Hersfelder Tageblatt
für den Kreis Hersfeld
Wlott
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be- * _
zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei jJtrSIilOil Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
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Zernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr. 180.
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden sich aus der letzten Seite.
Am Borabend des Krieges.
Das Doppelspiel Rußlands ist aus. Des Zaren Bitte um Kaiser Wilhelms Friedensvermittlung ging — welch eine Heuchelei! — einträchtig einher neben dem Willen zum Kriege, neben der Anordnung einer allgemeinen Mobilmachung. Die Entlarvung dieses doppelgängigen Verhaltens ist der wirkungsvolle Schlußakt der Friedenskomödie, als deren steinernes Denkmal der Friedenspalast in Haag errichtet wurde. Anders die Wahrhaftigkeit des wirklichen Friedensfürsten, Kaiser Wilhelms n. Aufrichtig war er die 26 Jahre seiner Regierung um den Frieden bemüht,- noch in der allerletzten Zeit, als der Kriegszustand erklärt wurde, konnte er sich nicht zur Mobilmachung entschließen, gewährte vielmehr dem arglistigen Feinde eine letzte Frist von 12 Stunden, um ihm Gelegenheit zur Selbstbesinnung, zur Einstellung der Rüstungen, zum ehrlichen Frieden zu geben. Aber der Mann, der im Osten den Koloß mit den tönernen Füßen regiert, wollte und durfte nicht mehr das Rad, das schnellsten Laufes zum Abgrund des Krieges rollt, aufhalten. Auf der schiefen Ebene der panslavistischen Machtgelüste und des sarmatischen Mißtrauens wäre jeder
Versuch doch nutzlos gewesen. £
Vertrauensvoll blickt das fr .üj^e Volk zu seinem Kaiser auf. Die Worte, die er in ernster StunLe, ernsten Angesichts zu der zahllosen Menge sprach, die als wogendes Menschenmeer den ganzen Schloßplatz erfüllte, haben tiefempfundenen Widerhall gefunden, soweit die deutsche Zunge klingt. Der Kaiser ist einer von jenen Männern, nach denen Friedrich Hebbel, einer der deutschesten unter den deutschen Dichtern einen seiner Helden rufen läßt: Will Menschen, die wie Fackeln brennen. Wie der Kaiser, werden alle Deutschen in dieser ernsten Zeit, wo ein Krieg um Sein oder Nichtsein entbrannt ist, wo die heiligsten Güter zu verteidigen sind, wie Fackeln sich verzehren für die Größe, Macht und Ehre des herrlichen Deutschen Reiches.
Bus der Heimat.
* (Der sog. „Not-Referendar" und der s o g. „N o t - A s s e ss o r".) Das Justizministerium teilt mit, daß junge, zur ersten Juristenprüfung und zur großen Staatsprüfung zugelassene Kandidaten, die zum Dienst im Heer oder Marine, in der Reserve oder in der Landwehr (Seewehr) verpflichtet sind, auf Antrag zu einer Notprüfung zugelasfen werden. Die Notprüfung besteht in einer schriftlichen und einer mündlichen Prüfung. Die schriftliche Prüfung fällt fort, wenn der Kandidat bereits eine fchriftliche Arbeit vorweg nach der Prüfungsordnung angefertigt hat. Eine nicht bestandene Notprüfung gilt als nicht unternommen. Eine Wiederholung der Notprüfung ist unstatthaft.
):( Hersfeld, 3. August. Infolge der Mobilmachung haben die Fahrpläne auf allen Strecken Veränderungen erfahren. Von der hiesigen Station sind die Abfahrtszeiten folgende:
In der Richtung nach Bebra.
Vorm.: 4.53 8.53 10.53. Nachm. 4.53 8.53 10.53.
In der Richtung nach Frankfurt.
Vorm.: 2.40 5.40 11.40. Nachm.: 2.40 5.40 11.40.
In der Richtung nach Treysa.
