heer. Der große Feldmarschall war es, der als erster die unermeßliche Wichtigkeit erkannte, welche den modernen Verkehrsmitteln für den ersten Aufmarsch im Heere zukommt. Hier kann in Stunden gewonnen werden oder verloren gehen, was später in Monaten nicht mehr zu erreichen, nicht wiederzugewinnen ist. "Was man von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück!" In seinem Aufsatz „Ueber Strategie" sagt der Meister der modernen Kriegführung: „Beim bellen Aufmarsche der Armee kommen die vielseitigsten polsttschem geographischen und staatlichen Erwägungen in Betracht. Ein Fehler in der ursprünglichen Ber- faminlung der Heere ist im ganzen Verlaufe des Feld­zuges kaum wieder gut zu machen. Aber diese Anforde- rUiWJttrn sich lange vorher erwägen und — die Be­reitschaft der Truppen, die Organisation des Transport- we ens vorausgesetzt — müssen sie unfehlbar zu dem be­absichtigten Resultat führen."

-.^dNoltke hat die richtige Verwertung der neuen tech- niichen Errungenschaften der Eisenbahnen in musterhaf­ter Weise organisiert. Im deutsch-französischen Krieg traten die eigentlichen Feldeiseubahnen bedeutend in die Erscheinung, und den Eisenbahntruppen gebührte 1870 ihr Teil am Siege. Besonders schwierig war es, die 400 Kilometer Eisenbahnlinien, die von den Franzosen vor den Deutschen geräumt worden waren, wieder in Be­trieb zu setzen. Das Bahnnetz war an vielen Stellen unterbrochen, es mangelte an betriebsfähigen Lokomo­tiven, das Betriebspersonal mußte aus allen deutschen AEN zusammengeholt werden. Was damals die deut- schen Eisenbahner vollbrachten, das war „die aufreibende und doch nicht laut gewordene Arbeit von Männern, die nicht die berauschende Glorie des Schlachtfeldes, nicht der Lorbeer des Sieges umgab, die aber ihr Redliches dazu betgetragen haben, dem Sieger den Lorbeer zu er­halten."

Aus den Erfahrungen des Krieges 1870 erkannte man aber, bau Eisenbahntruppen nicht improvisatorisch organisiert werden können, sondern bereits im Frieden als, ständige Einheit unter einer Kommandogewalt ver­einigt werden müssen. So wurde denn bereits am 19 Mai 1871 ein Eisenbahnbataillon in Berlin aufgestellt Ä &£Ä!ISV?6t Vermehrung dieses Truppen­teils ließ Moltke sich besonders angelegen sein. Heute gibt es zwei Brigaden preußischer Eisenbahntruppen und ein bayerisches Bataillon. Zur Ergänzung der Voll- bahnen treten im Kriege die Feldbahnen, die bei 60 Bentimeter Spurweite zwar nur ein Viertel so leistungs- mhig sind wie die Vollbahnen, sich aber bei Schwierig­keiten im Gelände rascher herstellen und leichter um­legen lasten.

Durch die Ausbildung der Kraftwagen haben dann in neuester Zeit die Eisenbahnen einen gewaltigen Ver- bündeten erhalten. Kriegsbrauchbare Automobile sind in ausreichender Anzahl von der Heeresverwaltung er- 0?Ät»Ä worden. Auch der moderne

ctrieg steht so im wahrsten Sinne des Wortes „unter dem Zeichen des Verkehrs", und Eisenbahnen wie Au- ersten Tagen des Krieges die ent- schechende Rolle spielen.