Vorm.: 1.57 5.57*. Nachm. 1.57 5.57*.
* Fahren nur am 3. Mobilm.-Tag.
I« der Richtung nach Heimboldshansen.
Vorm.: 9.25. Nachm. 3.25 9.25.
Die Ankunftszeiten sind folgende: In der Richtung von Bebra
Vorm.: 2.31 5.31 11.31. "
g von Bebra.
Nachm. 2.31 5.31 11.31.
In der Richtung von Frankfurt.
Vorm.: 4.44 8.44 10.44. Nachm.: 4.44 8.44 10.44.
In der Richtung von Treysa.
Vorm.: 6.28* 1.28. Nachm.: 6.28* 1.28.
» * Nur am 3. Mobilm.-Tag.
°er Richtung von Heimdoldshausen.
Vorm.: 8.1. Nachm.: 2.1 8.1.
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^r;*0' b-Aug. Nach einer Bekanntmachung U^bn Bezirkskommandos findet in den uen Mobilmachungstagen auf dem
Dienstag, den 4. August
hiesigen Marktplatz täglich von morgens 7 Uhr bis mittags 12 Uhr Verkauf von Kar toffeln, G e - miise usw. statt, damit die Bewohner ihren Bedarf dortselbst für die zu erwartende starke Einquartierung decken können. Ferner wird für alle Orte, die in den ersten zehn Mobilmachungstagen mit Einquartierung belegt werden, jeglicher Alkoholausschank verboten.
):( Hersfeld,3. August. Nach einer Bekanntmachung im amtlichen Teil der heutigen Nummer hat der Herr- Reichs kanzler ein Verbot überdieVeröffen t- lichung von Truppen- und Schiffsbewegungen erlassen. Die Nachrichten werden daher zunächst etwas spärlich ausfallen und werden durch das PressebürodesGeneralstabesandieGeneralkommandos zur Weitergabe an die Redaktionen weitergegeben.
§ Hersfeld, 3. August. Der Gesangverein Roten- see ließ gestern durch die Vorstandsmitglieder Hrch. Horn, Hrch. Neinmöller u. Fr. Paul dem Gründer und ersten Leiter des Vereins, dem L e h r e r a. D. K u o t h, hier eine Ehrenurkunde überreichen. Der Vorsitzende Schreinermstr. Joh. Paul konnte nicht erscheinen, da er zu den Fahnen einberufen ist. Der Verein, der jetzt 30 Jahre besteht, hat den 70. Geburtstag seines Gründers nicht vorüber gehen lassen, sondern hat den Lehrer K. in Würdigung seiner Verdienste zum Ehrenmitglied ernannt. Die Urkunde ist prachtvoll gerahmt. Die Ueberraschung und Freude des alten Herrn war groß. Obwohl Lehrer Knoth schon vor 20 Jahren von Rotensee versetzt worden ist, haben ihm die Rotenseeer eine seltene Anhänglichkeit bewahrt. Das gereicht ihnen selbst zur Ehre! Das geplante Ständchen unterblieb natürlich. Neben Erinnerungen aus der Schulzeit und dem Vereinsleben bildete der Krieg die Unterhaltung. Die Herren konnten es nicht versagen, ein Lied, das Herr Knoth sie in der Schulzeit gelehrt hatte zu singen:
Auf, mein Deutschland! Schirm dein Haus, Stelle deine Wachen aus — Keine Zeit ist zu verlieren,
Schlägt der Erbfeind an das Schwert Laß marschieren, laß marschieren,
Daß die Grenze sei bewehrt!
):( Hersfeld, 3. August. Eine auch hier gemachte unbegreiflicheBeobachtungistdas Bestreben vieler Leute Gold und Silber, das sie eingenommen haben, nicht wieder auszugeben, wodurch es an manchen Stellen schon nicht mehr möglich ist, daß Papiergeld gewechselt werden kann. Hierdurch sind nun nervöse Leute wieder ängstlich geworden, daß ihnen der Besitz von Papiergeld Verluste bringen könnte. Etwas unsinnigeres kann es wirklich nicht geben, denn die Noten der Reichsbank müssen auf Grund gesetzlicher Bestimmung von jedermann als Zahlungsmittel angenommen werden. Außerdem ist das Papiergeld durch viele hundert Millionen Gold und andere Werte absolut sicher gestellt. Pflicht eines jeden Deutschen ist es, in dieser schweren Zeit nicht auch noch durch ein sinnloses Mißtrauen gegen Banknoten die allgemeine Lage zu erschweren. Vor allem sollten die Geschäftsleute mit gutem Beispiel vorangehen und bereitwilligst Papiergeld annehmen. Uebrigens wird die Beschaffung weiterer Mittel durch Bankhäuser, Sparkassen oder die Reichsbank auch später noch immer möglich sein.
8 Hersfeld, 3. August. (Von der Post.) Von heute ab treten die zu Kriegszeiten zulässigeu Einschränkungen im Post-Bestellungs- und Beförderungs- pp. Dienste ein. Briefbestellungen werden im Orte bis auf weiteres werktäglich nur 3 und zwar um 7 Uhr, 3 Uhr und 6 Uhr, Landbestellung wird durchweg nur eine stattsinden. Ferner wird darauf hingewiesen, daß die bisher zur Postbeförderung bestimmten Eisenbahnzüge in Bezug auf Ankunft und Abgang geändert und ihrer Zahl nach verringert worden sind. Mit einem so pünktlichen Eingänge der Postsendungen wie bisher wird daher in nächster Zeit n i ch t i m m e r zu rechnen sein.
§ Hersfeld, 3. August. Das Reichsbank- Direktorium gibt bekannt, daß für den Fall kriegerischer Verwickelungen Vorsorge getroffen ist, daß jedermann gegen Verpfändung von Wertpapieren oder geeigneten Kaufmannswaren Geld erhalten kann.
* (Preuß.-Südd. Klassenlotterie.) Die Frist zur Erneuerung der Lose 2. Klasse läuft bei Verlust des Anrechtes am 10. August, abends 6 Uhr, ab. Die Ziehung der 2. Klasse beginnt am 14. August. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß im Falle eines ausbrechenden Krieges die Ziehung und die Gewinnzahlung unter allen Umständen in üblicher Weise stattfindet.
Marburg, 31. Juli. Bei dem gestrigen schweren Gewitter, welches über das Lahntal zog, schlug der Blitz in Sterzhaufen in die Kirche und richtete große Verwüstungen an.
1914.
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Frankenberg, 81. Juli. Im Steinbruch zur Talsperre bei Heringhausen explodierte gestern unvermutet ein Sprengschuß, wodurch zwei Arbeiter schwer und einer leichter verletzt wurde. Erstere wurden ins Krankenhaus nach Marsberg gebracht.
Heiligenstadt, 31. Juli. Ein entsetzlicher Uualücks- fall ereignete sich heute vormittag auf der Straße vor dem Geisleder Tore. Als ein mit Nollenpapier schwer beladener Lastwagen der hiesigen Papierfabrik die wegen Brückenbauarbeiten eingeengte Straßenstelle passierte, kam ein Brotwagen des Bäckermeisters Schade angefahren. Um ausweichen zu können, fuhr der leichte Bäckerwagen auf einen Schutthaufen. Der Wagen schlug dabei um und der Lenker desselben, der 17jährige Bäckerlehrling Joh. W., fiel unter die Räder des mit 4 Pferden bespannten Lastwagen der Papierfabrik. Die Räder gingen dem Unglücklichen über den Leib, über den Kopf und über die Beine. Mit furchtbaren Verletzungen wurde er in das nahegelegene Krankenhaus gebracht, wo er inzwischen verstarb.
Eberstadt (Oberhessen), 31. Juli. Ein bösartiger Stier bearbeitete seinen Wärter, den Knecht Heim, mit den Hörnern derart, daß der Mann lebensgefährliche Verletzungen davontrug. Das Tier mußte getötet werden.
Cassel, 3. August. Aus den letzten Tagen des Aufenthalts der Kaiserin in Cassel ist eine schöne Handlung derselben einer kranken Frau aus Vecker- hagen gegenüber bekannt geworden. Als die im Wochenbettfieber erkrankte Frau im Krankenautomobil in das Krankenhaus zum Roten Kreuz in Cassel gebracht werden sollte, trat gerade die Kaiserin, die dort einen Besuch gemacht hatte, heraus. Sie erkundigte sich, wer in dem Automobil gebracht werde und was der Frau fehle. Als sie Auskunft erhalten hatte, trat sie zu dem Automobil und überreichte der Kranken unter tröstenden Worten einen Blumenstrauß.
Frankfurt a. M., 30. Juli. Frankfurter Blätter schreiben: Die bisher konservierte Leiche des Giftmörders Hopf wurde jetzt erst in der Marburger Anatomie seziert. Der Befund ergab eine vollständig normale Leiche. Hopf hatte bekanntlich behauptet, große Mengen Bazillen seinem Körper zugeführt zu haben.
Jena, 1. August. Die Optischen Werkstätten von Karl Zeiß und das Glaswerk von Schott und Genossen gewähren den zurückgelassenen Familien der kriegspflichtigen Geschäftsangehörigen deutscher und österreichischer Staatsangehörigkeit folgende Unterstützungen : Für die Ehefrau vier Sechzehnte! des pensionsfähigen Lohnes bezw. Gehaltes, für jedes Kind 1 Sechzehnte! mehr mit der Einschränkung, daß für Frau und Kinder zusammen nicht mehr als acht Sechzehnte! zu gewähren sind. Die Unterstützung der Kinder reicht bis zur Vollendung des 15. Lebensjahres.
Jena, 30. Juli. Die von der Stadt Jena ins Leben gerufene Kaninchenzucht weist jetzt einen Bestand von 400 Tieren auf, die im Herbst als feiste Schlachttiere zum Verkauf kommen sollen.
Weißenfels, 1. August. Infolge Einbruchs eines unterirdischen Baues wurden auf der Grube „Elisabeth" im Geiseltale sieben Bergleute verschüttet. Vier sonnten wieder freigemacht werden, während der Grubenaufseher Hoffmann aus Stöbnitz und die Bergleute Schröder aus Mücheln und Pickney aus Möcker- ling wahrscheinlich den Tod fanden, da sie bisher noch nicht freigemacht werden konnten.
Sondershausen, 1. Aug. Ein schweres Explosions- Unglück trug sich im Schacht 5 der Gewerkschaft „Glückauf" zu. Der Bohrer einer Bohrmaschine traf auf eine noch nicht losgegangene Dynamitpatrone. Im gleichen Augenblick erfolgte eine heftige Explosion. Dem die Maschine bedienenden Häuer Krämer aus Großfurra wurden die Beine zerschmettert. Er wurde ins hiesige Landkrankenhaus gebracht, wo er starb. Der Drittelführer wurde am Kopf und an der Brust verletzt.
Fr e i w i l l i g e. Auf Grund des § 98 der Heer- und Wehr-Ordnung kann sich jede Persönlichkeit die ihrer Dienstpflicht noch nicht genügt hat, bei Verfügung einer Mobilmachung einen Truppenteil (Ersatzbataillon usw.) nach Belieben auswählen. Wenn er dies nicht tut, wird bei der bald einsetzenden Aushebung über ihn verfügt. Als Kriegsfreiwillige können sich solche Leute bei einem Ersatztruppenteil melden, die keine gesetzliche Verpflichtung zum Dienen mehr haben, ferner jugendliche Personen zwischen 17 und 20 Jahren, soweit sie sich nicht in solchen Bezirken aufhalten, in denen der Landsturm aufgeboten ist.